Den Campus erobern

Foto , CC BY-NC 2.0 , by Anthony Starks

Als Kind, das in einem nicht-akademischen Haushalt aufwuchs, ist die Universität unbekanntes Terrain. Angst vor dieser unbekannten Welt ist aber völlig normal.

Irgendwann war klar, dass ich studieren werde. Ich würde damit die erste Person in unserer Familie sein, die ein Studium aufnimmt. Von Anfang an war ebenso klar, dass ich in ein System kommen würde, in dem ich mich nicht an meine Eltern wenden konnte, um Hilfe zu erhalten. Laut der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes (DSW) und dem Bildungsministerium für Bildung und Forschung hat an deutschen Hochschulen nur ein Viertel der Studierenden Eltern, deren höchster beruflicher Abschluss eine Lehre ist. Laut OECD erwerben nur 19% der jungen Erwachsenen in Deutschland einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern, der OECD-Durchschnitt liegt bei 32%. Meine Eltern haben beide weder studiert, noch eine Ausbildung gemacht: Ich bin ein Arbeiter*innenkind.

Einzelkämpferin an der Uni

An der Uni wurde ich (zunächst) zur Einzelkämpferin. Ich wollte aller Welt beweisen, dass ich es schaffe und an die Universität gehöre. Ich wollte zeigen, dass es keinen Einfluss hat, ob ich aus einem akademischen Haushalt komme oder nicht. “Ich muss das schaffen, andere schaffen das doch auch. Ich bin doch nicht dümmer als andere, ich hab doch auch hier, also in Deutschland, die Schule besucht, so schwer kann es doch nicht sein!” All das ging mir – und geht mir zum Teil auch heute noch – durch den Kopf. Das Gefühl nicht dazu zu gehören, nicht das Richtige zu machen, nicht die “richtige” Sprache zu sprechen, all das bestimmt vor allem die Anfangsphase. Es fehlt der “richtige” Habitus.

Nach etwa anderthalb Jahren an der Uni kam ich das erste mal in die Situation, einen Drittversuch machen zu müssen. Das hieß: Wenn ich ich nicht bestehe, könnte ich mein Studium nicht zu Ende bringen. Ich wäre endgültig durchgefallen. So eine Situation ist zunächst einmal vor allem eins: beängstigend! Selbstzweifel sind dauerpräsent und sorgen dafür, dass man sich eigentlich gar nicht mehr konzentrieren kann.  

Statt den Drittversuch anzugehen, beschloss ich damals meinen Studiengang zu wechseln. Dann würde ich zwar immer noch Sozialwissenschaften studieren, aber eben nicht mehr schwerpunktmäßig Soziologie, sondern Geschlechterforschung. Mit dem Gedanken hatte ich eigentlich schon nach dem ersten Semester gespielt, aber traute mich nicht diese Pläne auch umzusetzen. Den Studiengang zu wechseln, war das nicht ein Eingeständnis von Schwäche? War das nicht ein Aufgeben? Diese Fragen stellte ich mir immer wieder und sagte mir selbst gleichzeitig: Ich will es doch schaffen!

Hinzu kam noch, dass ich niemanden fragen konnte, was es bedeuten würde meinen Studiengang zu wechseln. Ich hatte niemanden der*die mir zum Beispiel sagen konnte, dass es nicht schlimm sei und dass es völlig okay ist, sich neu zu orientieren. Für mich war schließlich das zweimalige Nichtbestehen der Prüfung der Moment, in dem ich den Mut hatte zu sagen: Ich wechsle mein Studienfach. Ich mache das, worauf ich eigentlich viel mehr Lust habe und was mir viel mehr Spaß macht!

Das war auch der Moment, in dem ich ich für mich – obwohl ich es insgeheim schon vorher wusste – feststellte, dass das Studium kein Selbstzweck ist. Dass ich auch studiere, weil es mir Spaß machen soll und ich mich dadurch persönlich weiterentwickeln will. Für alle Menschen würde ich mir wünschen, dass Bildung sie dazu befähigt, kritisch zu denken, und dass ein Zugang zu Bildung aber nicht von ihrer Herkunft abhängig ist.

Leistungs- und Lernbereitschaft sind mit Sicherheit notwendige Bedingungen um sich als Arbeiter*innenkind an der Hochschule durchzusetzen, doch das allein reicht nicht. Arbeiter*innenkinder sind damit konfrontiert sich anzupassen und einen Habitus zu erlernen, den sie nicht von der Wiege an mitbekommen haben. Das heißt also auch, dass man neben dem zeitintensivem Studium und möglicherweise einem Nebenjob, dann noch Umgangsformen erlernen muss.

Den Campus zurückerobert

Ich habe nach dem Wechsel dann einfach weiter vor mich hin studiert, mehr Module besucht als ich müsste, weil sie mich halt interessierten. Abends ging ich in Ringvorlesungen, um auch noch ein bisschen was mitzunehmen, was nichts mit meinem Studienfach zu tun hatte. Aber genauso häufig, wenn nicht sogar häufiger, bin ich auch in das Unikino gegangen. Auf den unbequemen Hörsaalbänken sah ich tolle Filme, zum Beispiel “The Grand Budapest Hotel”, “Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste” oder Klassiker wie “König der Löwen”, und lernte die Uni und den Campus ganz anders kennengelernt. Ich eroberte mir den Campus einfach zurück.

