Kind und Hausarbeit

Foto , CC BY 2.0 , by Elizabeth Albert

Zu Kindern gibt es viel interessantes Zeug zu erzählen. Das Glück, dass ich mit einem Kind zusammenwohne und Zeug erzählen kann. Ein neuer Teil unserer Kinderkolumne. Hier findet ihr Teil 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11 und 12.

Ein kleines Kind großziehen oder einem kleinem Kind beim Wachsen die Hand hinhalten, ist oft Arbeit. Eh klar. Dazu kommt Lohnarbeit, ehrenamtliche Arbeit, Hausarbeit. Ich will nicht sagen, dass ich mich überarbeite, ich sitze oft genug herum und verscrolle sinnlos meine Zeit. Und trotzdem. Manchmal schwirrt mir der Kopf. Und das besonders, wenn zusätzlich Denkarbeit ins Spiel kommt. Denn ich studiere noch. Nach einem so schönen künstlerischen Studiengang, den ich aus nicht so schönen unkünstlerischen Gründen abbrach, studiere ich jetzt etwas, bei dem Wert auf wissenschaftliche Standards gelegt wird. Die Lohnarbeit ist ein Mittel, um das irgendwie zu finanzieren, und reicht kaum. Die ehrenamtliche Arbeit ist wild und viel und durcheinander, und nimmt sich ihren Platz, wenn sie gefragt ist. Die Hausarbeit wird zum Genuss, zum fast verbotenen Luxus, wenn die anderen Arbeiten mit Deadlines wedeln. Aber um diese Hausarbeit soll es hier nicht gehen. Sondern um meinen Versuch, mit einer Hausarbeit die Einführung in die Literaturwissenschaft abzuschließen, Credit Points und einen Schein zu bekommen. Wie (Überraschung!) Kind und Care-Arbeit da reincrashen, handelt dieses Drama in 5 Akten.

1. Semester

Neustart. Ich bin motiviert, so unfassbar motiviert, und belege so 10 Veranstaltungen plus Tutorien, unter anderem die Einführung in die englischsprachige Literaturwissenschaft. Einen Monat vor Unibeginn habe ich ein Kind geboren, ich bilde mir ein, ich könne keine Pause machen, habe lang genug Pause gemacht. Der Vater des Kindes hat Elternzeit, ich gehe ohne Kind in die Uni, denke, lieber mache ich jetzt so viel wie möglich, denn es dauert bestimmt länger, mit Kind zu studieren, und ich will diese Regel überlisten, in dem ich mir an den Anfang so viel Arbeit wie möglich quetsche, damit ich sie später nicht mehr habe. Ich thematisiere nicht, dass ich ein Kind habe, will nicht von Leuten, die mit mir studieren, als erstes oder ausschließlich als Mutter gesehen werden. Dann geht der Vater des Kindes für zwei Monate wieder seiner Lohnarbeit nach. Es ist November und ich würde gerne einen Winterschlaf machen. Stattdessen nehme ich das Kind mit in die Uni. Selbst wenn ich für die Veranstaltungszeit eine Kinderbetreuung klar mache, das Kind ist die meiste Zeit bei mir, wenn ich Texte vorbereite. Das heißt, ich habe keine Zeit, Texte vorzubereiten. Wir sollen nicht unvorbereitet in Seminare gehen, dann besser zuhause bleiben. Wir haben gleichzeitig eine Anwesenheitspflicht. Sehr witzig. Wenn ich mit Kind im Seminarraum sitze und darauf lauere, dass es gleich schreit, ist mein Stresslevel so hoch, dass meine Ohren rauschen. Oder wenn ich ohne Kind im Seminarraum sitze und den Text nicht (richtig) gelesen habe. Oder beides. Hin und her im ÖPNV um das Kind zur Oma zu bringen, zur Uni zu fahren, zur Oma zu fahren, nach Hause zu fahren. Mein Kiefer ist verkrampft, ich bin müde, aber alle Veranstaltungen sind so spannend. Ich komme mit dem Lesen nicht mehr hinterher, verpasse erst eine Sitzung, dann eine zweite, dann kann ich nicht mehr anschließen, dann lohnt es sich nicht mehr zu kommen, dann kann ich das Seminar eh nicht mehr abschließen. Am Ende des ersten Semesters bekomme ich einen Schein für eine Übung und einen für ein Tutorium, die restlichen Veranstaltungen habe ich aufgegeben.

