Was ihr schon immer über #aufschrei wissen wolltet und bisher auch zu fragen wagtet – Ein FAQ-Versuch

Foto , CC BY-NC 2.0 , by weesen

Die folgenden Fragen habe ich immer wieder gehört und geduldig beantwortet, seit #aufschrei mediale Aufmerksamkeit erhielt. Leider werden manche Aussagen oder Bestandteile davon jedoch immer wieder gekürzt, komplett weggelassen oder gar verfälscht. Darauf habe ich aus offensichtlichen Gründen keine Lust und deshalb lest ihr hier nun die wahren und wichtigsten Fakten rund um das Thema #aufschrei (Anmerkung: Der Hashtag wird mittlerweile vor allem getrollt und entsprechend sehen die Tweets darunter aus).

Warum wurde #aufschrei gestartet?

Am 24. Januar 2013 veröffentlichte Maike auf kleinerdrei ihren Blogpost „Normal ist das nicht!“ und schilderte ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Alltagssexismus, wie er sich in Belästigungen äußert und was das mit ihrem Leben macht. Der Text bekam schnell eine sehr hohe Resonanz, natürlich vor allem von Frauen, wurde oft weiterempfohlen und führte dazu, dass viele anfingen, von ihren eigenen Erlebnissen zu erzählen.

So auch @vonhorst, der ich schon lange auf Twitter folge und deren Tweets mich sehr berührten als ich sie Donnerstagnacht las. Jeder Tweet schilderte eine übergriffige Situation und um sie alle auf einen Blick sichtbar machen zu können, dachte ich, dass es dafür einen Hashtag geben müsse. Auf die Idee war @vonhorst im Gespräch mit @faserpiratin bereits gekommen und so schlug ich ihr einfach meine erste Idee vor: #aufschrei. Das war um 00:26 Uhr, in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, den 25. Januar 2013.

aufschreibeginn

Beim Namen hatte ich mich einfach grob an der Twitter-Kampagne #Shoutingback von „Everyday Sexism“ orientiert. Auf Twitter ist der Hashtag (also die Raute #) außerdem die Möglichkeit, Tweets von verschiedenen Nutzerinnen und Nutzern unter einem Stichwort zu bündeln und so geballt sichtbar zu machen.

Wie sah #aufschrei am Anfang aus?

Eigentlich wollte ich nur „noch mal kurz auf Twitter gucken“ (haha!) und dann schlafen gehen, doch nachdem der #aufschrei-Hashtag direkt angenommen wurde, teilten bereits sehr viele Frauen ihre Erfahrungen mit übergriffigen Situationen, obwohl es schon spät in der Nacht war. Ich las, weinte und teilte auch meine eigenen Geschichten unter dem Hashtag mit.

Wir schrieben von dummen Sprüchen, Grapschereien, Nötigungen, Vergewaltigungen – wie wir uns auch wehrten und es nichts brachte oder sogar alles nur noch schlimmer machte. Von Beginn an zeigte sich bereits die ganze schreckliche Palette der Gewalt, die Frauen erleiden, weil wir in einer sexistischen Gesellschaft leben, die solche Übergriffe so gut wie nicht bestraft.

Viele schrieben von verdrängten Erlebnissen und wie diese nun wieder hochkamen, manche, dass sie diese Geschichten bisher niemandem erzählt hatten und die meisten fühlten sich endlich verstanden und nicht mehr allein mit ihrer Scham – wir waren schon in diesem Moment eine stetig wachsende Gemeinschaft, die sich einfach gegenseitig zuhörte und tröstete. Was auch deutlich wurde: Wie früh diese Übergriffe bereits anfangen, meist war es schon im Grundschulalter.

Viele der mitlesenden Männer waren ehrlich schockiert, schämten sich und empfahlen dem Hashtag zu folgen. Andere stritten ab, dass die Realität von Frauen so anders aussieht, als ihre eigene. Wiederum andere trollten einfach nur. Die Anzahl der tatsächlichen Aufschreie überwog jedoch bei weitem.

War das geplant und hast du mit dem „Erfolg“ gerechnet?

