Das Monster nebenan

Foto , CC BY 2.0 , by Iga Lubczańska

Inhaltshinweis: Frauenfeindlichkeit, Beschreibung von Fehlbildungen bei der Geburt,
Tod von Neugeborenen, Rape Culture, Ableismus

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Smo und Anid. Der Text ist die deutsche Version eines Interviews, das die beiden im November 2016 auf Englisch geführt haben (ihr könnt es hier nachlesen) und das wir mit ihrer Erlaubnis veröffentlichen. Die Übersetzung kommt von Anid.

Smo ist Illustratorin, Comic Artist und angehende Animatorin, seit 2014 lebt sie in Berlin. Sie arbeitet ausserdem in einer Unterkunft für Wohnungslose.

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Anid Stone macht unterschiedliches in ihrer Freizeit: Fotografie, Gedichte, Zeichnungen, Klänge. Nach Tagen der Gespräche über die aktuelle Situation in Polen, entschied sie sich Smo zu interviewen. Um der emotionalen Perspektive einer einzelnen Normalbürgerin aus Polen eine Bühne zu geben.

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Der gefürchtete Berliner Winter kehrt zurück. Wir gehen zu Partys, Vorstellungen und Ausstellungen unter einem grauen, traurigen Himmel und brauchen dringend Glühwein, um uns warm zu halten. Ja, das Leben ist hart. Aber es gibt einen Grund zur Freude, manchen geht’s schlechter. Nebenan in Polen zum Beispiel. Da laufen Fußball-Hooligans am helllichten Tag mit Machete und Axt durch die Gegend. Schulbücher erklären, dass das Opfer einer Vergewaltigung selbst dran schuld ist. Und die Ausstellung „Homosexualität gefährdet Leben“ kann in mehreren Städten besucht werden. Alles mit Unterstützung der Regierung und bei genauso miesen Wetterverhältnissen.

Dies ist ein Versuch zu erklären, was gerade eigentlich in Polen passiert. Dieser Artikel ist das Resultat einer hitzigen Diskussion zwischen zwei jungen Frauen, die nicht nur passiv zuschauen wollen, während das Land nebenan nach rechts abdriftet. So kam es dazu, dass ich von meiner guten Freundin Anid Stone interviewt wurde.

Anid Stone: Hallo Smo! Danke, dass du dir Zeit genommen hast für dieses Interview. Magst du dich kurz vorstellen?

Smo Sienkiewicz: Danke dir! Mein Name ist Smo Sienkiewicz. Kurz gefasst bin ich eine polnische, junge Frau, die wegen der aktuellen Situation in Polen ernsthaft besorgt ist. Ich lebe seit zwei Jahren in Berlin und ich komm nicht umher zu bemerken, dass trotz der geografischen Nähe, die Menschen hier wenig darüber wissen, was hinter der östlichen Grenze Deutschlands so passiert.
Man kann sich natürlich fragen „Was geht uns das an?“. Meine Antwort darauf wäre: So wie es dort grad zugeht, könntest du dich schneller neben einem faschistischen und christlich-fundamentalistischen Monster wiederfinden, als du „Heilige Mutter Maria!“ aussprechen kannst. Ich bin keine Politikerin, Journalistin oder irgendeine andere Autorität auf diesem Gebiet. Ich bin ein „ganz normales Mädchen“, dass hier die Situation so beschreibt, wie ich sie wahrnehme und verstehe.

Anid: Ja, genau deswegen wollte ich auch unbedingt dieses Interview mit dir machen. Fangen wir also mal damit an, was die meisten Nachrichten verfolgenden Deutschen, mitbekommen haben. Die massiven Demonstrationen. Warum haben Frauen in Polen demonstriert?

Smo: Der Auslöser der Proteste war ein Gesetzesentwurf, der die Abtreibung in Polen verbietet. Momentan gibt es drei Fälle, in denen Abtreibung in Polen erlaubt ist:

1. Die Schwangerschaft ist Folge eines Verbrechens (Vergewaltigung oder Inzest)
2. Das Leben der Mutter ist bedroht.
3. Diagnose einer lebensbedrohlichen, genetischen Erkrankung des Fötus.

Wäre das Gesetz durchgegangen, würden Frauen für eine Abtreibung ins Gefängnis kommen und Fehlgeburten würden polizeilich untersucht werden.

Die praktische Umsetzung des Rechts auf Abtreibung ist allerdings bis dato auch erschwert, aufgrund der Gewissensklausel. Deswegen gibt es in ganz Polen nur eine Handvoll Kliniken, die legale Abtreibungen durchführen.

Anid: Warum gab es eine zweite Protestwelle?