Ich lernte, dass ich mich nicht komplett umkrempeln lassen muss, um eine tolle Zeit während des Studiums zu haben. Ich verstand, dass Grübeln nicht verkehrt ist, aber dass es auch helfen kann einfach mal loszulassen. Die Zeit während des Studiums, so habe ich für mich erkannt, sollte ich auch genießen. So habe ich gelernt Seminare und Diskussionen zu genießen, aber auch verstanden, dass es gut sein kann die eine oder andere Nacht durchzufeiern und sich den Stress von der Seele zu tanzen – frei nach dem Motto: “Last night a DJ saved my life”.

Ich habe nicht nur schöne Erinnerungen an meine Studienzeit. Es gab auch viele Momente, in denen ich einfach verzweifelt war. In denen ich mein Studium abbrechen und einfach alles hinter mich lassen wollte. Aber dann waren da auch immer Erinnerungen, Seminare und Diskussionen die ich so toll und inspirierend fand, dass ich eigentlich nicht weg und das alles nicht aufgeben wollte.

Jede*r braucht mal Hilfe

Als Arbeiter*innenkind sind vor dem Beginn eines Studiums Fragen da. Was bedeutet ein Studium? Kann ich ein Studium schaffen? Wie finanziere ich das? Welche Kosten sind damit verbunden? Diese Fragen sind völlig natürlich, denn häufig kann man nicht einfach die Eltern nach Antworten fragen. Das heißt aber auch, dass man noch nicht mal an der Uni ist und sich schon mit ganz vielen Fragen konfrontiert sieht. Wenn man sich für ein Studium entschieden hat, zieht sich sich diese Unsicherheit dann weiter. Es zeigt aber auch ganz deutlich, wieso es für Arbeiter*innenkinder viel schwieriger ist sich durchzubeißen und das Konstrukt Hochschule zu verstehen. Es fehlt manchmal auch einfach nur das Vertrauen in dich selbst, alle Schwierigkeiten die auf dich zukommen, auch meistern zu können.

Das Gefühl “Wer es nicht allein schafft, gehört an keine Hochschule” ist absolut falsch, schließlich braucht jede*r von uns  mal Hilfe. Solltet ihr mal nicht wissen, ob ein Studium das richtige für euch ist oder wie es weitergehen soll, denkt dran, dass ihr euch Unterstützung suchen dürft. Es gibt viele Menschen die sich an der Hochschule unsicher fühlen, die vielleicht sogar Angst haben. Nicht immer merkt man das auf den ersten Blick, aber es betrifft weit mehr Menschen als es zunächst den Anschein hat.

Mir hilft es, dass ich mir gezielt auch schöne Erinnerungen schaffe, die mit meinem Studium zu tun haben. Das kann für jede*n von uns was anderes sein; vielleicht eine tolle Party oder genauso gut ein gemütlicher Abend in der WG. Aber zwingt euch zu nichts. Wenn Feiern nicht euer Ding ist, ist das total okay! Ich weiß, dass es für jede*n von uns unterschiedlich ist und jede*r andere Dinge gerne macht.

Ich musste außerdem auch erst lernen, dass es völlig in Ordnung ist, sich Hilfe zu holen. Es ist okay Andere zu fragen wie man etwas besser oder einfach anders machen kann. Mir hat es geholfen zur psychosozialen Beratungsstelle der Uni zu gehen. Die konnten mir da helfen, wo ich nicht weiter wusste. Auch die Gleichstellungsbeauftragte meiner Fakultät war eine große Unterstützung für mich. Das waren alles Menschen, die das System kennen und mir zur Seite standen, ohne dass sie mich verurteilten oder bestimmtes Wissen einfach voraussetzten.

Denkt also dran: Ihr habt jedes Recht an einer Hochschule zu sein! Ihr seid toll wie ihr seid! Sich Hilfe zu holen, ist kein Zeichen für Schwäche und ein Studium ist mehr als nur gute Noten und Regelstudienzeit*.

*Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass es durchaus Gründe gibt, weshalb Menschen in Regelstudienzeit studieren müssen (BAföG-Förderungshöchstdauer/andere finanzielle Gründe) und dies auf keinen Fall zu verurteilen ist. Es kann eher den Druck erhöhen den man eh schon für das Studium hat. Dann muss man es nämlich auch schaffen, weil sonst die finanzielle Unterstützung wegfällt. Da ich glücklicherweise davon nicht betroffen war/bin, kann ich dazu nichts schreiben und bin mir meiner Privilegien dahingehend bewusst.

  • andreacmeyer

    Toller Artikel, danke. Mir ist erst heute, fast 20 Jahre nach Studienabschluss, klar, was für einen Unterschied es gemacht hat, keinen akademischen Familienhintergrund zu haben. Sicherlich spielten da auch noch andere Faktoren rein, aber vom Zitat meiner Mutter „Du hast doch einen guten Job“ (nach der Ausbildung) über die wahl des Studiengangs (eine Freundin studierte Pädagogik für Erwachsene und es klang gut, der Berufsberater empfahl „BWL, da kriegen Sie immer einen Job“), den nicht erfolgten Fachwechsel („macht man nicht“ (dachte ich und fragte niemanden)) und das Nicht-Genießen der Studienzeit (ich habe parallel voll gearbeitet) bis zur Ablehnung eines Diss-Angebots bei Studienabschluss (ist mir zu „akademisch“) bin ich sicher, dass einiges anders gewesen wäre und vielleicht besser mit akademischen Eltern. Das heißt weder, dass ich unglücklich bin mit dem, was ich erreicht habe, noch dass meine Eltern an irgend etwas schuld sind. Aber eine bessere, offenere Gestaltung von Studienberatung – vor, während und nach dem Studium – sollte unsere Gesellschaft sich meiner Meinung nach schon leisten.