Meine Mutter ist nicht mehr da (Teil 2) – Tod und Trauer

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Inhaltshinweis: Krankheit, Tod, Demenz

Meine Mutter war an Lewy-Körperchen-Demenz erkrankt und ist daran gestorben.
In Teil 1 ging es um die Diagnose und die folgende Ohnmacht.

Tod

Wann immer mein Vater das Thema Tod anschnitt, verließ meine Mutter das Zimmer. Papa, der als Seemann sicherlich mehr als einmal dem Tod ins Auge geblickt hatte, war da relativ leidenschaftslos. Es war klar, dass er in seinem Meer begraben werden wollte, da half kein Zweifeln meiner Mutter an der Feuerbestattung an sich und kein Flehen, er möge doch bitte auch an sie denken.

Anders hingegen Mama. Klare Ansagen waren Mangelware. Klar war nur: „Ich will nicht verrückt werden.“ und „Ich will nicht auf jemanden angewiesen sein.“ Die Angst, nicht mehr allein zu recht zu kommen, war zeitlebens ihr Begleiter. Eigentlich kein Wunder, hatte sie doch in der frühesten Kindheit erlebt, wie abhängig ihre alleinerziehende Mutter von der Gnade anderer war, insbesondere im Rahmen der Kinderlandverschickung und der Rückkehr in die kriegszerstörte Heimatstadt. Und auch die emotionale Hilflosigkeit hatte schon meine ansonsten sehr zugeneigte und immer hilfsbereite Oma an den Tag gelegt. Ich weiß nicht, wie oft ich den Spruch „Wir brauchen niemanden“ und „Das braucht keiner zu wissen“ in meiner Kindheit gehört habe. Klar war, dass wir weder mit ihr noch mit anderen darüber sprechen durften, dass sie allein nicht mehr zu recht kam. Klar war auch, dass nach dem überraschenden Tod ihres Mannes die einzige Hilfe, die sie anzunehmen bereit war, von ihren Töchtern oder vom quasi adoptierten Ex-Schwiegersohn kommen durfte.

Erste Versuche, sie in Gesellschaft zu bringen, scheiterten kläglich. Gerade zweimal ging sie zu der Trauergruppe, die ich für sie herausgesucht und kontaktiert hatte. So gingen Wochen und Monate ins Land, in denen sich vor allem meine Schwester nach Kräften um Mama bemühte. Mama musste einkaufen? Klar kam sie über 60 km angefahren, um unsere Mutter zum Supermarkt zu fahren. Mama wollte Geld abheben? Natürlich ging sie mit ihr zur Bank. Zwischendurch kam ich aus Berlin für ein Wochenende und übernahm das „Babysitten“. Wir fluchten, wir redeten, wir versuchten zu überzeugen. Doch weder Trauergruppe noch Turnverein, weder Bastelkreis noch Singgruppe konnten Mama überzeugen. „Ich kenne da doch keinen“, war das übliche Argument, „da musst du schon mit mir hingehen.“ Jede Weigerung oder auch nur jeder Verweis auf das eigene Leben wurde mit Unverständnis, Enttäuschung und Traurigkeit quittiert.

Wir schoben es auf die Trauer um Papa. Doch als auch nach Monaten keine Besserung in Sicht war, platzte mir immer öfter der Kragen. Mama erwartete eine Rundum-Betreuung, einen Ersatz für ihren Mann, eine liebevolle familiäre Einbindung. Zwischen Schuldgefühlen, keine gute Tochter zu sein, und dem Bewusstsein, dass solche ehemals üblichen Familienkonzepte nicht funktionieren, wenn die kinderlosen Töchter Anfang bis Mitte 30, berufstätig und in der Republik verteilt sind, wurde jede Unterhaltung in dieser Richtung eine Qual – Trauer hin oder her.

