Es kann ein wenig lauter werden: Über das Diskutieren im Netz

Foto , CC BY-NC 2.0 , by Jens Schott Knudsen

Wird das Netz immer intoleranter? Schotten sich die Menschen mit ihren Meinungen in der Filterbubble ab, blocken Diskussionen, die ihnen nicht passen? Dies war eines der Themen in der letzten Sendung von Radio Trackback, wo ich mit Teresa Sickert darüber reden durfte, wann (ab-)blocken im Netz eben auch Sinn macht, ob das wirklich alles so schlimm ist und ob es nicht andere Entwicklungen im Netz gibt, die deutlich dramatischer sind (siehe auch: Gamergate, Hatespeech). Und natürlich hatte ich danach das Gefühl, ich hätte noch viel mehr sagen müssen! Der Themenkomplex lässt mich jedenfalls noch nicht los. Mein Eindruck: vieles, was dabei negativ wahrgenommen wird, ist vor allem eine Frage der Perspektive und weder so unverständlich noch so gravierend wie es für manche wohl den Anschein hat. Daher nun: (m)ein Entwirr-Versuch einiger zugespitzter Argumente.

“Wir müssen auch mal andere Meinungen aushalten.”

Das müssen wir eigentlich die ganze Zeit: auf der Arbeit, im öffentlichen Raum, wenn wir Tagesschau gucken, auf Familienfeste gehen und auch mal im Freundeskreis. Wir halten ständig andere Meinungen aus! Das gehört zum (Sozial-)Leben dazu und kann ganz schön anstrengend werden, wenn ich nichts erwidern kann, um meinen Job nicht zu gefährden, meinen sozialen Status, den Familienfrieden, oder sogar die eigene Gesundheit, wenn klar wäre, dass mein Gegenüber auf Widerspruch auch mit Gewalt reagieren könnte. Viele Menschen müssen auch immer wieder Diskriminierungen aushalten. Sie haben da leider oft nicht so die Wahl.

Aber im Internet haben wir oft eine Wahl, und das ist gut so. Und nicht nur da on- und offline bilden wir Freund_innenkreise in der Regel aus Menschen, die uns nichts Böses wollen und mit denen wir nicht ständig aufgrund konträrer Meinungen in Streit verfallen. Alles andere wäre wohl auch ziemlich anstrengend – das ist nur menschlich und nicht der Untergang des Abendlandes.

Wir nutzen das Netz unterschiedlich. Nur weil Facebook und Twitter Öffentlichkeit suggerieren und wie ein komplett öffentlicher Ort genutzt werden können, müssen wir dies nicht tun oder wollen. Daher blocken manche Nutzer_innen schneller, und gehen nicht immer auf Diskussionen und Nachfragen ein, die an sie herangetragen werden. Und das ist umso verständlicher, wenn es sich um Menschen aus marginalisierten Gruppen handelt, um Menschen die im Alltag ohnehin Diskriminierungen aushalten müssen oder sich dauernd erklären sollen – für ihre Hautfarbe, ihre Herkunft, ihr Aussehen, ihre Sexualität usw. Gerade dann kann das Netz einen Ort bieten, an dem sie sich die Deutungshoheit zurücknehmen können und sich bewusst nur mit denen austauschen, die sie nicht dauernd in Frage stellen, sondern verstehen und unterstützen. Gerade hier sollte niemand eine diskriminierende Meinung aushalten müssen.

Wieviel und mit wem wir in sozialen Netzen interagieren sagt nichts darüber aus, wie tolerant oder intolerant wir sind, sondern zeigt lediglich, wie wir entschieden haben, auf diesen spezifischen Plattformen zu interagieren. Was wir davon abgesehen für Gespräche und Diskussionen führen, welche Nachrichten wir konsumieren, welche Meinungen wir uns anhören, akzeptieren, in Frage stellen – das muss daraus nicht hervor gehen, denn auch das Netz ist nur eine Sphäre des Lebens, öffentlich wie auch privat. (Die Bloggerin Distelfliege hat den Vorwurf der “Weltlosigkeit” durch “Abschottung” auf ihrem Blog schon einmal treffend auseinandergenommen).

Bei all dem frage ich mich auch immer, wer denn hier eigentlich wessen Meinung “aushalten” soll. Sollen etwa Marginalisierte und Diskriminierte die Meinungen derer aushalten, die sie marginalisieren und diskriminieren? Ab wann halte ich eine Meinung aus? Wenn ich sie nicht mehr kritisiere?

