Kind und Kitastreik

Kind mit Luftballon auf dem
CC BY-NC-SA 4.0 , by Nicole von Horst

Zu Kindern gibt es viel interessantes Zeug zu erzählen. Das Glück, dass ich mit einem Kind zusammenwohne und Zeug erzählen kann. Ein neuer Teil unserer Kinderkolumne. Hier findet ihr Teil 1, 2, 3, 4 und 5.

Ein kleines Kind großziehen, oder zumindest dem Kind beim Wachsen die Hand hinhalten, ist alles andere als unpolitisch. Was wir kaufen, was wir miteinander lesen, wie wir unsere Zeit füreinander aufteilen, Alltagspolitik mit einem Flugdrachenschwanz an Implikationen. Im Moment stecken wir aber in einem der absoluten Klassiker unter den Mitteln der politischen Auseinandersetzung: Dem Streik.

Die Erzieher_innen (und alle anderen im Bereich Sozial- und Erziehungsdienst, die nach der Tarifordnung des öffentlichen Dienstes bezahlt werden) fordern eine höhere Eingruppierung, also mehr Lohn. Und die Kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) so: Computer says no. Deshalb wird jetzt unbefristet gestreikt.

Auch bei uns in der Krippe. Obwohl die Gruppe, in die dieses Kind geht, die mit den meisten gewerkschaftlich organisierten Erzieherinnen der Kita ist (afaik), hat unsere Krippe alles bisher so gut aufgefangen, dass ich lange nicht merkte, dass Streik war. Upsi. Das ist jetzt anders. Auch heute wird gestreikt, mit großer Demonstration vor dem Rathaus. Deshalb gibt es nicht, wie geplant, eine durchdachte Serienrezension, sondern Textbrocken, die sich mit einem Kind, das vorgelesen bekommen möchte, mit Kind, das “bitte, bitte”-sagend vor dem Drucker steht und auf einen Patronenstandsausdruck hofft, mit Kind, das HIERJETZTHALLO Aufmerksamkeit verlangt, schreiben lassen. (Das hat die VKA nun davon, die hätte den anderen Text bestimmt viel lieber gelesen.)

Stell dir vor es ist Streik und wo geht das Kind hin

Das große Problem mit Kitastreiks, anders als bei, um mal ein völlig aus der Luft gegriffenes Beispiel zu nehmen, Bahnstreiks, ist, dass der Druck, den der Streik machen soll, nicht bei den Arbeitgeber_innen landet, sondern bei den Eltern, und damit verpufft. Irgendjemand muss sich um die Kinder kümmern, wenn die Kita zu ist, und das sind nicht die Arbeitgeber_innen, sondern die Eltern. In der Regel die, let’s be real, schlechter verdienenden oder alleinerziehenden Mütter. Keine Fernsehberichte mit O-Tönen von Streikbetroffenen am Bahnhof im Kinderzimmer, niemand, der_die über die schlimmen Folgen für die Wirtschaft wehklagt. Stattdessen werden die Kitagebühren an die Stadt weiterbezahlt, während die Kommunen den Lohn der Streikenden einsparen.

Wie man das ändern kann, was man tun kann, um sowohl mit Streikenden im Sozial- und Erziehungsdienst solidarisch zu sein, als auch die Auswirkungen des Streiks auf die Schultern zu lenken, auf die sie gehören, damit daraus ein erfolgreicher Arbeitskampf wird, das beschreibt Nina Straßner, die als Juramama bloggt, sehr gut und erklärt nebenbei auch noch mal das Streikrecht:

Nur wenn die Eltern ihre Tagessätze der Betreuungsgebühren und das anteilige Essengeld bei den Trägern der Kindergärten zurückfordern, entsteht ein gewisser, finanzieller Druck bei den kommunalen Arbeitgebern. Außerdem entsteht eine hohe Arbeitsbelastung der Sachbearbeiter, die sich dann als ebenfalls unbeteiligte Leidtragende wiederrum bei den Entscheidern beschweren. Nur so wird eine Kette in Gang gesetzt, damit diese Kita-Streiks eine Chance haben tatsächlich zu einer Lohnerhöhung und besseren Bedingungen im Zuge der Verhandlungen der Tarifvertragsparteien führen können.

