Ein Jahr #aufschrei

Foto voon Der Urkunde zum Grimme Online Award 2013. Zu sehen ist der Ausschnitt, auf dem in helltürkiser Schirft
CC BY-NC-SA 4.0 , by Nicole

Genau ein Jahr ist es her, dass Maike über sexuelle Belästigungen auf der Straße schrieb und fand „Normal ist das nicht!“. Sie wünschte sich eine Twitter-Aktion, die das Problem stärker als solches sichtbar macht und ahnte da noch nicht, dass diese ein paar Stunden später tatsächlich spontan entstehen würde: In der Nacht vom 24. auf den 25. Januar fingen wir an, unter #aufschrei Erlebnisse mit sexuellen Übergriffen und Diskriminierungen in 140 Zeichen zu schildern und kurz darauf begann sogar eine landesweite Debatte über Alltagssexismus.

Im Laufe dieser Debatte ging leider schnell unter, was so kraftvoll auf Twitter begonnen hatte. Deswegen möchten wir heute wieder den Fokus auf all die mutigen Menschen legen, die #aufschrei mit ihren Tweets ins Rollen brachten und dort ihre Geschichten teilten.

Der folgende Text von Nicole ist ein Auszug aus dem Buch »Ich bin kein Sexist, aber …« Sexismus erlebt, erklärt und wie wir ihn beenden von Yasmina Banaszczuk, Nicole von Horst, Mithu M. Sanyal und Jasna Lisha Strick, das im Zuge von #aufschrei entstand. Orlanda Verlag 2013.

The Stories We Tell

Eine Sommernacht. Ich spaziere alleine am Main herum.

Es ist warm, ich habe ein Notizbuch dabei und gute Laune.

Gehe durch den verfallenen Hafenbereich, singe im Dunkeln vor mich hin. This is where I’m staying. This is my home. Ich fürchte mich nicht. Eigentlich will ich für mich sein, lasse mich aber von einem Angler in ein Gespräch verwickeln. Er ist nett, wir unterhalten uns, während er sein Fahrrad am Mainufer entlang schiebt, ein alter Mann, der von seiner Dorfkindheit erzählt. Ich höre gerne, was andere aus ihrem Leben zu erzählen haben. Er will mir seinen besten Freund vorstellen, ruft ihn an.

Der kommt, wir sitzen zu dritt auf einer Parkbank an einem Spielplatz. Der beste Freund erzählt mir von seiner Exfrau, von seinen sexuellen Erfahrungen, fragt mich über meine aus. Der Angler geht pinkeln, um uns alleine zu lassen, kommt nicht zurück. An diesem Punkt wird es richtig ungemütlich. Mein Glück ist, dass ich weiß, was ich (nicht) will, dass ich weiß, was ich nicht mitmachen muss, wo der Anspruch höflich zu sein nicht mehr gilt. Und als der beste Freund des Anglers versucht mich anzufassen und zu küssen, kann ich nein sagen. Einmal reicht nicht, ich muss es mehrmals und deutlich tun. Er lässt los, nicht ohne pampig zu werden. Ich gehe, ohne mich noch einmal umzudrehen, und hoffe, dass er mir nicht hinterherkommt.

Und ich ärgere mich, ärgere mich darüber, dass mir dieser Typ meinen Abend verdorben hat. Obwohl ich weiß, dass ich mich nicht falsch verhalten habe, ist mir ebenso klar, dass ich nicht davon erzählen kann, dass ich damit rechnen muss, vorgeworfen zu bekommen, selbst daran schuld zu sein. Wärst du nicht nachts allein unterwegs gewesen. Hättest du dich nicht ansprechen lassen. Wärst du nicht auf seine Fragen eingegangen. Was hast du denn erwartet?

Was ich erwarte? Mit Respekt behandelt zu werden.

Das ist offensichtlich. Doch mein Wunsch nach Respekt geht darüber hinaus, wie in übergriffigen Situationen mit mir umgegangen wird. Ich will davon erzählen können, ohne für den Sexismus, der mir begegnet, verantwortlich gemacht zu werden. Auch, wenn es nur um kleine Dinge geht. Ich will einen Raum haben, in den Ambivalenz passt. Dass anerkannt wird, was ich sage, selbst wenn ich eigene Zweifel habe, ohne dass ich damit rechnen muss, diese verteidigen zu müssen. Diese Ambivalenz drückt sich nicht in einem »Ja, aber«, sondern in einem »Ja, und außerdem« aus. Die vielen Male, in denen ich von Männern geküsst wurde und das Geküsstwerden für eine gute Tat hielt, Pfadfinderinnenpflicht, mich nicht wehrte, weil ich mich zu Mitleid verpflichtet sah. (Der fremde, betrunkene Mann, der mich vom Supermarkt verfolgte, mir seine Lebensgeschichte aufdrängte und mir mit Gesten zeigte, wie ein Verwandter sich erhängt hatte. Der Lehrer auf einem Sommerfest, um dessen psychische Probleme ich wusste.)

