Meine Mutter ist nicht mehr da (Teil 5) – Orientierungslosigkeit und Halluzination

Foto , CC BY-NC-ND 2.0 , by ~janne

Inhaltshinweis: Krankheit, Tod, Demenz

Meine Mutter war an Lewy-Körperchen-Demenz erkrankt und ist daran gestorben.
In Teil 1 ging es um die Diagnose und die folgende Ohnmacht,
in Teil 2 um meinen Umgang mit Tod und Trauer,
in Teil 3 um Kontrolle, Angst und Liebe,
in Teil 4 um Kommunikation, Sprachlosigkeit und das Vergessen.

Orientierung

Dass meine Mutter die räumliche Orientierung verlor, fiel mir erstmals im Mai 2006 auf, als sie mich das letzte Mal in Berlin besuchte. Gegenüber meinem letzten Besuch bei ihr hatte sie weiter abgebaut. Schon die Zugfahrt, die sie allein im durchgehenden Zug absolviert hatte, war für den Schaffner offensichtlich eine Zumutung gewesen. Angekommen am Bahnhof Zoo stieg meine Mutter erst nach seiner Aufforderung aus. So stand sie mit dem Köfferchen, das er ihr hinterher trug, mit großen Augen auf den Bahnsteig. Als sie mich erblickte, lief sie – natürlich ohne Koffer – auf mich zu. Ich rief „Dein Koffer!“, und sie blickte mich nur fragend an. Als ich dann den Koffer vom Schaffner abholte, sah er mich tadelnd an und sagte: „Ihre Mutter wollte schon unterwegs aussteigen, es war sehr schwer, sie davon abzuhalten.“

Bei diesem zweitägigen Besuch hatte ich das erste Mal den Eindruck, dass meine Mutter ihre Umwelt nur noch auf eine sehr eigene Weise wahrnahm. Egal wohin wir gingen und egal was wir taten: wie schon im Urlaub anderthalb Jahre zuvor, war alles schön – solange wir es zusammen taten. Im Zentrum stand jedoch, dass sie sich nicht mehr orientieren konnte, nicht mehr wusste, wo sie hergekommen war oder wo sie hin wollte. Entsprechend anstrengend war der Besuch, doch das dicke Ende sollte noch kommen.

Am Montag, sehr früh, sollte Mama mit dem einzigen durchgehenden Zug zurück nach Hause fahren. Angesichts der Beschwerde des Schaffners auf der Hinfahrt hatte ich ein leichtes Grummeln im Bauch, ob diese Rückfahrt glücklich verlaufen würde. Ich hatte den Wecker auf eine halbe Stunde vor der Zeit gestellt, zu der ich allein aufgebrochen wäre. Doch das war, wie ich schmerzhaft lernte, zu spät.

Denn alles, was Mama tat, tat sie langsam. Sie packte ihren Koffer langsam, sie zog sich langsam an, und sie schlich in Richtung U-Bahn. So verpassten wir eine U-Bahn, die nächste hatte Verspätung. Ich rief ein Taxi, das niemals kam. Derweil entsorgte meine Mutter alle ihre U-Bahn-Fahrkarten, inklusive der gerade gekauften. Mittlerweile panisch – denn ich hatte wichtige Termine und musste meine Mutter auf den Weg nach Hause bringen – lief ich mit meiner Mutter wiederum die Treppe zur U-Bahn hinauf. Wir nahmen die nächste Bahn – nachdem ich ihr erneut eine Fahrkarte gekauft hatte – und kamen kurz vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof Zoo an. Als wir auf den Bahnsteig kamen, fuhr der durchgehende Zug gerade los.

Ich erkundigte mich nach den weiteren Verbindungen in unsere Heimatstadt. Es war, wie ich befürchtet hatte: Es gab an diesem Tag nur noch Umsteigeverbindungen. Die Mitarbeiterin der Bahn wies mich auf das Angebot der begleiteten Reise hin – meine Rettung! Dachte ich. So meldete ich mich auf dem Bahnsteig und erklärte meiner Mutter, wer ihr wann sagen würde, dass sie umsteigen soll.