Trauer

Das Gefühl der Trauer kannte ich  – anders als das der Ohnmacht – seit 2004 sehr gut. Mai 2004, ein Tag morgens um 6.30 Uhr. Das Telefon klingelt. Ich denke im Halbschlaf: „Oh Mann, lernt Mama denn nie, dass sie mich um diese Zeit nicht anrufen soll?“ Der Anrufbeantworter geht ran, und ich höre die Stimme meiner Schwester sagen: „Papa ist tot. Ruf mich bitte bei Mama zurück.“ Ich springe aus dem Bett, höre die Nachricht ab, wähle, fast mechanisch, die bekannte Nummer im 400 km entfernten Heimatort. Ich höre mir an, was passiert ist. Höre, dass Papa gegen Mitternacht, nach einer Grillparty an einem warmen Frühsommerabend, plötzlich an Atemnot litt. Dass Mama, weil das Telefon nicht ging, verzweifelt den Nachbarn bat, einen Krankenwagen zu rufen. Der kam, konnte jedoch das Haus in der Fußgängerstraße nicht erreichen, weil die Feuerwehrzufahrt zu geparkt war. Natürlich versuchten die Sanitäter_innen und später auch der Notarzt, meinem Vater zu helfen. Doch die lebensrettenden Geräte waren im 100 m entfernten Notarztwagen. Und mein Vater war nicht transportfähig. Das Trauma seines Todes verfolgte uns noch über lange Zeit. Doch erst zwei Jahre später, als ich meiner Mutter wieder einmal erklärte, wie ihr angeblich defektes Telefon funktionierte, fiel mir auf, dass sie immer wieder erzählte, dass ihr Telefon in jener Nacht kaputt war – und dass nie von der dann doch eigentlich notwendigen Reparatur die Rede war. Im Übrigen war dies das gleiche Telefon, mit dem mich meine Schwester sechs Stunden nach jener dramatischen Situation anrief. Vielleicht hatte meine Mutter also schon damals verlernt, das Telefon zu bedienen.

Was der Todesnachricht folgte, kennt wohl jede_r, der_die schon einmal jemanden bestatten (lassen) musste. Für Schreck, Trauer und Erinnerung bleibt fast keine Zeit, denn es geht um Organisation, Kosten, Entscheidungen, um den Umgang mit Bekannten, Verwandten und Freund_innen. Ich erlebte jene Tage wie in einem Rausch. Ab und zu kamen mir die Tränen, so z.B., als ich die Brüder meines Vaters anrief, um sie über seinen Tod zu informieren. Doch meistens funktionierte ich einfach, so wie ich es gelernt hatte. Welcher Sarg soll es sein? Erd- oder Feuerbestattung? Seebestattung? Kostet extra. Sind Sie sicher? Gut, machen wir, kein Problem. Ich ertappte mich dabei, mich zu fragen, wie mensch eigentlich Bestatter_in werden kann. Die tägliche Beschäftigung mit dem Tod, das Verkaufen von Würde und vielleicht auch Individualität, das Managen von Erinnerung und Schmerz wären meine Sache nicht.

Erwachsen sein

Der Tag nach dem Tod meines Vaters war ein wunderschöner Sommertag. Die Sonne schien, die Wärme war angenehm. Ich hatte dafür allerdings keinen Blick, kein Gefühl. Ich saß mit meiner Mutter und meiner Schwester im Warteraum des Beerdigungsinstituts und wartete auf „unseren“ Bestatter. Es ging um den Termin der Bestattung, um Kerzen, Aufbahrung, Blumenschmuck. Er fragte, ob der Organist spielen soll oder wir Musik vom Band wählen? Wollte wissen, wer die Trauerrede halten soll und mit wie vielen Gästen wir rechneten? Wir gingen Listen von Verwandten durch, die ich zuletzt bei der Konfirmation von Cousine X oder Cousin Y gesehen hatte. Mama saß schweigend dabei, sagte wenn überhaupt: „Entscheidet Ihr das!“ und beobachtete ansonsten mit Argusaugen, was passierte. Wie sollte ich, die ich meinen Vater zuletzt vor einem Jahr gesehen hatte, das entscheiden? Die komplette Überforderung forderte ihren Tribut in Form von Kopfschmerzen. Der Bestatter geleitete uns ins Sarglager, einen kühlen Raum, in dem halbe Särge zur Ansicht an die Wand genagelt waren. Die Modelle „Eiche rustikal“ und „Gelsenkirchener Barock“ waren eindeutig in der Mehrheit. Zwischen den Schilderungen des Bestatters, welche Kiste welchen Vorteil hat, schoss ein Gedanke in meinen Kopf: „Du bist jetzt erwachsen!“

