Bin ich schon draußen?

Foto , CC 0 , by nancydowd

Die langjährige Debatte um die #ehefüralle wird seit jeher von Beiträgen begleitet, in denen sich Kritiker_innen – bevorzugt weiß, männlich, etabliert, älter – darüber echauffieren, dass „diese Homos“ allen und jeden ihre Sexualität auf die Nase binden.

Sex ist Sex ist Sex

Viel ist gesagt und noch mehr geschrieben worden darüber, dass sexuelle Praktiken nicht gleichbedeutend sind mit sexueller Orientierung oder sexueller Identität. Doch das interessiert die Kritiker_innen nicht, käme ihnen doch ihr wunderbares Aufregerthema abhanden. Dass sich manche_r vor allem darüber aufregt, dass „diese Schwulen“ den vermeintlich besseren und/oder häufiger Sex haben, macht das absurde Interview mit Akif Pirinçci im großartigen Film „Gleiche Liebe – Falsche Liebe“ von Peter Gerhardt deutlich. Ja, das ist der Akif Pirinçci, der kürzlich bei „1 Jahr Pegida“ der Bundesregierung unterstellte, sie wolle am liebsten Konzentrationslager für „Andersdenkende“ (sein Terminus für Nazis) einrichten. Woraufhin sich, inklusive Pegida, alle über ihn aufregten, weil er ja Konzentrationslager für Flüchtlinge einrichte wolle. Aber sei’s drum, ich schweife ab.

Homos, so lässt sich zusammenfassen, reden pausenlos über Sex, während Heteros das nicht tun und auch nicht hören wollen. Wenn also die Homos aufhörten, über Sex zu reden, wäre alles schick, die Homos wären toleriert und alles wäre wie früher – also gut. Außer für die Homos, die „im Schrank“ wären. Aber sind ja bloß Homos. Und außerdem könnten die ja auch anders, wenn sie wollten. Aber wollen sie ja nicht, weil wegen dem Sex… oder so ähnlich.

Lesbisch? Iiiieh …

Meine erste Begegnung mit Homosexualität, an die ich mich erinnere, hatte ich als Achtjährige. Unsere 3. Klasse spielte „Mädchen die Jungens“ oder – häufiger – „Jungens die Mädchen“, was hieß, dass jeweils eine Gruppe eine Pause lang Zeit hatte, die andere zu fangen und möglichst kraftvoll in das „Gefängnis“ zu werfen und dort festzuhalten. Das Gefängnis war die Ecke unter der offenen Treppe unseres Schulaltbaus, und Berührung war nicht nur unvermeidlich, sondern erwünscht. Dabei beschimpften Jungen widerspenstige Mädchen schon mal als lesbisch. Ahnungslos wie ich war, fragte ich eine Mitschülerin, was das denn heiße. Sie glaubte erst nicht, dass ich das nicht wusste. Am nächsten Tag war sie dann gnädig genug, mit mir die entfernteste Ecke des Schulhofs – das Beet hinter dem Neubau – aufzusuchen und mir im Flüsterton zu erläutern, lesbisch sei, wenn Mädchen mit Mädchen, also, ich wisse schon… ! Ich wusste immer noch nicht, und sie flüsterte noch leiser, also, wenn die sich küssen würden… und verdrehte die Augen. Ich sagte nur noch „Iiiieh…“ und dachte das in dem Moment sicherlich auch. Zwei Jahre später rief ein Mitschüler einer Referendarin „Alte Lesbe!“ zu, was ihm einen Verweis einbrachte und ein „Das sagt man nicht.“ Zwar gab es dann in der 6. Klasse noch Aufklärungsunterricht, aber ich erinnere mich nicht, dass Homosexualität thematisiert worden wäre.

Auch der Rest meiner Schulzeit verlief weitgehend unberührt von jeglicher Erkenntnis, dass es noch etwas anderes geben könne als das klassische Frauenschicksal, einen Mann zu heiraten und Kinder zu bekommen. Und – nicht zu vergessen – immer mit ihm zusammenzubleiben, komme was da wolle. Ich mochte Kinder, das war nicht das Problem, aber den Lebensentwurf meiner Mutter, die ihren Job vor der Geburt meiner großen Schwester an den Nagel gehängt hatte, fand ich trotzdem nicht erstrebenswert.

