Scheitern: Wird schon schiefgehen.

Foto , CC BY-NC-ND 2.0 , by sixthlie

Scheitern. In kaum einem Thema glaube ich mich besser auszukennen. Aktuell bin ich an der Deadline dieses Textes gescheitert. An Studium eins und zwei. Zeitweise an der Depression, meinen Eltern, an der Institution Schule und sehr oft an mir selbst. Mein Therapeut, ein Symbol für den Fakt, dass ich scheitere meine Psyche alleine in den Griff zu kriegen (dass allein diese Aussage unsinnig ist, erläutere ich bei Punkt 12) , meinte in seiner unbarmherzigen Art, dass dies immer wieder in meinem Leben geschehen werde. Was kann ich euch also quasi als Gallionsfigur aller Scheiternden mit auf den Weg geben? Eine mir verhasste Liste schreiben, an der ich sicherlich auch scheitern werde. Ich könnte es die 13 (subjektiven) Gebote nennen, will aber nicht, dass ihr einen Moses vor Augen habt. Stellt euch vor, ich singe die Texte mit der Power von Beyoncé. Und merkt euch: „I’m a survivor!“

1. Es wird ok.
Nicht gerade super aber ok.

Vielleicht der wichtigste Punkt. Ganz groß in Caps lock: ES GEHT WEITER. Schaut auf alle Punkte in der Liste. Wenn nichts hilft, hilft Punkt 13. Malt euch einen Baum, wo ihr in die Wurzeln eure tollsten Eigenschaften hinschreibt. Packt in die Krone was ihr schon alles in euren Lebensjahren erreicht habt. Ich war zum Beispiel die erste in der KiTa, die sich die Schuhe zubinden konnte oder habe meinem ekligen Biolehrer den Mittelfinger gezeigt. Siehe Punkt 4! Ihr seid liebenswert und super. Vergleicht euch im härtesten Fall mit Erika Steinbach.

2. Halte die Angst aus!

Ich bin die Meisterin im Verdrängen und ablenken. Oh eine neue Staffel OITNB? Im Dschungelcamp wütet Thorsten Legat rum? Etsy hat schon wieder neue süße Sachen und ich hab schon so lange nicht mehr meine Amazonwunschliste sortiert? GUT! Denn wer kann sich dann schon um Zukunftsängste und Menschenansammlungen kümmern? Lange Zeit hielt ich Vermeiden für eine gute Strategie. Dann rasselte ich endgültig durch mein Lehramtsstudium. Daraufhin fing ich übereilt das nächste an. Und jetzt bin ich in einer psychosomatischen Klinik. Meine Therapeut*innen raten mir, den Angstkreis so oft zu durchbrechen wie möglich. Das erste Mal seit Monaten setze ich mich wieder in ein Auto und fahre es selbst. Und jedes Mal wird das Herzklopfen weniger. Ich weiß auch, was ich studieren möchte – obwohl es mir eine Heidenangst macht. Aber ich fahre auf diese Wand zu, wie Hogwartsschüler*innen auf dem Weg zum Hogwartsexpress am Gleis 9 ¾.

3. Feier dich für die Kleinigkeiten im Leben
und liebe dich selbst!

Du hast den ersten Absatz deiner Hausarbeit geschrieben? Geil! Du kannst mit der Zunge eine Blume falten, auf herzerwärmende Art Karaoke singen, frei tolle Feministinnen zitieren oder gegen Pegida-Demos auf die Straße gehen? Congrats! Du hast es, obwohl der Tag beschissen war, geschafft dir die Zähne zu putzen? Du bist meine Held*in!

4. Lebe nicht für Andere!

Deine Eltern haben es entgegen aller Widrigkeiten in einem neuen Land „geschafft“, deine Freund*in hat sich ganz allein aus der Depression gezogen, die Cousine mit Anfang 20 wuppt Job, Mann und Kind? Scheiß drauf! Du zählst! Nichts bereue ich mehr als im Studium auf das „sichere Pferd“ gesetzt zu haben. Und nichts hat mich mehr verunsichert. Du gehörst zufällig auch einer/keiner Religion an, bei der du nicht auf Reinkarnation hoffen kannst? Dann nimm deine Bedürfnisse ernst. Du hast nämlich (aller Wahrscheinlichkeit nach) keine Chance auf ein zweites Leben.

5. Probier Neues aus!

Stillstand ist der Tod. Du wolltest schon immer etwas tun, hast dich aber nie getraut? Jetzt ist der Zeitpunkt! Oder du schreibst mich an. Ich kann dir eine schlaue Liste schreiben, was ich in letzter Zeit alles Neues gemacht habe: Sport ( ich habe Sportgeräte benutzt, deren Namen ich nicht kenne), ich habe Stricken gelernt (so halb) und neue Sachen gebacken (lecker). Geh auf Reisen, auch wenn es „nur“ eine inländische Stadt ist, oder ein verlassenes Dorf. Schaff dir ein kleines bisschen Urlaub in Form einer Badewanne mit quietschbunten Badeseifen. Benutze eine Lippenstiftfarbe, die du sonst nie nehmen würdest. Schreib einen Gastartikel für kleinerdrei! Mach Schneeengel und frag deinen Crush um ein Date. Denn du bist es dir wert!

