Normal ist das nicht!
Wir haben uns so an sexuelle Übergriffe jeglicher Art im Alltag gewöhnt, dass wir manchmal vergessen, uns dagegen zu wehren.
Als ich vor fünf Jahren nach Berlin zog, achtete ich darauf, dass meine Wohnung nicht an einer U-Bahn-Linie lag und ich stattdessen die Straßenbahn benutzen konnte. Der Grund ist simpel: Angst. Ich wollte auf diesem Weg die Gelegenheiten, alltäglichem Sexismus und Gewalt ausgesetzt zu sein, immerhin reduzieren. Auf der Straße statt im Untergrund fühle ich mich in der Dunkelheit wenigstens ein bisschen sicherer, halte ich die Wahrscheinlichkeit für geringer, angemacht oder gar überfallen zu werden – immerhin fahren hier nachts Autos, trifft man ab und zu auf Menschen und vielleicht würde im Notfall sogar jemand meine Hilferufe hören und mich retten. (Haha.)
Zu jener Zeit, in der die Google-Streetview-Wagen durch die Stadt fuhren, brachte mich gegen zwei Uhr nachts die Straßenbahn nach Hause. Der Weg von der Haltestelle bis zur Wohnung ist nicht weit. Dennoch folgten mir mit schnellen Schritten zwei junge Männer. Ich beeilte mich, öffnete mit zitternder Hand das Schloss der Haustüre und rannte über den Hof, um ins Hinterhaus zu gelangen. Als ich im ersten Stock ankam, merkte ich, dass die beiden Männer mir gefolgt waren. Ich hörte ihr Gelächter, sie johlten auf Französisch und nur wenige Treppenstufen trennten uns vom Sichtkontakt. Hektisch schloss ich die Wohnung auf, sprang in den Flur, warf die Türe zu, an die ich mich anschließend mit dem Rücken lehnte, um leise wieder zu Atem zu kommen und mich vor allem auch nicht mit Schritten zu verraten. Die Männer lärmten noch ein wenig im Treppenhaus herum und verschwanden anschließend.
Am nächsten Morgen sah ich, dass eine Scheibe der Haustüre eingeschlagen war. Sie ist mittlerweile längst repariert, aber das klaffende Loch von einst kann ich nach wie vor auf Streetview sehen und ich muss oft genug an das Erlebnis denken, wenn ich zu später Stunde nach Hause komme. Mittlerweile bin ich meist froh, wenn niemand mehr auf der Straße unterwegs ist und Taxifahrer bitte ich immer, erst dann davon zu fahren, wenn ich hinter der Haustüre verschwunden bin.
Es ist jedoch ein Irrtum, ich sei tagsüber sicher. Einmal wurde ich gegen Mittag am Kölner Neumarkt von drei jungen Männern umringt, angerempelt und mit dummen Sprüchen bedacht. Ich versuchte, mich verbal zu wehren, doch die Männer hörten nicht auf. Um uns herum floss der Strom einkaufender Menschen weiter, niemand nahm Notiz von mir und meiner Situation. Erst als ich meine Ellenbogen einsetzte, ließen die Männer von mir ab.
Solche Erlebnisse prägen – dabei kann ich noch von Glück sprechen, denn mir ist keine körperliche Gewalt widerfahren. Aber die Angst bleibt und geschürt wird sie immer wieder mit alltäglichen Sexismen, die ich und viele andere Menschen – meist Frauen – auf der Straße erleben. Wie sehr ich diese einfach so hingenommen habe, wurde mir erst bewusst, als ich im vergangenen August von Sofie Peeters Film “Femme de la Rue” las, in dem sie die Belästigungen dokumentiert hat, denen sie täglich auf der Straße in Brüssel ausgesetzt ist. Ich hielt das Ganze zunächst für einen Fake. Niemand möchte wahrhaben, dass es so unangenehm sein kann, im Sommerkleid durch die Stadt zu spazieren. Es ist auch nicht unüblich, dass solche Ereignisse als Einzelfälle bezeichnet oder bestimmten Gegenden zugeschrieben werden. In den Tagen danach wurde ich jedoch gewahr, dass mein Alltag zwar nicht in dieser extremen Form von Street Harassment durchzogen war, ich jedoch mindestens ein Mal am Tag übergriffig behandelt wurde – weil ich eine Frau bin. Es war mir bloß nicht mehr aufgefallen, weil es bereits so normal geworden war.