“Diskussionen werden immer gleich abgeblockt.”

Es mag dramatisch klingen, aber ich kann es nicht anders sagen: wir leben in Zeiten, in denen viele der online und offline diskutierten und virulenten Themen für sehr viele Menschen existentiell sind. Es geht dabei um Diskriminierung und Machtverteilung und Backlash, es geht um den Aufbruch von gesellschaftlichen Normen und die Existenzberechtigung derer, die in diesen Normen nicht vorkommen (sollen), durch diese unsichtbar gemacht und unterdrückt werden – mit gravierenden Folgen für ihr ganzes Leben. Dies betrifft Kultur, Politik, Arbeitsleben (siehe z.B.: Women in Tech), und vieles vieles mehr. Mit dem Hinterfragen des Status Quo geht es auch um diejenigen, die ihn erhalten wollen, es geht um Deutungshoheit und um die Frage, wem zugehört wird.

Und – pardon – das sind verdammt noch mal keine Diskussionen, die geführt werden können, ohne dass es mal knallt. Aber sie finden statt! Sie finden überall statt. Sie können nur nicht alle mit einem Konsens oder einem freundlichen “Let’s agree to disagree” beendet werden. Es werden noch viele Netz-Diskussionen fruchtlos, wütend und beleidigt abgebrochen werden. Sie werden an anderer Stelle wieder aufgegriffen, bringen Leute zum Nach- und Umdenken, sie werden später in kluge oder nicht so kluge Texte verwandelt. Manche Leute respektieren wir danach mehr, und bei anderen stellen wir eben fest, dass hier auch zukünftige Diskussionen niemanden weiterbringen werden. Und vielleicht haben wir auch mittlerweile festgestellt, dass nicht alle Diskussionen online gut zu führen sind. Und auch das ist nicht so schlimm. Wir stecken immer noch mitten in einem tiefgreifenden medialen und kulturellen Wandel, und wir werden noch viele unserer Ansprüche und Vorstellungen justieren müssen.

Ausserdem stellt sich auch hier wieder die Frage, wer eigentlich den Anspruch erhebt, dass ihre_seine Meinung respektiert und für zuhörenswert erachtet wird? Diejenigen, die sich über den “rauen Ton” beschweren, sind oft genug auch jene, die sehr daran gewöhnt sind, dass ihre Stimme gehört wird (wie z.B. Journalist_innen) und selbst bei Widerspruch ihre Relevanz nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird. Aber, und daran sollten wir uns gewöhnen: das ist keine Selbtsverständlichkeit. Nicht alle wollen mit uns diskutieren, und das macht deren Diskussionen nicht automatisch irrelevant. Manches muss erst im Kreis von Gleichgesinnten ausgehandelt werden, um an einen Punkt zu kommen, an dem es sinnvoll in die Breite getragen werden kann.

Das Netz ist vielstimmiger geworden, und das bringt auch Konflikte und reisst Gräben auf. Vielleicht gab es mal eine “gute alte Zeit™”, als im Netz alle immer super konstruktiv und freundlich miteinander diskutiert haben. Ich werde den Eindruck nicht los, dass dabei genau DIE Homogenität unter den Nutzer_innen herrschte, die uns heute als “Abschottung” vorgeworfen wird.

“Aktivist_innen sind die Schlimmsten von allen!”

Die Aktivist_innen und ihr hohes moralisches Ross! Immer am schnellsten dabei, zu kritisieren und zu verurteilen! Ja? Nun.

Wenn im Netz politisch aktive Menschen kritisiert werden, bin ich immer wieder überrascht, wie undifferenziert das oft passiert – von Impfkritik bis Feminismus, Critical Whiteness bis Chemtrails, was “radikal” erscheint, kommt in einen Topf. Auch werden Leute, die ihre Meinung zu bestimmten Themen äußern, gerne sofort als “Aktivist_in” bezeichnet – egal ob sie möglicherweise als Marginalisierte einfach über ihre eigene Situation reden und Dinge aus ihrer eigenen Situation heraus kritisieren, und ob sie über einen Tweet hinaus politisch organisiert sind.

