„Eine Frau betritt die Bühne.“ – Über Suna Gürlers Theaterstück „Stören“

Foto , © , by Ute Langkafel

„Eine Frau betritt die Bühne.“ Mit diesem Satz beginnt das Stück „Stören“ von Suna Gürler im Maxim Gorki Theater. Eine simple Aussage eigentlich und doch wird uns direkt klar gemacht, dass sie nicht so leicht umzusetzen scheint – dass „Frausein“ innerhalb enger Grenzen bestimmt wird.

„Eine Frau betritt die Bühne.“ Nach dieser Aussage, die gleichzeitig auch Regieanweisung ist, kommen immer wieder unterschiedliche Schauspieler_innen vereinzelt auf die Bühne. Im gleichen Moment wo sie erscheinen, bekommen sie aber auch schon zu spüren, dass sie auf der Bühne nichts zu suchen hätten: Zu dick, zu trans* und die mit Hidschab muss es auch gar nicht erst versuchen. Erst die große, schlanke, blonde, weiße Cis-Frau, die darf bleiben. Ist doch klar. Oder?

Schließlich stehen dann doch alle Schauspieler_innen da und nehmen uns mit in ihre Welt, die schlicht „Alltag“ heißt. Eigentlich sind sie zu siebt, aber heute Abend nur zu sechst auf der Bühne, denn bei der Generalprobe hat sich leider jemand verletzt. (Der abergläubische Teil in mir sieht darin natürlich sofort einen Spoiler für die gelungene Premiere.)

Die Darstellenden erzählen ihre eigenen Geschichten und schlüpfen auch immer wieder in neue Rollen, um die der Anderen zum Leben zu erwecken. Schnell wird klar: Es geht hier um nahezu alles, was Feminist_innen tagtäglich umtreibt. Es geht ans Eingemachte.

Plötzlich sagt eine der jungen Frauen: „Ein älterer Typ nimmt mich über eine Mitfahrgelegenheit nach Berlin mit. Unterwegs fragt er, ob ich Lust hätte, ein bisschen im Wald spazieren zu gehen…“ Und das hat sie wirklich gemacht? „Ja!“ Alle anderen bleiben schockiert stehen. Auch ich merke wie dieses Bild an mir zerrt, wie der Gedanke „Aber es ist doch klar was da passiert!“ alles bestimmt. Es sitzt so tief.

Am Ende hat sie im Wald einfach nur ein Reh gesehen.

Puh.

Warum aber ist unsere Erwartungshaltung an diese Geschichte eine andere, warum erwarten wir sogar (insgeheim), dass diese junge Frau nun von einem sexualisierten Übergriff erzählen wird? Warum ist das unsere „Normalität“? Wie kann das sein, wenn wir doch eigentlich „schon viel weiter“ sind?

All diesen Fragen geht „Stören“ nach und lässt mich dabei sämtliche emotionale Stadien durchleben. Allein als die Schauspieler_innen immer wieder mit Geschichten hervortreten wie sie sexuelle Belästigungen erlebt haben, erinnert das so sehr an #aufschrei, dass es mir am Herzen ziept.

Sie wäre so gerne einfach sorgenlos, sagt eine von ihnen. Sie wäre am liebsten eine von diesen schlanken schönen Frauen, die mit ihrem Freund und Hund am See spazieren gehen und nicht belästigt werden. Als jemand, die sich quasi täglich mit der Realität sexualisierter Gewalt auseinandersetzt, denke ich an dieser Stelle, dass die meisten Übergriffe ja aber im näheren privaten Umfeld passieren. Kurze Zeit später greift jemand den Satz wieder auf und ergänzt: „Die Frau am See mit ihrem Freund und dem Hund, die ist ja leider auch nicht sicher. Die meisten Übergriffe kommen ja von Leuten, die man kennt.“

Und da ist es wieder, dieses Ziepen.

Gegen die Wand

Das Bühnenbild ist selbst mit dem Wort „minimalistisch“ noch zu ausladend beschrieben, aber genau das macht es wiederum so grandios: alles ist schwarz, wie eine große Kiste, in die die Darstellenden vor unseren Augen ihre Gedanken ausgießen – manchmal auch wortwörtlich. Einzig eine Wand, eine Mauer ist darin aufgebaut. Sie ist in der Schwärze nahezu unsichtbar, aber eben doch da und sie wird immer wieder mit den erzählten Geschichten verwoben.

Wenn zum Beispiel das Ritual vor dem Ausgehen beschrieben wird: nach exzessivem Checken, ob das Handy auch voll aufgeladen ist, man den Schlüssel dabei hat sowie alle Notfalltelefonnummern, wird die Tochter von der Mutter endlich in den Abend entlassen – allerdings nicht, ohne ihr vorher noch ein Security Gimmick für den Schlüsselbund zu geben, mit dem sie im Fall eines Angriffs Alarm schlagen kann. Die Tochter, voller Vorfreude über ihre Pläne, läuft los und… rennt als erstes gegen die Mauer. Das ist sie also, diese vermeintliche „weibliche Freiheit“, in der wir doch immer noch selber dafür sorgen müssen, dass unsere Körper respektiert werden und unversehrt bleiben. Dieses Bild ist so sehr auf den Punkt, dass ich lachen muss und gleichzeitig einen gefühlten Schlag in den Magen verspüre. LOLsob.