Zwischen der plötzlichen Verantwortung, der Raumreservierung für den Leichenschmaus und dem Drucken der Einladungskarten zur Trauerfeier fiel mir auf, dass meine Mutter manchmal seltsam abwesend war. Dann war sie wieder so emotional, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Als ich am Todestag meines Vaters an meinem Elternhaus eintraf und über die Schwelle trat, fühlte ich mich, als sei ich wieder fünf Jahre alt. Meine Mutter saß tränenüberströmt auf dem Sofa. Ich fragte sie, die nie viel von Körperkontakt hielt: „Möchtest du, dass ich dich in den Arm nehme?“ Sie schaute mich durch ihre Tränen empört, fast trotzig an und sagte: „Das fragt man nicht, das macht man einfach!“

Ich erkannte meine Mutter nicht wieder. Alt war sie geworden, aber das war vielleicht auch einfach so mit 66 Jahren, auch wenn Udo Jürgens etwas anderes sang. Gut, dachte ich, was soll ich auch anderes erwarten nach einer Ehe von knapp 40 Jahren und einem Tod, der bei glücklicheren Umständen vielleicht hätte verhindert werden können? So kam es, dass letztlich wir Töchter die Entscheidungen trafen, den Sarg aussuchten, die Trauerfeier organisierten und „funktionierten“. Die Trauer und der Schreck bahnten sich anders ihren Weg. Mir machten bisher ungekannte Gallenschmerzen, Übelkeit und Migräne das Leben schwer. Jeweils zwei Tage vor der Trauerfeier und der Seebestattung fühlte ich mich so schlecht, dass ich glaubte, keinen Schritt mehr tun zu können. Mama hingegen war bei der Trauerfeier sehr traurig, bei der Seebestattung aber fast heiter.

In der Folgezeit regelten wir das Erbe und sortierten die seit Jahrzehnten abgehefteten Papiere. Wir sahen Papas Computer-Dateien durch und räumten seine Sachen auf. Mama wiederholte auf Fragen nach Renten-, Bank- und Versicherungsunterlagen nur immer wieder: „Das hat Papa alles gemacht.“ Wir entsorgten Gebrauchsanleitungen und Garantien von Geräten, die schon vor Jahren das Zeitliche gesegnet hatten. Papa hatte alles abgelegt, aber ein Testament gab es nicht. Beim Papierkram wurde dann auch eines sehr deutlich: Mama zierte sich sehr, irgendetwas zu unterschreiben. Immer gab es einen Grund, warum die Unterschrift etwas krakelig, etwas wackelig war oder warum gerade jetzt kein guter Zeitpunkt war, eine Unterschrift zu leisten. Ob nicht vielleicht wir für sie unterschreiben könnten. Sie sei gerade nervlich so belastet. Ich war erstaunt, überrascht, versuchte es mit Locken, mit Strenge. Heute ist mir klar, dass das ein weiterer Krankheitsfortschritt war. Hätte mir das damals auch klar sein müssen? Ich weiß es nicht.

Als wir Kinder nach getaner Arbeit ihr Haus wieder verließen, wurde Mama kleinlaut, fast schweigsam. Was denn jetzt werden solle? Was denn mit dem Haus sei? Ob nicht wir vielleicht einziehen könnten? Verkaufen könne sie nicht, schließlich sei das Haus alles, was sie habe. Ich war ratlos, auch unwillig. Schließlich hatte ich auch noch ein eigenes Leben, in das es zurück zu kehren galt. Und natürlich hatte ich auch meine Erinnerungen, meinen Schmerz, meine enttäuschten Hoffnungen. Gerade hatte ich angefangen, mich meinem Vater wieder anzunähern. Gerade hatten wir das erste Gespräch „unter Erwachsenen“ geführt, hatte ich das Gefühl, dass wir noch mal neu anfangen könnten, dass es vielleicht doch so etwas wie eine erwachsene Beziehung zwischen mir und meinen Eltern geben könnte. Gemeinsam mit meiner Mutter hatte er mir mit einer schlechten Ausrede verschwiegen, dass sie sich wegen grauen Stars operieren lassen hatte. Damit telefonisch konfrontiert, entschuldigte er sich bei mir, konterte aber schließlich mit den Worten: „Du weißt doch, wie Mama ist.“