I ♥ Political Correctness!
Egal ob Sexismus- oder N-Wort-Debatte, ein Vorwurf lässt nie lange auf sich warten: das sei alles Political Correctness. Aber was genau soll daran eigentlich schlecht sein? Ein Plädoyer.
Man kann sich eigentlich immer sicher sein: Sobald irgendwo antidiskriminatorische Sprache und Sprachverwendung zum Thema gemacht wird, stehen sie auf der Matte. Die Opfer der Political Correctness, die so verängstigt sind, dass sie kaum noch sprechen können. Mit letzter Kraft schaffen sie es noch zu rufen: „Zensur, Zensur!“, dann wird ihnen von den Wächter_innen der Political Correctness der Mund zugeklebt. Am Horizont hoffen sie bald die Reiter der Apokalypse ihre Lanzen recken zu sehen, um die gendergerechte Sprache zu zerschmettern. Mit Tränen in den Augen fallen sie auf die Knie und wähnen sich bald wieder im Paradies, wo man noch das N-Wort sagen und schreiben und wo man Frauen noch die schönsten Komplimente über ihre Oberweite machen darf und sie sich darüber freuen – alles im generischen Maskulinum, versteht sich.
Am liebsten würde ich sie ja da im Staub liegen lassen, denn diese Leute wirken auf mich wie eine lächerliche Sekte. Und unter der Märtyrertracht steckt doch sowieso wieder nur der weiße, heterosexuelle Mann (WHM), der voller Selbstmitleid sein Leid klagt. Wenn es nur nicht immer so viele wären. Er beschwert sich über seinen Machtverlust, denn es fuchst ihn total, dass er nicht mehr durch unreflektiertes Sprechen die Menschen diskriminieren darf, die nicht seinen Attributen entsprechen: nicht-weiß, nicht-heterosexuell, nicht-männlich. Die Argumentation ist dabei schon ziemlich perfide: Sie sehen sich selbst als Opfer eines Instrumentes, das Diskriminierung verhindern soll, die aber größtenteils ursprünglich von ihnen ausging – das ist schon ein starkes Stück. Der weiße, heterosexuelle Mann war schon immer gut darin die Rollen von Täter und Opfer zu vertauschen, das sehen wir gerade mal wieder bei der #aufschrei-Debatte. Abertausende von Frauen berichten von ihren Erfahrungen mit Alltagssexismus und das, worüber geredet wird, sind mal wieder die Befindlichkeiten des weißen, heterosexuellen Mannes – hier ein kleines Beispiel (mit Triggerwarnung vor eigentlich allem).
(Natürlich pauschalisiere ich an dieser Stelle maßlos, das nennt sich Übertreibung, unter Fachleuten auch Hyperbel, und ist ein rhetorisches Mittel, um meinen Standpunkt besser klar zu machen. Natürlich sind nicht alle weißen, heterosexuellen Männer so und nicht alle, die sich so verhalten, sind weiß, heterosexuell und männlich. Aber das ist nicht der Punkt, es geht nämlich, wie immer, um dominierende Tendenzen. Rhetorische Mittel sind übrigens ein tolles Beispiel für die Macht von Sprache – falls an die mal wieder einer nicht glauben will.)
Aber was ist Political Correctness jetzt eigentlich und warum sollten wir sie lieben und keine Angst vor ihr haben? Political Correctness soll die Sprache weniger diskriminierend machen. Ja, Sprache ist diskriminierend. Und das ist auch kein Wunder, hängt sie ja schließlich trotz allem irgendwie mit der Realität zusammen und wie sollen sich bitte z. B. Jahrhunderte mangelnder Gleichberechtigung und Verachtung von Frauen, Homosexuellen und Schwarzen nicht in der Sprache niederschlagen? Aber seit einigen Jahrzehnten ist das ja zum Glück ein wenig anders. Wir werden zunehmend sensibler für sprachliche Diskriminierungen – allen voran die Betroffenen. Die halten nämlich nicht mehr den Mund, wenn sie diskriminiert werden. Dann wirft sich der WHM an der Kasse des Sprachsupermarktes auf den Boden und brüllt, weil er sich das N-Wort nicht mitnehmen oder „schwul“ nicht als Schimpfwort benutzen darf. Und sie schimpfen auf all die, die sie dafür zur Rechenschaft ziehen.
Die Wahrheit ist: Political Correctness ist super, weil sie dazu führt, dass weniger Leute diskriminiert werden. Das führt zu einem besseren und angenehmeren Zusammenleben für alle und macht die Welt zu einem besseren Ort. So einfach ist das. Darum ist jeder, der das N-Wort verteidigt, rassistisch. So einfach ist das. Jeder, der „schwul“ als Schimpfwort benutzt, ist homophob. So einfach ist das. Ja, auch wenn man es „nicht so meint“. Das ist auch für mich kein Problem mit der Redefreiheit, denn die hört da für mich auf, wo ich andere Menschen verletze bzw. verletzen kann. Es ist noch nicht einmal irgendeine Art der Selbsteinschränkung, denn Beleidigungen und diskriminierende Sprache sind nie unverzichtbar. Also lasst es mich einmal deutlich sagen: Jeder, der sich gegen Political Correctness stellt und darauf beharrt, ist für mich erstmal ein Arsch – bis zum Beweis des Gegenteils. Weil nur Ärsche nicht an einem friedlicherem Zusammenleben interessiert sind. Was das beliebte Gegenargument „Gibt es keine größeren Probleme?“ angeht: Natürlich sind Krieg, Hunger, Krankheiten etc. viel schlimmer – aber auf der Straße dauernd „Das ist so schwul!“ zu hören ist für mich auch schlimm und erstere Probleme verbieten es nicht über letztere zu sprechen. Political Correctness ist, um mich einer tollen Formulierung von Anne zu bedienen, ein „Hack für das System“, das sprachliche System. Ein Werkzeug, das nicht immer perfekt funktioniert, aber mit dem wir trotzdem besser arbeiten können als ohne.