6. Ausmisten!

Andere Personen haben nie Verständnis für dich, nehmen dich vollkommen ein und belasten dich nur? Löse dich von ihnen! Die Nummer des Ex-Menschen brennt förmlich auf deinem Handy? Lösch sie! Dein Zimmer ist mit zu vielen Dingen überladen und erdrückt dich förmlich? RAUS! Mach dich frei. Und gönn dir danach ein Eis. Du hast es verdient.

7. Sei egoistisch!

Du hast das Gefühl, es ist die drölfzigste Demo diesen Monat und du kannst nicht mehr? Dem Telefonat mit der Freundin schaust du nur mit Anspannung und Müdigkeit entgegen? Deine Eltern meckern, du wärst nie da? Du brauchst also eindeutig erst mal Zeit für dich? Dann heißt es: SELFCARE! Nur wenn du auf dich achtgibst, kannst du auch auf andere achtgeben. Damit du es nicht mehr tun musst, bin ich im Selbstversuch bereits an diesem Punkt gescheitert. Das „überraschende“ Ergebnis: Sehr negative Konsequenzen für Gesundheit und Ausgeglichenheit.“

8. Kritisiere die Leistungsgesellschaft!

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Menschen, die keiner Lohnarbeit nachgehen abgewertet werden. Du studierst und es überfordert dich? Egal, denn du führst ja eh ein “faules Leben” und es soll ja “die schönste Zeit” sein. Deine Tränen werden geflissentlich übersehen. Du brauchst mehrere Anläufe bei der Berufsauswahl oder dem Studium? Wieso muss die erste Wahl die Richtige sein? Wie viele Menschen sind noch mit der ersten Liebe zusammen, warum sollst du es also mit deinem Job sein? Statistisch betrachtet werden sehr viele von uns mal arbeitslos sein und vielleicht körperlich und/oder seelisch nicht in der Lage sein einer Lohnarbeit nachzugehen. Die wenigsten Menschen bestreiten heute noch einen “klassisch-linearen” Lebensweg. Absurderweise werden wir immer noch daran gemessen. Niemand hat das Recht dir deinen eigenen Wert abzusprechen. Und es gibt viele Arten von Arbeit, die nicht Lohnarbeit sind. Du pflegst deinen Blog, du engagierst dich für etwas tolles? Respekt! Zuletzt: Niemand sollte für ein menschenwürdiges und respektiertes Leben von „Nutzen“ sein müssen. Durch solch einen Stress, nutzt du deine Lebensenergie nur ab.

9. Gib Deutschland die Schuld!

Der Psychologe Michael Frese hat die Fehlerkultur in 61 Ländern verglichen und festgestellt: Deutschland geht fast am unnachgiebigsten mit scheiternden Menschen um. Nur Singapur schneidet schlechter ab. Meine antinationale Leser*innenschaft kann diesen Tipp vielleicht mit am leichtesten umsetzen.

10. Zerdenk Sachen nicht!

Das lasse ich so stehen. Glashaus und so. Tipps zum Entspannen: Probier eine Imaginations-CD aus oder spann deine Muskeln an und wieder ab. Spiel ein Geschicklichkeitsspiel. Und verzweifel lieber daran, als an deinen Gedanken.

11. Lass deine Gefühle raus!

Hier ein Mensch, der das gut kann. Ich habe fertig!

12. Wenn es gefühlt nicht weitergeht:
Such dir Hilfe!

Ich hätte mir selbst viel ersparen können, hätte ich öfter um Hilfe gebeten. Ob bei Kolleg*innen, Freund*innen oder auf professioneller Ebene: Ihr seid es wert, die Unterstützung zu bekommen, die ihr benötigt und es ist keine Schwäche, um Hilfe zu bitten – im Gegenteil.

13. Schaff dir eine Katze an!

Dieser Punkt bietet keinen Raum für Diskussionen.


  • Inea

    Da setzte ich überall ein Häkchen dran! :)
    Danke für den Text.

    (Und irgendwann schreibe ich auch mal für kleinerdrei!)

  • dnlbrnds

    Dankeschön. „Steinbach pullen“ kommt in die Selbstwertkiste.

  • http://blog.feez.xyz/ raumzeit77

    Danke Tara für diesen Artikel, denn es wird viel zu wenig über das Scheitern geschrieben! But sometimes you just have to embrace it. Erst letzte Woche begann wieder der Abschluss-Wahnsinn des Semesters an meiner Uni und alle Kolleg*innen kämpfen gerade gegen das Scheitern an. Noch unangenehmer wird es leider oft auch durch die Mitmenschen. So wird immer und immer wieder aufgezählt, was noch alles zu tun ist – und was schon unter Dach und Fach. Scheitern scheint dabei keine Option. Ich denke mir dann immer: Och krass, wie kannst du das alles geregelt bekommen und noch drei andere Veranstaltungen mit „sehr gut“ abschließen. Mir graust es schon vor einer Hand von Abgaben.

  • Kathi

    danke für die tolle liste. <3 ich lerne auch jeden tag: entspannt scheitern und mit neuer energie wieder aufstehen.

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