Was ist das für 1 Freundin?

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Warum wir den Begriff der Freundschaft nicht an einen unerreichbar hohen Maßstab von Kriterien hängen sollten.

Freund*innen sollen immer für einen da sein, um drei Uhr nachts den Hörer abnehmen und uns die Haare hochhalten, wenn wir von etwaigen missbräuchlichen Drogenkonsum kotzen müssen. Doch wenn wir sie lange in unserem Leben halten möchten, gehen diese überhöhten Erwartungen oft an der Lebensrealität vorbei. In einer großen Studie von Allensbach im Jahre 2014 geben Menschen aller Altersstufen an, was für sie in einer Freundschaft besonders zählt. Die fünf meistgewählten Punkte, die dabei den Menschen ganz besonders wichtig sind:

  1. Dass man sich aufeinander verlassen kann, wenn man Hilfe braucht. (88%)
  2. Dass man sich immer um Rat fragen kann. (79%)
  3. Dass man ehrlich ist und sich offen die Meinung sagen kann. (77%)
  4. Dass man über alles reden kann. (73%)
  5. Dass man sich gegenseitig tröstet und sich Mut zuspricht, wenn man traurig ist. (63%)

Das sind alles Punkte, die auch in meinen Freundschaften wichtig sind. Das Problem dabei sind die – erstmal nebensächlich erscheinenden – Füllwörter wie „immer” und „alles”. Sie führen dazu, dass wir Freundschaften mit Idealen gleichsetzen. Daran können Menschen nur scheitern. Und damit auch die Beziehungen.

Ich bin an diesen Kriterien gescheitert und fühlte mich als Versagerin. Man kann mich nicht immer um Rat fragen, denn ich bin oft nicht zu erreichen oder habe keinen Rat. Man kann mit mir nicht über alles reden, weil ich nicht über alles reden kann und will. Die Erwartungshaltung an mich selbst führte zu Scham, Scham zu Schuld, Schuld zu Isolation, Isolation zu noch mehr Scham und schließlich zum Kontaktabbruch zu vielen Lieblingsmenschen. Tage vergingen, Wochen vergingen und schließlich hatte ich das Gefühl, mich nicht mehr entschuldigen zu können, da es zu spät war. Und was für einen Wert habe ich als Mensch, dachte ich toxischerweise, der eine schlechte Freundin ist? Eine einzige Spirale des Grauens.

Glück für mich: Meine Leute sind um einiges flexibler als Statistiken. Ich entschuldigte mich. Sorry seems to be the hardest word? Fuck off. Ich schrieb, ich telefonierte, wenn die Kraft nicht reichte sendete ich einfach nur Emoticons oder Sätze, die aussprachen, dass ich an die Menschen dachte.

Alle reagierten grandios. Ich bekam eine SMS von einer Freundin, die den berühmten Schalter im Kopf betätigte: „Tara, was wäre ich für eine Freundin, wenn ich es nicht verstehen würde, dass Lebenssituationen es manchmal erfordern, dass man Zeit für sich selbst nimmt? Ich hab dich lieb.” Ich saß in der Bahn, war unendlich dankbar, erleichtert und heulte die nächsten 20 Minuten. Ich habe mich nicht geschämt. Ich war ok. Als Mensch nicht ideal. Aber Freundin.

Es dauerte lange bis zum nächsten Kontakt mit ihr. Ich sah sie zufällig auf dem Fahrrad. Sie war schwanger. Ich weinte, war glücklich und gleichzeitig verdammt traurig, dass sie es mir nicht früher erzählt hatte. Doch ich war in dieser Zeit mit mir selbst beschäftigt gewesen. Und das ist ok.

Einige Zeit ist vergangen, seit meinem Artikel über das Scheitern wissen alle mir wichtigen Leute Bescheid, dass ich, gerade wenn es mir nicht gut geht Selfcare-Zeit benötige. Das befreit und hat erstaunlicherweise dazu geführt, dass es mir viel leichter fällt mich zu melden. Ich bin nicht perfekt, doch ich gebe das, was ich kann. Das ist mein Versprechen. Und macht mich – nach meinem Verständnis – zu einer guten Freundin.

Die besagte schwangere Freundin hat derweil Baby-Bodies von mir geschickt bekommen, ich treffe sie bald und freue mich unheimlich darauf, überlege mir was ich ihr und ihrem kleinen Wurm für eine Freude machen kann. Life goes on, vielleicht kommen wieder Monate, in denen wir kaum oder keinen Kontakt haben können. Doch wenn ich kann, bin ich für sie da und wenn sie kann, ist sie für mich da. Dieser Text ist für sie im speziellen aber auch für meine anderen Herzensmenschen. Danke für Euch, dafür dass ihr keine „immer” und „alles” Menschen seid.
Ich möchte meine Zeilen mit einigen unglaublich banalen Sätzen beenden, bei denen ihr, die lesenden Menschen gerne mit den Augen rollen dürft, die jedoch äußerst wichtig sind: Es ist nie zu spät sich um sich für euch wichtige Menschen zu bemühen. Ihr seid es – und hier darf ich den Begriff verwenden – immer wert.