Doch je mehr meine Mitschülerinnen sexuelle Erfahrungen mit Jungen machten, umso klarer wurde mir, das ich „irgendwie anders“ war. Zwar gab es den französischen Austauschschüler in der 9., für den ich schwärmte, und der dann mit einem anderen Mädchen zusammenkam. Und den Jungen aus der 10., der eine 80er fuhr, „cool“ aussah und – Überraschung! – mit einer Klassenkameradin zusammenkam. Ich merkte, dass die seltene Fummelei mit männlichen Mitmenschen für mich bei weitem nicht so erfüllend war, wie ich das aufgrund der einschlägigen Bravo-Lektüre und der Schilderungen von anderen Mädchen und Frauen erwartet hatte.

Der zweite und letzte derartige Kontakt – ich war 21 – endete damit, dass ich sagte, das ginge so nicht. Mein Gegenüber konterte, ich sei ohnehin nicht attraktiv und seine Freunde hätten ihn eh schon gefragt, was er mit mir wolle. Was im Sinne einer self-fulfilling prophecy perfekt war, um das Thema Sexualität (mit anderen) für einige Zeit erstmal komplett auszublenden.

Das hinderte mich nicht daran, verschiedenste Frauen „interessant“ zu finden, ich kam nur nicht darauf, was das bedeutete. Und selbst wenn ich darauf gekommen wäre, weiß ich nicht, ob ich mutig genug gewesen wäre, mir einzugestehen, dass ich lesbisch war. Denn die einzigen Lesben, die ich „kannte“, waren Martina Navrátilová – für die jüngeren Leser_innen: das ist eine Tennisspielerin, deren Aussehen nicht der „weiblichen Norm“ entspricht – und Hella von Sinnen. Beides nun nicht gerade Vorbilder dafür, wie ich das Leben, das ich mir geschaffen hatte, weiter „unauffällig“ hätte leben können.

Will ich raus?

Als ich dann nach langen Irrungen und Wirrungen doch noch verstand, warum ich „als einzige“ in meinem Umfeld nicht glücklich in heterosexuellen Beziehungen lebte, war ich erstmal baff. Ich war bei einem Freund zu Gast, der als Freiwilliger in der Gedenkstätte eines Konzentrationslagers arbeitete. Er machte mich mit einer US-Amerikanerin bekannt, die dort ebenfalls Führungen machte. Ich stand neben dieser tollen Frau ausgerechnet auf dem Appellplatz der Gedenkstätte, während sie englischsprachigen Besucher_innen etwas erklärte, und dachte „Ich will dich küssen.“ Ich wurde – glaube ich – knallrot und dachte „Hoffentlich hat das keine_r gemerkt.“ Und sagte – natürlich – erst mal nichts. Kurz darauf verließ ich die Stadt, in der ich nur zu Besuch gewesen war, und ließ auch die Frau – meines Wissens eine Hetera – dort zurück. Und bekam einen massiven Migräneanfall. Danach sah ich klarer und akzeptierte das Unausweichliche: Ich hatte eine Frau küssen wollen und war, wenn ich ehrlich war, in sie verliebt. Und dachte scharf darüber nach, ob ich das irgend jemandem erzählen wollte.

Da ich mehr der intellektuelle Typ bin, bestellte ich mir ein Buch über das Coming Out. Natürlich per Postversand, nicht, dass mich noch jemand sah, wenn ich das Buch kaufte! Ich las „Lesben und Coming Out“ von der schweizerischen „Redaktion Coming Out“. Und las weiter. Mir war dann doch recht rasch klar, dass die Person, die da beschrieben wurde, ich war. Die Angst davor, komisch zu sein, wich der Erleichterung, plötzlich einige der Merkwürdigkeiten zu verstehen, die ich in den letzten Jahren so erlebt hatte. Ich las „zur Sicherheit“ noch ein paar mehr Bücher, auch wenn eigentlich schon alles klar war. Denn was blieb, war die Angst vor Ablehnung. Sollte ich tatsächlich anderen erzählen, wie es um mich stand, sollte ich also tatsächlich „rauskommen“?