2. Semester

Zweiter Versuch Einführung in die englischsprachige Literaturwissenschaft. Es ist ein Pflichtseminar, das ich im ersten Semester wegen der Dozentin sehr liebte und dieses Semester wirklich durchziehen will. Der Dozent jetzt ist so ein Hipster, dass ich die ganze Zeit darauf warte, dass er mit einem „Surprise!“ enthüllt, dass sein Style und Auftreten eine ironische Performance ist, mit Ironie müssen wir in den Texten ja auch umgehen. Ist sie leider nicht. Der Rest meines Stundenplans ist voll, aber nicht so voll wie vorher. Wir müssen für die Literatureinführung einen zweiseitigen Text im Semester schreiben und danach eine Hausarbeit. Ich nehme mir den kurzen Text in einen Kurzurlaub nach Wien mit. Ich nehme das Kind nach Wien mit. Statt viel von Wien zu sehen, sitze ich viel vor einem ausgeborgten Laptop auf einem Beistelltisch, während das Kind unter dem Beistelltisch rumkrabbelt. Immerhin, iesen Text gebe ich rechtzeitig ab. Einen Monat später werden Kind und Vater des Kindes krank, ich kümmere mich um das Kind statt um ein Hausarbeitsthema, ich habe keine Zeit sie zu schreiben und erkämpfe sie nicht. Am meisten ärgert mich die am Computer vergeudete Zeit in Wien.

3. und 4. Semester

Ich mache erst mal Pause von der Einführung in die Literaturwissenschaft und erledige lieber die Einführung in die amerikanische Geschichte, eine der Veranstaltungen, die ich schon im ersten Semester besuchte und dann droppte. Sie findet immer von 18-20 Uhr statt, eine Zeit, in der die „flexible Kinderbetreung“ der Uni nicht mehr greift und der Vater des Kindes oft arbeiten muss. Ich nehme das Kind mal mit ins dazugehörige Tutorium. Das Kind kann laufen und ist eine Ablenkung für alle, vor allem für mich, wenn mit den Mülleimern spielen will oder den Kinderwagen beklettert. Ich kann jedenfalls nicht einschätzen, ob andere es süß finden oder nervig, und meine Ohren rauschen wieder. Wir müssen eine Quellenanalyse schreiben; es heißt, nur wenige, die nicht regelmäßig im Tutorium sind, schaffen das. Mein Ehrgeiz ist geweckt, ich gehe nicht mehr hin. Eine Woche vor Abgabe dieser Aufgabe ist das Kind wunderlich müde, schläft in meinem Schoß ein und wacht am nächsten mit einer knallrot geschwollenen Wange auf. Eine Entzündung, für die das Antibiotikum intravenös gegeben werden muss. Das heißt, das Kind muss ins Krankenhaus. Ich versuche dort nachts auf der ausgelegenen Besucherliege sitzend mit dem Laptop an meiner Geschichtsaufgabe zu arbeiten. Eine Nacht verbringe ich zuhause, wäre aber lieber beim Kind, schreibe die Analyse, schicke sie eine Minute vor der Deadline ab. Bestanden.

Im nächsten Semester geht es mit dem zweiten Teil der Geschichtseinführung weiter, auch hier muss eine Quellenanalyse schriftlich eingereicht werden, auch hier gehe ich nicht in die Tutorien und bestehe trotzdem, ohne Fehlerpunkte. Das Kind ist mittlerweile in der Krippe, hat alle Krankheiten erst mal durch. Ich kann mir meine Zeit viel besser einteilen. Und einfordern, wenn ich sie brauche. Am Ende des Semesters steht eine Klausur. Während ich für sie lerne, bespaßt der Vater des Kindes das Kind außerhalb der Wohnung. Es ist eine etwas einsame Zeit, aber sie endet mit einer sehr guten Note, dem guten Gefühl, den Rücken freigehalten zu bekommen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, und einem Boost in meinem Uniselbstbewusstsein (als Nichtakademikerinnenkind bin ich oft genug etwas eingeschüchtert). Ein Trick ist, genau nach den Anforderungen zu arbeiten, nicht mehr und nicht anders, just do the thing. Der andere Trick ist, nicht jede Zeile genaugenaugenau zu lesen, sondern Texte gezielt zu überfliegen, also Anfang und Ende gut lesen, Thesis-Statement finden, einen Überblick haben, wie ein Text aufgebaut ist. Damit kann ich in Seminaren mitspielen. Ich habe dadurch, und weil ich jetzt viel weniger Veranstaltungen belege, auch zuhause mehr Zeit. Oder für Lohnarbeit. Und ich habe unter der Woche freie Tage, an denen ich schreibe oder Hausarbeit mache. Woran ich mich jedoch noch nicht traue: Hausarbeiten schreiben.