Nein, geplant war hier nichts. Es handelt sich bei #aufschrei um etwas, das spontan und mitten in der Nacht entstand. Als ich irgendwann noch sehr aufgewühlt nach 3 Uhr schlafen ging, glaubte ich nicht einmal, dass der Hashtag die Nacht überleben würde.

Dass er es doch tat und sogar förmlich explodierte, zeigt jedoch, dass es nicht nur Redebedarf bei den unzähligen Betroffenen, sondern auch den dringenden Wunsch nach Veränderung dieser gesellschaftlichen Verhältnisse gibt, die schon viel zu lange unser Status Quo sind.

Fakt ist: Ohne all die mutigen Stimmen, die unter #aufschrei laut wurden und es als Ventil benutzten, wäre die Debatte nicht dermaßen ins Rollen gekommen.

Diskutieren wir jetzt wegen Brüderle?

Jein. Was auf Twitter losgegangen ist, entstand vollkommen losgelöst von dem, was in den alten Medien am Beispiel Brüderle besprochen wurde. #aufschrei weitete die Debatte nämlich genau auf das aus, was in Zeitungen etc. noch nicht diskutiert wurde: Die alltäglichen Übergriffe, verbal und tätlich, die sich nun mal auf allen Ebenen unserer Gesellschaft zeigen. Es heißt ja nicht umsonst Alltagssexismus.

Der Brüderle-Artikel war insofern lediglich ein Katalysator, um die Medien auch auf das aufmerksam zu machen, was auf Twitter bereits brodelte. Ich fand ihn als Beitrag jedoch nicht mehr oder weniger wichtig, als den Artikel von Annett Meiritz zur Piratenpartei.

Wieso die Aufregung?
Ist Sexismus heutzutage überhaupt noch ein Problem?

Ja, natürlich ist es noch ein Problem, sonst würden wir nun nicht so stark diskutieren. Die Geschichten, die mittlerweile auf Alltagssexismus.de dokumentiert werden, sprechen für sich und jeder oder jede, der oder die eine Sexismusdebatte trotzdem immer noch für überzogen/hysterisch/unnötig hält, sollte einfach mal 30 Minuten lang einfach nur die Beiträge dort lesen. Dabei ist zu bedenken, dass die Beschreibungen auf Twitter oder Alltagssexismus.de sogar nur Ausschnitte sind und nicht einmal das Gesamtbild zeigen – nicht alle Betroffenen haben einen Internetzugang, geschweige denn Twitter Account und sehr sehr viele trauen sich auch weiterhin nicht, über ihre Erlebnisse zu sprechen.

Sexismus ist nicht mit sexualisierten Übergriffen zu verwechseln, spielt aber eine entscheidende Rolle dabei, dass es überhaupt erst zu diesen Übergriffen kommen kann. Denn eine Gesellschaft und Kultur, die allgemein das Wesen und Handeln von Frauen abwertet und Frauen wie Männer auf bestimmte Stereotype beschränkt (vereinfacht: Frau muss nur gut aussehen, Mann ist der Jäger und Macher), sieht dann eben wenig bis keinen Anlass, übergriffiges Verhalten zu bestrafen. Ein Verhalten, das bei herabwürdigenden Bemerkungen beginnt, bis zum tätlichen Übergriff geht und gezielt eingesetzt wird, um Macht auszuüben.

Fakt ist: Wir leben leider nicht in einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichgestellt sind.

An diesen furchtbaren Status Quo haben sich Frauen zwangsweise gewöhnt. Männer sind in unserer Gesellschaft weniger von den negativen Auswirkungen des Status Quo betroffen, wurden in ihrer Erziehung dafür oft nicht genug sensibilisiert und stellen ihn daher auch seltener in Frage.

Der Sexismus Deutschlands schlägt sich jedoch nicht nur in übergriffigem Verhalten nieder: Frauen verdienen oft weniger als Männer in den gleichen Positionen, Frauen haben schlechtere Aufstiegschancen im Beruf, sind häufiger auf Niedriglohnjobs angewiesen und damit auch häufiger von Altersarmut bedroht – es ist Sexismus mit System.

Sind jetzt alle Frauen „Opfer“?