Vorher wollte ich sicher gehen, dass das Erlebnis im Sommer nicht nur eine momentane Irritation, ein Sonnenstich oder was ähnliches gewesen war. Ich besuchte jenen Freund also erneut – der besagte Frau auch toll fand – und organisierte ein Zusammentreffen. Zu dritt saßen wir in seiner sparsam möblierten Bude und aßen zu Abend. Ich erzählte, ich sei in Hamburg in der S-Bahn kürzlich von einem Mann angesprochen worden, der mich unbedingt wiedersehen und meine Telefonnummer haben wollte. Ich hätte mir nur damit zu helfen gewusst zu behaupten, dass ich auf dem Weg zu meinem Freund sei. Die Frau guckte mich kritisch an und sagte: „Es hilft auch zu behaupten, du bist lesbisch.“ Der Freund schaltete sich ein und fragte: „Und, bist du’s?“ Sie schaute mir in die Augen und sagte: „Leider nicht!“ Ich war einerseits erleichtert – nicht nur ich hatte was gemerkt – und andererseits traurig – meine Zuneigung wurde nicht erwidert. Zumindest aber war ich mir sicher, dass mein Gefühl mich nicht getrogen hatte. Und diese Frau hatte mir geholfen, das zu entdecken.

Der Plan

Ich schmiedete einen Plan. Wem konnte ich mich anvertrauen, ohne dass eine mögliche Ablehnung mich allzu hart treffen würde? Ich entschied mich für eine Kollegin aus Hamburg, die ich einmal wöchentlich traf, und bat sie, mit mir essen zu gehen. Nach einigem Rumeiern kam ich auf den Punkt und erzählte ihr, dass ich lesbisch bin. Sie nickte nur und sagte, ja klar, und ob denn eigentlich unsere eine Kollegin auch lesbisch sei? Denn die würde immer so negativ über die Lesben in ihrem Haus reden, und wenn sie selbst nicht lesbisch sei, dann wäre das ja wohl ziemlich unverschämt.

Ich war beglückt und leicht verwirrt. „Ja, klar!“ – das sollte es gewesen sein? Dafür hatte ich mir so einen Kopf gemacht? Auch die nächsten „Enthüllungen“ verliefen ähnlich, auch wenn die Reaktionen teils etwas komisch waren. So sagte mir jemand „Ich kenn da noch eine“ – „noch eine Lesbe“, meinte das. Ich bin mir noch heute unsicher, ob mich das trösten sollte nach dem Motto „Du bist nicht allein“, oder ob es ein Zeugnis der Toleranz meines Gegenüber ablegen sollte.

Meine Schwester schoß den Vogel ab, als sie mir ob meines Coming Outs sagte, das habe sie schon lange gewusst. Sie habe es nur nicht angesprochen, weil sie den Eindruck gehabt habe, ich sei noch nicht soweit. Na schönen Dank! Immerhin vermittelte sie mir den Kontakt zu einer Kommilitonin, die ich dann ausfragen durfte, wie es sich so als Lesbe lebt. Eine meiner Kommilitoninnen war so nett, mit mir in die einzige Lesbenkneipe meiner Heimatstadt zu gehen. Als wir an der gut besetzten Bar entlang gingen, fühlte ich mich wie bei der Fleischbeschau. Nachdem wir unseren Kaffee ausgetrunken hatten, habe ich nie wieder einen Fuß in den Laden gesetzt. Zum Glück gab es in meinem damaligen Heimatort regelmäßige Frauenpartys und andere Frauen- und Lesbenorte, die diesen Verzicht leichter machten.

Wie sag ich’s meiner Mutter?

