Meine Mutter ist nicht mehr da (Teil 3) – Kontrolle, Angst und Liebe

Foto , CC BY-SA 2.0 , by Juan Felipe Gómez

Inhaltshinweis: Krankheit, Tod, Demenz,
Gewalt gegen Kinder, Stigmatisierung von psychischen Krankheiten

Meine Mutter war an Lewy-Körperchen-Demenz erkrankt und ist daran gestorben. In Teil 1 ging es um die Diagnose und die folgende Ohnmacht, in Teil 2 um meinen Umgang mit Tod und Trauer.

Kontrolle

Ich weiß sehr genau, wie meine Mutter war. Denn ich bin ja oft selbst wie sie. Ihre beiden Lebensmaximen waren: „Man kann alles, was man will“ und „Ich kann auf alles verzichten – außer auf Lakritze“. Meine Mutter hatte Zeit ihres Lebens einen eisernen Willen. Wie anders hätte sie es auch schaffen sollen, von einem Seemanns- und später einem Angestellten-Gehalt eine fünfköpfige Familie nicht nur über Wasser zu halten, sondern auch noch ein Haus zu kaufen und allen drei Töchtern eine universitäre Ausbildung zu ermöglichen?

Kontrolle war ihr Leben lang Mamas Thema. Mama musste alles erfahren, wollte alles entscheiden, beeinflussen, richten und regeln. Sie wäre wahrscheinlich eine gute Machtpolitikerin gewesen, denn das Strippenziehen beherrschte sie perfekt. Es hat lange gedauert, bis ich das Organisationstalent, das ich in meiner Kindheit notgedrungen in meiner Rolle als „dritte Erwachsene“ der Familie erworben hatte, als etwas Positives anerkennen konnte. Irgendwann habe ich begriffen, dass längst nicht jede_r in der Lage ist, umfassende Prozesse zu durchschauen und zu koordinieren. Dass diplomatische Einflussnahme eine Kunst ist. Das Führen „von hinten durch die Brust ins Auge“, das diplomatische Strippenziehen, die Beeinflussung von Situationen und Menschen ist etwas, das ich im Elternhaus von der Pike auf gelernt hatte. Meine Mutter war – trotz mangelnder formaler Bildung – eine wirklich gute Lehrmeisterin. Und das, was ich nach meinem Auszug aus dem Elternhaus eher als negativ wahrgenommen hatte und ablegen wollte, erwies sich schließlich als zentrale Fähigkeit, die ich – meist hoffentlich hinreichend selbstkritisch – im Berufsalltag gut nutzen konnte und kann.

Mein Vater war in gewisser Weise das vierte Kind, dessen sie sich nach dem Auszug des Nesthäkchens annahm. Sie ver- und umsorgte ihn, sie gängelte ihn, alles natürlich nur zu seinem Besten. Liebe und Zuneigung drückte sie – weil sie es anders nicht konnte – materiell aus. Als meine Schwester sich vom Lieblings-Schwiegersohn trennte, weil sie, wie Mama ratlos berichtete „unglücklich sei“, war das für unsere Mutter eine in keiner Weise nachvollziehbare Erklärung. Was bedeutet schon Glück, wenn dafür Sicherheit aufgegeben wird?

Einsicht war die Sache unserer Mutter nicht. So wie sie früher selbstverständlich über Mann und Kinder geherrscht hatte, versuchte sie auch nach seinem Tod, uns zu lenken, zu bestechen, zu locken. Platte Argumente wie eine etwaige „Pflicht zur Dankbarkeit“ benötigte sie dabei gar nicht. Eher becircte sie eine Tochter und schimpfte dann über die andere, getreu dem alten Motto „Teile und herrsche!“ Das funktionierte bei mir meistens ganz gut, hoffte ich doch immer noch darauf, endlich ihre Mutterliebe zu gewinnen, etwas, wonach ich schon seit Jahrzehnten gierte. Ihre gleichzeitig zunehmende Hilflosigkeit machte sie dabei zwar durchschaubarer, die Sache an sich aber nicht besser. Und auch Monate nach dem Tod meines Vaters glaubte ich immer noch, wir hätten es mit Trauer, vielleicht mit depressiven Anteilen zu tun. Arztbesuche bei Spezialist_innen lehnte Mama gleichwohl ab. Sie sei ja nicht krank, nur einsam. Und überhaupt, was das alles sollte. Sie sei doch nicht “verrückt”.

