Wo Kritik am #Aufschrei fehl geht – und wo nicht
“Es wär gut, wenn du beim Pitch dabei wärst, dann hat der Kunde auch was für´s Auge” sagt mein Chef. Ich bin studentische Aushilfe, Mitte Zwanzig. Ich beiße die Zähne zusammen und lächle, dabei will ich schreien. Aber wenn ich das mache, verliere ich meinen Job. Und das Zeugnis, das mir einen anderen verschaffen könnte. Die Situation wiederholt sich in anderer beruflicher Situation später. Beides wären ganz gute Tweets mit dem Hashtag #Aufschrei gewesen, beides habe ich nicht getwittert, weil ich die letzten drei Wochen nicht in Deutschland war und die Debatte um Alltagssexismus, die, angestiftet von einem Bericht über Rainer Brüderles Verhalten gegenüber eine Journalistin, hier auf diesem Blog von Anne, Maike und von vielen Twitterinnen ins Rollen gebracht wurde, bis dato nur aus der Ferne und sporadisch verfolgte.
Nach den bis zum jetzigen Zeitpunkt fast 100.000 Aufschreien in einer Woche ist viel passiert: In Talkshows wird über das Thema gesprochen, Anne ist eine gefragte Interviewpartnerin der Presse.
Gleichzeitig hat die Kritik an #Aufschrei eingesetzt. Sie teilt sich in verschiedenen Gruppen, die nur gemeinsam haben, dass es valide Gegenargumente zu ihren Äußerungen gibt. So meint Gruppe 1: #Aufschrei ist etwas für verbissene Emanzen, das Problem existiert gar nicht, weil ein bißchen Flirten gut und wichtig ist. Wer so denkt (und das laut sagt): Erika Steinbach beispielsweise, oder ein Kolumnist der BILD-Zeitung, dessen Worte ich gestern morgen in der BILD City las, einer Art Mini-BILD, die ich beim Warten auf mein Flugzeug nach Tegel erwischte (online leider nicht auffindbar).
Flirten wie Erika, Frau sein wie Bettina
Das letzte Mal, als ich sowas probiert habe, war ein Flirt etwas, das entsteht, wenn der eine dem anderen signalisiert, dass er (oder sie) gut findet, was da passiert. Man nennt das auch Einvernehmen. Eine Fremde auf der Tanzfläche im Vorbeigehen zu begrapschen, eine Kollegin auf ihre Äußerlichkeiten zu reduzieren, eine Frau zu beschimpfen, die auf Annäherungsversuche in der Bahn nicht reagiert: All das waren Aufschreie, und sie haben nichts mit Einvernehmen oder einem Flirt zu tun. Kia Vahland bringt es im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung auf den Punkt: Den #Aufschrei provoziert nicht der Flirt auf der Party, es geht um den Missbrauch von Macht. Dem Typen auf der Party kann ich folgenlos eine kleben, wenn er mir an den Hintern fässt oder ins Dekolleté schielt. Dem Arbeitskollegen oder gar dem Chef nicht. Beim #Aufschrei ging es nicht um Flirts, sondern um Machtmissbrauch.
Wofür hier keiner garantieren kann, ist natürlich, welches Flirtverständnis bei Steinbachs so herrscht. Womit wir bei den nächsten Kritikern wären, bei denen es auch um Übertreibung geht, die aber immerhin andeuten, dass es sowas wie sexuelle Übergriffigkeit im Zusammenleben von Männern und Frauen gibt und die Welt mehr als eine Arche Noah, gemalt von Bob Ross, ist.