Ich habe gelernt, eine hinnehmende Projektionsfläche zu sein. Manic Pixie Dream Girl im Leben von anderen. Der Witz daran ist, dass ich mir diese Geschichten von Männern anhöre, dabei aber nichts gefragt werde, es sei denn, meine Antwort soll das Gesagte bestätigen. Es wird davon ausgegangen, ich sei interessiert, aber es besteht kein Interesse an meinem Interesse. Cosmic Titty Archetype, anyone?

Was ist mit meinen eigenen Geschichten?

Als ich nachts die ersten Tweets ins Netz setzte, aus denen #aufschrei wurde, war ich trotzig. Ich erinnerte mich an Situationen, die ich erlebt hatte, die nicht eindeutig waren, in denen ich mich nicht gewehrt hatte oder erst spät, die ich nicht sofort als übergriffig einordnen konnte und wo ich wusste, dass andere diese Einordnung nicht anerkennen würden.

Das war ja bestimmt nicht so gemeint. Was ist denn daran so schlimm? Situationen, in denen Männer meine Anwesenheit, meine Aufmerksamkeit, meinen Körper als gegeben genommen haben, in denen keine Rolle spielte, was ich wollte, ob ich das wollte. Keine Nachfragen. Situationen, die ich für normal, fast richtig so hielt. Der alte Mann, der mich im Zug beim Lesen unterbrach und mir so ausführlich von seiner Kindheit im Krieg erzählte, dass ich das Gefühl hatte, ihn nicht unterbrechen zu dürfen, es war (ihm) ja wichtig, ein dringendes Anliegen, sodass ich sitzen blieb, bis er ausstieg, obwohl ich meine Station schon längst verpasst hatte und nun vier Stunden länger nach Hause brauchte.

Was mir wichtig war, spielte keine Rolle für ihn. Das ist keine Lappalie. Wenn andere nicht annehmen oder ernst nehmen, dass ich über mich verfüge, dass meine Interessen nicht ihre sind, wieso sollte ich das selbst tun?

No black woman writer in this culture can write »too much«. Indeed, no woman writer can write »too much«. No woman has ever written enough. – bell hooks

Ich habe die Beobachtung gemacht, dass immer wieder, wenn Frauen reden, wenn Frauen Kommentare oder Texte in Foren schreiben, sie sich dafür entschuldigen, zu viel gesagt und geschrieben zu haben, selbst wenn es sich nur um wenige Zeilen handelt. Mich wundert das nicht mehr. Ähnlich wie beim Wunsch vieler Frauen, abzunehmen, sehe ich dahinter den Wunsch, den ihnen zugewiesenen Platz in der Gesellschaft angemessen auszufüllen, sehe, dass selten gegen die Nichtrepräsentation (von von Schönheitsidealen abweichenden Körpern, von sprechenden Frauen, die das nicht in Bezug auf Männer tun) aufbegehrt wird. Lieber sich anpassen, sich einfügen, sich kleinhalten und sich dafür entschuldigen, den kleinen Raum zu beanspruchen, der einer zusteht, obwohl sie ihn noch nicht mal ganz ausfüllt. Den Ansprüchen gerecht werden.

Ich sehe, wie zwei mit Sexismus verknüpfte Probleme aufeinandertreffen. Einer, der gelernt hat, dass Frauen ihm als Belohnung zustehen (nice guy syndrome, Frauen als »Gewinn« am Ende von Filmen), dass die Wünsche und Bedürfnisse von Frauen keine oder eine geringere Rolle spielen als seine, dass ihr Anblick ihn erfreuen soll, trifft auf eine, die gelernt hat, höflich zu sein, zu lächeln, entgegenzukommen und zuzuhören, keinen Aufstand zu machen und dabei angenehm auszusehen. Das müssen die beiden nicht wissen. Das müssen die beiden nicht absichtlich machen oder denken. Das wirkt sich nicht auf alle gleich aus. Aber es ist in diese Gesellschaft hineingewoben, strukturiert sie. Das ist kompliziert. Das ist subtiler als die Frage nach juristischer Gleichberechtigung, dem ist schwieriger beizukommen.

Die Tweets unter #aufschrei sind am Morgen des 25. Januar 2013 bereits Tausende, es handelt sich um viele sehr unterschiedliche Geschichten, Geschichten, die großen Mut beweisen, in denen Sachen beschrieben werden, die auch ich für unmöglich, für unfassbar halte. Nicht, weil ich sie nicht glaube, sondern weil ich nicht glauben will, dass Menschen so etwas machen, so respektlos, unverschämt und gemein sind. So viele Tweets, dass der Hashtag trendet wie nix zuvor und größere Medien wie Fernsehsender und Zeitungen darauf aufmerksam werden.