Überhaupt: “Verrücktsein” war bei weitem das schlimmste Schicksal, das einem drohen konnte. Mama wusste, wovon sie sprach: Ihre Tante, meine Großtante, war Alkoholikerin und halluzinierte kurz vor ihrem Tod so stark, dass sie im Verfolgungswahn die Wohnung verschloss und verdunkelte. Erst, als Nachbar_innen sie einige Tage weder gesehen noch gehört hatten und die Tür aufbrechen ließen, wurde entdeckt, dass sie gestorben war. Meine Oma, die Mutter meiner Mutter, entwickelte etwa ein Jahr vor ihrem Tod eine massive Altersdemenz, in deren Verlauf sie ganz grundsätzliche Fähigkeiten verlernte und zum Schluss weder ihre Tochter noch ihre Enkel_innen erkannte. Und auch die Stiefmutter meiner Oma, die leibliche Mutter der besagten Tante, wurde laut Familienerzählungen irgendwann in die “Anstalt“ eingeliefert, weil sie “verrückt” war.

Mit Psychotherapien und ähnlichem “Schnickschnack” brauchte ich meiner Mutter schon gar nicht zu kommen. Ihr Grundsatz, dass die Kernfamilie allein zu recht kommt, galt unerschütterlich auch für die erwachsenen Töchter. Dass wir Dinge anders machten als sie, akzeptierte sie. Dennoch beobachtete sie unsere Entscheidungen und Schritte mit einer skeptischen Zuneigung. Dass keine von uns Anstalten machte, Kinder zu bekommen, war lange Zeit ihr Hauptgesprächsthema, aber auch aus ihrer Sicht riskante berufliche Entscheidungen – wozu jeder Jobwechsel zählte – wurden kritisch begleitet. Ihr Hauptmotiv war, solange ich erinnern kann, die Sorge um Sicherheit.

Angst

Geboren ein Jahr vor dem Beginn des zweiten Weltkriegs, hatte meine Mutter als Kriegskind früh gelernt, dass es Dinge gab, die größer sind als sie selbst. Dass es Angst gab, die nicht getröstet wird und vielleicht auch nicht getröstet werden kann. Und irgendwann, so vermute ich, hatte sie beschlossen, ihr Leben im Griff zu behalten. Hatte beschlossen, sich nicht mehr übermächtigen Gewalten zu unterwerfen. Hatte beschlossen, ihre Angst nicht mehr zuzulassen. Hatte ihre Emotionen unterdrückt, verdrängt, weggeschlossen. Koste es, was es wolle.

Angst, Trauer, Ärger, Glück – das waren Gefühle, die bei uns zuhause nur selten artikuliert oder gar verhandelt wurden. Empfindungen – ob negativ, ob positiv – machten wir mit uns selbst aus. Wer es wagte, Gefühle auszudrücken, stieß auf Unverständnis. Dem stand der Jähzorn meines Vaters entgegen, der zwar nur sporadisch ausbrach, dann aber intensiv. So lernten wir bald, ihn nicht herauszufordern. Bestand eine Tochter auf ihrer Sicht der Dinge, wollte argumentieren, lernen, sich auseinander zu setzen, wurde ihr sehr schnell ein „Dickkopf“ unterstellt. Unsere Eltern waren in solchen Situationen meistens hilflos, manchmal dann auch genervt und wussten sich von Zeit zu Zeit nicht anders zu helfen, als uns Schläge anzudrohen oder auch mal zuzuschlagen. Das hatten sie als Kinder nicht anders gelernt und das „würde schon nicht schaden“. Kam die Hilflosigkeit mit Papas Jähzorn zusammen, galt es, „Land zu gewinnen“, denn da halfen dann kein Verstand und kein Argument mehr.

Wie viele Kinder hatte auch ich Angst – vor dem „schwarzen Mann“ in der Zimmerecke, vor einem Autounfall auf der Rückfahrt von Oma, davor, dass irgendjemand unsere Familie überfällt, uns beraubt, dass uns irgendetwas Schlimmes widerfährt. Der Unterschied zu (manchen?) anderen Familien war vermutlich, dass meine Eltern darauf keine Antwort hatten. Selbst dauerhaft verängstigte Kinder, deren Eltern als Antwort vermutlich nur Strenge und oft auch Schläge hatten, wussten sie schlicht nicht, wie sie Trost spenden und Geborgenheit geben sollten.

Angst war meiner Mutter ein ständiger Begleiter – immer im Zaum gehalten von der eisernen Kontrolle, mit der sie ihr und unser Leben im Griff behielt. Und doch gewann die Angst manchmal die Oberhand. Wenn wir Kinder ins Schullandheim fuhren, konnte meine Mutter die Tränen kaum unterdrücken. Wenn Papa auf Dienstreise ging, dominierte die Angst um ihn und schließlich die Erleichterung, dass er gesund zurückgekommen war.