Gruppe 2 sagt: Der #Aufschrei erfolgt an falscher Stelle, statt schwereren Problemen wie Vergewaltigung und sexueller Gewalt regen sich Frauen über Nichtigkeiten auf. Vertreter: @frau_meike und Bettina Röhl in der Wirtschaftswoche, die sagt, #Aufschrei habe “(die) Konsequenz, dass bislang den Opfern sexueller Gewalt im strafrechtlich relevanten Sinn eigentlich von ein paar aufgedrehten Girlies in den Medien (gemeint sind natürlich nicht echte Erfahrungsberichte sexueller Übergriffe von Betroffenen), die sich aufplustern, die Ehre und die Anerkennung abgeschnitten wird.” Schon interessant, der Satz. Weil gar nicht klar wird, wer sich denn dann aufregen darf, according to Bettina Röhl. Echte Erfahrungsberichte sind ok, aufgedrehte Girlies nicht. Und echte Erfahrungsberichte aufgedrehter Girlies? Und was sind eigentlich “Girlies” im Röhlschen Sinne? Frauen, die jünger sind 30? Oder 40? Frauen, die jünger sind, als eine beliebige Zahl, die Bettina Röhl definiert? Das nennt man reversed ageism, umgekehrte Altersdiskriminierung: Du bist jung oder zumindest jünger als eine beliebige Zahl, an der ich Reife postuliere – also zählt deine Meinung nichts. Oder spielt Röhl auf die Kritik der Frauenbewegung an der sogenannten “Girlie”-Bewegung der 90er an, die glaubte, mit Parolen wie “Girl Power” und Tank Tops wäre das Problem der mangelnden Gleichberechtigung zu lösen? Das wäre deswegen falsch, weil sich keine der Initiatorinnen vom #Aufschrei mit dieser Girlie-Bewegung identifiziert hat. Was nicht bedeutet, dass sie nie Tank-Tops tragen. Aber sie machen eben auch noch ein paar andere Sachen, um Gleichberechtigung zu erreichen.
Der #Aufschrei ist mehr als eine apolitische, diffuse Behauptung von weiblicher Macht qua Konsummacht, so wie es ein popkulturell verwursteter Feminismus der Girlies propagierte. Der #Aufschrei beschreibt konkrete Fälle von Übergriffen. Und wie ernst sie zu nehmen sind, das haben weder die Täter zu bestimmen, noch die, die sich nicht betroffen fühlen und nur beobachtend danebenstehen. Ein Opfer hat Deutungsmacht über das, was es fühlt und es hat das Recht, seine Verletzungen als solche zu bezeichnen.
Mehr Empörung wagen
Darüber hinaus schließt die Empörung über sexuelle Übergriffe, wie sie beim #Aufschrei passiert, nicht aus, sich auch über Vergewaltigungen zu empören. @frau_meike findet diejenigen bigott, die zum Thema #Aufschrei twittern, auch als Betroffene, aber eine Zeitungs-Meldung über die Vergewaltigung einer Frau auf Twitter nicht weiterleiten. Dazu bleibt nur zu sagen: Man kann das eine tun und das andere nicht lassen. Das Schildern des Alltagssexismus in Deutschland ist wichtig. Das Empören über Vergewaltigung ist wichtig. Wir können beides tun, ohne dem einen Wichtigkeit abzusprechen, wenn es nicht in Kombination mit dem anderen geschieht.
Kritik am #Aufschrei ist dort berechtigt, wo etwa die Sicht herrscht, dass mit einer Aktion wie dieser das Sexismus-Problem in Deutschland hinlänglich dokumentiert wäre oder überhaupt Twitter seine gesellschaftliche Schlagkraft unter Beweis gestellt hätte. Twitter – und Social Media – ist ein Ort der Privilegierten. Wer dort protestiert, hat Netzzugang, Bildung und lebt in einem Land, das freie Meinungsäußerung erlaubt. Es wäre kurzsichtig, zu glauben, dass nur Twitterkampagnen mediale Aufmerksamkeit verdienen. Es wäre aber genauso kurzsichtig, ihnen im Umkehrschluss jede Relevanz abzusprechen. Twitter bildet gesellschaftliche Realität ab – nicht in Gänze. Aber in einem größeren Maß, als es alte Medien ermöglichten.
Genau deswegen ist der #Aufschrei auch so ernstzunehmen. Weil dort Frauen ohne Angst vor Konsequenzen unter Klarnamen über konkrete Erfahrungen mit Machtmissbrauch schreiben. Nicht auszudenken, wieviele Aufschreie stumm bleiben, weil die Angst, sich damit verwundbar zu machen und negativen Folgen, z.B. am aktuellen Arbeitsplatz, auszusetzen, zu groß sind. Umso wichtiger, die Aufschreie, die wir lesen, ernst zu nehmen.