Während ich mit der Mitarbeiterin auf dem Bahnsteig Einzelheiten klärte, stierte meine Mutter vor sich hin. Plötzlich ging sie zu der Bahnmitarbeiterin, zupfte sie am Ärmel, strahlte sie an und sagte mit ihrer Kleinmädchenstimme: „Ich bin hier“. Die Frau nickte etwas irritiert und dachte sich vermutlich ihren Teil. Bei Einfahrt des Zuges meldete sie meine Mutter bei der Zugbegleiterin an, die zur Kenntnis nahm, dass meine Mutter am Hamburger Hauptbahnhof an die Kollegin auf dem Bahnsteig zu übergeben sei. Ich verabschiedete Mama, und fuhr mit einem etwas mulmigen Gefühl ins Büro, von wo aus ich meine Schwester informierte, mit welchem Zug Mama ankommen sollte. Sie fragte: „Bist du sicher, dass das eine gute Idee war?“, und ich beruhigte sie und mich, indem ich sagte: „Wird schon schief gehen.“

Meine Mutter war verloren gegangen

Gegen 12 Uhr klingelte mein Telefon. Meine Schwester teilte mir leicht panisch mit, dass Mama nicht aus dem Zug gestiegen war, in dem sie hätte sitzen sollen. Mir rutschte das Herz in die Hose. Meine Mutter war verloren gegangen, und ich war schuld daran. Noch schlimmer: Wir wussten nicht, ob sie schon an einem Bahnhof unterwegs ausgestiegen war, ob sie vielleicht sogar das Aussteigen verpasst hatte.

Oder war sie zwar richtig ausgestiegen, dann aber nicht in den Zug nach Hause eingestiegen? Vielleicht saß sie sogar im richtigen Zug, war aber am falschen Bahnhof ausgestiegen oder über die Heimatstadt hinaus weitergefahren. Tausende Möglichkeiten schossen mir durch den Kopf, keine davon war beruhigend.

Äußerlich blieb ich dennoch zunächst ruhig, versuchte, auch meine Schwester zu beruhigen. Ich bat sie, zum Service-Point im lokalen Bahnhof zu gehen. Von dort aus kontaktierten die Bahn-Mitarbeiter_innen die Zugbegleiterin im ICE, in den ich Mama gesetzt hatte. Etwa 20 Minuten später stellte sich heraus, dass, als die Zugbegleiterin meine Mutter kurz vor dem Umsteigen aufsuchen wollte, um sie beim Aussteigen zu begleiten, Mama nicht mehr an ihrem Platz gewesen sei. In der Annahme, dass Mama also vermutlich eigenständig ausgestiegen war, wurde nun vom Service-Point aus die Bahnhofspolizei am geplanten Umsteigebahnhof Hamburg kontaktiert.

Ich stellte mir meine Mutter vor, allein und verwirrt im für sie vermutlich riesigen und vor allen Dingen lauten Hamburger Bahnhof. Natürlich hatte sie alle notwendigen Unterlagen in ihrer Handtasche, allerdings durfte bezweifelt werden, dass sie das wusste, geschweige denn, sich daran erinnerte. Ich war verzweifelt, vor allem, weil ich mir die Schuld an der Situation gab und weil ich nichts daran ändern konnte. Ich saß in Berlin, fernab des Geschehens, und war darauf angewiesen, per Telefon vom Fortgang des Geschehens zu erfahren.

Ich saß auf meinem Schreibtischstuhl im Büro und war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Vor allem zermarterte ich mir das Hirn, ob ich irgendetwas hätte anders machen können. Nach einer Viertelstunde meldete sich meine Schwester wieder, nur um zu sagen, dass es noch nichts Neues gebe. Ich malte mir aus, wie meiner Mutter mit Handtasche und Koffer orientierungslos durch die Innenstadt von Hamburg lief.

Als ich etwa 16 war, waren meine Eltern oft mit uns nach Hamburg gefahren. Mama hatte es geliebt, in der „großen Stadt“ gemeinsam bummeln zu gehen. Doch heute, falls sie dort gerade war, war das mit Sicherheit anders. Ich schwankte zwischen Panik und Ruhe, versicherte mir selbst, dass in Deutschland so leicht niemand verloren geht. Andererseits war genau das gerade passiert: Mama war verloren gegangen.

