Kind und Überraschung

Foto , CC BY-NC-SA 2.0 , by Joe Shlabotnik

Zu Kindern gibt es viel interessantes Zeug zu erzählen. Das Glück, dass ich mit einem Kind zusammenwohne und Zeug erzählen kann. Ein neuer Teil unserer Kinderkolumne. Hier findet ihr Teil 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 und 8.

Seit ich ein kleines Kind großziehe, oder zumindest dem Kind beim Wachsen die Hand hinhalte, lerne ich jeden Tag dazu. Was es gerne isst, was es gar nicht machen mag, was für neue Worte es kann. Das meiste neue Wissen ist vor allem nützlich fürs Kind, ich justiere täglich nach, wie es gehegt und gepflegt werden will. Wie Sachen leichter gehen. Was ich lieber lasse. So Kram.

Dass für mich nicht viel Nutzen dabei rausspringt, hab ich mir vorher schon gedacht. Jetzt mal außer Liebe und mütterlicher Wonne und Glückseligkeit. (Just kidding.) Aber das soll ein Kind ja gar nicht. Nutzen. Das soll vor allem es selbst sein und wachsen und dabei eine gute Zeit haben. Und bei der guten Zeit wär ich gerne dabei. Ich war immer neugierig, wie es mich überraschen würde.

Was mich dann aber überrascht hat, war, was ich gelernt habe. Geheimwissen, sozusagen, manchmal hart durch Erfahrung erarbeitet. Ich bin nämlich über das Kind und eher anstrengende oder nervige Momente auf Lifehacks gekommen, von denen manche auch für Leute, die noch nicht Eltern sind und das alles eh schon wissen und tun, super nützlich sein können. Nicht Lifehacks, die das Leben mit Kindern erleichern sollen, sondern Beispiele dafür, wie Elternsein selbst überraschende Erleichterungen bereit halten kann.

1. Was unter Umständen passt

Wenn etwas Umstand macht, dann ist es Umstandsmode. Sich komplett neu einkleiden zu müssen, mindestens die Standardsachen und das nur für wenige Monate? Oder auf viele Folgeschwangerschaften spekulieren, damit sich das lohnt? LOLNOPE.

Umstandsmode war aber für mich DER Trick an Hosen zu kommen, die mir passen und bequem sind. Auch über Schwangerschaften hinaus. Allein der Moment, als ich das erste Mal in eine schlüpfte: Wie Leichtstreichbutter floss ich hinein, es war Platz für Oberschenkel, Hüfte, Bauch. Und das Allerbeste? Der Stofflappen, der den Bauch bedeckt, war nicht einfach nur anschmiegsam und irgendwie warm. Es war, als hätte ich ich eine extra Decke dabei, ich konnte mich sozusagen mit meiner Hose zudecken. Ich trage diese Hose immer noch. Und halte im Moment unschwanger Ausschau nach einer Umstands-Jogginghose, das klingt für mich einfach nach dem Inbegriff von Slack und Gemütlichkeit.

Aber auch, wenn Kleidung schick sein soll, kann der Blick in die Kategorie Umstandskleidung sich lohnen. Nicht umsonst las ich auf Fatshion-Blogs schon Hinweise, dass es in den Schwangerenkollektionen von Modelabels oft mehr schönes Zeug zu holen gibt als in der Plus-Size-Abteilung. (Boo you, Plus-Size-Abteilungen mit schlechter Auswahl und reguläre Abteilungen, die bei 44/46 aufhören.)

2. Un_Pünktlichkeit

Ich war gefühlt immer unpünktlich. Und es war mir so gut wie immer unheimlich peinlich. Fakt A hat schon dazu geführt, dass ich eine halbe Stunde früher als alle anderen zu einem Geburtstag eingeladen wurde, wo ich, ausnahmsweise pünktlich, alleine stand und mich fragte, wo die Party ist. Und Fakt B hatte zur Folge, dass ich manche Schultage unter einem hinter Gebüsch versteckten Balkon kauernd verbrachte, weil ich zu spät losgegangen war und zu peinlich fand, in den Klassenraum zu platzen.
Mit Kind habe ich damit gerechnet, dass zur richtigen Zeit irgend ankommen schlimmer Stress würde, mit Tränen von allen Beteiligten.

