Zuhause – das BFI Flare Film Festival

Foto , CC 2.0 , by pahudson

Es muss sieben oder acht Jahre her sein, da fuhr ich mit meiner Freundin zu einem Kurzurlaub nach London. Kurz vorher scrollte ich durch eine online verfügbare Programmzeitschrift und sah, dass wir just zum Zeitpunkt eines schwullesbischen Filmfestivals dort sein würden. Prima, dachten wir, das schauen wir uns mal an. Und waren anschließend überrascht, dass wir im BFI Southbank Kinocenter nicht nur das Filmfestival LLGFF (London Lesbian and Gay Film Festival) entdeckt hatten, sondern ein Zuhause.

Familienfilme

Denn wir sahen nicht nur Filme mit schwullesbischen Charakteren, sondern saßen mit Mitgliedern unserer „Familie“ Seite an Seite, während wir gemeinsam mit den Filmheld_innen jubelten und litten, fluchten und trösteten, entspannten und uns fürchteten. Und nach dem Film trafen wir uns in Lobby, Café oder Bar, bevor über den Lautsprecher der sehr britische „Last Call“ für den nächsten Film erklang.

In den Folgejahren steuerten wir jeweils im Frühjahr gezielt London an – und versanken jedes Mal wieder in dieser wunderbaren Parallelwelt, in der Queeres die Regel und Heteronormativität die Ausnahme ist. Jährlich um die 20.000 Besucher_innen zählt das 1986 begründete Festival, das anfangs zwei Wochen, dann eine Woche lief. Anschließend gehen die Filme im Vereinigten Königreich noch auf Tour. In diesem Jahr waren wir nach drei Jahren Pause wieder in London – nur für drei der nunmehr zehn Tage, aber immerhin. LLGFF heißt heute BFI Flare, hat aber an Qualität nichts eingebüßt.

Das Programm von BFI Flare wird von einem scheinbar unverändert motivierten Team zusammengestellt. Bewerbungen von Regisseur_innen mit ihren Filmen sind bis kurz vor Jahresende möglich, das Programm wird meist Anfang Februar veröffentlicht. Wer Mitglied im British Film Institute BFI wird, hat Zugang zum „priority booking“ – das ist besonders für jene Filme von Bedeutung, die im kleinsten der vier Filmsäle laufen, dem Studio mit knapp 40 Plätzen.  Aber auch die Screenings im größten Saal, dem NFT1 mit 450 Plätzen, sind oft rasch ausgebucht. So hatten wir in diesem Jahr Glück, dass wir überhaupt noch Karten für den Samstag-Abend-Lesbenfilm „Below Her Mouth“ bekamen.

Der Lesbische Samstagabend

Etwa 20 Minuten vor Filmbeginn war Einlass. Am Eingang gab es ein Info-Sheet zum Film, das von der BFI Documentation Unit zusammengestellt wurde. Es informierte über den Inhalt des Films und die „technischen“ Daten, d.h. Regisseur_in, Schauspieler_innen, Kamera- und Tonleute usw. Fast kam ich nicht zum Lesen, da sich der Saal nach und nach mit oft faszinierenden Frauen füllte. Pünktlich trat  Emma, Mitglied der Programmkommission, auf die Bühne, die den Saal freundlich mit „Good evening, welcome to BFI Flare Lesbian Saturday Night“ begrüßte. Und der Saal grüßte fast frenetisch zurück: „Good evening, Emma“.

Emma holte nun die Regisseurin auf die Bühne – wer mal bei der Berlinale war, kennt das Procedere irgendwie. Und dennoch war es ganz anders, denn nicht nur die Regisseurin, sondern auch alle anwesenden Schauspieler_innen und weiteren Mitwirkenden wurden schon vor dem Film auf die Bühne geholt und kurz vorgestellt. Nach der Filmvorführung kehrten sie dann gemeinsam mit Emma zurück auf die Bühne, unterhielten sich zunächst miteinander und dann mit dem Publikum. Die Fragen des Publikums waren dabei häufig deutlicher politischer als jene, an die ich mich von der Berlinale erinnere, etwa: „Warum haben Sie diese Kamera benutzt und nicht jene?“ Stattdessen geht es bei Flare um Homofeindlichkeit, strafrechtliche Verfolgung und natürlich in diesem Jahr auch um den amtierenden US-Präsidenten.

Below Her Mouth“ war nur eines der lesbischen Highlights in diesem Jahr – das ich sehr empfehlen kann. Die relativ einfache Story – Frau verliebt sich in Frau, die eigentlich demnächst Mann heiraten wollte – ist alt bekannt. Allerdings war vermutlich nicht nur ich überrascht, wie viel dank eines ausschließlich weiblich besetzten Teams am Set aus dieser Storyline in Bezug auf die Erotik noch herauszuholen ist.