“Aktivist_in” oder nicht: wenn Menschen sich zu einem Thema im Netz äußern, beispielsweise auf eine rassistische oder sexistische Aussage hinweisen, dann gibt es durchaus eine Chance, dass sie sich mit diesem Thema schon beschäftigt haben. Vielleicht weil sie regelmässig davon betroffen sind oder weil sie sich dazu weitergebildet haben (was natürlich nicht das Gleiche ist und ich hier auch nicht auf eine Stufe stellen will – aber das ist noch mal ein anderes Thema). Die Chance, dass sie wissen, wovon sie reden, ist gegeben! Dass sie für die Sachverhalte sensibilisiert sind, weil sie sich mit ihnen viel beschäftigt haben. Was als “moralische Überlegenheit” kritisiert wird, liegt oft genug irgendwo zwischen Betroffenheit und Aufgeklärtheit – und hat mit Überlegenheit gar nicht mal so viel zu tun.

Wenn man nun für bestimmte Diskriminierungen sensibilisiert ist, dann erkennt man sie leichter, sieht vielleicht auch die größeren Zusammenhänge. Und das ist, gelinde gesagt, oft ganz schön deprimierend. Und beim x-ten Mal platzt dann auch mal online der Kragen. Man möchte das nicht schon wieder erklären müssen. Man möchte kein Verständnis haben müssen. Man möchte nicht immer stellvertretend für [diskriminierte Gruppe] erklären müssen, was denn nun gerade eigentlich das Problem ist – zumal wenn klar wird, dass das Gegenüber sich damit noch nie beschäftigt hat, mit der Frage sowieso schon mal anzweifelt, dass es überhaupt ein Problem gibt, und sich nicht mal selbst bei Google auf die Suche nach einer Antwort macht. Da kann man schon mal ungeduldig werden, abkanzeln, schweigen oder blocken. Das nicht persönlich zu nehmen, ist vielleicht nicht immer leicht, aber man kann es zumindest versuchen: zu jeder Reaktion gibt es eine Vorgeschichte.

Und dabei haben wir noch gar nicht davon gesprochen, dass es auch Methode hat, wenn von Menschen, die sich politisch für etwas einsetzen, immer gefordert wird, sie sollen doch “mal netter” sein. Da sollen dann die für Veränderung zu erfüllenden “Bedingungen” wieder von denen festgelegt werden, die mit dem Status Quo ohnehin kein Problem haben.

Davon abgesehen: sicher gibt es im Netz, unter Aktivist_innen genauso wie überall auch (auf “allen Seiten”) Menschen, die sich auf Kosten anderer überlegen fühlen wollen. Oder Menschen, mit deren Art wir einfach nicht klarkommen und die wir, joa, nicht leiden können. Ihr Verhalten als Begründung zu nehmen, um ganze Denkrichtungen anzuzweifeln oder zu diffamieren, zeigt eigentlich nur, dass man dafür dringend einen Grund gesucht hat und nicht wirklich vorhatte, sich konsequent damit auseinanderzusetzen.

“Ein Fehltritt, schon droht der Online-Mob!”

Durchs Netz wird vermutlich schneller und mehr kritisiert als je zuvor. Das kann übers Ziel hinaus schießen. Das kann anstrengend sein. Aber das zeigt auch, dass viele Menschen Dinge wie Sexismus oder Rassismus heute besser verstehen und nicht einfach mehr so durchgehen lassen – und das ist gut. Dem Labeln solcher Kritik als “Empörung” und “Mob” hat zuletzt der amerikanische Autor Jon Ronson ein ganzes Buch gewidmet, mit wenig Platz für Nuancen:

“Differenzierung zwischen Trollen, die Hass schüren, Mitläufer*innen und berechtigter Kritik sucht man vergebens. In welchen Fällen Eskalation angebracht sein kann und wann nicht. Warum quasi hingenommen wird, dass Partyfotos auf Facebook berufliche Nachteile bringen können, das aber für Meinungsäusserungen ausgeschlossen werden soll. Und ob wirklich jede Forderung nach Rechenschaft immer gleich eine nach rollenden Köpfen ist. Ideen, wie online Entschuldigung aber auch Verzeihen funktionieren könnte. All das: Fehlanzeige. Das Buch geriert sich statt dessen als ein Manifest für das Recht auf freie – und das meint in diesem Fall vor allem: konsequenzfreie – Meinungsäusserung.” (“Pranger sind immer die anderen”)

Was bei Ronson und anderswo demgegenüber oft unter den Tisch fällt, sind gezielte Online-Attacken mit dem Ergebnis, Menschen zum Schweigen zu bringen und (mindestens) aus dem Netz zu vertreiben. Diffamierungen, Drohungen, Doxxing, Hate Speech. Das ist alles nichts neues und bereits viel dokumentiert und beschrieben worden. Man kann nicht über Intoleranz im Netz sprechen ohne diese Art von Online-Attacken zu erwähnen, denn dabei sollen Menschen tatsächlich zum Schweigen gebracht werden. Und das finde ich ehrlich gesagt weitaus schlimmer, als wenn halt nicht alle immer Lust haben, miteinander zu diskutieren, oder Menschen für diskriminierende Aussagen harsch kritisiert werden.