Wenn es stimmt, dass Demenz uns auf das zurückführt, was unser Leben als Jugendliche, als Kind, Kleinkind und zuletzt als Säugling prägte, so gilt dies ganz besonders für die Emotionen, die diese Lebensphasen dominierten. Bei meiner Mutter war das eindeutig die Angst vor allem und jedem – eine unkontrollierbare, mächtige, immer währende Angst.

Zunächst ging es um die Angst vor Einsamkeit. Im Alter von 66 Jahren lebte meine Mutter erstmals allein in einem Haushalt. Plötzlich musste sie ihren Tag selbst strukturieren, war für sich – und nur für sich – verantwortlich. Dass sie tun und lassen konnte, was sie wollte, hätte sie wahrscheinlich schon in gesundem Zustand komplett überfordert. Aufgrund ihrer Demenz zeichnete sich schnell ab, dass es keine gute Lösung war, sie allein wohnen zu lassen. Andererseits war ihre völlige Fixierung auf die engste Familie ein nicht zu unterschätzendes Hindernis. Ihre – heute würde ich sagen: kindliche – Erwartung, dass eine ihrer Töchter wieder bei ihr einzieht, war für uns irgendetwas zwischen unverständlich und unmöglich. Unser Vorschlag, sie möge sich um Gruppen, Hobbys o.ä. bemühen, war für sie jenseits alles Vorstellbaren. Von ihren wenigen Besuchen einer Trauergruppe kehrte sie auch nur mit der einen Botschaft zurück, die sich durch ihre letzten Lebensjahre ziehen sollte: „Da war eine andere Frau, deren Mann auch gestorben ist. Und die sagt auch, dass man sich auf die Kinder nicht verlassen könne, die würden sich gar nicht kümmern.“ Und so war jedes Gespräch, jeder Anruf davon geprägt, dass Mama einsam und deshalb unzufrieden war.

Einige Monate nach dem Tod meines Vaters fuhr ich das erste Mal nur mit meiner Mutter in den Urlaub. Dieses „Tête-à-Tête“ mit meiner Mutter hatte ich mir schon länger gewünscht – meine Mutter hatte es immer abgelehnt, angeblich, weil sie meinen Vater nicht allein lassen könne. Dass es eigentlich umgekehrt war, dass sie seiner Hilfe bedurfte, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Stattdessen erlebte ich ihr Ausweichen, dass sie auf mein Bedürfnis nicht antwortete und nicht einging, als Zurückweisung. Da war es schon gut, nach wiederholten, immer wieder unklar beantworteten Fragen wenigstens irgendwann eine klare Absage zu bekommen. Diese Einstellung änderte sich flugs, nachdem mein Vater gestorben war. Für sie war das sicherlich schlüssig, denn nun musste sie sich ja nicht mehr um ihn kümmern. Tatsächlich, so denke ich heute, wurde ich in ihrem heimlichen System der Unterstützung schnell zum Ersatz für meinen Vater – genauso wie alle anderen, die verfügbar waren.

Wir trafen uns am Hauptbahnhof unseres Abflugorts und fuhren dann gemeinsam zum Flughafen. Als ich ankam, stand meine Mutter bereits „wie bestellt und nicht abgeholt“ an der vereinbarten Stelle. Ich war sehr erleichtert, sie dort vorzufinden, denn Mama war zuvor noch nie allein Zug gefahren.

Der Flug nach Mallorca war ruhig und schön. Meine Mutter bekam den Fensterplatz und staunte Bauklötze. Mit offenem Mund und großen Augen bewunderte sie die Alpen von oben und genoss den Flug voll und ganz. Ich war überrascht, denn ich hatte meine Mutter bei früheren Familienurlauben ganz anders erlebt. Damals standen die Angst vor dem Fliegen und die Ansage, sie könne in fremden Betten sowieso nicht schlafen, im Vordergrund. Ähnlich war es auf Mallorca, wobei mir irgendwann klar wurde, dass meine Mutter immer dann voller Freude war, wenn sie nicht allein war. Eigentlich war es ziemlich egal, was wir machten, alles war schön, solange ich bei ihr war. Während das einerseits ein gutes Gefühl war, war ich andererseits besorgt, fast entsetzt, meine Mutter so verändert zu erleben. Wahrscheinlich ahnte ich schon, dass Trauer und möglicherweise Depression allein eine solche Veränderung kaum zustande bringen können. Andererseits hatte ich keine belastbare Vorstellung, was denn wohl der Grund dafür war, dass meine Mutter plötzlich derart anhänglich geworden war. Ebenfalls in diesem Urlaub erstaunte mich die fast panische Angst, mit der sie sich im Mietwagen festklammerte, als ich sie durch die mallorquinische Bergkette, die Sierra Tramuntana kutschierte. Und spätestens als ich sie zu einem Spaziergang in den Bergen einlud, der auf ebenen, breiten Wegen verlief, war ich überrascht, wie gering ihre Ausdauer war. Schon nach etwa einem Kilometer wollte sie umkehren, wiederholte mehrfach, dass wir jetzt weit genug gegangen seien. Ich schloss daraus, dass sie nicht mehr konnte, erschöpft war. Und das, obwohl sie eigentlich, abgesehen von etwas zu hohem Blutdruck, kerngesund war. Einen rechten Reim konnte ich mir darauf nicht machen. Inzwischen denke ich, dass es weniger um mangelnde Kondition ging als um mangelnde Orientierung und die Angst, sich nicht mehr zurechtzufinden.

