Ein „Nein“ ist schon viel zu spät.

CC BY-NC-SA 4.0 , by Theresa Kalmer

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Theresa.

Theresa macht Politik, damit endlich alle frei leben können. Sie liebt Städte und studiert deswegen Stadtplanung. Ansonsten begeistert sie Musik, Theater, Fotografie und gutes Essen.

@theresakalmer

[Triggerwarnung: sexualisierte Gewalt]

Gefühlt ganz Deutschland diskutiert über den Fall von Gina-Lisa Lohfink. Obwohl sie ihre Vergewaltigung nachweisen kann, wird sie der Falschaussage bezichtigt und soll 24.000 Euro Strafe zahlen. Doch ist die aktuelle Diskussion über eine Reform des Sexualstrafrechts, auch wenn längst überfällig, nicht zu tiefst absurd? Wir diskutieren hier, ob unser Strafrecht übergriffige Handlung bestrafen soll oder nicht. Zur Diskussion steht, ob Menschen, wenn sie ihre Vergewaltigung nachweisen können, auch wirklich Recht zugesprochen bekommen sollen. Geht’s noch?

Aber auch ein schärferes Sexualstrafrecht wird das viel tiefer verankerte Problem in unserer Gesellschaft nicht beheben: Vor allem als Frauen gelesenen Menschen wird zu oft in dieser Gesellschaft das Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen, nicht zugestanden. Weibliche Sexualität gilt als ständig verfügbar. Es gilt im Mainstream als selbstverständlich, als Frauen gelesene Menschen für sexuelle Handlungen nicht nach Zustimmung zu fragen.

Ich wurde selbst mehrmals in meinem Leben Objekt sexueller Handlungen, die ich nicht wollte. Von einem Typen gefickt, aber noch nicht so weit, um alles zu verstehen. Von einer mir vertrauten Person nachts im Schlaf angefasst, ohne die Möglichkeit, mich zu wehren. Objekt sexueller Begierde für eine Gruppe von Männern, die sich in aller Öffentlichkeit beim Anblick von mir und einer Freundin einen runterholen. Fotos, die ein Unbekannter von mir macht und mir mit sexuellen Phantasien auf mein Handy schickt. Sexuell aufgeladene Mails und Facebooknachrichten.

Ich wurde bei all diesen Handlungen nie gefragt. Ich habe diesen nie zugestimmt. Sicherlich habe ich nicht immer sofort etwas gesagt. In der Hoffnung, dass ich es falsch wahrnehme oder es bald vorübergeht. Weil ich manche Personen kannte und ich keine Worte gefunden habe.

Das Problem ist doch, dass ich überhaupt in die Lage versetzt werde, widersprechen zu müssen. Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der Menschen der Auffassung sind, meinen Körper als Objekt ihrer sexuellen Begierde einfach benutzen können. Ich will gefragt werden. Ich will es gut finden, was mit meinem Körper geschieht. Ich will, dass Handlungen und vor allem sexuelle Handlungen konsensual ablaufen. Ich will einverstanden sein.

Das Schlimmste nach all diesen übergriffigen Handlungen ist die Sprachlosigkeit, die bleibt. Gerne würde ich wütend schreien: Lasst uns Worte finden und dieses Schweigen brechen! Lasst uns all diese Vorfälle, seien sie noch so klein, öffentlich machen! Lasst uns unser Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen und einen konsensualen Umgang miteinander einfordern!

Doch wie soll das gehen, wenn nicht einmal das Recht auf deiner Seite ist und du im Zweifel als Lügner_in dastehst? Der Fall von Gina-Lisa Lohfink macht mich betroffen, weil wieder einmal deutlich wird, wie ungerecht unser Sexualstrafrecht ist. Nicht nur finden Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe an sich statt. Nein, diejenigen Frauen*, die es noch über sich bringen, sich zu wehren, werden bestraft. Gina-Lisa Lohfink schafft es, ihre Vergewaltigung immer wieder zu schildern, dieses Erlebnis immer wieder durchzumachen und dann wird ihr trotz Beweismaterialien nicht geglaubt. Das ist einfach nur demütigend.

Diese patriarchale Gesellschaft und dieses patriarchale Recht haben diese Übergriffe ins Private und zu oft in die betroffene Person selbst verdrängt. Und so haben wir in einer Gesellschaft, in der weibliche Verfügbarkeit Normalität ist und das Gesetz eine_n nicht schützt, nie gelernt, darüber zu reden. Stattdessen plagen eine_n Selbstvorwürfe. Vielleicht war es dieses Mal ja auch gar nicht so schlimm? Vielleicht hätte ich ja auch (früher) was sagen müssen? Vielleicht hätte ich mich unauffälliger verhalten sollen? Vielleicht meinten sie das gar nicht so?

Diese Selbstvorwürfe und diese Sprachlosigkeit machen krank. Es braucht endlich ein Recht, welches wirklich auf der Seite der Opfer, statt der Täter steht. Eine Reformation des Sexualstrafrechts ist deswegen längst überfällig.Ich hoffe, es wird dann auch möglich, das Schweigen zu brechen, all diese Fälle öffentlich zu machen und zu bestrafen. Ich hoffe, dann wird es möglich, endlich in einer Gesellschaft zu leben, in der wir allen Personen mit Respekt begegnen und ein konsensuales Miteinander Selbstverständlichkeit ist.

(Anmerkung der Redaktion: Dieser Text gibt nicht den juristischen Tatbestand, sondern die persönliche Meinung der Autorin wider. Das Gendern der gewählten Sprache erfolgt im Sinne der Autorin.)