#kleinergeburtstag 5 – Happy Birthday kleinerdrei!

Foto , by Gaelle Marcel

Inhaltshinweis: Umgang mit Tod und Trauer, GIFs

Es ist kaum zu glauben, aber wahr: Fast genau auf den Tag genau vor fünf Jahren konntet ihr hier den allerersten Beitrag von kleinerdrei lesen! Hunderte Artikel, Newsletter und Podcasts später gibt es uns immer noch – und zwar zu Recht! Denn wir glauben, dass sich die deutschsprachigen Medien weniger geändert haben als die Jahreszahl. Wenn ihr zum Beispiel bei diesem Artikel über den Backlash nach Erfahrungsberichten über sexualisierte Gewalt den Hashtag #aufschrei mit #metoo ersetzt, wäre der Text fünf Jahre später größtenteils noch immer aktuell – ist das nicht krass?

Weil das so ist, wie es ist, machen wir weiter.

Und dazu bekommen wir in diesem Jahr auch noch wunderbare Verstärkung! Ab sofort wird uns die großartige Alice Hasters als kleinerkolumnistin unterstützen. Mit diesem Gastbeitrag über das Gefühl, fremd im eigenen Land zu sein, hat sie sich in unsere Herzen geschrieben und wir freuen uns darauf, 2018 mehr von ihr auf kleinerdrei zu lesen.

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Wer noch mal nachhören möchte, wie wir vor fünf Jahren eigentlich mit kleinerdrei angefangen haben, kann das in dieser Folge des kleinercasts tun. Und wenn ihr schon auf unserer Podcast-Seite seid, dann abonniert uns doch einfach. So verpasst ihr keinen kleinercast mehr! Oder schreibt uns eine positive Bewertung. Das hilft anderen Hörer_innen, uns noch leichter zu finden.

Spread the Love!

Das gilt auch für unseren kleinerbrief. Hier gibt’s eine Kostprobe unseres kleinerdrei-Newsletters. Er bringt auch alle zwei Wochen die pure kleinerdrei-Freude im Postfach, inklusive den besten Zitaten aus unseren Redaktionskonferenzen. Abonniert ihn oder leitet ihn weiter an alle, die 2018 einen Lichtblick in ihrem Internet brauchen.

Was bedeutet eigentlich Erwachsensein?

Um unseren Jahrestag gebührend zu feiern, haben wir uns wie an jedem Geburtstag etwas besonderes überlegt: Dieses Mal geht es darum darüber nachzudenken, was wir eigentlich mit dem Thema „Erwachsensein“ verbinden. Dazu gibt es außerdem ein GIF das unser jeweiliges Gefühl ausdrückt, mit dem wir in dieses neue (Lebens-)Jahr gehen.

Warum machen wir das? Weil sich für uns fünf Jahre im Internet ein bisschen wie eine Wegmarke anfühlen. Seit fünf Jahren verbringen wir ehrenamtlich unsere Zeit damit, miteinander zu diskutieren, Artikel zu schreiben oder großartige Gastbeiträge redigieren, Podcasts aufzunehmen, zu veröffentlichen und euch, liebe kleinerdrei-Community, zu hegen und zu pflegen. Das macht Freude und es hat unser Projekt erwachsener werden lassen. Nicht so gesetzt und traditionell, als dass wir jemals auf GIFs verzichten würden, aber erwachsener als 2013, als wir vor diesem neuen Ding namens kleinerdrei saßen und uns nicht ausmalen konnten, auf welche Reise es uns alle mitnehmen würde.

Deswegen schenken wir euch zu unserem fünften Geburtstag unsere Gedanken zum Thema Erwachsensein und freuen uns, wenn ihr dazu eure in den Kommentaren, auf Twitter oder Facebook mit uns teilt.

Happy Birthday, to us! <3

Anne

Was Erwachsenwerden und -sein angeht, halte ich es mittlerweile mit der schlauen wie lustigen Comic-Künstlerin Sarah Andersen: Adulthood is a myth! Erwachsensein ist ein Mythos. Oder besser gesagt: Es ist ein vermeintliches Ideal, das in unserer Gesellschaft mal wieder zur Norm für alle erhoben wird, ohne tatsächlich erreichbar zu sein. Ein Masterplan, dem alle hinterher hecheln und der durchdrungen ist von all den -ismen, die uns eh schon das Leben schwer machen. Wer dann noch zur Gruppe der sogenannten Millennials gehört, hat in der Regel eh schon das Bullshit Bingo voll.

Wenn ich jedenfalls daran denke, wie sich die Vorstellung des Erwachsenseins früher anfühlte, als ich noch ein Kind war und wie die Realität heute aussieht, lautet das Fazit eher: Viele von uns Erwachsenen haben immer noch keinen Plan, tun aber mittlerweile öfter so als hätten wir einen (bzw. müssen aufgrund der vorgegaukelten Norm so tun) und wurschteln uns irgendwie durch, während wir nun auch Steuern zahlen. Insofern sollte Erwachsensein – also eher das Gefühl, weniger das Steuernzahlen – vielmehr einfach das sein, was wir draus machen.