5. Semester

Einführung in die englischsprachige Literaturwissenschaft, dritter Versuch. Diesmal muss es wirklich klappen. Es muss muss muss. Um andere Seminare in meinem Hauptfach besuchen zu dürfen nutzt mir die bestandene Geschichtseinführung nichts, ich muss an dieses Ding ran. Also fehle ich nur einmal. Also erledige alle drei schriftlichen Aufgaben innerhalb des Semesters und gebe sie pünktlich ab. Am Ende wartet wieder eine Hausarbeit. Also suche ich mir eine Fragestellung, zeige sie der Dozentin zur Revision, leihe mir Bücher aus, und mache mir handschriftlich Notizen.

Dann der worst case: just als ich mich an den Schreibtisch setze, um meine Schreibarbeit am Computer zu beginnen, keine Hausarbeit im Weg, keine Lohnarbeit im Nacken, ruft die Krippe an, weil das Kind einen Ausschlag hat. Der ist vermutlich super ansteckend, das Kind muss sofort abgeholt werden. Dann muss es für eine Diagnose untersucht werden. Die frohe Botschaft: Hand-Mund-Fuß, super ansteckend. Ich diagnostiziere mir selbst akutes Hände-überm-Kopf-zusammenschlagen. Wenn dir die Carearbeit voll eine reingrätscht.

Also verbringe ich die Woche mit Kind allein zu haus und bekomme NICHTS geschafft, außer frustriert zu sein. Das Kind hat keine Symptome, ist heiter und will bespaßt werden. Wenn es Fieber hätte, würde es schlafen und ich könnte arbeiten, bilde ich mir ein. Ich kann nicht mit dem Kind nach draußen, damit es kein anderes Kind ansteckt. Ich kann auch nicht entspannt chillen und spielen, weil mir die akademische Arbeit jetzt wirklich im Nacken sitzt und beißt. Als das Kind nach einer Woche wieder in die Krippe darf, flucht es wieder viel. Ich weiß ja nicht, von wem es das hat. Außerdem deutet sich an, dass der Vater des Kindes krank wird. Ich werde grantig statt empathisch, werde panisch und passivaggressiv. Frage (mich), ob ich nicht doch aufgeben soll. Aber ich will nicht. Das muss muss muss doch jetzt klappen.

In der Woche vor der Abgabe versuche ich gleichzeitig, alles zu geben, A) damit die Arbeit rechtzeitig fertig wird, und B) beim Prüfungsamt eine Verlängerung gegen ein kinderärztliches Attest zu tauschen. A scheitert groß, obwohl ich sonst glaube, dass jeder Text genau so lange braucht, wie die Deadline, die ihm gesetzt ist. Ich verbringe eine Nacht in der Uni, schreibe zehn Stunden am Stück, push push push, aber außer Tinnitus geht da gar nichts, mir fehlt die verlorene Woche. Stop, Hammertime! Ich schaffe es noch, das Attest ans Prüfungsamt zu mailen und habe drei Tage nach dem verpassten Abgabetermin die Zusage für einen Monat mehr Zeit. Ein Monat, in dem ich mit dem Kind auf eine Demo in eine andere Stadt fahre, innerhalb von 11 Tagen mit einer Freundin eine andere Hausarbeit schreibe, so heiser, dass ich nur flüstern kann, eine Mandelentzündung mit fancy 40° Fieber entwickle und mit (falschem) Verdacht auf eine Blinddarmentzündung und starken Bauchschmerzen in eine Notaufnahme spaziere. Das Kind klemmt sich derweil die Hand in einer Autotür. Es hat eine kleine Wunde am Finger, die größer und eitriger wird, der Finger dick und rot. Das heißt Entzündung, Antibiotikum intravenös, Krankenhausaufenthalt. Jackpot. Und Déja vue.

Semesterferien?

Am Ende bleibt mir zum Schreiben noch ungefähr die Woche, die mir vorher fehlte. Ich schreibe schreibe schreibe und dann kürze kürze kürze ich. In der Zeit ist das Kind in der Krippe oder auf Spielplätzen und Vergnügungsparks und kommt nur zum Schlafen nachhause. Ich weiß um meinen Luxus, endlich in Ruhe arbeiten zu können, aber ich habe das Gefühl, zuviele schöne Erlebnisse mit Kind zu verpassen, Stichwort „Du bist aber groß geworden“, und fühle mich isoliert. Nichtsdestotzrotz: ich schaffe, was ich mir vorgenommen habe, gebe meinen Text ab und bestehe endlich die freaking Einführung in die Literaturwissenschaft

