Macht uns glücklich!

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Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Lea.

Lea Susemichel ist leitende Redakteurin beim feministischen Magazin an.schläge. Sie studierte Philosophie und Gender Studies in Wien. Sie hat zwei Kinder. Als Journalistin, Lehrbeauftragte und Vortragende arbeitet sie zu den Themen feministische Theorie & Bewegung und feministische Medienarbeit.


Crowdfunding für anschlaege @anschlaege

Ich bin nun bald 15 Jahre an.schläge-Redakteurin und habe als Reaktion auf meinen Job schon so viel Übles erlebt, dass ich mich an schlechten Tagen dabei ertappe, auf die Frage nach meinem Beruf irgendwas von „journalistischem Bereich“ zu nuscheln und schnell das Thema zu wechseln. Denn in der Kindergarten-Garderobe oder beim Nachbarschaftsplausch im Treppenhaus wirkt die wahrheitsgemäße Antwort „Ich bin Redakteurin beim feministischen Magazin an.schläge“ – wie oft ich in solchen Situationen den militanten Namen verflucht habe! – , als hätte ich gesagt: „Ich arbeite als Waffenlobbyistin.“ Betretenes Schweigen zählt zu den angenehmeren Reaktionen.

Leuchttisch und Herzblut

Die an.schläge wurden vor 35 Jahren als Liebhaberinnenprojekt gegründet, das anfangs auf dem Leuchttisch gesetzt und mit der Koffer-Schreibmaschine getippt wurde. Der Schreibmaschine verdankt sich auch der Name “an.schlaege”, der überdies Assoziationen an öffentliche Aushänge und an – freilich gewaltfreie – Anschläge auf den herrschenden Sexismus hervorrufen sollte.



Die Adressetiketten für die AbonnentInnen klebte auch ich in meiner Anfangszeit noch selbst auf die Magazine, bevor wir sie schubweise mit Sackkarre zur Post brachten.

Auch wenn wir dank deutlich gestiegener Auflage mittlerweile einen Laster für den Hefttransport brauchen und sich auch sonst vieles deutlich professionalisiert hat – ein Liebhaberinnenmagazin, das mit viel Herzblut und feministischer Leidenschaft gemacht wird, sind wir immer noch. Die braucht es auch, um nicht daran zu verzweifeln, dass wir uns nach dreieinhalb Jahrzehnten noch mit den immer gleichen Themen Themen wie etwa Gender Pay Gap, Gewalt gegen Frauen oder Abtreibungsrecht herumschlagen, und sich in vielen Bereichen scheinbar gar nichts bewegt hat. Geradezu unheimlich aktuell sind deshalb viele Texte aus den allerersten Ausgaben heute noch.

„Wozu das alles eigentlich?“, frage ich mich also unweigerlich dann und wann, in Phasen chronischer Überarbeitung etwa, oder auch während ermüdender innerfeministischer Querelen. Ist feministischer Journalismus nicht sowieso nur ein preaching to the converted – ein Predigen an die, die es eh schon kapiert haben? Haben wir denn mit unserem Magazin auch nur einen einzigen Antifeministen oder eine Antifeministin für Geschlechtergerechtigkeit gewinnen können?

Male- und Mainstream

Bislang ließ sich diese Sinnfrage für mich zum Glück immer noch befriedigend beantworten. Nicht nur wegen der beglückenden Erfahrung, über so viele Jahre mit so vielen verschiedenen großartigen Frauen für eine gemeinsame Sache zu kämpfen. Auch dank der vielen Rückmeldungen von Leser_innen, die von ihrer persönlichen Politisierung durch die an.schläge berichten und zeigen, dass mediales Empowerment wirklich den entscheidenden Unterschied machen kann.

Zudem ist es nicht nur meine felsenfeste persönliche Überzeugung, dass feministische Magazine mitnichten “selbstreferenzielle Special-interest-Spielwiesen”, sondern gesellschaftspolitisch wirksam sind. Die besondere Relevanz feministischer Medien ist auch medienwissenschaftlich plausibel.

„Feministische Medien öffnen Türen im engen Meinungskorridor des publizistischen Male– und Mainstreams“, attestierte etwa die Medienwissenschaftlerin Elisabeth Klaus in einem an.schläge-Kommentar. Sie „sind eine Mobilisierungsressource nach innen wie nach außen“.