Das umso mehr, als dass eine Internetsuche nach den Wörtern „Lesben“ und „Sex“ in gefühlten 99,9% der Fälle entweder zum Film „Bound“ oder zu Pornos mit zwei oder mehr vermutlich heterosexuellen Frauen und der Zielgruppe der heterosexuellen Männer führt.

Queer, bunt und kompakt

Das Flare bietet von allem etwas, so dass die Auswahl schwer fällt. Aufgeteilt in die Kategorien „Hearts“, „Bodies“ und „Minds“ umfasst das Festival die unterschiedlichsten Filmkategorien von Kurzfilmen über Dokus bis zu Spielfilmen. Wo die Berlinale vor allem in der Sektion „Panorama“ zwar einiges Queeres bietet, die lesbischen Filme aber oft nur mit der Lupe und die Vorführungen dann an verschiedenen Enden der Stadt zu finden sind, ist Flare tatsächlich queer, bunt UND kompakt.

Ein großer Vorteil des Festivals ist, dass es dank der Verbreitung der englischen Sprache, Filme aus sehr unterschiedlichen Kulturen im Original versammeln kann. Bei BFI Flare bzw. dem Vorgänger LLGFF sah ich den Film „Valentine Road“, über den ich hier schon schrieb, schaute Sam Feders Porträt von Kate Bornstein an und feierte noch vor der Gründung unserer Familie mit Londoner Regenbogenfamilien bei „Families Like Ours“ Serien und Kurzfilme, in denen wir vorkamen. In „Cloudburst“ freute ich mich mit zwei älteren Lesben in den USA, die zwecks Hochzeit nach Kanada fliehen, um der Enkelin zu entkommen, die die eine ins Altersheim stecken und die andere aus dem gemeinsamen Haus rauswerfen will. Und in „Kiss me“ genoss ich eine weitere wunderbare Variante von „Frau trifft Frau, die Mann heiraten will“.

Vito“ zeigt das Engagement von Vito de Russo, Autor des Buchs „The Celluloid Closet“ und bis zu seinem Tod infolge einer Aids-Erkrankung Aktivist bei Act up. Beim Festival sah ich eine Vorschau auf einen Film über die Kampagnen US-amerikanischer „Christen“ gegen Homosexualität in Uganda. In diesem Jahr zeigte uns auch „Pearl of Africa“, wie es aktuell um queere Menschen in Uganda bestellt ist. Der Film erzählt die Geschichte von Cleopatra Kambugu: Sie ist die erste Transfrau, die von der Boulevardzeitung „Red Pepper“ geoutet und damit zur Flucht gezwungen wurde.



Different for girls

Ebenfalls in diesem Jahr fand bei Flare die „Uraufführung“ der Web-Serie „Different for girls“ statt. Die Autorin Jacquie Lawrence erklärte, dass sie ursprünglich von Channel 4 angefragt worden sei, eine lesbische Variante von „Queer as Folk“ zu schreiben. Als aber dann „The L Word“ erschien, hätte sich die Anfrage plötzlich erledigt.

2014 griff sie die Geschichte und Charaktere von damals in einem E-Buch und 2015 im Paperback „Different for Girls“ wieder auf. Anstatt aber die ursprünglich geplante Geschichte von Mitt-Zwanziger LSBT in London zu erzählen, überlegte sie, wie es den Charakteren wohl zehn Jahre später erginge. Dank Änderungen in Recht, Kinderwunschbehandlung und der Ehe für alle (die in UK im Gegensatz zu Deutschland möglich ist) entwickelten sich ganz andere Erzählstränge, als es zehn Jahre vorher absehbar war.

Und so dreht sich „Different for Girls“ anstatt um Coming-Out-Stories um LSBT im West-Londoner Stadtteil Chiswick, die zwischen Job, Hochzeit, Beziehung, Affäre, Scheidung und Kindern hin und her pendeln. Oder, wie Jacquie Lawrence sagt, um „the real lesbian housewives of west London“. 



Flare Für Zuhause

Das Gute ist: BFI Flare findet in gewisser Weise das ganze Jahr statt und kommt über den BFI player bis nach hause. Und damit es auch zwischen den Festivals nicht langweilig wird, hat das Orga-Team über 100 Programmer_innen, Filmemacher_innen und -kritiker_innen anlässlich des 30. Flare-Festivals nach den besten 30 LGBT-Filmen aller Zeiten befragt. Meine bisherigen Favoriten sind eher ab dem 31. Platz zu finden. Aber hey, wer weiß, vielleicht habe ich ja auch neue Favoriten, wenn ich alles von der Liste erst einmal geschaut habe. Und vielleicht bekomme ich das ja sogar hin, denn bis zum nächsten Festival ist ja noch ein bisschen Zeit.