Nein. Es gibt Frauen, die sich nicht von sexistischen Äußerungen oder sexualisierten Übergriffen betroffen sehen. Dies ist wundervoll und ich wünschte, das könnten noch viel mehr von sich sagen. Doch auch wenn manche Frauen keine Erfahrungen damit haben, bleibt Sexismus für die meisten Frauen ein reales und allgegenwärtiges Problem. Allein in Bezug auf sexuelle Belästigungen zeigen Statistiken bereits ein eindeutiges Bild: Laut einer repräsentativen Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend haben da insgesamt 58,2 % aller befragten Frauen Situationen sexuelle Belästigungen erlebt, sei es in der Öffentlichkeit, im Kontext von Arbeit und Ausbildung oder im näheren persönlichen Umfeld.

Auch #aufschrei hat gezeigt: Frauen müssen an jedem Ort und in jeder Situation mit solch übergriffigem Verhalten rechnen. Die meisten von ihnen haben sich deshalb einen Schutzpanzer zugelegt und wissen schon gar nicht mehr wie es ist, ohne diesen zu leben. Dieser Schutzpanzer hilft nur leider nicht immer und natürlich muss man sich hier die Frage stellen: Warum sollten Frauen diesen überhaupt brauchen müssen?!

Müssen Frauen sich nicht einfach nur mal wehren?

Rät man Frauen, sich einfach nur besser wehren zu müssen, schreibt man ihnen eine selbst gewählte Opferposition und (Mit-)Schuld zu. Jedoch möchte kein Mensch Opfer sein, sondern wird stets dazu gemacht. Die Schuldfrage ist daher immer auf Täterseite zu suchen.

Wer jedoch behauptet, dass Betroffene sich lediglich besser wehren müssten, indem sie zum Beispiel Sprüche erwidern, Ohrfeigen verteilen oder auch einfach nur äußern müssten, dass sie sich herabgewürdigt fühlen, ignoriert Abhängigkeitsverhältnisse (z.B. im Job, auf den man finanziell angewiesen ist), Mehrfachdiskriminierung (z.B. wenn man sich die Zahlen der Übergriffe auf Frauen mit Behinderungen ansieht), mögliche Gegengewalt (wenn sich Täter z.B. erst recht durch Widerworte provoziert fühlen und von Sprüchen zu Tätlichkeiten übergehen) und die fortwährende Bagatellisierung sexistischer Handlungen, die Frauen entgegenschlägt, sobald sie sich beschweren (wählt euren Favoriten aus dem bunten Strauß von „Hab’ dich doch nicht so!“, „Findest du das nicht übertrieben?“ und „War doch nur ’n Witz!“).

All diese Faktoren machen es schwer bis unmöglich, sich zu wehren. Denn wir erinnern uns: Sexistische Äußerungen und Handlungen stellen einen Missbrauch von Macht dar, d.h. die eine Seite hat mehr Macht, nutzt dies aus und nimmt der anderen Seite damit meist jegliche Handhabe, sich überhaupt wehren zu können.

Sind jetzt alle Männer Täter?

Nein. Einige Männer (und auch Frauen) verstehen #aufschrei leider als Kollektivschuldzuweisung und das ist natürlich schade. Aber vielleicht hilft ja auch dieses FAQ, solche Missverständnisse aufzuklären.

Aus den #aufschrei-Tweets, aber auch aus zahlreichen persönlichen Nachrichten, die ich erhalten habe, geht jedenfalls hervor, dass bereits viele Männer, jung wie alt, ein aufgeklärtes Gesellschaftsbild haben und nun umso sensibler dafür geworden sind, was übergriffiges Verhalten bedeutet.

Sie sind gleichermaßen erschüttert über das, was sie durch #aufschrei teilweise zum ersten Mal erfahren, schämen sich für ihre Geschlechtsgenossen und reflektieren nun ihr eigenes Verhalten.

Dies widerlegt bereits ziemlich deutlich die bizarre „These“, dass Männer nur triebgesteuert handeln könnten (Spoiler: Sie sind so viel besser als das!) und zeigt, wie #aufschrei als Appell an die Gesellschaft funktionieren kann.

Zudem nutzen auch Männer #aufschrei, um ihrerseits übergriffiges Verhalten von Frauen an ihnen zu schildern.

Dürfen Männer ab sofort nicht mehr mit Frauen flirten?