Die gute Überraschung ist: es machts meistens nichts aus. Wenn ich mit Kind unterwegs bin und das Kind in der gleichen Destination eintreffen soll wie ich, kommen wir, wann wir kommen. Manchmal eben zu spät. Manchmal mitten reingeplatzt. Dann ist das Kind meine Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Karte, ich bin entschuldigt. Natürlich gebe ich mir Mühe, gehe vielleicht ein klein wenig früher los, aber ich weiß, es liegt nicht in meiner Hand. An Wochenenden bestimmt eh der Mittagsschlaf des Kindes die Tagesplanung. Höhere Mächte sozusagen.

Nicht so leicht ist es, wenn man mit Kind losgeht, aber ohne Kind anderswo ankommen muss, das Kind am Zielort also nicht Teil der Rechnung ist. Trotzdem weiß ich jetzt: Kein Weltuntergang.

3. Un_Ordnung

Ebenfalls nahm ich an, ich würde mit Kind in Chaos versinken, so unordentlich, wie ich immer war. An meiner Unordnung schulte ich ich im frühen Grundschulalter meinen Babyfeminismus in Diskussionen mit meiner Omi darüber, dass ich nicht automatisch ordentlich sein müsse, nur weil ich ein Mädchen bin. Als Teenager war ich froh, wenn ich einen Pfad von meiner Zimmertür zu meinem Bett freigeschaufelt bekam oder stellenweise meinen Fußboden unter all dem Zeug erkennen konnte.

Wie schlimm müsse das dann erst mit Kind werden, vor allem wenn das Kind in ein Alter kommt, in dem es sich proaktiv an der Produktion von Unordnung beteiligen kann?

Der Treppenwitz meiner Elternschaft ist, wie gerne ich jetzt aufräume. Wie gut es mir tut. Wenn ich die Zeit dazu finde. Ein bisschen wie bei typischem Prokrastinationsverhalten – ehe ich das Gefühl habe, was “Richtiges” schaffen oder erledigen zu können, muss ich eh erstmal aufräumen. Und wenn es der Balkon ist.

Während der kurzen Mittagsschläfe der Anfangszeit mit Kind habe ich, obwohl es überhaupt keine Priorität hatte und ich auch hätte chillen können (Gute Güte, hätte ich bloß mehr bewusst gechillt!), zum Beispiel die Küche aufgeräumt. Wenn ich damit fertig war, war das Babykind längst wieder wach. Das war zeitweise recht frustrierend, weil ich ja nicht mehr als 20 Minuten am Stück für mich hatte. Ich hab mir auch ein bisschen selbst den Vogel gezeigt, weil ich die Zeit ausgerechnet mit Hausarbeit verbrachte. Ich meine, ICH?! Aber auf der anderen Seite war das in der durcheinanderen ersten Phase,  in der ich alleine Elternzeit hatte, eine befriedigende Konstante: ich hatte etwas geschafft, das ich sehen konnte. Und das ist irgendwie, ich versteh es auch nicht, hängen geblieben. Nicht, dass wir uns missverstehen, wer uns überraschungsbesucht, wird auf Durcheinander treffen. Und die meiste Hausarbeit hier mach eh nicht ich. Aber ich kann! Und ich will, oft mit Vergnügen!

(Okay, Disclaimer, es liegt auch an meinem Podcast-Konsum, Aufräumen und gute Geschichten hören, das ist einfach eine Traumkombi.)

4. Immer alles dabei

Was ich mir supernervig vorgestellt habe, war der Gedanke daran (und ja, auch das realexistierende Gefühl in der ersten Zeit mit Kind), das Haus nicht ohne ein Materiallager verlassen zu können. Milchflasche, Milchpulver in bereits abgemessenen Dosen, heißes Wasser in einer Thermoskanne, kaltes bereits gekochtes Wasser in einer extra Flasche, eine extra Milchflasche, falls ich die erste nicht ausspülen kann, Windeln, Feuchttücher, Wundcreme, Mullwindeltücher, Wechselwäsche, Spielzeug, Kinderwagendecke, Tragehilfe. Zusätzlich zu dem Zeug, dass ich selbst brauche. Handy (aufgeladen!), Schlüssel, Brille, Notizbuch, Stifte, Papiertaschentücher, Geldbeutel, Fahrkarte, Kamera. Oder einfach daheim bleiben.