Das Coming Out ging weiter, manches Mal war es leichter, manchmal schwerer. So brauchte ich einige Zeit, um meinen Eltern zu sagen, wie es um mich steht. Dass ich das tun wollte, war mir klar. Aber wie ich es anstellen sollte, wusste ich lange nicht. Am 60. Geburtstag meiner Mutter kam es zu der wunderbaren Szene, dass ich mich für sie „hübsch“ gemacht hatte – ich trug eine Halskette. Prompt fragte meine Mutter mich, für wen ich mich denn hübsch gemacht hätte, ob denn heute wohl noch ein junger Mann käme? Meine jüngere Schwester, die Bescheid wusste, konnte sich vor Lachen kaum halten, als ich stotterte, „Äh, nein, also, äh, für dich.“ Immerhin ergänzte ich noch, es gebe keinen jungen Mann in meinem Leben.

Einige Wochen später fasste ich mir ein Herz und lud meine Eltern zum Brunch ein. Währenddessen und beim anschließenden Spaziergang erzählte meine Mutter unaufhörlich von den Enkelkindern ihrer Nachbar_innen. Mein Vater und ich gingen schweigsam neben ihr her. Irgendwann sagte sie: „Ich rede ja die ganze Zeit, habt ihr nichts zu erzählen?“ Mein Vater brummelte „Nö.“ Ich lief einen halben Schritt vor den beiden her. Ich gab mir einen Ruck und erzählte, dass ich gemerkt hätte, dass ich mich in Frauen verliebe, und ja, dass ich, also, dass ich wohl lesbisch sei. Dann drehte ich mich um und fragte, „Na, jetzt habt ihr hoffentlich keinen Herzinfarkt.“ Mein Vater sagte: „Nö, Hauptsache du bist glücklich.“ Und meine Mutter ergänzte, ja, das habe sie ja kürzlich im Fernsehen gesehen, da sei auch ein junger Mann gewesen, der lieber eine Frau sein wollte. Ich lachte – vor Erleichterung, und weil dieser Vergleich für mich in dem Moment so absurd war – und sagte „Naja, so ähnlich.“ Noch heute bin ich den privaten Fernsehsendern unendlich dankbar.

Männer und Frauen

In der Folgezeit erzählte ich nach und nach allen Menschen, die mir wichtig waren, von der großen Veränderung in meinem Leben. Gerne erinnere ich mich an die Reaktion einer entfernten Bekannten, die mir beruflich eine Zeitlang Mentorin war. Sie sagte: „Na dann ist ja klar, warum du plötzlich so aufrecht gehst. Ich hatte mich schon gewundert.“ Das Coming Out hatte offensichtlich auch meine Körperhaltung verändert.

Interessant fand und finde ich die sehr unterschiedliche Reaktion von Frauen und Männern auf mein Coming Out. Gefühlt die Hälfte der Frauen, mit denen ich sprach, sagten, sie hätten „darüber“ auch schon mal nachgedacht. Meinte weniger „lesbisch sein“ als „mit einer Frau Sex haben“. Die Männer hingegen nahmen die Neuigkeiten zur Kenntnis und fühlten sich allenfalls bemüßigt mitzuteilen, sie seien nicht schwul.

Lustig war eine Situation während eines Stipendiums in den USA. Ein (heterosexueller) Mit-Stipendiat und ich standen in Washington, D.C., in einem Aufzug, als ein sehr attraktiver und offensichtlich schwuler Mann zustieg. Über die nächsten 23 Etagen flirtete er meinen Begleiter an, der sehr rot wurde und sich sichtlich unwohl fühlte. Als wir den Aufzug verließen, sagte er: „Das war aber unangenehm.“ Ich tat ahnungslos und fragte: „Was denn?“ „Na, der war doch, also, der hat doch mit mir, also, geflirtet.“ Ich „Achso, ja, der war schwul, oder?“ Er: „Ja, aber ich bin nicht schwul. Und der hat doch… “ Ich sagte: „Und was meinst du, was Frauen jeden Tag passiert?“

Stetiges Coming Out

Mir wurde rasch klar, dass es das eine Coming Out nicht gibt. Im Gegenteil kam und komme ich immer wieder in Situationen, in denen ich mich erklären muss oder will. Das heißt nicht, dass ich mit einem großen „L“ auf der Stirn durch die Gegend laufe, auch wenn das einige so empfinden. Und immer mal wieder treffe ich auf heterosexuelle Menschen, die sich wundern oder beschweren, warum „die Homos“ soviel „Gewese“ um ihre Sexualität machen. Sie würden schließlich auch nicht… ja, was eigentlich?