Und so kam es, dass ich in einer Woche Urlaub in einer Ferienanlage exakt eine Viertelstunde allein verbrachte – und auch das nur unter scharfem Protest meiner Mutter und der Frage, was ich denn gegen sie hätte, dass ich nun allein sein wolle. Diese 1:1-Betreuung war in gewisser Weise der Preis dafür, mit Mama tatsächlich noch ein paar „erwachsene“ Gespräche führen zu können. Und zu diesem Zeitpunkt zahlte ich ihn gerne. Denn ich hatte immer noch die Hoffnung, meiner Mutter näher zu kommen, eine gleichberechtigte Ebene zu finden, auf der wir uns unter Erwachsenen miteinander unterhalten können.

Liebe

Diese Hoffnung aufgeben zu müssen, war einer meiner schlimmsten Lernprozesse während des Lebensendes meiner Mutter. Und auch während ich mich zuletzt um Pflege und Unterbringung in einem Heim für dementielle Menschen kümmerte, waren Trauer und manchmal auch Ärger und Wut meine ständigen Begleiter. Das, was ich mein Leben lang von meiner Mutter zu bekommen versucht hatte – Liebe, Anerkennung, bedingungsloses Zu-Mir-Halten – konnte ich auch in dieser Lebensphase nicht bekommen. Inzwischen denke ich, dass das genauso an meinem Nicht-Empfangen wie am Nicht-Geben meiner Mutter lag. Bekanntlich gilt es wie beim Kommunizieren auch beim Austausch von Gefühlen nicht nur deutlich zu sprechen, sondern auch gut zuzuhören – etwas, dass ich nur sehr langsam gelernt habe.

Die plötzliche Notwendigkeit, meiner Mutter noch genauer zuzuhören als schon vorher – ganz pragmatisch aufgrund ihrer Sprachstörungen, aber auch aufgrund ihrer zeitweise auftretenden Verwirrung – lehrte mich zweierlei. Zuhören kann anstrengend sein. Und: Meiner Mutter, die nicht deutlich spricht, in Ruhe zuzuhören, sie Fehler machen zu lassen ohne schon zu deuten oder vorwegzunehmen, was sie vielleicht sagen wollte, macht hilflos, wütend, manchmal auch demütig. Letzteres vor allem dann, wenn dann doch wider Erwarten plötzlich ein Wort oder ein ganzer Satz deutlich artikuliert wurden, oder wenn auf einmal eine Erinnerung, die ich gar nicht mehr erwartet hat, doch noch da war.

Heute denke ich manchmal, dass ich in diesen letzten Jahren von Mama genau das bekommen habe, was ich immer gesucht hatte. Allerdings war es anders verpackt. Auf dem an mich adressierten Paket stand nicht „Mutterliebe, bedingungslos“, sondern „Kinderliebe, ohne Einschränkung“. Manches Mal hatte ich den Eindruck, mir sitzt das kleine Mädchen gegenüber, das meine Mutter einmal war. Und dieses Mädchen war einsam, fürchterlich einsam. Und suchte verzweifelt nach Halt. Alles, was diesen Halt zu geben versprach – und dazu gehörte ich als eine Person, die zwar relativ bald namenlos war, aber noch eine ganze Weile wieder erkannt wurde –  wurde mit Freude, Liebe, und körperlicher Nähe begrüßt.

  • Noga

    Vielen Dank für Mitteilen. Bei all den vielen Veröffentlichungen zum Umgang mit Demenz kommen so gut wie nie Beziehungen zur Sprache, in denen es emotionale Blockaden gibt.
    Viele Grüße
    Noga vom Alzheimerblog
    http://alzheimerblog.wordpress.com

  • someone

    Ich finde Deine Texte auch total bereichernd. Als in diesem Kontext sehr junge Person, die bisher noch kein Elter durch Tod verloren hat, trifft es bei mir trotzdem einen Nerv, weil Deine Texte mich viel über meine Großmutter und meine Mutter nachdenken lassen. Danke für das Teilen Deiner Prozesse!