  • August R. Finger

    Einen Punkt wuerde ich gerne ergaenzen. Es ist fuer mich sehr verstaendlich, wenn jemand zum eigenen Schutz, oder auch nur aus mangelndem Interesse, eine Diskussion abbricht und sich davon zurueckzieht. Ich stimme Dir absolut darin zu, dass niemand verpflichtet ist, sich zu erklaeren oder seinen Standpunkt zu verteidigen, und ich kann mir gut vorstellen, dass es auf die Dauer auch nervt, das zu tun.
    Ein Problem sehe ich aber darin, wenn jemand eigentlich Lust darauf hat, zu diskutieren, aber diese Kommunikation auf den Druck der eigenen peergroup hin abgebrochen wird. Ich beobachte in letzter Zeit oft, dass gewisse Leute im Prinzip gerne mit dem „anderen Lager“ diskutieren wuerden, aber dafuer dann von den eigenen Freunden kritisiert werden, nach dem Motto: „Wer mit DENEN redet, ist keine mehr von uns.“ An diesem Punkt ist es dann nicht mehr Selbstschutz, sondern systematische Abschottung. Und die schadet meiner Meinung nach der Glaubwuerdigkeit des eigenen Standpunktes.

  • Phila

    Könnten Sie bitte statt Aktivist_in nicht „Aktivist und Aktivistin“ schreiben? Das würde das ganze einf_acher zu lesen machen. Ich finde Un_terstriche mitten im Wor_t sehr störend im Le_sefluss.

    Ich weiß, das ist etwas mehr Tipperei, aber dann kann man ohne Ablenkung lesen und sich wirklich auf den Inhalt des Geschriebenen Konzentrieren, statt mit Satzzeichen mitten im Wort geistig zu kämpfen.

    • Natanji

      Hallo Phila,
      der Unterstrich ist ein Akt des feministischen Sprachhandelns, der explizit zeigen soll, dass auch nichtbinäre Menschen mitgemeint sind. Die Unterstriche sind auch nicht mitten im Wort, sondern ein kleine Ergänzung zur feminenen Wortendung „in“ und stehen immer unmittelbar vor dieser.

      Du darfst das doof, unpraktisch und unleserlich finden; du kannst dir aber sicher sein, dass Lucie sich das beim Verfassen genau überlegt hat und keineswegs schreibfaul ist. ;)

  • Pinguinlöwe

    Zum Teil finde ich die Kommentare unter Artikeln so schlimm, dass ich sie, wenn möglich ausblende, um mich konstruktiv mit dem Artikel selbst auseinandersetzen zu können.Egal ob man sich bei der Tagesschau oder Spiegel online aufhält oder.. wo auch immer, die wenigen konstruktiven Texte gehen in einer Lavine aus Hass verloren. In dem Zusammenhang ist es schwer Regeln durchzusetzen. Die Leute verhalten sich im Internet so, wie im eigenen Auto: Da wird gemotzt, gemeckert und geschrien und alle anderen sind sowieso Idioten, während mensch selbst der einzige ist, der richtig liegt. Aber man sitzt eben nicht im Auto und hinter den Usernamen stecken echte Menschen, mit echten Gefühlen.

    Als Mann finde ich das Thema Feminismus abgesehen von lesbaren Inhalten übrigens wenig zugänglich, obwohl es mir schon seit langem eine Herzensangelegenheit ist. Ganz oft denke ich zwar: Ja, so wie es jetzt alltäglich läuft, so ist das Mist, aber es bleibt das Gefühl einer geschlossenen Front gegenüber zu stehen (und zwar von beiden Seiten, also einmal die Männer, die nur müde abwinken und zum anderen die Feministinnen, die sich nur untereinander vernetzen, dann aber sehr verschlossen nach aussen bleiben, vielleicht gerade wegen der verbalen Angriffe, usw)

    Ich versuche bereits seit geraumer Zeit da aktiv zu werden, treffe aber in meiner Umgebung keine Menschen die da tatsächlich den Mut haben mitzumachen oder zu helfen und fühle mich allein gelassen.