Die Wahrheit ist: wenn wir gemeinsam unterwegs sind, verlasse ich mich auf den Vater des Kindes, der hat meistens alles dabei. Und das Kind braucht jetzt nicht mehr viel. Ein wenig Wechselwäsche, Wasser in irgendeinem Behälter, einen Snack. Aber der nette Effekt, wenn ich mich allein mit Kind auf den Weg mache, ist, dass ich so gut packe, dass auch für mich top vorgesorgt ist. Mit den Feuchttüchern kann ich auch mir selbst Schokoladenflecken aus dem Gesicht wischen. Oder, als das Kind sie noch brauchte, Windeln mit anderen Eltern teilen. Auch ich trinke gerne vom Wasser, dass ich fürs Kind dabei habe. Und stibitze besonders gerne Essen vom Kind. Was uns zu Punkt 4.1 führt:

4.1 Brezeln!

Eines der besten Features davon, mit Kind unterwegs zu sein, das feste Nahrung zu sich nimmt, ist immer Brezeln vorrätig zu haben. Brezeln habe ich als Kind GE-LIEBT. Besonders, wenn sie dick mit Butter bestrichen waren. (Danke, Omi!) Dann bin ich älter geworden und die Brezelquelle ist versiegt. Aber ha! Nun habe ich selbst ein Kind am Start und damit wieder Zugang zum Brezeln nonstop. Die ich mir mit dem Kind teile die ich dem Kind wegesse die das Kind vorkaut und mir gnädigerweise in den Mund steckt. Laugengebäck, mon amour.

5. Scheiße, ist das geil

Eine Klage von Eltern, die mir häufiger begegnete, als ich noch nicht mit Kind zusammenlebte, war, dass das Bad der einzige Ort sei, an dem man mit Kleinkindern noch Privatsphäre oder fünf Minuten für sich haben könne. In Wirklichkeit ist es viel schlimmer, weil: Privatsphäre? Auf dem Klo? HAHAHAHAHA.

Entweder donnern Kinder gegen die verschlossene Tür und/oder weinen. Oder, das ist viel unheimlicher, sie sind nicht zu hören. Und es rumst plötzlich am anderen Ende der Wohnung. Dabei enstpannt kacken oder auf einem mobilen Endgerät rumscrollen? Fehlanzeige.

Also wird die Tür gar nicht erst zugemacht. Das Kind schmiegt sich dann an meine nackten Oberschenkel und will mitscrollen. Oder ein Stück vom Klopapier haben, um ebenfalls daran beteiligt zu sein, wenn ich mir den Po abwische. Oder ein Stück Klopapier haben, um es zwischen meinen Oberschenkeln durch ins Klo zu werfen. Und noch eins bitte. Und dann noch eins.

Das Gute ist: Das Kind lernt dabei quasi von selbst, wie das geht, die Toilette benutzen. Will eh alles nachmachen. Das sah hier so aus, dass das Kind irgendwann auf dem Töpfchen saß, während ich auf dem Klo war, dann das Töpchen benutzte, während ich die Toilette benutzte und mittlerweile einen gepolsterte Kinderklobrillenaufasatz hat, um selbst die Toilette benutzen zu können.

Womit wir zu meinem eigentlichen Elternschaft-als-Lifehack-Lifehack kommen. Die Krönung der überraschenden Lerneffekte. Anlass und der der einzige Grund für diesen Artikel. Ich habe nämlich etwas erfunden.

Damit das Kind sich selbstständig auf seine gepolsterte Klobille (merkt man, dass ich neidisch bin?) setzen kann, steht seit einiger Zeit ein großer Plastikhocker von Ikea vor dem Klo. Weil ich zu faul bin, ihn jedesmal wegzuräumen, wenn ich selbst das Klo benutzen will, lasse ich ihn halt einfach stehen. Und habe neulich, als ich einmal mehr Zeit für meinen Badezimmerbesuch eingeplant hatte, meine Beine nicht einfach neben den Hocker gestellt, sondern darauf. OH MEIN GOTT war das eine gute Idee!

Kacken war nie schöner! Und es ergibt ja auch total viel Sinn, in hockender Haltung zu kacken. Anderswo ist das üblicher, haben öffentliche Toiletten nur ein Loch in der Mitte, über das man sich dann hockt. Als ich dem in einer italienischen Schule das erste Mal begegnete, war ich so überfordert, dass ich es mir verkniffen habe. Was, wenn ich mir aus Versehen auf die runtergezogene Unterhose pinkle? Was, wenn ich beim Kacken einfach umkippe? (Das Slapstick-Potenzial!) Dafür braucht man doch bestimmt viel Kraft in den Beinen, das ist doch anstrengend? Und entspannt scrollen kann man so auch nicht.