Sie würden schließlich auch nicht pausenlos über ihre sexuellen Praktiken reden? Das tue ich auch nicht. Sie würden schließlich auch nicht über ihre sexuelle Orientierung reden? Überraschung, aber das tue ich auch nicht. Worüber sie alle aber – nicht pausenlos, aber regelmäßig – reden, ist ihre sexuelle Identität. Spätestens dann, wenn beim Gespräch über die Wochenendgestaltung von „wir“ die Rede ist, wird entweder erwähnt oder automatisch angenommen, dass damit der_die heterosexuelle Partner_in und ggf. noch Kinder gemeint sind. Werden diese Menschen dann nicht benannt – mit Namen oder mit mein_e Mann_Frau – wird es oft merkwürdig und der_die Erzählende wird komisch angeschaut.

Homos, die sich entscheiden, immer oder situationsweise „im Schrank“ zu bleiben, haben immensen Stress, ihre Erzählungen stringent wirken zu lassen, d.h. immer von „wir“ zu reden, oder explizit niemals Namen zu nennen usw. Es gibt Untersuchungen dazu, dass die Produktivität dieser Menschen im Arbeitskontext dadurch eingeschränkt wird. Das muss kein Argument für ein Coming Out sein, wohl aber eines dafür, Stressoren zu beseitigen.

Dabei können natürlich auch Arbeitgeber_innen helfen. Die Charta der Vielfalt ist eine Initiative für Arbeitgeber_innen, die sich für Vielfalt im Arbeitsumfeld engagieren. Da ich mich in meinem Hauptjob für die Begründung eines LSBT*-Netzwerks stark gemacht habe und mein_e Arbeitgeber_in in der Folge die Charta unterzeichnet hat, wurde ich zur Jahrestagung 2015 eingeladen. Im Gespräch mit Personalentwickler_innen diesbezüglich fortschrittlicher Unternehmen war ich überrascht, dass auch einige von ihnen sexuelle Orientierung und Identität nicht auseinander halten konnten – und auch den Bedarf dazu nicht sahen.

Werde ich beruflich diskriminiert, weil ich lesbisch bin? Ich weiß es nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es eine Rolle spielt, aber ich habe inzwischen so viele diskriminierungsfähige Eigenschaften, dass ich gar nicht genau sagen könnte, welche davon ggf. herangezogen wird, um eine Entscheidung gegen mich zu fällen. Das kann ich so locker sagen, weil ich einen spannenden und gut bezahlten Job habe, in dem ich engagiert und erfolgreich arbeite. Andere machen definitiv schneller als ich Karriere. Aber woran das am Ende liegt, kann ich nicht sagen.

Das ist vielleicht eines der Hauptprobleme mit Diskriminierung jeder Art. Solange jene, die (vielleicht) diskriminiert werden, das belegen müssen, ist es wenig folgenreich, zu diskriminieren. Klar, ich weiß, es gibt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Das ist gut, denn es heißt, dass es eine gesetzliche Grundlage gibt, wenn ich gegen Diskriminierung aufgrund meiner sexuellen Identität klagen möchte. Schöner wäre es, es gäbe dafür – nicht nur für mich – gar keinen Anlass.

Und jetzt auch noch Kinder

Weil all meine Besonderheiten nicht genug waren, wollte ich schließlich auch noch Kinder haben. Dass ich „irgendwie anders“ war, war mir dabei schon klar. Aber meine Frau und ich kannten verschiedene Regenbogenfamilien und freuten uns darauf, unsere Familie zu vergrößern. Das hat geklappt und wir haben zwei wunderbare Kinder, die ihren (gemeinsamen) Vater kennen und bei uns – ihren beiden Müttern – leben.