Ich ging, da ich ohnehin nichts ausrichten konnte, mit Kolleg_innen zum Mittagessen, war allerdings völlig abwesend. Als ich erzählte, was passiert war, brach ich in Tränen aus. Zum Glück klingelte kurz darauf mein Telefon: Meine Schwester war unterwegs zur Bahnhofspolizei im Heimatort. Deren Kolleg_innen in Hamburg hatten Entwarnung gegeben, da meine Mutter bei ihnen saß. Mir fiel ein Stein vom Herzen, denn alles Weitere, soviel war klar, ließe sich irgendwie regeln. Telefonisch vereinbarte meine Schwester, dass die Polizei vor Ort Mama in den Zug nach Hause setzen würde. Dort kam meine Mutter dann schließlich gegen halb drei an und wurde von meiner Schwester am Bahnsteig empfangen.

„Wo ist denn hier die Treppe?“

Was aber war eigentlich passiert? Mama hatte sich offensichtlich so intensiv eingeprägt, wo sie umsteigen muss, dass sie schon lange vor dem Hamburger Bahnhof ihren Platz verlassen hatte und zur Tür gegangen war. Ausgestiegen, wusste sie dann nicht mehr weiter. In ihren Worten hörte sich das dann in etwa so an, dass da „so viele Leute“ waren, und es war „ganz laut“, denn da waren „so viele Leute“. Weil offensichtlich niemand da war, der_die sie abholte, überlegte meine Mutter sich, was sie tun sollte. Und dann fiel ihr ein, dass, wer nicht mehr weiter weiß, zur Polizei geht. Ganz so, wie unser dreijähriger Sohn heute immer mal wieder im Spiel ruft: “Eins-eins-zwei Po-li-zei”.

Unter großem Stress, so stelle ich es mir vor, irrte sie also durch den Bahnhof und versuchte, die Polizei zu finden, die „ganz versteckt, da so im Dunkeln“ ihr Revier hatte. Dort eingetroffen, so vermute ich, war sie atem- und sprachlos. Sie erzählte später, die Polizist_innen seien sehr nett gewesen und hätten sie immerzu etwas fragen wollen, aber sie hätte gar nicht sprechen können, darum hätte sie denen gesagt, sie sollten erstmal weiter arbeiten.

Und so saß meine Mutter vermutlich, während wir nach ihr fahndeten, schon längst bei der Polizei im Hamburger Hauptbahnhof.  Die hatte dann auch noch einen guten Tipp für uns: Namen in die Bekleidung nähen, und Zettel mit relevanten Kontaktdaten in verschiedene Taschen stecken für den Fall der Fälle. Einen Zettel mit unseren Handy-Nummern hatte ich Mama in die Handtasche gesteckt. Da er nicht mehr da war, als sie in in der Heimatstadt ankam, ist zu vermuten, dass sie ihn weg geworfen hatte, weil sie ihn nicht brauchte.

Ich lernte aus diesem Erlebnis zweierlei: Mama würde mich wahrscheinlich nicht mehr allein in Berlin besuchen. Und wir hatten einen weiteren Demenzfortschritt erlebt: Mama konnte sich außerhalb ihres Hauses und engsten Umfelds nicht mehr orientieren und konnte also nicht mehr allein aus dem Haus gelassen werden.

Was banal klingt, war logistisch und emotional extrem belastend für uns. Zwar war meine Schwester vor Ort, das hieß aber natürlich nicht, dass sie unsere Mutter 24 Stunden täglich begleiten konnte. Und: Dieses engste Umfeld unserer Mutter veränderte sich in der Folgezeit enorm. Binnen weniger Monate verlor Mama die Orientierung innerhalb des bisher vertrauten Umkreises von etwa zwei Kilometern, in dem sich ein Supermarkt, eine Bank und die Post befanden.

Bei Spaziergängen im September 2006, also vier Monate, nachdem sie verloren gegangen war, sagte mir Mama des Öfteren am Ausgang des Wohngebiets, in dem sie 30 Jahre lang zuhause war, dass sie nicht mehr wisse, wie sie von hier nach Hause komme. Bis zu ihrer Haustür waren es von hier aus etwa 300 Meter.

Ebenfalls im Herbst verirrte sich Mama dann zunehmend häufiger vor dem Haus und schließlich auch im Haus. Fünf Meter vor ihrer Haustür fragte sie die Nachbarin, wo sie denn jetzt hin müsse. Mit Tränen in den Augen brachte die in den langen Jahren zur Freundin gewordene, gleichaltrige Nachbarin Mama zur Haustür und erklärte ihr wieder einmal, wer denn wo wohne.