Eltern helfen mit der Rückforderung oder Nichtzahlung ihrer Gebühren für den Streiktag den Erzieherinnen ihrer Kinder. Sie schaden ihnen nicht. Das ist wichtig zu verstehen.

Sie hat noch mehr Tipps und am Ende ihres Artikels auch einen Entwurf für Rückforderungen der Kitagebühren.

Alle Kinder stehen still, wenn… nee, ätsch, machen sie nicht

Andere Ideen wären, sich mit anderen betroffenen Kindern und Eltern zusammenzuschließen und einen prominenten Ort im öffentlichen Raum als Ersatz-Kita zu deklarieren, ihn mit den Kindern zu dekorieren und zu bespielen. Und zwar laut. Oder die noch viel zu unsichtbare Care-Arbeit sichtbar machen, oder riechbar, mit zu Wickeltischen umfunktionierten Rathausschreibtischen. Und ganz nebenbei mit den Kindern üben, wie das mit der politischen Partizipation gehen kann. (“Baby, sag mal Partizipation.”) Auf jeden Fall, das Beste daraus machen, mit Freund_innen und Eiswaffeln.

eis

Strangers in the day

Noch ein Wunsch am Rande: können wir aufhören, bei Krippen und Kindergärten von “Fremdbetreuung” zu sprechen? Die Erzieher_innen, mit denen die Kinder abhängen, sind ihnen nicht fremd. Eine Eingewöhnung, bei der eine Bindung zu den jeweiligen Erzieher_innen aufgebaut wird, ist überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass Kinder in die Krippe oder den Kindergarten kommen. Und um die Jura-Professorin und Expertin zu Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit, Joan Williams, zu zitieren: Sagen wir, dass Kinder von Lehrer_innen „fremdbetreut“ werden, wenn sie in die Schule kommen? Nein, tun wir nicht.

Why are child-care providers „strangers“? When you leave a child at school, no one ever thinks of asking, „How does it feel to leave your child with strangers?“ If teachers are not strangers, why are caregivers? This language reflects domesticity’s central defining split between men’s commercial interactions with strangers in the market and the intimate family atmosphere of home. If child care is the market, then it is consigned to the market realm, where strangers pursue their own self-interest. […] The callous imagery of the market as a cold and uncaring place is not an accurate description of many child-care situations. Yet the commodification anxiety derived from domesticity forms an unspoken, and often unconscious, cultural background for many mothers‘ sense that they should not have their children raised by „strangers,“ but instead should frame their own lives around caregiving.

(Übersetzung: Warum sind Dienstleister_innen für Kinderbetreuung „Fremde“? Wenn du dein Kind in die Schule bringst, kommt doch auch niemand auf die Idee zu fragen, „Wie fühlt es sich an, dein Kind bei Fremden zu lassen?“ Wenn Lehrer_innen keine Fremden sind, warum sind es dann Pflegekräfte? Diese Art von Sprache zeugt von der alles bestimmenden Trennung in der Häuslichkeit, die zwischen kommerziellen Interaktionen von Männern mit Fremden innerhalb des Markts und der intimen Familienatmosphäre des Heims unterscheidet. Kinderbetreuung als Markt fließt in jenen Marktbereich mit ein, in dem Fremde lediglich ihre eigenen Selbstinteressen verfolgen. Das abgestumpfte Bild des Markts als kalter und gefühlloser Ort trifft aber als Beschreibung nicht auf die meisten Kinderbetreuungsumstände zu. Die Angst vor dem Prozess der Kommerzialisierung, welche sich von der Häuslichkeit ableitet, bildet für viele Mütter einen unausgesprochenen, oft unbewussten, kulturellen Hintergrund, der ihnen vermittelt, dass sie ihre Kinder nicht von „Fremden“ aufziehen lassen sollten, sondern stattdessen ihre eigenen Leben um die Pflege herum gestalten müssten.)