Nun ist das aber mit den bewussten, normativen Sprachänderungen so eine Sache – sie setzen sich meist nicht durch, wenn eine Institution von oben herab bestimmt, wer wie zu sprechen hat. Hier in Frankreich wäre das z. B. die Académie française, die sich vor kurzem den Begriff „mot-dièse“ für Hashtag ausdachte – und das Gelächter war groß. Nein, sprachliche Veränderungen setzen sich ganz simpel nur dann durch, wenn die Mehrheit (oder zumindest eine ausreichend große Anzahl) der Sprecher_innen sie benutzt. Deswegen ist es an uns die Political Correctness durchzusetzen, indem wir sie benutzen und sie im Alltag umsetzen. Es hängt also nur von uns ab. Natürlich ist es schwierig und oft kompliziert und ich bin selbst weit entfernt davon politisch korrekt zu sprechen (z. B. bin ich noch weit davon entfernt gendergerecht zu schreiben). Aber ich denke viel darüber nach und versuche mich von Tag zu Tag zu bessern. Ich finde es großartig: Niemand kann jemandem vorschreiben, wie er zu sprechen hat. Ich kann aber meine eigene persönliche Revolution starten, indem ich versuche durch mein eigenes Sprechen und Schreiben mithilfe der Political Correctness einer nicht-diskriminierenden Sprache ein Stückchen näher zu kommen. Eine Sprache, durch die niemand mehr verletzt und ausgeschlossen wird – wäre das nicht toll? Ist das kein gutes Ziel?
Der oben genannte Vorteil ist aber auch ein Nachteil: Niemand kann jemandem vorschreiben, wie er zu sprechen hat. Ich kann also nicht wirklich jemanden davon abhalten „schwul“ als Schimpfwort zu benutzen, wenn er_sie es wirklich will – genauso wie ich es nicht verhindern kann, dass mir jemand aus dem Fenster einen Blumenkübel auf den Kopf wirft, wenn er_sie es wirklich will. Und es gibt sie ja wirklich, die Leute, denen mal etwas rausrutscht, von dem sie sich gar nicht bewusst waren, dass es für andere verletzend sein kann. Dann kann man sie darüber aufklären und vernünftige Menschen werden immer daraus schlauer – und dann ist gut. Kübra Gümüsay (offensichtlich kein WHM) beschrieb diese Woche in ihrer Kolumne einen solchen Vorfall und ebenfalls die Konsequenzen, die sie aus der Kritik an ihr zog: „der Schaden, den diese Wörter verursachen, ist größer und ernster zu nehmen als mein vorübergehend verletzter Stolz. Und wäre die Kritik sanfter gewesen, hätte ich sie dann wahrgenommen? Ich weiß es nicht. […] Hätte ich mich damals mit der rassistischen Sprache auseinandergesetzt und versucht, aus meinem Fehler zu lernen? Vermutlich nicht.“
Fehler zu machen ist also nicht das Problem. Wichtig ist nur, dass denen zugehört wird, die auf die Fehler hinweisen und die Hinweise nicht aus Stolz, Ignoranz oder Angst weggewischt werden. Wir müssen uns aber auch trauen auszusprechen, dass es einfach überhaupt gar nicht geht, wenn jemand ernsthaft an dem Verbleib rassistischer Wörter in Kinderbüchern festhält. Wir dürfen keine rassistischen Witze mehr dulden – auch nicht, wenn sie von engen Freund_innen kommen und erst recht nicht, wenn sie „nur ironisch“ gemeint sind. Wenn wir keinen Rassismus mehr wollen, brauchen wir keine rassistischen Begriffe mehr – Euphemismus-Tretmühle hin oder her. Wenn wir keine Diskriminierung mehr wollen, dürfen wir keine diskriminierende Sprache mehr benutzen.
Matthias Dusini und Thomas Edlinger machen in ihrem Essay auf ZEIT ONLINE (Triggerwarnung: Ausschreibung rassistischer Begriffe) auf einen viel zu unbeachteten Aspekt der Political Correctness aufmerksam: „Politische Korrektheit bedeutet auch, dass Menschen […] eine Stimme bekommen, die bislang keine hatten.“ Im Grunde schließt das ein bisschen an meinen letzten Artikel an; mit politisch korrekter Sprache bekommen marginalisierte Gruppen vielleicht eher die Möglichkeit zu sprechen, als ohne. Auch sollte man sich hier für einen Augenblick von dem ganzen Diskurs der Political Correctness lösen und sich einmal auf den wörtlichen Sinn von politisch korrekt besinnen: Was kann bitte schlimm daran sein, wenn etwas politisch korrekt ist? Als politische Individuen richtig und korrekt behandelt werden – wollen wir das nicht alle? Wir sollten uns diesen Begriff wieder aneignen und wieder das sehen, was gut daran ist. Wir sollten uns wieder trauen die Political Correctness als Konzept zu verteidigen und das Kokettieren mit politisch Unkorrektem vom Platz zu verweisen – und zwar dahin, wo es hingehört: zu Stammtischgelaber, zu Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen, zu deutschtümelnder Piefigkeit und der Angst vor Bedeutungsverlust. Und den brüllenden WHM an der Supermarktkasse? Den lassen wir erst einmal schreien, bis er sich beruhigt hat – danach erklären wir ihm, warum manche Wörter einfach schlecht für ihn sind. Ich bin mir sicher, dass er es dann verstehen wird.
Und wenn wir das getan haben, rufen wir alle: We ♥ Political Correctness!
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