Dazu gehört für mich zum Beispiel auch Anzuerkennen, dass ein Mensch sich eigentlich ein ganzes Leben lang in einem ständigen Lernprozess befindet. Statt in einem bestimmten Alter damit fertig zu sein (und diese Arroganz ist quasi auch der Kern des Erwachsenenmythos’), gibt es eher, je nach Altersphase und äußeren wie inneren Umständen, unterschiedliche Lernschwerpunkte. Erwachsene als die Instanz schlechthin, die immer weiß was zu tun ist und auch immer das Richtige tut – das ist eine Illusion. Aber dafür können wir uns zugestehen, weiter zu lernen und offen für einander und die Welt zu bleiben. Gerade wenn diese Welt uns das sehr schwer macht, ist es ein umso radikalerer Schritt.

Mein kleinergefühl fürs neue Jahr

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Jule

Als ich 18 war, dachte ich, erwachsen werde ich, nachdem ich einige Dinge zum ersten Mal gemacht habe. Das erste Mal in eine neue Stadt ziehen. Das erste Mal alleine wohnen. Das erste Mal an einer Universität einschreiben. Das erste Mal alleine bestimmen, was in den Kühlschrank kommt.

Erwachsen sein, das war für mich ein Ort, den ich erreiche, wenn ich durch diese Türen gehe. Und es war für mich ein absoluter Sehnsuchtsort. Ich konnte es nicht erwarten, alleine Entscheidungen zu treffen und für mich selbst Verantwortung zu tragen. Diese Euphorie erhielt einen empfindlichen Dämpfer, als ich eines Nachts in einen dicken Wintermantel gehüllt im einzigen Zimmer meiner ersten eigenen Wohnung in Berlin-Lichtenberg saß und gegen den verstopften Abzug meines Kachelofens kämpfte. Qualm füllte das Zimmer, ich riss die Fenster in die eiskalte Nacht auf und versuchte hustend, das Feuer zu ersticken. Das gelang mir auch. Erschöpft und in voller Winterbekleidung legte ich mich in mein Bett und schlief, die Fenster immer noch geöffnet.

Obwohl meine Wohnung de facto nur noch mit einem Küchenherd beheizbar war und erbärmlich stank, machte ich am nächsten Morgen, was ich für erwachsen hielt. Ich ging zur Uni. Im Rückblick hätte es viele erwachsenere Entscheidungen gegeben. Zum Beispiel, die Wohnungsgesellschaft, der das Haus gehörte anzurufen, und sie auf die Todesfalle hinzuweisen, die sie vermieteten. Oder einen Termin mit dem Schornsteinfeger zu machen. In der Realität stand ich an diesem Morgen durchgefroren vor vier Studierenden der Publizistikwissenschaft am Arsch der Welt in Berlin-Lankwitz. Wir sollten uns treffen, um ein Referat vorzubereiten.

Sie musterten mich misstrauisch. „Du riechst ganz schön nach Rauch!“, sagte die Älteste von ihnen. Eine Frau, die mich sehr beeindruckt hatte, weil sie viel älter war als wir anderen, Kette rauchte und damit angab, dass sogar ihr Freund – ein Arzt – fand, bei ihr sähe die Zigarette elegant aus. Ich erzählte ihnen, was passiert war. Sie fragten mich, warum ich zur Uni gefahren sei. Mehr sagten sie nicht. Ich wünschte ich könnte sagen, dass in diesem Moment eine Glühbirne über meinem Kopf angegangen wäre.

Aber mir dämmerte erst viel später, dass ich an diesem Tag nicht nur vier herzlose Studierende getroffen hatte. Ich hatte eine entscheidende Lektion des Erwachsenseins gelernt: Niemand kann dir das Mitgefühl geben, das du dir nicht selbst geben kannst. Zusammengefasst ist das in etwa der Satz, den mir Jahrzehnte später Dutzende Yoga-Lehrerinnen erzählten. Auf meinen kaputten Kachelofen zu hören wäre preiswerter gewesen. Andererseits rochen die Räucherstäbchen in den Berliner Yoga-Kursen deutlich besser.

Mein kleinergefühl fürs neue Jahr

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Lucie

Letztes Jahr fing ich auf einmal an, sehr intensiv über das Erwachsenwerden nachzudenken. Ich sollte also gut vorbereitet sein für unser Geburtstagsthema! Anlass war kein runder Geburtstag (37 erscheint auch etwas spät?), und es war auch sicher nicht das 1. Mal. Aber dafür war es irgendwie fruchtbarer als früher. Ich bemerkte an mir Gefühle, die mir einfach nicht gefielen – und die Verhaltensweisen und Motivationen, die mit den Gefühlen zusammenhingen, auch nicht so richtig. Und beschloss, sie zu ändern, indem ich mir dafür in erster Linie an die eigene Nase fasse. Um besser Entscheidungen treffen und aushalten zu können, die auch mal weh tun. Um zu akzeptieren, dass alle Menschen ihre eigenen Gründe für Dinge haben und ich das meistens nicht beeinflussen kann (und es nicht immer mit mir persönlich zu tun hat). Um nicht mehr so an äußeren Faktoren zu leiden und mich nicht auf ihren Einfluss auf mein Leben zu fokussieren, wie ich das in meinem 20ern ständig tat.

