Hauptsache, raus: Sylt

Foto , CC BY-SA 2.0 , by tempoworld

Reisen ist schön, macht aber Arbeit. In meiner Reisekolumne „Hauptsache, raus“ habe ich schon über Berlin, New York, und Cuxhaven geschrieben. Und heute über Sylt.

Es gibt Orte, bei denen hätte ich im Leben nicht gedacht, dass ich sie mal bereisen würde, so exotisch und außerhalb meiner Komfortzone liegen sie. Neben Feuerland, IKEA in Spandau und Neufundland gehört noch ein Ort dazu: die Insel Sylt.

Dabei fürchtete ich bei dieser Insel nicht Kälte wie in Neufundland oder eine Überdosis Mensch wie bei IKEA in Spandau, sondern eine Überdosis Schnöseltum und Wichtigtuerei. Durch jahrelange Indoktrination diverser RTL-”Reportagen” von der Insel hatte sich das albtraumhafte Bild eines von Michael Ammer und Johannes B. Kerner regierten Außenbezirks Hamburgs in meinen Kopf gegraben. Beim Gedanken an Sylt tauchten in meinem Gedächtnis die gekreuzten Säbel der Sylter Gaststätte “Sansibar” auf, die mich mit 7-Euro-Currywurst an Bord jedes Air Berlin-Flugzeugs verhöhnen und als Autoaufkleber bei mir eine ähnliche Wirkung erzeugen wie die Tigerente: Fremdscham.

Als überzeugte Berlinerin ist es selbstverständlich nicht notwendig, die Nähe von Currywurst ausgerechnet auf einer Nordseeinsel zu suchen und auch für Partykönige und Fernsehmoderatoren müssen Berliner nicht reisen. Die stehen im Zweifelfsfall nämlich an einem stinknormalen Donnerstagabend hinter mir im Kaisers an und fluchen, weil sie wollen, dass eine dritte Kasse aufgemacht wird.

Auf der Suche nach dem Affen Charly
durch Schleswig Holstein

Trotz meiner Vorurteile ließ ich mich auf das Abenteuer Sylt ein, nicht zuletzt weil 2016 mir schon jetzt deutlich gemacht hat, dass das Leben zu kurz ist, um im sicheren Hafen oder an der Kaisers-Kasse zu dümpeln. Außerdem versprach ich mir vom Sylt-Klischee auch Futter für meine große Leidenschaft: Das Horten absolut nutzloser Informationen über mäßig prominente Menschen.

Nicht umsonst bin ich die einzige mir bekannte Person, die eine stets zu vervollständige Liste führt über Promis, die Affen adoptiert haben (Michael Jackson und Bubbles) sowie Promis, die Tiere adoptieren WOLLTEN. Auf letzterer steht einzig Klausjürgen Wussow und der Affe Charly aus der ZDF-Serie “Unser Charly”.

Nicht, dass ich wirklich erwartet hätte, den Affen Charly auf Sylt anzutreffen – mir ist klar, dass manche Lebensträume für immer Träume bleiben werden. Trotzdem fand ich mich kurz vor Ostern wieder in einer in Hamburg startenden Autokolonne, die sich über eine einspurige Bundesstraße durch Schleswig Holstein schob.

Ich sollte meine Entscheidung nicht bereuen.

Wichtiger Grund dafür: Der Autozug über den Hindenburgdamm, der die Insel seit 1927 mit dem Festland verbindet. Warum es den Damm erst seit 1927 gibt, weiß ich nicht und da diese Reisekolumne den journalistischen Anspruch von Frauke Ludowigs Puderdose hat, werde ich es auch nicht recherchieren. Viel wichtiger war mir, dass ich, um auf die Insel zu kommen, mit dem Auto AUF EINEN ZUG fuhr, auf dem per Lautsprecher auch noch Ansagen gemacht wurden. Für eine Frau aus der ehemaligen DDR war das in etwa so, als hätte sie eine Mondrakete betreten. Ich meine: ein ZUG. Der AUTOS transportiert. Krass. Kindliche Freude stellte sich bei dieser Fahrt ein.

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Aber die Highlights waren noch nicht gezählt.