Smo: Der erste Protest hat hundert tausende Menschen zusammengebracht. Das hat dazu geführt, dass die Verantwortlichen in der Regierung gegen den Gesetzentwurf gestimmt haben, welchen sie ja anfangs unterstützt haben. Die Debatte um Abtreibung führte zu etwas viel größerem: Der Debatte um Frauen- und Menschenrechte, die in Polen ständig gebrochen werden. Tausende Frauen und Männer protestieren, weil sie die patriarchale, frauenfeindliche und heuchlerische Regierung und Kirche nicht mehr ertragen können. Diese Menschen – wir – können dieses intolerante und grausame Auftreten „im Namen Gottes“ nicht mehr hinnehmen.

Der Plan eines kompletten Verbotes von Abtreibung hat benachteiligte Gruppen wach gerüttelt. Sie waren daran gewöhnt, eine Erniedrigung nach der anderen einzustecken. Keine_r hat daran geglaubt, dass sich je etwas verändern könnte. Es ist, als hätte die Gesellschaft jahrzehntelang geschlafen. Jetzt ist sie aber wach und extrem sauer.

Eigentlich ist die polnische Demokratie gerade in Gefahr. Die herrschende Partei will die Verfassung verändern und das Verfassungsgericht abschaffen. Dieses Thema löst allerdings nicht so starke Empörung aus wie das Abtreibungsverbot, weil es für viele Menschen zu abstrakt ist. Faktisch ist es aber die größere Gefahr. Hinzu kommt die Propaganda in den landesweiten Medien, der Versuch unabhängige Medien zu verbieten, der Versuch Bücher über Demokratie aus dem Umlauf zu nehmen. Alles ziemlich besorgniserregend, würd’ ich sagen.

Es gab schon vor eine Weile Proteste gegen die Abschaffung der Verfassung, diese waren aber nicht annähernd so groß und einflussreich wie die Demonstrationen für Frauenrechte.

Der Erfolg des ersten Protestes gegen die Abschaffung der Abtreibung hat uns gezeigt, dass wir beeinflussen können, was in unserem Land passiert. Wir können die Straßen blockieren. Wir können Petitionen schreiben. Wir können versuchen, unseren Fall auf die internationale Bühne zu bringen – das ist, was ich hier gerade versuche zu tun. Es ist ein langwieriger Prozess, aber er bringt Ergebnisse.

Ich muss hinzufügen, dass es wirklich traurig ist, zu sehen, wie die ganze Geschichte in den westlichen Medien dargestellt wird. „Böse Regierung wollte ein Abtreibungsverbot einführen, Menschen sind aufgestanden und haben gewonnen, alles ist gut. Hurra.“ Das ist nicht wahr.

Anid: Was für Menschen waren auf der Straße? Waren es polnische Akademiker_innen? Arbeiterklasse? Hast du Migrant_innen gesehen? Waren es hauptsächlich junge oder ältere Menschen?

Smo: Hauptsächlich Frauen, aber auch viele Männer. Es waren alle Altersklassen dabei. Bezüglich der sozialen Klassen kann ich dir gar nichts sagen. Das kann ich durch einen Blick auf die Menge gar nicht beantworten.

Beim letzten Protest in Gdańsk waren mehrere ältere Menschen dabei, die schon in den 80ern auf die eine oder andere Art gegen den Kommunismus gekämpft haben. Es war echt großartig neben solchen Veteran_innen zu stehen. Einige von ihnen haben gesagt, dass die aktuelle Situation in vielem dem damaligen Regime ähnelt.

Ob Migrant_innen dabei waren, kann ich dir auch nicht wirklich sagen. Nicht, dass ich wüsste. Polen ist ein sehr homogenes Land. Dort ist es nicht, wie in Berlin, wo man Menschen mit und aus sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergründen sieht. Ausländer und people of color sind in Polen eine Seltenheit. Die meisten Migrant_innen sind aus post-sowjetischen Staaten und sie fallen kaum auf: sie sehen aus wie Pol_innen und oft sprechen sie sehr gutes Polnisch.

Anid: Was zeigen die Massenmedien in Polen über die Proteste? Und welche Meinung ist dort tongebend?

Smo: Ich vermeide polnisches Fernsehen weitestgehend. Es macht mich unfassbar wütend zu sehen, wie fehlerhaft die Nachrichten sind. Der Sender heißt TV Poland, aber einige nennen ihn mittlerweile scherzhaft TV PiS. (PiS ist der Name der regierenden Partei.)

Der unabhängige Sender TVN scheint die Ereignisse ziemlich akkurat darzustellen, meiner Erfahrung nach zumindest. Die Abgeordnete Krystyna Pawłowicz versucht momentan dem Sender die Sendelizenz zu entziehen.