Doch selbst einige derjenigen, die rasch akzeptiert hatten, dass ich „andersrum“ bin, stellten teils sehr kritische Fragen, als sie hörten, dass meine Frau schwanger ist. Der darunter liegende Vorwurf war oft sehr deutlich: „Jetzt bis du schon anders, und dann ziehst du auch noch unschuldige Kinder mit da rein?“

Mir bleiben auch heute oft die Worte weg ob dieser Umkehrung der Tatsachen. Denn wenn ich auch „anders“ bin, sind meine Kinder einfach erstmal genau das: Kinder. Die in einer Familie mit liebenden Eltern aufwachsen. Das Konstrukt, dass unsere Kinder „defizitär“ sein müssen, weil wir es vermeintlich sind, ist wirklich absurd.

Ich glaube, der Hintergrund dafür ist ein anderer: Als Lesbenpaar sind wir erkennbar, vor allem, wenn wir Hand in Hand gehen und/oder uns küssen. Als einzelne lesbische Frau mit Kindern bin ich vor allem eins: die Mutter der Kinder. Und wenn meine Homosexualität in der Situation nicht erkennbar wird, dann ist sie dafür möglicherweise auch gar nicht so wichtig. Was wiederum manches Gedankengebäude zum Einsturz bringen würde.

Fest steht: Das stetige Coming Out geht weiter, mit Kindern noch mal mehr als ohne. Eben weil wir so „normal“ aussehen, dass sowohl meine Frau als auch ich immer wieder gerne gefragt werden, was denn unser Mann beruflich macht. Früher sagte ich auf die Frage nach (m)einem Mann gerne: „Bin ich nicht, hab ich nicht, brauch ich nicht“. Heute antworte ich meist pragmatischer mit „Meine Frau ist…“. Das klärt die Frage zwar schnell, wirft aber natürlich einhundert andere auf. Und egal wie sehr ich „draußen“ bin: das wird mit Sicherheit noch eine Weile andauern.

  • Mountain_of_Conflict

    Vielen Dank für die Hinweise auf die Unterschiede zwischen sexuellen Praktiken, Orientierung und Identität.

  • Pinguinlöwe

    Ein Comming-Out stelle ich mir unglaublich schwierig vor. Egal ich auch darüber lese. Hier ist die Reaktion der Eltern ziemlich gut, im Vergleich zu dem, was passieren könnte und was sich vermutlich auch im Kopf abspielt.

    Ich hardere seit langem mit meiner Sexualität. Allerdings sind solche Artikel sehr hilfreich um zu sehen, wo „mensch“ denn selbst steht. Wenn man klar sagen kann, ob „mensch“ hetero oder homo ist, dann ist das ja auch irgendwie eine Erleichterung. Ich selbst fühle mich wie ein zwischenwesen, dass einfach kein Bock auf Stereotype hat. Ich möchte einmal an einem Tisch mit Menschen sitzen, wo es nicht nach einer gewissen Zeit nur noch um Dumme Sprüche und Sex geht, egal welches Geschlecht betreffend.

    Ich könnte nicht sicher sagen: Ich fühle mich nur zu Männern oder Frauen hingezogen, denn das hat immer- IMMER- die sexuelle Komponente inne und die geht mir einfach nur auf den Keks und so haben es so ziemlich alle Coming-Out Texte, die es gibt. Wie wäre es aber mal mit einem anderen Coming out:
    Solange der Mensch auf der anderen Seite in Ordnung ist, ist mir egal woher er kommt oder ob er oder sie sich Männlich oder weiblich fühlt. So müsste „mensch“ doch mal miteinander sprechen können.

    Stattdessen gibt es in den meisten Städten Gruppen die entweder hauptsächlich für heteros oder für homosexuelle Menschen sind und „man“ fühlt sich weder in der einen, noch in der anderen wohl.. immer ausgestoßen, nie zu Hause, nie glücklich, weil immer unendlich viele Annahmen im Raum stehen.

    So, ja.. ich denke es gibt noch uneindeutigere Menschenbilder, die irgendwo zwischen allen Grenzen vor sich hin treiben und die schwer zu erkennen sind. Das macht sie aber nicht weniger wirklich, nicht weniger verletztlich und so ist es wichtig, den anderen, das Gegenüber nicht vorzuverurteilen, nicht in Homo/Hetero Klischees zu stecken, sondern einfach auch mal zuzuhören, denn jeder Mensch erzählt eine andere Geschichte.