Da war zum Beispiel diese unglaubliche Präzision in der Urlauberansprache, die ich so in meinen Jahren als Frau mit Freizeit noch nie erlebt hatte.

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Schild auf dem Zeltplatz in Wenningstedt

Wie oft passiert es, dass man auf dem Zeltplatz gedankenverloren duschen geht und auf einmal feststellt: Huch, das ist ja ein Gartenschlauch? Und um mich herum ist keine Wand? Dieser Gefahr tritt die als Promiloch verschriene Insel mit Entschlossenheit entgegen und zeigt, wie bodenständig und serviceorientiert sie wirklich sein kann.

Das zeigte mir auch diese Informationstafel im Hafen von List:

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Wer von uns hat sich nicht schon einmal gefragt, wie Fäkalien eigentlich VON Bord eines Schiffes kommen? Wie sie AN Bord kommen, das können sich alle denken, die schon einmal nach 3 Gläsern Küstennebel und einem Fischbrötchen im Sonderangebot auf eine dreistündige Nordseetour zu Sandbänken mit angeblichen Robben gefahren sind. Sylt drückt sich nicht um diese heiklen Fäkalien-Fragen (Pun not intended). Es klärt stattdessen schonungslos auf. “Entsorgen, einfach wie tanken” ist das simple und poetische Fazit dieser Informationstafel mit Bildungswert im Naturparadies.

Natürlich zeigte sich Sylt auch von seiner mondänen Seite.

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Vier Parfums einer Parfumerie-Eigenkreation namens “Sylt” in Kampen, Sylt

So gab es im RTL-Partnerort Kampen ein Parfum, benannt nach der Insel in nicht ein, zwei oder drei, sondern gleich vier Variationen: “Meeresbrise”, “Heckenrose”, “Seenebel” und “Sylter Mole”. Böse Zungen (beziehungsweise Nasen) werden gerade letztere Kreation möglicherweise in Verbindung mit der Informationstafel im Lister Hafen bringen. Aufgrund meiner Überlebensinstinkte kann ich nicht mit absoluter Sicherheit sagen, dass die Fäkalientanke und der Duft der “Sylter Mole” so gar nichts miteinander zu tun haben. Das aufzuklären aber ist ein Job für Frauke Ludowig.

Was zur Hölle ist Syltness?

Doch nicht nur in Kampen atmet Sylt Glamour. Schon bei meiner Abfahrt vom Autozug wurde ich vom Luxus der Insel schier überwältigt. Ich erhielt das Angebot, in ein “Syltness Center” zu gehen. Ich meine, welcher Ort kann für sich behaupten, eine eigene Spielart des ohnehin schon erfundenen Modebegriffs Wellness geschaffen zu haben?

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Es ist der gleiche Ort, an dem Gastronomen behaupten, sie hätten eigene Inselgetränke namens “Sigi” kreiert.

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Ja, Sylt ist ein Ort der großen Ideen. Das fasst der Erfinder, des mir in seiner Zusammensetzung unbekannten und auf den Speisekarten der Insel mir niemals unter die Augen gekommenen Syltgetränks “Sigi”, so zusammen:

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Wie im Trend die Insel wirklich ist, zeigt das Flanieren über die so genannte “Whiskystraße” der Insel in Kampen. Statt Gunter Sachs ist dort inzwischen eher Gunter Gabriel los und statt Escada dominiert Ed Hardy. Männer in Barbourjacken mit zurückgegelten Haaren stehen dicht an dicht neben Frauen mit Pelzkrägen, Armeejacken und Strasssteinchen auf den Ugg-Boots. Sie trinken Prosecco, während aus den Boxen “Marmor, Stein und Eisen bricht” in einer Disco-Version wummert und nebenan unter den feixenden Blicken der eigens für dieses Schauspiel angereisten Angestellten aus NRW ein Maserati auf einen Sylter Bordstein aufsetzt.

Es ist der einzige Moment, an dem Sylt wirklich ganz genau das ist, was ich befürchtet hatte.

Doch wenn man Glück hat und schnell wieder weg kommt, kann man machen, wovor ich mich nicht weniger gefürchtet habe: Die wirklich schönen Seiten der Insel sehen. Nichts ist fieser, als die eigenen Vorurteile mit einem Anblick wie diesem ausgeknockt zu bekommen:

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Oder das hier. Fies.