„Nach außen“ bedeutet, dass es die originäre Aufgabe feministischer Medien ist, den alltäglichen Seximus zu skandalisieren. Dies müssen wir immer und ausnahmslos tun – und eben nicht nur während meist eher kurzlebiger Medienhypes nach #Metoo oder #aufschrei. Gemeinsam mit allen linken Medien liegt es zudem in unserer journalistischen Verantwortung, gegen die Normalisierung rechter Regierungen und ihrer Programme der Ausgrenzung weltweit anzuschreiben, entschlossen nun auch gegen Schwarz-Blau in Österreich.

Feministisches Gewissen

Innerhalb der linken Medienlandschaft kommt uns dabei noch zusätzlich die zentrale Rolle des feministischen Gewissens zu, damit sexistische, aber auch rassistische und andere Diskriminierungsformen beim linken Kampf für eine bessere Welt nicht wieder zum „Nebenwiderspruch“ werden – wozu sie in guter alter marxistischer Tradition gerne erklärt werden.

Denn obwohl Feminismus im Jahr 2017, das mit den Women’s Marches begann und mit #MeToo endete, in den USA zum Wort des Jahres gekürt wurde, ist er längst nicht im Mainstream der Gesellschaft angekommen.

Trotz (oder vielmehr wegen?) seiner jüngsten Popularität ist Feminismus gegenwärtig von zwei Seiten unter Beschuss – von rechts und von links. Von Rechts werden grundlegende Errungenschaften der Geschlechtergerechtigkeit nicht nur in Frage gestellt, sondern direkt gefährdet. Als Beispiel sei hier die Einschränkung reproduktiver Rechte in Polen genannt.

Viele Linke wollen sich wiederum angesichts der globalen Misere des rechten Backlashs außerdem wieder auf die Kernforderung nach sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit besinnen, statt sich durch vermeintliche „Partikularinteressen“ wie Feminismus oder Black Lives Matter spalten zu lassen. Sie verkennen, dass es bei diesen Kämpfen mitnichten um die Verteidigung von Einzelinteressen, sondern gerade um Gerechtigkeit für alle geht – statt nur um die für “den weißen Arbeiter”.

Doch neben dieser Funktion nach außen ist jene „nach innen“ mindestens ebenso wichtig. Feministische Medien haben auch die ehrenvolle Aufgabe, der weltweit mächtigsten sozialen Bewegung als Ort der Auseinandersetzung und des Austauschs zu dienen. Einer Bewegung, die gerade letztes Jahr erneut eindrucksvoll bewiesen hat, dass mit ihr zu rechnen ist.

Achselhaar-Latzhosen-Ekelwort

2018 feiern wir, das feministische Magazin an.schläge, unser 35-jähriges Bestehen. Feminismus war nicht nur 2017 unser Wort des Jahres, sondern selbstverständlich in jedem einzelnen dieser vergangenen 35 Jahre. Der Begriff hat über diesen Zeitraum einige Konjunkturen erlebt, hat sich vom “Achselhaar-Latzhosen-Ekelwort” zu einem Statement gemausert, das sich mittlerweile sogar auf H&M-Shirts verkaufen lässt (was feministisch betrachtet letztendlich auch nicht immer unproblematisch ist). Zur selbstbewussten und selbstverständlichen Selbstbezeichnung ist „feministisch“ aber leider bis heute nicht geworden.

Unabhängig davon kämpfen wir nun darum, dass dieses Jahr unter der neuen rechten Regierung in Österreich nicht unser letztes sein wird. In diesen politischen Zeiten wollen wir von Förderungen unabhängiger sein – das kann überlebenswichtig sein. Deshalb haben wir eine Crowdfunding-Kampagne gestartet: Wir wünschen uns 666 neue Abos zum Geburtstag, sie würden unser Fortbestehen sichern! Über 100 Mal ist unser Wunsch bereits in Erfüllung gegangen, aber noch brauchen wir eure Hilfe, damit wir unser Ziel erreichen und weiter unabhängigen, kritischen, feministischen Journalismus machen können.

Anlässlich einer großen an.schläge-Leser_Innenbefragung zu unserem 30-jährigen Bestehen war die wohl schönste Rückmeldung, die wir bekamen (und es gab viele zu Tränen rührende Antworten): „Ihr macht mich glücklich!“

Lasst uns also bitte die ganze Welt glücklich machen. Und besser machen. Unterstützt uns, bestellt euch ein Abo – and save the world with feminism!

Noch mehr Infos zur Crowdfunding-Kampagne von an.schläge findet ihr hier.