Kurz darauf war es dann soweit, dass meine Mutter sich auch im eigenen Haus verirrte. Eines Abends, ich wollte sie gerade zu Bett bringen, stand sie in der Essecke und tastete die Wände ab. Ich ging zu ihr, fragte, was sie denn da mache? Sie sah mich an und sagte: „Wo ist denn hier die Treppe, die muss doch hier irgendwo sein.“

Während ich innerlich weinte, nahm ich sie bei der Hand und führte sie zur Treppe und nach oben, wo ich sie zu Bett brachte.

Halluzinationen

In dem Maße, in dem Namen, Orte und Zeit aus ihrem Leben verschwanden, bekam meine Mutter neue, für uns unsichtbare Begleiter. Die für uns am ehesten nachvollziehbaren Halluzinationen war ihre Wahrnehmung ihres Spiegelbildes als viele unterschiedliche Personen. Dennoch versuchten wir anfangs immer wieder, ihr klar zu machen, dass sie sich eigentlich selbst sah.

Ihre Reaktionen darauf waren unterschiedlich, hatten aber immer die gleichen Konsequenz: Sie glaubte uns nicht. Einmal, ich hatte ihr gerade wieder ihr und mein Spiegelbild gezeigt, lachte sie mich an und sagte: „Das gibt’s? Das ist ja lustig!“ und lachte lauthals los. Heute weiß ich, dass auch das die exakte Umkehrung des Lernprozesses kleiner Kinder ist, die ihr Spiegelbild sehen, aber sich selbst (noch) nicht zuordnen.

Häufig erklärte Mama uns auch, in ihrem Haus lebten „schwarze Männer“, die ihr Angst machten. Einer der „Männer“ hatte es ihr besonders angetan. Er schimpfe sie immer aus, an besonders schlimmen Tagen schlage er sie auch, wie sie mir flüsternd berichtete. Dabei horchte sie angestrengt, ob „der da oben zu hören ist“. Manches Mal lief sie auch nachts zu den Nachbar_innen, weil dies „Männer“ in ihrem Haus seien.

Aus Bruchstücken verschiedener Unterhaltungen haben wir später rekonstruiert, dass sie in dieser Phase vermutlich „Besuch“ von ihrer Tante hatte, mit der sie als Kind mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in einer Wohnung gelebt hatte, und auf die die Kinder jederzeit Rücksicht zu nehmen hatten. In der Kindheit und Jugend meiner Mutter hatte diese unsere Großtante wesentlich für das Haushaltseinkommen gesorgt, so dass meine Oma und ihre Kinder ihr und ihren Launen ausgeliefert waren.

Eine eigene Realität

Gleichwohl wirkte es jetzt so, als spreche sie, wenn sie von „der Tante“ sprach, über meine Schwester, die ja die einzig verfügbare „Tante“ im Umfeld meiner Mutter war, da sie im Dachgeschoss wohnte. Schnell hörten wir direkt oder indirekt entsprechende Kommentare einiger Nachbar_innen. Die harmlosesten dabei waren Aufforderungen, uns besser um unsere Mutter zu kümmern.

Das ist vielleicht das Härteste daran, die eigenen, dementen Eltern zu betreuen: Sie werden nicht nur wie die Kinder, sondern sie haben auch eine eigene Realität. Während das noch auszuhalten ist, ist es unerträglich, von Nachbar_innen, Bekannten usw. dafür gerügt zu werden, die eigene Mutter zu misshandeln oder auch nur nicht gut genug auf sie aufzupassen.

Da Mama zum Teil Stunden vor ihrem voll verspiegelten Schlafzimmerschrank verbrachte, sehr erregt auf ihre Besucher_innen einredete und ihnen manchmal auch mit der Faust drohte, überlegten wir uns, dass es wahrscheinlich besser wäre, diese und die Spiegelwand im Windfang mit matter Folie zu verkleben. So fuhr ich mit Mama in den Baumarkt und kaufte reichlich Milchglasfolie, wie sie benutzt wird, um Badezimmerfenster undurchsichtig zu machen.