Immer wieder klettern die Darstellenden gemeinsam oder vereinzelt auf die Mauer, ändern ihre Perspektive. Einmal stehen und sitzen alle schon längst oben, während eine bei ihren Kletterversuchen ständig an der Wand scheitert. Die Neckereien der Anderen bringen sie schließlich zu einem Rant über Körperbilder: sie sei zu dick, zu klein und wie kann sie diesen Körper denn okay finden, geschweige denn lieb haben? Als alle die Umrisse ihrer Körper mit Kreide auf die Wand zeichnen, ist sie beim Anblick ihrer Silhouette deprimiert, wischt sie weg, malt sie dünner und verzerrt sich dabei bis zur Unkenntlichkeit. Das passiert im Hintergrund einer anderen Szene und ist in seiner stillen Verzweiflung einer der stärksten Augenblicke.

„Stören“ dreht sich um Räume und darum, wem sie eigentlich gehören. Vermeintlich allen, aber die Realität sieht dann eben doch anders aus. So geht es selbstverständlich auch ums Netz und Probleme wie Hasskommentare oder „Revenge porn“ – Probleme, die alt sind und nun in neuem Gewand daherkommen. Eine junge Frau erzählt zum Beispiel wie sie Nacktbilder von sich machte – weil sie sich und ihren Körper mag und einfach mal ausprobieren wollte, wie das so aussieht. Nach einem Hack wurden ihre Fotos allerdings unerlaubt im Netz verbreitet sie sieht sich seitdem mit einer absoluten Machtlosigkeit konfrontiert. Nicht nur, weil sie die Bilder nicht mehr einfangen kann, sondern auch, weil sie immer wieder belästigende Kommentare deswegen bekommt. Unterstützung bekommt sie keine, sondern nur lauter Anschuldigungen es mit den Bildern ja auch nicht anders gewollt zu haben.

Auf der Bühne wird schließlich die Frage gestellt, die ich selbst auch schon auf so vielen Vortragsbühnen einbrachte: Was ist ein Netz wert, dieser neue Raum mit all seinen großartigen Möglichkeiten, wenn wir gerade wieder Mädchen und Frauen sagen, dass es für sie dort zu gefährlich ist, sie sich dort lieber gar nicht erst aufhalten sollten?

„Stören“, is a state of mind.

„Stören“ haben Regisseurin Suna Gürler und die Darstellenden gemeinsam entwickelt. Gürler hat am jungen Theater in Basel gelernt, wo sie weiterhin ihre Homebase hat und mit Jugendlichen Theaterprojekte auf die Bühne bringt. Die „Stören“-Crew besteht aus Sezgi Ceylanoğlu, Eda Demir, Zeina Nassar, Soraya Reichl, Mariette Morgenstern-Minnemann, Nathalie Seiß und Chantal Süss. Ein paar der Darstellenden kannten sich schon vor der Arbeit am Stück, doch so richtig lernten sie sich erst kennen, als sie sich schließlich gemeinsam über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt austauschten. Manche haben bereits vor „Stören“ etwas Theatererfahrung gesammelt, andere nicht und Regisseurin Suna Gürler hat nach eigener sympathischer Aussage bisher auch nur mit nicht-professionellen Schauspieler_innen gearbeitet. Voller Bewunderung kann ich jedenfalls nur sagen: Ob professionell oder nicht, merkt man den Menschen auf der Bühne nicht an. Vielmehr glaube ich, dass das Stück nur in dieser Konstellation so ehrlich und nahbar werden konnte. Unterstützt wird das Stück außerdem immer wieder durch feministische Texte in unterschiedlichen Formaten. Einmal wird so zum Beispiel ein Blogpost vorgelesen, der von den verschiedenen Stadien des Trans*seins handelt und den Weg von der eigenen Erkenntnis übers Coming Out bis zur Transition beschreibt.

Die Premiere von „Stören“ ist vollkommen zu recht ein voller Erfolg. Die Darstellenden sind ganz überwältigt davon, dass sie so oft für eine Verbeugung auf die Bühne zurückkehren müssen. Ich klatsche so lange bis meine Hände summen und weiß gar nicht, wohin mit all meinen Gefühlen. Wenigstens kann ich ein paar davon sowie meine Dankbarbeit an die Regisseurin und die Schauspieler_innen zurückgeben als ich sie nach Ende des Stücks drücken darf. Gegenüber Suna Gürler formuliere ich es an diesem Abend so:

„Stören“ ist das Theaterstück von dem ich noch nicht wusste, das es mir fehlte und das ich aber schon immer sehen wollte.

Was so gut daran tut ist, dass das Stück nicht nur schmerzt, krass ist und ehrlich, sondern selbst schwere Themen mit einer unglaublichen Leichtigkeit und Witz anfasst. Gleichzeitig erlaubt es uns – ja fordert sogar von uns – wütend über all das zu sein. Es zeigt den Kern feministischer Erkenntnis: Wenn du erst mal drauf achtest wie oft diese Ungerechtigkeiten vorkommen, auf welch subtile Weise manchmal schon, wie sehr sie uns als normal verkauft werden sollen – dann kannst du nicht mehr zurück und möchtest, ja musst, etwas daran verändern.

„Stören“, is a state of mind.


Vielen Dank an Esra Küçük und Sammy Khamis, die Kübra und mich eingeladen haben die Premiere von „Stören“ anzuschauen und im Anschluss darüber zu sprechen. <3

Das Stück wurde ins Repertoire des Maxim-Gorki-Theaters aufgenommen, die nächsten Vorstellungen finden am 15. und 16. November sowie 12. und 15. Dezember statt und ich empfehle euch von Herzen: Schaut es euch an! Außerdem wird es im Rahmen von Gorki X mit theaterpädagogischen Angeboten für Schüler_innen verknüpft werden.

  • Ve Rena

    Finde ich gut…Leider wird man SO oft als verrückt abgestempelt,wenn man sich über Ungerechtigkeiten aller Art aufregt.Es wird so getan,als würde man sich alles nur einbilden…Gerade erst wieder erlebt.
    Wie reagiert man dann eigentlich am Besten?