Das ist alles immer noch oft ganz schön hart – aber am Ende auch gut, weil ich mich so einfach mehr mag und mehr mit mir im Reinen bin. Der schockierendste Moment daran war wohl als mir klar wurde, dass ich zu dieser Sichtweise auf mich selbst und mein Leben gar keine Alternative mehr habe. Ich war an dem Punkt schon längst angekommen und musste es mir nur bewusst machen und in die Tat umsetzen. Kein Weg zurück! Da war mir klar: ich bin jetzt wohl WIRKLICH erwachsen. Puh.

Mein kleinergefühl fürs neue Jahr
Lucie guckt hin und her und gibt den Daumen hoch

Andrea

Erwachsen fühlte ich mich das erste Mal am Tag, nachdem mein Vater gestorben war. Die Geburten unserer Kinder gaben mir – weit positiver – ein ähnliches Gefühl. Als Kind wollte ich gerne erwachsen sein und bestimmen dürfen. Heute schätze ich die Momente, in denen ich mir erlaube, Kind zu sein.

Mein kleinergefühl fürs neue Jahr

Kati

Als ich zehn war, war meine zweitälteste Schwester 22, hatte ihre Ausbildung abgeschlossen, schon ein paar Jahre Berufserfahrung und gerade ihr erstes eigenes Auto gekauft. Es war ein Opel Astra Cabrio. Türkis. Potthässlich, aber ihrs. Ich kann mich an einen lauen Sommerabend erinnern, an dem wir durch München fuhren und laut “Independent Women” von Destiny’s Child hörten. “Genau so muss sich Erwachsensein anfühlen”, dachte ich damals und wusste, dass ich mit Anfang, allerspätestens Mitte 20 auch so sein möchte.

Oaschlecken, wie man in Bayern so schön sagt. 16 Jahre später warte ich immer noch auf diesen einen Moment, der mir zeigt, dass ich jetzt eine Erwachsene™ bin, und ein Cabrio habe ich auch nicht. Mit dem Alter kam aber auch die Erkenntnis/Hoffnung, dass es vielleicht nicht diesen einen Moment gibt und dass ich mich nicht unbedingt rund um die Uhr erwachsen fühlen muss, um eine Erwachsene zu sein und dass all diejenigen, die ich früher für so erwachsen und weise hielt, auch keine Ahnung haben, was genau sie eigentlich machen.

Mein kleinergefühl fürs neue Jahr

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Erwachsen sein, das heißt für mich vor allem eins: Mit Sterblichkeit konfrontiert sein. Sorry to be a bummer, aber während ich irgendwie immer noch darauf warte anderweitig zu merken dass ich mich jetzt aus arbiträren Gründen irgendwie ‚erwachsen‘ fühle, ist das tatsächlich die Konstante die mich begleitet wenn ich an Momente denke in denen ich erwachsen sein musste. Der überraschende Tod meine Mutter als ich zwanzig war, ist eins dieser einschneidenden Erlebnisse. Plötzlich musste ich mit Trauer umgehen, die ich nicht kannte ohne daß mir jemand wirklich damit helfen konnte. Und auch sonst musste ich eigenständiger werden.

Mittlerweile beschäftigt mich natürlich auch die eigene Sterblichkeit. Es werden Tabletten geschluckt damit man länger lebt, der Arzt gibt einem Tipps wie man es richtig macht, wenn man möglichst lange hier bleiben möchte. Das gelingt freilich nicht allen auf unbegrenzte Zeit, und so lernt man beim Erwachsenwerden vor allem eins: Abschied zu nehmen von den Liebsten, sei es nun Familie, Freunde oder der geliebte Hauskater. Aber wie ich schon sagte: Sorry to be a bummer.

Mein kleinergefühl fürs neue Jahr

map ist traurig dass er nicht alle Katzen der Welt umarmen kann

Dr. Vulva

Erwachsen werden fand ich super: endlich unabhängig entscheiden, wie ich lebe. Viel über mich lernen, wer ich bin, was ich brauche, wie ich gut mit mir und anderen umgehen kann.

Leider bedeutet erwachsen werden auch, in einer kaputten Gesellschaft, der Solidarität verloren gegangen ist, auf sich gestellt zu sein. In einem Wirtschaftssystem, das eine ganz eigene Logik hat, die leider nichts mit menschlichen Bedürfnissen zu tun hat. So verstehe ich die Warnung Don’t grow up –it’s a trap: Es ist nicht schön, sich in diesem System durchschlagen zu müssen.

Trotzdem – im Sinne von persönlichem Wachstum ist Erwachsenwerden großartig!

Mein kleinergefühl fürs neue Jahr