Anid: Kannst du uns ein Beispiel geben, von dem, was die polnische Bevölkerung so wütend gemacht hat, dass sie protestiert hat?

Smo: Ich würd’ am liebsten darauf mit ein paar Zitaten von Politikern und Personen des öffentlichen Lebens antworten. Der Leiter der führenden Partei, Jarosław Kaczyński, hat letztens gesagt: „Unser Ziel ist es, dass eine Geburt, auch wenn die Schwangerschaft extrem schwierig ist und das Kind schwere, tödliche Fehlbildungen aufweist, stattfindet, damit das Kind getauft wird, einen Namen und ein Begräbnis bekommt.“

Jetzt mal unabhängig der fragwürdigen Ethik dieser Argumentation. Diese Aussage ist gegen die Verfassung und ist eine Diskriminierung gegen Nicht-Christ_innen. Polen ist dem Gesetz nach ein säkularer Staat. Was also, wenn Eltern ihr Kind nicht taufen wollen?

Im Polnischen gibt es ein Sprichwort: „Wenn du nicht weißt, worum es geht, dann geht es um Geld.“ Es ist kein Geheimnis, dass Kaczyńskis Partei größtenteils durch die Unterstützung der Kirche gewonnen hat. Und die Kirche berechnet zwischen 80 und 500 PLN für eine Taufe und zwischen 100 und 1800 PLN für ein Begräbnis. Das ist im Schnitt ein Einkommen von 1250 PLN (etwa 290 €) pro Kind, das geboren wurde, um getauft und beerdigt zu werden.

Um was macht sich Kaczyński dann tatsächlich Sorgen? Die Erlösung von Seelen oder die Finanzierung seines wichtigsten Verbündeten? Ich werde es euch überlassen, zu überlegen welche der Optionen wahrscheinlicher ist.

Wenn man darüber spricht, dass Kinder geboren werden um zu sterben, kann man den Arzt Bogdan Chazan nicht auslassen. Er ist bekannt dafür Abtreibungen bei den ernsthaftesten genetischen Erkrankungen abzulehnen. Es gab zum Beispiel den Fall, bei dem eine Mutter das Recht auf die Beendigung der Schwangerschaft gehabt hätte, der Arzt aber aufgrund der Gewissensklausel abgelehnt hat. So hat also die besagte Mutter ein Kind geboren, das keine Nase, keine Augenlider, ein Loch in einer Wange und im Schädel hatte. Das Gehirn des Neugeborenen lag also frei und war sichtbar. Das Kind hatte entsetzliche Schmerzen und starb über 10 Tage hinweg im Beisein der Eltern.

Nach der „pro-life“-Bewegung und Chazan, war dies eine humanere Lösung als die Beendigung der Schwangerschaft bevor der Fötus ein Nervensystem entwickelt hat. Fun fact: Der selbe Chazan hat in der Zeit des Kommunismus tausende legale Abtreibungen durchgeführt.

Ein bekannter rechter Pressesprecher kommentierte die eben geschilderte Geschichte folgendermaßen: „Dass die Eltern das Leid und die Qualen des Kindes gesehen haben, hat deren Beziehung bereichert.“

Anid: Alle, die du bisher zitiert hast, sind Männer. Wie sieht es mit der Meinung von Frauen dazu aus? Es muss doch eine Verbindung geben zu der Aussage „Mein Körper, meine Entscheidung!“ der Protestierenden, oder?

Smo: Frauen, die an den Protesten beteiligt sind, werden offenkundig attackiert und beleidigt. In den Medien, als auch in privaten Situationen. Dabei gibt es zwei Argumentationsszenarien:

1. „Ahnungslose Idiotinnen“
Dieses Szenario wird von den sogenannten Eliten favorisiert. Demnach wurden die Proteste von der Opposition inszeniert. Diese habe die armen, unwissenden Frauen manipuliert, sodass sie demonstrieren gegangen sind. Die gnädigen Politiker vergeben ihnen, denn sie wissen ja nicht, was sie tun. Alternativ gibt es die Vorstellung, dass Menschen bezahlt wurden, damit sie demonstrieren gehen. (Wer könnte hunderte, tausende Menschen in hunderten Städten in und außerhalb von Polen bezahlen? Die Linken? Freimaurer? Das fliegende Spaghettimonster?)