Seither merke ich wieder, wie unangenehm es ist, jeden Tag an der gleichen Baustelle vorbei zu gehen und angegafft zu werden. Ich merke, wie unangenehm es ist, wenn ich in der vollen Bahn ununterbrochen anzüglich angestarrt werde und mich mangels Platz und Energie der Einfachheit halber umdrehe und den Rest der Fahrt gegen die Wand gucke. Ich merke, wie unangenehm es ist, wenn mir ein Mann gegenüber sitzt, der mich anglotzt und genau im Schritt eine Bierflasche platziert hat, die auf mich zeigt. Ich merke, wie unangenehm es ist, wenn mir ein Mann aus dem Bus auffordernd die wackelnde Zunge entgegenstreckt, als wolle er mich küssen. Ich merke, wie unangenehm es ist, beim Fahrradfahren mit anzüglichen Bemerkungen überholt zu werden. Ich merke, wie unangenehm es ist, aufgefordert zu werden, doch mal zu lächeln. Ich merke, wie unangenehm es ist, mich selbst dort, wo mich gar niemand belästigt, nicht mehr sicher zu fühlen. Sei es, mit einem fremden Mann alleine im Aufzug, an der U-Bahn-Haltestelle, auf dem Gehweg oder sonstwo. Phaedra Starling schrieb seinerzeit in diesem Zusammenhang von Schroedinger’s Rapist. Dies mag extrem erscheinen und tatsächlich sieht mein Alltag zum Glück nicht so aus, dass ich jedem Mann unterstelle, mich angreifen zu wollen. Aber für andere Frauen mag sich das so anfühlen, vor allem, wenn sie in der Vergangenheit (sexuelle) Gewalt erfahren mussten und auch ich gehe je nach Tagesform sehr unterschiedlich mit solchen Situationen um.
Dass den übergriffigen Männern oft gar nicht klar ist, was sie da tun, oder ihr Verhalten gar selbstverständlich finden, weil sie eben Männer sind, zeigen Ausschnitte aus Maggie Hadleigh-Wests Dokumentation “War Zone” – die vollständige Version gibt es hier. Dabei spielt es keine Rolle, wo die Aufnahmen gemacht wurden: überall auf der Welt werden Frauen belästigt – auch in Deutschland. Dass meine Erlebnisse keine Einzelfälle sind, kann ich auch auf Twitter nachlesen:





Laura Bates, Betreiberin der Seite everydaysexism.com, hat eine Aktion ins Leben gerufen, mittels des Hashtags #ShoutingBack Street Harassment auf Twitter sichtbar zu machen und so verbal zurück zu schlagen. Was hält uns davon ab, dort mitzumachen? Ebenso denkbar wäre es, einen deutschen Hashtag ins Leben zu rufen. (Update: mittlerweile gibt es den Hashtag #aufschrei <3 )
Vom 7. bis zum 13. April findet die International Anti Street Harassment Week statt, an der sich Menschen weltweit mit Aktionen beteiligen können. Wir haben also noch ein wenig Zeit, um uns wundervolle Dinge zu überlegen, mit denen wir dann in jener Woche die nötige Aufmerksamkeit schaffen können, um Sexismus im Alltag sichtbar zu machen. Und damit ich nachts sowie in U-Bahn-Stationen weniger ängstlich bin, habe ich mich dazu entschlossen, demnächst einen Selbstverteidigungskurs zu machen und anschließend hier davon zu berichten.
Es gibt übrigens einen einzigen fremden Mann, der einfach so die Worte Ich liebe Dich auf der Straße zu mir sagen darf: In meiner Nachbarschaft wohnt ein grauhaariger, bärtiger Opi, der ebendiesen Satz allen Menschen und Gegenständen zuflüstert, an denen er vorbeigeht. Erst gestern Abend sah ich ihn, wie er einen Baum umarmte und dabei lächelte.
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