Wir müssen über Sex reden.

Foto , CC BY-SA 2.0 , by gaelx

Inhaltshinweis: Sexualisierte Gewalt, Rape Culture

Es ist zwar schon März, aber ich habe kürzlich noch einen verspäteten Neujahrsvorsatz gefasst: Ich will mehr über Sex reden.

Im Internet, zu Hause, in der Bar, in der Familie und andeutungsweise zumindest auch auf der Arbeit.

Das mache ich ohnehin schon recht oft, es macht nämlich großen Spaß. Ich bin ein Sex-Nerd. Über Sex zu reden ist super spannend, ich kann immer noch was lernen und ich lerne Menschen anders kennen. Ich erfahre zum Beispiel, dass andere Leute ganz andere Orgasmen haben als ich. So unterschiedlich, dass ich dazu gerne mal ein mehrjähriges Forschungsprojekt machen würde. Es führt zu lustigen Situationen wie der, dass Menschen in meinem Wohnzimmer sehr entspannt nur so zum Spaß bondage tape ausprobieren.

Über Sex reden ist ein bisschen wie Sex haben, aber weniger riskant: Ich kann mich, zumindest verbal, auf eine intime Ebene begeben, auch mit Leuten, mit denen ich sexuell bestimmt nicht kompatibel wäre – ganz ohne Befindlichkeiten, Verhütungsprobleme, Ansteckungsgefahr, verletzte Gefühle oder gebrochene Herzen. Netterweise darf ich jetzt auch hier bei Kleinerdrei über Sex sprechen. Ich hoffe, ihr macht mit :)

Meinen Vorsatz, mehr über Sex zu reden, habe ich aber nicht nur gefasst, weil mir das Thema Spaß macht, sondern aus politischen Gründen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es grundsätzlich möglich ist, offen über Sex zu reden und wo es Sexualkunde in der Schule gibt. Wir alle gehen davon aus, dass alle Sex haben und Sex wird in den Medien gezeigt, in der Werbung und in Filmen zum Beispiel.

Ein Thema voller Widersprüche

Trotzdem ist Sex aber in unserer Gesellschaft auch ein Tabuthema und zwar dann, wenn es um die eigene Sexualiät, deren Bedeutung und die vielen Gefühle geht, die eine Rolle spielen. Viele Menschen reden wenig über ihre eigene Sexualität. Sex ist intim und verbunden mit Unsicherheiten über den eigenen Körper, Vorlieben und Fantasien. Sich Sex zu wünschen und Sex mit anderen Menschen haben, macht verwundbar. Das passt nich zu den den Anforderungen, schön, stark und erfolgreich zu sein, die es in unserer Gesellschaft auch gibt.

Gleichzeitig gibt es in unserer Gesellschaft auch Vorstellungen von “normalen” und “unnormalen” bis hin zu “verwerflichem” Sex – je nach Milieu wird es entsprechend als peinlich wahrgenommen, zu viel oder gar keinen Sex mit anderen (gehabt) zu haben, sich kinky oder besonders romantischen, zärtlichen Sex zu wünschen, sich gerne eher aktiv oder passiv zu verhalten, wechselnde und oft unbekannte Partner_innen zu haben oder Sex in einer monogamen Zweierbeziehung zu verorten.

Gerade Männern wird zugeschrieben, besonders interessiert an Sex und besonders aktiv zu sein. Dabei ist nur eine bestimmte Art von Sex gemeint, bei dem es vor allem um einen Orgasmus mit viel Sperma geht. Viel von dem, was ich und viele andere unter Sex und sexuellem Verhalten verstehen, enthält zu viel Sanftheit, vorsichtiges Ausprobieren, emotionale Offenheit, und auch den Versuch eines guten Umgangs mit schlechten Erfahrungen, um zu den vorherrschenden Männlichkeitsvorstellungen zu passen.

Neben der popkulturellen Vorstellung von romantischem Sex, bei dem sich Orgasmen quasi schon durch die Liebe und das gegenseitige in die Augen gucken einstellen, steht eine hookup culture, in der angeblich alle unkomplizierten schnellen Sex haben, dabei aber nichts fühlen.

Diese widersprüchlichen Botschaften bewirken, dass viele Menschen nicht über Sex reden, zumindest nicht über ihre eigene Lust, über ihre Gefühle, Wünsche und Erfahrungen.

Warum finde ich es politisch wichtig,
über Sex zu reden?

Dass es bei Sex um Kommunikation und Gefühle geht, und nicht um eine mechanische sportliche Übung mit drei bis sieben Varianten, scheint mir in der Diskussion unterzugehen, ist aber essentiell.

Die Erzählungen, die wir über Sex kennen, sind oft sehr ähnlich, stereotyp und spiegeln überhaupt nicht wieder, dass unterschiedlichen Leuten sehr unterschiedliche Sachen gefallen und nicht alle das gleiche machen müssen.