Wofür ich das brauchte, fragte sie mich. Ich antwortete, dass ich damit etwas basteln wollte. Wieder zu Hause, bereitete ich das Mittagessen zu, und bat Mama anschließend, die Teller und Gläser abzuwaschen. Früher hatte sie den Abwasch immer gerne gemacht, eine Spülmaschine kam erst relativ spät ins Haus. Inzwischen, so wusste ich, hatte sie Schwierigkeiten damit, wusste nicht, was bereits abgewaschen, was noch zu säubern war. Insofern konnte ich mich darauf verlassen, dass sie mindestens eine halbe, eher aber eine Stunde gut beschäftigt sein würde.

Ich nahm meine Folie und schnitt die Bahnen für die sechs Spiegelflächen am Schlafzimmerschrank zu. Dabei horchte ich angestrengt, ob meine Mutter Anstalten machte, nach oben zu kommen. Ich war ziemlich sicher, dass sie die Spiegel nicht vermissen würde, wenn diese einmal verklebt waren. Allerdings wusste ich nicht, wie ich ihr erklären sollte, was ich gerade tue, wenn sie mich dabei überraschte. Zum Glück ging alles gut, und nach einer guten halben Stunde waren alle großen Spiegelflächen im Haus verklebt. Erst Wochen später entdeckte meine Mutter eher zufällig, dass sich ihre Besucher_innen hinter der Klebefolie verbargen. Doch zum Glück hatte es mittlerweile eine weitere Wandlung gegeben. Waren ihre Besucher_innen anfangs noch Fremde, die ihr feindlich gesonnen waren, so wurden sie mit der Zeit zu Freund_innen, Vertrauten.

Etwa seit Juli 2006 öffnete Mama nachts regelmäßig die Haustür zum Reihenhaus, nur, um anschließend zu erklären, dass das selbstverständlich nicht sie gemacht hätte, sondern wahlweise die „schwarzen Männer“ oder „der, der da oben ist“ – wir vermuteten, dass das die Umschreibung für meine Schwester war.

Manchmal allerdings erklärte sie, es könnte ja sein, dass ich zu Besuch käme, und doch reinkommen müsste. Die Erklärung, dass ich einen Hausschlüssel hätte, befriedigte sie nicht. Heute denke ich, dass sie die Tür vielleicht für ihre Besucher_innen geöffnet hat, in ihrer eigenen Realität eine durchaus schlüssige Handlung.

Geld

Wie schon meine altersdemente Oma in ihren letzten Lebensmonaten entwickelte auch meine Mama Phantasien dazu, wer ihr wann was weggenommen hatte. Dieses Symptom von Demenz ist vermutlich das Bekannteste: Der_Die Demente legt wichtige Dinge an einen sicheren Ort, vergisst das aber direkt in dem Moment, in dem Portemonnaie, Schlüssel usw. deponiert werden. Irgendwann werden die Dinge dann benötigt, aber natürlich weiß niemand, wo sie sind.

Denn der_die Demente hat das als besonders sicher ausgewählte Versteck vergessen, und niemand anderes kennt es – und kommt auch nicht drauf, weil das Kriterium der „Sicherheit“ in der dementen Welt ein anderes ist. Wenn dann nach intensiver Suchaktion schließlich ein_e Angehörige_r begeistert mit dem Gegenstand wedelt, kann die logische Schlussfolgerung nur sein, dass der_diejenige es vorher weggenommen hat, denn sonst hätte der_die Demente ja gewusst, wo der Gegenstand ist.

Genau diese Erlebnisse hatten wir etwa ab dem Frühjahr 2006 beinahe täglich. Erst war es die EC-Karte, die immer, wenn sie gebraucht wurde, unauffindbar war. Gerade hatte meine Schwester die Karte im äußerst selten benutzten Schminketui meiner Mutter wiedergefunden und überzeugte schließlich meine Mama, dass sie die Karte für sie aufbewahren dürfe.

An diesen Verlust der Autonomie allerdings erinnerte sich meine Mutter noch sehr lange und war darüber auch durchaus wütend. Irgendwann ging sie nach einer Unstimmigkeit mit meiner Schwester allein und ohne Bescheid zu sagen zur Bank. Sie glaubte, Geld zu brauchen, auch wenn das eigentlich nicht der Fall war. Da sie dort bekannt war, war eine Geldabhebung ganz einfach. Erst als meine Schwester in der Folgewoche vom Konto meiner Mutter einige Rechnungen bezahlen wollte, wurde die Dimension des Problems klar: Das Konto war leer, ein nicht unerheblicher Geldbetrag war verschwunden.