Janusz Korwin-Mikke, Mitglied der EU-Parlaments, formuliert seine Überlegungen bezüglich der Meinung von Frauen wie folgt: „Man kann nicht der Richter im eigenen Fall sein. Deswegen sollte die Meinung von Frauen hier nicht berücksichtigt werden, weil sie nicht objektiv sein können. Es sind die Rechte des Vaters, die am wichtigsten sind.“

Fun fact: Herr Mikke ist auch bekannt für seinen Traum, das Recht der Frauen auf Wahlen abzuschaffen. [Anmerkung der Redaktion: Seine sexistischen Äußerungen zum Gender Pay Gap gingen auch erst neulich viral.]

2. „Rumhurende Babymörderinnen“
Dieses Szenario ist eher selbsterklärend und meistens in sozialen Medien anzutreffen. Häufig zu sehen in Kombination mit Morddrohungen gegen Vertreter_innen von Frauenrechten. (Liegt das nur an mir oder ist es widersprüchlich, Menschen den Tod zu wünschen und sich selbst als „pro-life“ zu bezeichnen?). Der Abgeordnete Paweł Kukiz sagt: „Du hättest darauf achten müssen, wem und wie du deinen Körper hergibst.“ Das ist auf rein sprachlicher Ebene ekelhaft. „Deinen Körper hergeben“, als ob Sex die Handlung einer Frau ist, bei der sie einem Mann ihren Körper gibt, anstatt dass zwei Menschen etwas machen, was sie beide wollen. Und wie kann man diesen „Ratschlag“ im Falle einer Vergewaltigung umsetzen? Den Vergewaltiger davon überzeugen, dass er ein Kondom tragen sollte?

Anid: Du studierst Kunst in Polen. Wie nimmst du die anderen Student_innen wahr? Welche Meinung haben die?

Smo: Ich weiß nicht, wovon meine Kommiliton_innen überzeugt sind. Ich lasse Politik im Studium außen vor, weil wir alle wissen wie hässlich es sonst werden kann. Jedes Mal, wenn ich etwas auf Facebook teile, frage ich mich, ob ich dafür von polnischen Gleichaltrigen verhöhnt oder attackiert werde.

Anid: Du sagst „wir wissen alle, wie hässlich es werden kann“. Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Kannst du das ein bisschen erklären?

Smo: Wenn man seine Meinung frei ausspricht, wird man zur Zielscheibe von Hass. Die „pro-life“ Bewegung ist bekannt dafür, extrem aggressiv und wertend zu sein. Ich weiß nicht, was die anderen Student_innen denken und ich werde es nicht riskieren diese zu konfrontieren. Weil ich nicht will, dass potentielle Feindseligkeit meine Ausbildung behindert.

Anid: Du hast vorhin benachteiligte Gruppen erwähnt. Letztes Jahr sind polnische Medien durch rassistische Propaganda aufgefallen. Soweit ich es mitbekommen habe, gab es deswegen keine Proteste in Polen. Woran, denkst du, liegt das? Und wie nimmst du, als jemand auf die Rassismus nicht abzielt, die aktuelle Situation diesbezüglich wahr?

Smo: In Polen ist man an Rassismus, Sexismus, Homophobie und alle Arten von Intoleranz gewöhnt. Es wird nicht mal als Intoleranz wahrgenommen, weil es die Norm ist. Frauen sind im Endeffekt für ihre Rechte auf die Straßen gegangen, aber sie machen auch 52% der Gesellschaft Polens aus. Und trotzdem brauchte es erst einen Gesetzentwurf, der ihr Leben und ihre Gesundheit gefährdete, damit sie sich zusammentaten und sich gewehrt haben.

Aber wer sollte gegen Rassismus aufstehen? Ich persönlich kenne keine people of colour in Polen – das sagt was darüber aus, wie wenige es gibt und wie isoliert sie sind. Ich glaube, dass es eine große Zahl an Pol_innen gibt, die gegen Rassismus sind. Aber es betrifft sie nicht genug, als dass sie etwas unternehmen würden: Sie sind weiß, alle die sie kennen sind weiß. Warum sollten sie Kopf und Kragen riskieren und gefährlichen Nationalist_innen widersprechen, die wahrscheinlich ihre Einstellung nicht verändern werden?

Eine einzige Person kann versuchen, mit einer anderen Person zu diskutieren. Aber eine einzige Person kann nicht die ganze Gesellschaft verändern. Ich persönlich habe die Intoleranz nicht ausgehalten, aber ich konnte auch nicht mit jeder Person, die ich kenne, jeden Tag meines Lebens diskutieren. Das war der Grund, warum ich nach Berlin gezogen bin. Nicht um ein besseres Einkommen zu haben, nicht um feiern zu gehen, noch nicht mal wegen der kulturellen Szene hier – obwohl ich all das natürlich sehr schön finde und schätze. Ich habe Polen verlassen, weil mich die engstirnige, wertende und konservative Mentalität einfach krank gemacht hat.