Ich will nicht, dass Leute das Gefühl haben, es gäbe eine Art Standard-Sex, von dem erwartet wird, dass sie ihn beherrschen müssen. Ich wünsche mir mehr Erzählungen, die deutlich machen, dass nicht alle Menschen die gleichen Vorstellungen, Wünsche und auch Ängste haben. Es ist wichtig, gerade auch Verletzlichkeit und Ängste zu thematisieren und den Raum für andere zu öffnen, dass sie das auch können.

Und schließlich ist es überhaupt ein wichtiges Anliegen feministischen Empowerments, selbstbestimmten Sex zu haben und daraus auch kein Geheimnis zu machen.

Wenn es eine Kultur gibt, die für Sexualität in den verschiedensten Formen und dazugehörige Bedürfnisse als natürlichen menschlichen Ausdruck offen ist, ist schon viel gewonnen: Wenn Menschen in der Lage sind, offen über das zu sprechen, was sie fühlen, sich wünschen und begehren, besteht eine gute Chance, dass sich dadurch ihr Sexleben verbessert und sie insgesamt ein bisschen zufriedener durchs Leben gehen.

Zu einem guten, freien Leben gehört für mich ganz bestimmt auch eine “befreite” Sexualität. Das heißt zum Beispiel, dass ich sagen kann, was ich mag und was nicht, ohne mich schämen zu müssen oder moralisch verurteilt zu werden – natürlich immer unter der Bedingung dass ich es so praktiziere, dass die anderen Beteiligten das auch wollen und genauso ausdrücken können, was sie mögen und was nicht.

Hier sind wir aber auch schon bei einem großen Problem: Es ist eben leider nicht selbstverständlich, dass Leute in der Lage sind auszudrücken, was sie sich wünschen und was nicht, was ihre Fantasien und was ihre Ängste sind. Und das führt (unter anderem) dazu, dass die Grenzen zwischen Sex als einvernehmlicher gemeinsamer Aktivität von mindestens zwei Menschen und sexualisierter Gewalt verwischt werden. Eine Kultur, in der es nicht genug Ausdrucksmöglichkeiten für Gefühle, für Lust und Begehren gibt, lässt es darauf ankommen, dass es zu Missverständnissen kommt oder der Lust des Gegenübers erst gar keine Rolle beigemessen wird. Und damit sind wir schnell bei der rape culture, in der Vergewaltigung und andere sexualisierte Gewalt häufig vorkommt und vielfach begünstigt wird.

Leider passt sexualisierte Gewalt ganz gut zu überzeichneten Männlichkeitsstereotypen und wird in den meisten Fällen durch Männer (aber nicht nur an Frauen) verübt.

Es gibt vieles, was man dagegen tun kann und sollte, zum Beispiel heranwachsende Männer sensibilisieren, wie in diesem Programm. Eine Sache, die ich tun kann als Frau, die (nicht ausschließlich) Sex mit Männern hat, ist offen über mein Begehren zu sprechen. Es mag vielleicht manchmal wie nicht viel erscheinen, aber es erhöht das Bewusstsein dafür, dass ich damit meine ganz eigenen Interesse verfolge, dass ich ein sexuelles Subjekt, nicht Objekt bin.

Hinzu kommt, dass die Tabuisierung von Sex und die Verwischung der Grenze zwischen Sex und sexualisierter Gewalt den Schaden enorm vergrößert, der durch sexualisierte Gewalt entsteht. Sexualisierte Gewalt schadet den Betroffenen/Überlebenden/Opfern doppelt: Weil Gewalt ein Tabu ist und es so eine große gesellschaftliche Verunsicherung über Sex gibt. Wenn Menschen sich nicht trauen, über die Tat zu sprechen und wenn das Umfeld auch nicht gut reagieren oder überhaupt darüber sprechen kann, weil sie sich nicht sicher sind, ob das nicht doch als Sex zählt, dann macht das sexualisierte Gewalt noch schlimmer. Genau das nutzen manche Täter_innen als Machtinstrument: Sie können ihre Opfer doppelt beschämen und dabei in der Regel davon ausgehen, dass sie es hinterher schwer haben werden, über die Tat zu sprechen.

Damit hängt auch zusammen, dass es immer wieder Menschen gibt, die sexualisierte Gewalt mitkriegen und nicht einschreiten. Unsicherheit und Scham spielen immer wieder eine Rolle und beides kann reduziert werden, wenn wir uns daran gewöhnen, klarer darüber zu reden, was wir wollen und was nicht.

Zu den Mythen über Sex zählt, dass Vergewaltigung und Sex manchmal nicht so leicht voneinander zu unterscheiden sind. Gegen Mythen hilft, mehr und offener darüber zu sprechen und so den Diskurs darüber zu mitzubestimmen, was Sex eigentlich ist und dass Vergewaltigung kein Sex, sondern Gewalt ist. Oder anders: Ich wünsche mir sehr, dass allen klar ist: Sex ist etwas, was allen Beteiligten in diesem Moment gefällt. Denn dann steht auch außer Frage, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist, wenn eine der Personen „nein“ sagt.