Alle Nachfragen bei meiner Mutter liefen ins Leere. Sie weigerte sich schlicht, meiner Schwester zu sagen, was sie mit dem Geld gemacht hatte. Ängste, Befürchtungen kamen auf. Hatte sie das Geld irgendwo vergessen, liegen lassen? Verschenkt, deponiert? Mama war zu diesem Zeitpunkt immerhin noch voll rechtsfähig, d.h., wir hatten gegenüber der Bank keine Handhabe. Zum Glück löste sich das Rätsel trotz der mangelnden Kooperation meiner Mutter bald auf: Sie hatte das Geld der befreundeten Nachbarin gegeben, die es für sie im Safe aufbewahren solle, da es auf der Bank nicht sicher sei. Auf keinen Fall solle sie uns davon erzählen, denn das sei das Geld meiner Mutter. Die Nachbarin, der bei der ganzen Sache unwohl war, weihte uns trotzdem ein, so dass meine Schwester kurzfristig zumindest einen Teil des Geldes wieder auf das Konto einzahlen und so die Rechnungen begleichen konnte.

Erst später stellte sich raus, was passiert war: Meine Mutter hatte, mit der freundlichen Unterstützung des Bankangestellten, ihr gesamtes Barguthaben von etwa 5.000 € abgehoben und im Einkaufsbeutel nach Hause getragen. Auf seine Frage, wie viel Geld sie denn abheben wolle, fragte sie, wie viel sie denn haben könne. Seine Antwort „Alles“ hatte sie, auch, weil der Geldwert für sie zunehmend weniger Bedeutung hatte, dann wohl wörtlich genommen, und das Geld anschließend der Nachbarin übergeben. Wie so oft zuvor schalteten wir auch diese Problemquelle erst aus, nachdem das Problem aufgetreten war.

Dinge gibt’s, die gibt’s gar nicht

Ich bin überzeugt, dass das eines der Hauptmerkmale des Umgang Angehöriger mit der Lewy-Körperchen-Demenz ist: Für den_die Demente_n logische Aktionen erscheinen ihnen so unlogisch, dass sie unvorstellbar sind. Anders gesagt: Dinge gibt’s, die gibt’s gar nicht. Meine Mutter kam in der Phase, in der ihre räumliche Orientierung noch vorhanden war, auf Ideen, auf die ich in meinen kühnsten Träumen nicht gekommen wäre. Inzwischen weiß ich, dass die Eltern eines Kindes, das gerade Laufen gelernt hat, ganz ähnliche Beobachtungen machen.

Im Herbst 2006 hatten wir es dann deutlich häufiger mit dem Verlust des Portemonnaies, des Schlüssels oder anderer wichtiger Unterlagen zu tun. Seit der Abhebung des gesamten Geldes vom Bankkonto hatten wir regelmäßig dafür gesorgt, dass meine Mutter ein Handgeld von etwa 50,- € bei sich hatte, genug Geld, damit sie das Gefühl hatte, für sich sorgen zu können, aber nicht so viel, dass wir uns bei Verlust fürchterlich hätten ärgern müssen.

Die Bankangestellten waren instruiert, Mama nie mehr als 50,- € zu geben. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie drei verschiedene Portemonnaies, die sie im Lauf der Jahre angesammelt hatte. Das erschwerte natürlich die Suche, sobald ihr Geld verloren war, weil sie jeweils eine andere Börse zu ihrem aktuellen Portemonnaie erkoren hatte. Insofern ersparte uns auch die Einführung des Handgelds nicht die Dramen um seinen Verlust.

An einem Abend brachte ich geschlagene drei Stunden damit zu, das Geld zunächst zu suchen, dann meine Mutter zu beruhigen und ihr zu versichern, dass wir das Geld sicher morgen wieder finden würden. Als ich gerade dachte, sie sei eingeschlafen, sprang sie putzmunter aus dem Bett und sagte, wir müssten aber jetzt das Geld suchen. Sie bestand darauf, in Schlafanzug und Socken das Schlafzimmer auf den Kopf zu stellen. Natürlich fanden wir das Geld an diesem Abend nicht. Eine halbe Stunde und eine Rückenmassage später gelang es mir immerhin, sie zum Schlafen zu bewegen.

Und am nächsten Morgen war das Geld wieder da. Es steckte – wo auch sonst?! – im Schlüsseletui.