Das war vor zwei Jahren und ich hab mich mit diesem Gefühl vollkommen alleine gefühlt. Jetzt, mit der Welle der Proteste, habe ich mich mit tausenden Menschen, die genauso fühlen, verbunden gefühlt.

Anid: Du scheinst das Problem des Rassismus in Polen reflektiert zu haben. Wie feindselig nimmst du die Nationalist_innen in Polen wahr?

Smo: Ich kenne persönlich keine Nationalist_innen, außer von Kommentaren auf Facebook. Das ist nicht so mein soziales Umfeld. Aber ausgehend von dem, was ich sehe und höre, können die sehr feindselig sein.

Nichtsdestotrotz, Menschen in meinem Alltag sprechen oder machen Witze auf eine diskriminierende Art und Weise. Und entweder sie realisieren es nicht, oder es ist ihnen egal. Ich muss es noch mal betonen: Polen hat andere Standards verglichen mit Berlin. Intoleranz ist die Norm. Anders gesagt: Der Durchschnittspole verhält sich intolerant. Teilweise bewusst, teilweise nicht. Ich glaube nicht, dass sie tatsächlich feindselig sind. Die meisten sind normale, einigermaßen freundliche Menschen, die nicht wissen, was sie da sagen. Was sie allerdings sind, ist ungebildet.

Vor kurzem, zum Beispiel, hatte ich bei einem Protest einen Banner mit der Aufschrift „Ein Fötus ist kein Baby“. Einige „pro life“ Demonstrant_innen hat es verwirrt und sie sprachen mich darauf an. Sie baten mich darum, es ihnen zu erklären. Also erklärte ich ihnen den Unterschied zwischen einem Fötus und einem Säugling. Mir wurde aufmerksam zugehört und sie haben offensichtlich versucht zu verstehen, was ich ihnen sagte. Sie wussten es tatsächlich nicht. Ich war froh mit ihnen zu sprechen, weil ich verstanden hab, dass ich einfach mehr Glück hatte in meinem Leben. Ich glaube, privilegierte Menschen wie ich schulden es der Gesellschaft unser Wissen zu teilen.

Anid: Was ist denn eigentlich mit den Hooligans, die du früher erwähnt hast? Sind die mittlerweile im Gefängnis?

Smo: Nein. Und werden sie auch nicht. Die Regierung ist nämlich auf deren Seite. Die Hooligans sind genau die Leute, die PiS gewählt haben. Entsprechend wird die PiS nun alles tun, um sie zufrieden zu stellen, damit die Hooligans sie weiterhin wählen. In der Praxis heißt das, dass jeder Polizist, der gegen sie vorgeht, im Gefängnis landet.

Anid: Danke dir vielmals für deine Zeit und die Geduld, mir und den Leser_innen die Geschehnisse und Situation in Polen aus deiner Perspektive zu erläutern! Ich hoffe wirklich, wir können mit diesem Interview zu einer größeren Aufmerksamkeit beitragen.

Links mit zusätzlichen Informationen

* Der Spruch auf dem Demo-Schild bedeutet übersetzt „Frauenstreik“

  • Karolina

    Meine Familie kommt aus Polen und ich wurde katholisch erzogen und polnische Traditionen waren immer wichtig, um die Heimat, die wir 2-3 Mal im Jahr besuchen, nicht zu vergessen. Dass Polen ein konservatives Land ist, ist kein Geheimnis. Doch was die aktuelle Regierung von sich gibt, lässt mich erschaudern, da alle scheinbar christlichen Werte wie Nächstenliebe, Akzeptanz und Toleranz über Bord geworfen werden. Andere Religionen? Bloß nicht, denn die Kirche könnte aussterben. Gleichberechtigung aller Geschlechter und sexueller Identitäten? Fehlanzeige. Erst diese Woche gab es wieder Berichte im Radio, die mir mittlerweile einfach nur noch Angst machen: Sogenannte Pro-Life Apotheken weigern sich jegliche Verhütungsmittel zu verkaufen und die Regierung forscht an Universitäten nach, wie viel Geld für die Entwicklung von Gender-Studies Curricula ausgegeben wird, um diese „Propaganda“ aus dem Weg zu schaffen. Ich bin im sozialen Bereich tätig und Gender/Equality/Medienkompetenz sind Bestandteile meines Studiums und Berufs. Wenn ich über die Zustände in meiner Heimat höre, weiß ich nicht, wie man dagegen ankämpfen könnte, außer die politische und gesellschaftliche Struktur von Grund aus zu verändern.