Behold! Ich habe ja die perfekte Lösung gefunden. Die Symbiose von Bequem-auf-dem-Klo-Sitzen und einer Haltung, bei der das Ausscheiden von Ausscheidungen nur so … flutscht. #tmi #scnr

Ich habe sogar gedacht, ich hätte das erfunden, bis Lucie mir einen Link zu diesem Produkt schickt. Ein Hocker, speziell dafür designt, beim Kacken die Füße darauf zu stellen. Je nach Version bis zu 80$ teuer. Unter anderem auch in aufblasbar, für Reisen. Eine Seite, die übrigens nicht vor Einhorn-Werbevideos wie diesem zurückschreckt und genau den Wortwitz macht, der mir auf der Zunge lag, als ich googelte, was Hocker auf Englisch heißt. (Aber ich kann auch bei der Werbung für XXXL-Möbelhäuser nicht seriös bleiben.)

Jedenfalls, ein Ikea-Hocker tut es auch, und das sehr gut. Oder eine umgedrehte Kiste, oder was auch immer. Für Eltern, Nichteltern und, äh, Einhörner gleichermaßen nützlich.

Habt ihr auch Sachen, die nicht nur Elternsein und Kinderalltag irgendwie leichter machen,
sondern die durchs Elternsein und Kindergroßziehen leichter und bequemer geworden sind?
Was hat euch positiv überrascht?

  • Rosalie

    Bündchenhosen. Für Babys gibt es doch diese super Hosen mit dem breiten Bündchen, damit’s am Bauch nicht drückt. Hab statt Reißverschluss und Knopf an jede Hose so ein breites Bündchen gemacht. Ist noch besser als Schwangerschaftshosen! Ey, Bündchenhosen sind der absolute Bringer! und der Bauch wabbelt nimmer über dem Knopf in so ner schicken Speckrolle. Absolut empfehlenswert!

    Abgesehen davon, das wurde auch erforscht und nein, unsere Kloschüsseln sind nicht physiologisch, sondern so hoch, damit auch ältere Leute wieder gut hoch kommen.
    Im asiatischen und afrikanischen Raum ist es umgekehrt, da hockt man sich zum Kacken hin, weil so der Winkel zur Darmentleerung ideal ist. Sonst wird der Dickdarm ein bisschen abgeknickt. Abgesehen davon, Windelkinder setzen sich immer in die Hocke, daran erkennt man ja auch, dass sie gerade beschäftigt sind. Für die ist das total normal.

  • B2m

    Die Sache mit der Unpünktlichkeit finde ich interessant. Klar meckert man Menschen mit Kindern nicht so sehr an, wenn die nicht rechtzeitig auftauchen, aber ich finde es trotzdem genauso nervig und unhöflich wie bei kinderlosen Menschen.
    Bin ich da alleine oder wird das nur nicht so sehr kommuniziert und deswegen wähnen Eltern sich da eher im Besitz einer Carte Blanche? Ich finde es auch total anstrengend, mit Kindern irgendwo pünktlich anzukommen, aber finde es trotzdem enorm unangenehm, falls es mir passiert.

    • Anj

      Ich empfinde das genauso wie du. :)

  • Anne

    Ha, das mit dem Hocker hab ich mal in einem Schwangerenforum gelesen, als es um Verstopfung und Hämorrhoiden und all die anderen Wunder der Schwangerschaft ging und es hat mein Leben echt revolutioniert. Alle Menschen brauchen das!

  • Anj

    Ich finde es witzig, dass bei mir viele Dinge genau andersherum sind: Ich habe mich beim Kauf von Umstandsmode sehr darüber geärgert, dass sie eher der Plus-Size-Mode entsprach (ich wollte zwar ein Kleid mit Platz für den Kugelbauch, aber keinen Sack! Nur weil ich schwanger war, wollte ich nicht jeden Tag im Schlabberlook rumlaufen). Vor der Geburt war ich pünktlich und ordentlich – und bin es immer noch, nur hindern mich nun bestimmte Kräfte an der Umsetzung meiner Qualitäten. Auch wenn ein Kind eine gute Ausrede für Unpünktlichkeit und Chaos ist, stört es mich dennoch total.

  • Lila

    Ach Menno. Ich war gerade kacken BEVOR ich den Artikel las. Verflixt jetzt muß ich bis morgen warten: GRRRR.
    Und ich frage mich, ganz nebenbei, warum ich da bisher nicht drauf gekommen bin?! Außer zum Zehenstoßen habe ich den Hocker noch nie benutzt, dabei steht er schon ewig im Bad.