Ich habe kürzlich in einer Podcast-Folge über hookup culture einen Satz gehört, der eigentlich mindestens in jeden Sexualkundeunterricht gehört: “It doesn’t matter what kind of sex you have or who you have it with but they should be nice to you” (Es ist nicht entscheidend, wie und mit welchen Leuten du Sex hast, aber die Leute sollten nett zu dir sein). Ich fand das schockierend, denn diese Botschaft hatte ich bis dahin noch nie so deutlich gehört, obwohl sie mir eigentlich klar sein sollte.

Das sind nun teilweise sehr bittere Gründe, offen über Sex zu sprechen. So ist es eben mit dem Thema Sex in unserer Gesellschaft: Das Gespräch darüber ist teilweise super, aber viel ist auch richtig kaputt.

Ich habe den Vorteil, dass es mir sehr viel Spaß macht, darüber zu reden. Ich lerne eine Menge von anderen und über die Diversität in den Bedürfnissen und Erfahrungen. Persönlicher Austausch ist viel beeindruckender als Statistiken aus Befragungen, die ich manchmal auch gerne lese.

Man sollte eh Sachen machen, die Spaß machen.

Wenn sich dadurch die Welt ein bisschen besser machen lässt, umso besser.

  • Pinguinlöwe

    Manchmal fehlen die Worte für die Kommunikation. Vielleicht weiß man/frau gerade noch so was sich gut anfühlt, ist aber nicht in der Lage das genauer zu beschreiben. Ich habe das Gefühl es entsteht so ein unglaublich verkümmertes sexuelles Vokabular. Jeder kennt ein paar Worte, aber die sind in der Praxis nicht nützlich, etwa um eine bestimmte Stelle zu beschreiben.

    Und es ist ja schon ein großer Schritt, wenn sich das überhaupt äußern lässt und nicht nur jeder in die Stille hineininterpretiert das das alles schon gut sein wird.

  • Antje Schrupp

    Sehr interessant. Ich hatte schonmal überlegt, dass schon der Begriff „Sex“ eigentlich viel zu groß ist und viel zu viele unterschiedliche Tätigkeiten umfasst, als dass man ihn sinnvoll verwenden könnte. Wenn man die normierenden Sprechweisen meiden möchte, dann kommt man irgendwie letzten Endes dazu, dass alles* guter* Sex ist, aber das bedeutet dann im Unterschied halt auch, dass das Wort nichts mehr aussagt. Beim traditionellen Reden über Sex ist ja die Frage der Abgrenzung zu Nicht-Sex immer sehr wichtig. So galt Küssen unter Mönchen lange nicht als Sex. Oder bei „Kein Sex vor der Ehe“, da ist diese Grenzziehung auch wichtig. Meiner Meinung nach ist mit dem Begriff „Sex“ also eh keine konkrete Handlung gemeint, sondern eher eine Einkategorisierung von Handlungen entlang von gesellschaftlichen Normen: Steile These meinerseits: Wenn wir die Normen abschaffen, gibt es auch keinen Grund mehr, von „Sex“ zu sprechen. (Ich bin gespannt, wie sich das im Lauf deiner Kolumnen entwickelt).

    • Dr. Vulva

      Naja. Also es stimmt schon, dass mit Sex u.U. sehr viel verschiedenes gemeint sein kann, aber alles mögliche bestimmt nicht. Ich finde es eigentlich gar nicht zu groß, im Gegenteil stört mich eher, dass davon geredet wird, als wäre es was ganz klar eingegrenztes und alle wüssten, was gemeint ist, wo es das doch gar nicht ist.
      Unabhängig von moralischen Grenzziehungen find ich es durchaus wichtig, zwischen Sexuellem und nicht Sexuellem zu unterscheiden. Ich reagiere schon anders, wenn sich mir jemand mit sexuellen Absichten nähert, als z.b. mit Interesse an einem meiner anderen Hobbys.

  • Gämmel

    Guter und interessanter Artikel. Mir persönlich fehlt noch der Aspekt, dass das Sprechen über Sex bei Frauen* gerade deshalb schwierig ist, weil Frauen* von der Gesellschaft dazu erzogen werden, sich für ihren Körper und ihre Sexualität zu schämen, im Gegensatz zu Männern, die lernen, stolz auf ihren Penis und ihre sexuelle Aktivität zu sein.
    Zusätzlich die Tatsache, dass Penisse, Penis-Witze und phallische Symbole und Sprache überall sind, aber bei „weiblichen“ Geschlechtsorganen die Leute nicht mal wissen, was eine Vagina und was eine Vulva ist (die Situation hatte ich erst letztens wieder, und zwar in einer LGBT+ Gruppe!). Über Genitalien, die keine Penisse sind, wir einfach viel weniger gesprochen, was wiederum Unwissen bei den Vulva-Besitzer_Innen selbst, aber auch ihren Partner_Innen fördert, was wiederum Scham begünstigt.