Ein Flirt passiert auf Augenhöhe und einvernehmlich, eine Belästigung geschieht von oben herab und ist damit einseitig. Ob ein Flirt (und damit meine ich eine ernsthaft am Menschen interessierte Kontaktaufnahme) ankommt, lässt sich übrigens sehr leicht erkennen. Dafür braucht es lediglich Empathie für das Gegenüber. Simpler Pro-Tipp: Dreht sie sich weg und geht nicht auf Fragen ein, entschuldige dich und lass sie in Ruhe.

Das dürfte übrigens auch George Clooney checken, der mittlerweile immer wieder als Beispiel dafür herhalten muss, dass Frauen sich im Fall der Belästigung durch ihn sicher nicht beschweren würden.

Lasst mich daher noch mal zusammenfassen:

Fakt 1: Eine Grenzüberschreitung ist eine Grenzüberschreitung ist eine Grenzüberschreitung.

(Auch wenn sie von George Clooney kommt.)

Fakt 2: Wer Frauen wie Objekte behandelt, sie auf „Titten“ und „Arsch“ reduziert und eindeutig herabwürdigt, spricht damit keine Komplimente aus.

Fakt 3: Männer haben kein Anrecht o.ä. darauf, weibliche Körper zu kommentieren oder gar anzufassen, auch wenn Medien und Werbung genau dieses Bild vermitteln.

Fakt 4: Ein generell respektvoller Umgang miteinander erhöht auch die Chancen auf einen guten Flirt für uns alle. Warum sollte das also nicht unser erstrebenswertes Ziel sein?

Was können wir denn nun tun?

Ich sehe hier vor allem eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, die wir – Männer und Frauen – endlich alle zusammen ernst- und wahrnehmen müssen. Nur zusammen können wir es schaffen, dass Zwischenmenschlichkeiten nicht mehr als Machtinstrument missbraucht werden, dass sie keine Angst und stattdessen Spaß machen.

Wir müssen wegkommen von einer Kultur des „Du willst es doch auch!“
und hin zu einer Kultur des „Willst du auch?“

Fürs Private bedeutet das u.a.:

- Einen respektvollen Umgang von euch und euren Mitmenschen einzufordern. Redet miteinander und hört euch zu, anstatt direkt in blinde Verteidigungshaltungen zu verfallen.
- Reflektiert eure eigenen Äußerungen und Handlungen vor dem hier dargestellten Hintergrund und zieht entsprechende Konsequenzen.
- Zivilcourage zu zeigen und euch offen dagegen zu stellen, wenn Ihr Zeuge oder Zeugin eines sexistischen Übergriffs werdet – ob verbal oder körperlich, auf der Straße wie auf der Arbeit, in der Schule oder der Uni.
- Es in Bezug auf Kindererziehung eben z.B. nicht mehr als völlig normal zu erachten, wenn Jungs Mädchen ärgern und sie dann damit zu entschuldigen, dass sie auf diesem Wege lediglich zeigen, wie sehr sie ein Mädchen mögen.

Für Medien und Werbung heißt das z.B.:

- Dass wir als Konsumentinnen und Konsumenten immer noch bestimmen können, ob wir etwas Sexistisches kaufen/lesen/konsumieren oder nicht, anstatt es mit einem faulen „[XYZ] ist halt so“ zu quittieren und damit wieder den Status Quo zu stärken.

Für die Politik heißt das u.a.:

- Endlich die Frauenquote als notwendigen Hack des Systems einzusetzen, um ein ausgewogenes und damit weniger sexistisches Geschlechterverhältnis am Arbeitsplatz zu schaffen.
- Lohngleichheit ebenfalls als eigenes Thema auf die Agenda zu setzen.

Wie ihr unschwer erkennen könnt, lassen sich noch Unmengen an neuen Fässern zu diesem komplexen Thema öffnen. Leider sprengt dies jedoch meine kleine Frage-und-Antwort-Stunde hier – andere konnten sich da viel knapper halten – aber ich bin sicher, dass dies alles Themen sind, die wir ohnehin noch eingehend auf kleinerdrei behandeln werden.

Anmerkung: Ich möchte die Antworten für sich selbst stehen lassen, daher lasse ich die Kommentare geschlossen. Ich hoffe, ihr versteht das.