Die scheitern allerdings dann damit, das Thema angemessen wiederzugeben, und reproduzieren hauptsächlich Klischees. Das hat zum einen mit dem Missverständnis zu tun, dass Brüderle der Anlass war. Er mag eine Rolle darin gespielt haben, dass das Thema eine solche Verbreitung fand, ist inhaltlich aber so irrelevant wie George Clooney. Zum anderen konzentrierte sich die Diskussion, auch in Bezug auf Brüderle, sehr schnell auf Einschränkungen beim Balzverhalten. Es ging plötzlich darum, ob man denn noch flirten dürfe und um die Konsequenzen, die harmlos flirtenden Männern nun drohten. Eine Scheindebatte.

Die, die es ein bisschen ernster meinten, beschäftigten sich mit dem Problem von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und zogen Beispiele aus diesem Bereich heran. Nicht, dass dieses Problem zu tolerieren sei. (Es gibt sogar ein Gesetz dagegen.)  Aber es ist ein vergleichsweise genehmes Problem, weil die Fälle, um die es hierbei geht, oft eindeutiger und mit offensichtlichen Machtverhältnissen zwischen Chefs und Untergebenen zu erklären sind. Sich darauf zu konzentrieren ist angesichts der Tatsache, dass sich nur ein kleiner Teil des Gesammelten und Geschilderten damit beschäftigte, eine Vereinfachung, die verfälscht.

Zusätzlich stellt sich die Frage: Wer spricht? Und aus welcher Position? Vielleicht die wichtigste Frage der ganzen Debatte. In den Klischeegeschichten sprechen nämlich nicht die, denen Übergriffe passieren. Es wird über sie gesprochen; selbst wenn es kein lächerlich machendes Sprechen ist und mit dem Anliegen passiert, für die gute Sache zu sprechen, nimmt das Übersiesprechen ihnen die Autonomie und schafft Geschichten, die aus der Vorstellungswelt der Sprechenden kommen.

Dann die Frage: Über wen wird gesprochen? Über weiße, nicht migrantisierte Hetera-Cis-Frauen, die im Berufsleben stehen und Spitzenpositionen anstreben. Das ist wunderlich. Einerseits wird sonst nur über die anderen Frauen gesprochen, wenn überhaupt, aber in diesem Fall trifft noch nicht mal das zu. Höchstens in einem höhnischen »Was regt ihr euch denn so auf, woanders geht’s Frauen doch noch viel schlechter«.

Feminism is not about women being strong. It’s not about women being good. It’s about women being people.

Es macht so einen großen Unterschied, wenn man Menschen für sich selbst sprechen lässt, nicht nur Frauen, auch andere Menschen, denen Komplexität abgesprochen wird, weil sie nicht als weiße Männer wahrgenommen werden. Diese Geschichten sind wahrhaftiger, sind stärker, sind vielschichtiger. Die eigene Geschichte zu erzählen ist ein radikaler Akt. Weil es uns vermenschlicht. Es hat für andere und uns den Effekt, dass wir realistischere Bilder von uns selbst bekommen, uns sehen können, andere uns sehen können, wir uns Raum geben.

Es ist empowernd, sich selbst sprechen hören zu können, die eigene Stimme gespiegelt zu sehen; wir üben darin, empathisch mit uns selbst zu sein, nicht nur mit anderen. Und wir können eigene Erfahrungen durch diesen Sprechakt und Blick von außen auf unser eigenes Sprechen eher anerkennen, als wenn diese Stimme innen bleibt. Indem man Diskriminierung ein Gesicht gibt, macht man sich selbst zum Subjekt; über das zu sprechen, was einer_einem passiert ist, ist das Gegenteil davon, sich zum Opfer zu machen. Das Thema ist für andere nicht so leicht wegzuschieben, wenn sie wissen, dass Menschen, die sie mögen und respektieren, so etwas schon mal passiert ist. Auch sie üben Empathie.

Mir liegt am Herzen, dass wir genau die Geschichten erzählen, die sich niemand vorstellen oder selbst ausdenken kann, die absurd klingen oder unrealistisch. Was sie nicht sind, weil es sich um unsere Realität(en) handelt.

Die durch unsere Erzählungen konkreter und greifbarer und sichtbarer werden, als es dünne Klischeegeschichten jemals könnten.

Weil es unsere Geschichten sind.

»Ich bin kein Sexist, aber …« Sexismus erlebt, erklärt und wie wir ihn beenden kann direkt beim Verlag bestellt werden oder über den Buchladen eures Vertrauens.

Artikel und Blogposts zu ein Jahr #aufschrei

„Ein #Aufschrei der Vielen“ von Margarete Stokowski
„Der #aufschrei und seine Folgen“ von Lisa Caspari
„#aufschrei – was bleibt.“ von Yasmina Banaszczuk
„#Aufschrei – Es hat sich nichts geändert“ von Onyx

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