Ein Vorteil daran, ein Kind großzuziehen, während man einer Arbeit nachgeht, kann sein, dass man dazu gezwungen ist, disziplinierter zu arbeiten, weil nur kleine Zeitfenster zum Arbeiten bleiben, die sich absehbar schnell schließen. Andererseits: mit Kind ist nichts absehbar. Kein Feierabend. Keine Ferien. Eine Hausarbeit braucht ihre Arbeitszeit. Und das ist, auch mit Kind, eine Arbeitszeit, die sehr zerfasert und bei der es nie offiziell Pause gibt (Gemäß Shit Academics Say: You should be writing), was gleichzeitig einen Zirkel schließt mit dem Gefühl, nie Pause zu verdienen. Für die mit Kind eh keine Zeit ist. Irgendeine Arbeit ist immer zu tun.

Alle ihr mit Kindern, die sich noch nicht selbst beschäftigen können, und Deadlines im Nacken, how do you deal?

  • andreacmeyer

    Das klingt sehr bekannt, auch wenn es bei mir die Lohnarbeit (und die kleiner3-Kolumnen ;-)) sind, die drängen. Bevor meine Frau und ich uns gegenseitig an die Kehle gehen, findet sich dann doch meist noch eine Lösung: Nachbar_innen nehmen die Kinder zwei oder drei Stunden, die Wahloma oder Freund_innen springen ein usw. Ist halt auch immer Orga für notwendig, nicht das, was ich unter Stress noch dringend brauche. Spannend finde ich, wie viel effizienter ich diese Zeit dann wirklich nutze – das habe ich ohne Kinder selten geschafft.

  • amselle

    Göttlich!!! Musst herzhaft (und recht laut) lachen beim Lesen, danke.
    Ich bin selbständig, alleinerziehend und Studentin – und eigentlich ist bei mir immer „Hausarbeit“. Privatleben (so könnte man es mal nennen) will man ja trotzdem auch irgendwie noch, das stopft man also hier und dort noch dazwischen.
    Schon vor dem kleinen Ü-Ei war ich faul und daher meist gut organisiert, das kommt mir jetzt zupass. Ich bin relativ entspannt in die Situation gegangen und habe auch ziemlich schnell gelernt, alles, was zuviel Stress und zu wenig (gute!) Zeit mit dem Kind bedeuten würde, hintenüber fallen zu lassen. Dazu alles überflüssige Kinderzeug zu streichen (Stichwort: Helikoptern/Perfektion). Jetzt läuft’s. Nicht perfekt (s.o.), aber so, dass ich es jeden Morgen kaum erwarten kann, dass der Tag beginnt, mit meinem Kind entspannt lachen, auch mal weggehen und mich beim Arbeiten/Lernen wieder richtig „finden“ kann.
    Dazu gehören genau diese mehrfachen Anläufe für scheinbar einfache Routineerledigungen, sich auskurieren ohne Deadline oder mal alles absagen, einfach so. Alles kein Drama – wenn man es genau so hinnimmt. Was soll auch schon passieren? Verhungern wird hier keiner, gestorben ist auch noch niemand von einem weiteren Elternzeit-Semester und wenn es gerade nicht geht – geht es eben nicht. Immer alles schön mit Ansage, das ist schon die halbe Miete. Menschen und Institutionen sind gemeinhin viel verständnisvoller, als man das als perfektionistisches Wesen wahrhaben will.
    Und in der zur Verfügung stehenden Zeit macht man ja sowieso alles dreimal so schnell wie andere und ist besonders erpicht darauf, alles minutiös durchgearbeitet und fehlerfrei abzugeben, schon um ein schlechtes Gewissen gar nicht erst aufkommen zu lassen; das kommt dann im Allgemeinen ganz gut an und macht die eine oder andere Scharte wieder wett.
    Alles halb so wild.
    Was auch „hilft“: im Jetzt sein. Bei allem, was man so tut, in den sog. Flow abtauchen, alles andere ausblenden. Hängt natürlich auch vom Kind ab, da habe ich Glück. Schläft es, schläft es. Mehrmals am Tag mehrere Stunden, dann die ganze Nacht.
    Und: das soziale Umfeld aktivieren. Keine Angst davor haben, dass man Dinge mit dem Kind verpasst oder seine Erfahrungen nicht kontrollieren kann – ich freue mich auch, wenn das Kind eine erste Erfahrung mit jemand anderem macht, schließlich freue ich mich für das Kind und poche nicht auf mein Erlebnis. Vieles wird mein Kind von/durch/mit andere/n lernen und das ist schön. Enthebt auch dem Zwang zum Supermutti-Sein.
    Denn ich bin ja auch noch selbständig, Studentin und ich.