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Die Wahrheit ist – finde ich – dass Sylt tatsächlich alle Häkchen der Klischees erfüllt, die man im Kopf haben kann, wenn man sich auf die “BUNTE” und RTL verlässt. Aber so wenig, wie die Berichterstattung über die Fashion Week in New York irgendetwas mit der Stadt zu tun hat, lässt sich Sylt auf eine Straße von Posern mit Glitzersteinchen und Porsche Panameras reduzieren. In seiner Mischung aus breiten, feinsandigen Stränden, einem sturmumtosten Meer und endlosen Wegen zum Wandern und Kopf-Durchpusten-Lassen erinnerte mich die die Hamptons auf Long Island in New York, weil es auch dort Luxusgeschäfte und Designerläden gibt wie auf Sylt – und dies an beiden Orten aus der ungeschliffenen, wilden und schönen Landschaft zu fallen scheinen. Es gibt nüchtern betrachtet keinen Grund, an einem so von seiner Natur und den Gezeiten geprägten Ort am Meer 5.000-Euro-Bikinis oder 500-Euro-Gummistiefel auszuführen. Streng genommen gibt es aber an keinem Ort der Welt einen Grund für diese Kleidungsstücke, es sei denn, es geht um das Zurschaustellen von Besitz. Wer damit klar kommt, dass dies eben auch zur Insel gehört, der oder die kann sie wahrlich genießen. Denn es besteht keine Not, einander in die Quere zu kommen. Die Strände sind breit genug für 5.000- und 5-Euro-Bikinis. Sylt lehrt: “Leben und leben lassen”.

Ich komme jedenfalls wieder, alleine wegen des Autozugs. Aber in die Sansibar werde ich niemals gehen. Das ist so sicher wie der Strasssteinchen-Kleber am Sylter Damenstiefel.

  • Christoph Jeschke

    Auf Sylt gibt’s mehr zu sehen. Und damit meine ich keine Promis, die kann man praktisch völlig ignorieren. Man kann z.B. in die Kupferkanne (eine umgebaute Bunkeranlage) gehen und dort ganz omahaft Nachmittagskuchen am Meer essen. Oder man schaut sich eine der dutzend Menhiranlagen an, die auf Sylt warten. Oder man genieß die Ruhe in St. Severin. Den Strand und die Salzwiesen in Rantum. Oder man fährt nach Kampen – ignoriert die Promis und schaut sich das Heimatmuseum an (und wenn man schon dort ist, heiratet man auch gleich). Oder man schaut sich die Vogelwarte an. Oder man schlägt sich in der Sylter Schokoladenmanufaktur den Bauch voll. Oder man wandert am Strand von Westerland an’s Rote Kliff, bei Sonnenuntergang. Oder man fährt zum Ellenbogen, entlang an der alten Lister Hafenstraße, vorbei an grasenden Schafen und den Wanderdünen. Oder man kauft im nördlichsten Supermarkt Deutschlands ein (List, ganz unprätentiös ein Edeka). Man fährt zu Ingwersen, zum kleinen Kuhstall, zum Teekontor oder zu eine der vielen anderen Gelegenheiten, wo man leckeren Kuchen und Ostfriesentee bekommt – Ostfriesentee kann man auch sehr gut bei Jansen in Westerland kaufen. Oder man fährt ins Museum Naturgewalten und lernt etwas über Ebbe, Flut, Klimawandel und Geschichte der Insel. Oder man macht von Hörnum aus einen Tagesausflug auf die Hallig Hoge oder von List aus zu den Seehundbänken vor Dänemark. Für Kinder gibt’s von dort auch noch eine Kapertour. In Morsum kann man Käse von Sylter Rindern kaufen und essen. Fisch bei Gosch mit Blick aufs Meer. Das beste Steak gibt’s bei Nes Puek in Morsum; Möbel bei Knutzen in Tinnum.

    Promis habe ich glaube ich nur einen gesehen. Didi Hallervorden wollte beim Bäcker versehentlich meine Brötchen mitnehmen. Ist ja auch nicht mehr der Jüngste, ne?

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