Aber das nur so nebenbei. Und ein Shout-Out an alle, deren Kita-Eingewöhnung sich mit dem Streik überschneidet.

liz

Auf welche Weise seid ihr vom Streik betroffen? Habt ihr coole Aktionen geplant?

  • http://drikkes.com/ drikkes

    In Köln ist zumindest eine Rückerstattung beschlossen worden. Und die Stadt steht damit nicht alleine da. http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/mittagsmagazin/sendung/kita-streikgebuehren-rueckerstattung-umfrage-100.html Aber ich bin mal gespannt, wann die Beiträge denn zurückgezahlt werden – ich hoffe mal, vor Weihnachten.

  • Mareice

    Vielen Dank für diesen wunderbaren, anregenden, informativen Text!
    Ganz abgesehen davon, dass der Erzieher_innen-Beruf unbedingt aufgewertet werden muss ist es genau so, wie Du schreibst, Nicole: In diesem Fall landet der Druck bei den falschen, nämlich bei den Eltern.
    Gerade in Familien mit behinderten Kindern kann in so einem Fall die komplette Familieninfrastruktur zusammenbrechen. Ich kenne Familien mit behinderten Kindern, in denen die Mütter bereits ihre Jobs verloren haben, weil sie wegen des Streiks nicht mehr arbeiten gehen können.
    Auf meinem Blog erzählt heute Julia aus Hamburg, warum sie für ihr Kind mit Entwicklungsverzögerung keine alternative Betreuung zur Kita findet – und was es mit ihrem Berufs- und Familienleben macht: http://kaiserinnenreich.de/2015/05/28/und-wie-machst-du-das-julia/

  • Giliell

    Ach, der KiTa Streik. Hier nunmehr in Woche 3. In der ersten Woche habe ich den Notplatz in Anspruch genommen, seit meine Schwiegereltern wieder aus dem Urlaub zurück sind, habe ich diesen solidarisch abgetreten.
    Betroffen bin ich gleich doppelt: die KiTa der Kleinen ganz zu, die Nachmittagsbetreuung der Großen endet um 14:00 Uhr nach den Hausaufgaben, die von den LehrerInnen betreut wird. Das ist anstrengend für alle, besonders für die leicht autistische Große, die damit Wechsel in der Routine nicht so leicht verkraftet. Die KLeine merkt massiv, dass Mama sie tagsüber nicht gebrauchen kann, ein Gefühl das sie im KiGa nicht hat. Soviel zur „Fremdbetreuung“.

    Die Zeit, meine Staatsexamensarbeit zu schreiben ist damit massiv eingeschränkt.
    Kurz und gut, langsam liegen die Nerven blank.
    Dennoch gilt meine Solidarität uneingeschränkt den Erzieher_innen.
    Das Argument „kein Geld“ zieht nicht. Ja, ich weiß, die Kommunen sind pleite.
    ABER
    1. Der Tarifstreit und die Finanznot sind nicht neu. Die Bundesregierung bekundet massiv Sympathie für die Erzieher_innen. Aber wird das genutzt um die Finanzverteilung zu diskutieren? Pustekuchen! Die lächerliche 2€ Kindergelderhöhung nützt niemandem, kostet dennoch in der Summe massiv Geld.
    2. Ich kann nicht bestellen, aber nicht zahlen wollen. Qualifizierte KInderbetreuung und Bildung haben wollen, aber „Aufpasstanten“ bezahlen wollen ist nicht. Ich kann im Restaurant auch nicht Rinderfilet bestellen und Tagessuppe zahlen.
    3. Warum sollen die Erzieher_innen die Zeche für die verfehlte Politik der letzten Jahrzehnte zahlen. Sie haben den MIst nicht verbockt.
    4. Offensichtlich sind diese Menschen essentiell wichtig für unsere
    Gesellschaft. Also sollten sie auch entsprechend bezahlt werden um das Berufsbild attraktiv zu halten.