Kind und Spielplatz (5)

Zwei Sandförmchen im Sand; eins ein blauer Fisch, das andere ein gelber Stern
CC BY-NC-SA 4.0 , by Nicole

Zu Kindern gibt es viel interessantes Zeug zu erzählen. Das Glück, dass ich mit einem Kind zusammenwohne und Zeug erzählen kann. Ein neuer Teil unserer Kinderkolumne. Hier findet ihr Teil 1, 2, 3 und 4.

Ein kleines Kind großziehen, oder zumindest dem Kind beim Wachsen die Hand hinhalten, führt an der Hand häufig auf Spielplätze, das Kind zieht und zeigt den Weg.

Laufen wir an einem vorbei, quietscht und fiept es verlangend in seine Richtung. Auch wenn wir weiter davon weg sind, fährt das Kind seine Fühler aus, und noch bevor ich die Spitze eines Klettergerüstes sehen kann, macht das Kind sein eigentümliches Spielplatzgeräusch, das bedeutet: Halt, da hin, sofort da hin, ey, wehe du fährst da vorbei, ich MUSS. Da. Hin.

Unser Spielplatz soll schöner werden

Ich muss da  nicht so unbedingt hin. Meine eigene Erinnerung an Spielplätze ist eher unspektakulär, aber nett. Wir Kinder haben unser Ding gemacht und gespielt, die Erwachsenen haben am Rand gesessen und dann musste man nach Hause, obwohl man noch gar nicht fertig war. (‚Man soll gehen, wenn es am Schönsten ist‘ überzeugt mich auch heute nicht.) Das Kind spielt sogar auf den gleichen Spielplätzen wie ich einst, aber wir wohnen auch in derselben Wohnung, in der ich aufgewachsen bin. Die Spielgeräte sind dafür mit Ausnahmen alle neu. Das ist etwas schade, ich hätte das Kind gerne das ein oder andere Bild von mir nachspielen lassen. Aber auch eine gute Sache, an der ich ein bestimmt beteiligt bin. Denn für einen dieser Spielplätze habe ich im Grundschulalter das erste Mal demonstriert.

Im Nachbarschaftszentrum um die Ecke haben wir Bilder dafür gemalt, Verbotskreisschilder, und hinter die roten Verbotsstreifen Hundehaufen, Müll und jede Menge Spritzen. Damit sind wir alle, Kinder und Erwachsene, zum Spielplatz gelaufen und haben unsere Bilder an Schildern hochgehalten. Währenddessen wurde ich von einem Jugendlichen angesprochen, wofür oder wogegen wir denn da demonstrierten, und ich glaube, ich verstand das Wort nicht. Jedenfalls war ich so schüchtern, dass ich einfach geradeaus geguckt habe und weiter gegangen bin, als hätte ich ihn nicht gehört.  Ich selbst habe auf diesem Spielplatz übrigens niemals eine Spritze gefunden, aber unter uns Kindern war es ein sehr populäres, leicht zu malendes Motiv, und auch schön gruselig. Für neue, tolle Spielgeräte demonstrierten wir dabei sicher auch.

Und jetzt? Würde ich, wenn ich das Kind von der Krippe abhole, lieber direkt heim gehen, statt zu den neuen schönen Spielgeräten. Nicht nur weil ich stolzes Mitglied des Stay Home Clubs bin, oder mittlerweile eine langweilige Erwachsene. Vieles, was für Kinder ist, begeistert mich ja, Rutschen, Schaukeln, Bällebäder, bring it on! Und ich schaue dem Kind voll gerne dabei zu, wie es spielt, besonders mit anderen Kindern. Warum ich also echt nicht auf den Spielplatz muss? Wegen den anderen Erwachsenen.

L’enfer ces’t les autres parents

Als ich mich in der Zwischenphase befand, nicht mehr selbst auf Spielplätzen zu spielen (oder nachts auf ihnen rumzugammeln) und noch kein Kind beim Spielen zu beaufsichtigen, habe ich mir, auch aufgrund von Texten, die ich las, das moderne Spielplatzleben so vorgestellt: Die Kinder spielen auf den Spielgeräten. Die Erwachsenen sitzen am Rand und scrollen auf ihren Smartphones. Manchmal langweilen sie sich, manchmal trinken sie Kaffee, den sie sich mitgebracht haben. Und ab und zu trösten sie und pusten auf wunde Stellen. Oder das gegensätzliche Bild: auf den Spielplätzen herrscht Krieg. Andere Kinder sind schlimm gemein zu den eigenen Kindern und man muss die eigenen Kinder verteidigen und Ungerechtigkeiten ausgleichen. Während ihr Kind andere Kinder beißt, sagen dessen Eltern bloß: „Ach, der will doch nur spielen.“

Meine Realität sieht anders aus. Keine Angst vor Bissen, Tetanusimpfung ftw. Aber eine andere Angst. Die mich schwer und müde macht, wenn der Plan ist, mit dem Kind auf den Spielplatz gehen. Die mir in den Ohren klingelt, wenn das Kind seine Spielplatzalarmgeräusche macht. Das Kind ist noch zu klein, als dass ich gelangweilt am Rand sitzen könnte. Ich muss Hilfestellung leisten, es einfangen, wenn es über die Mauer Richtung Straße läuft, es anschubsen, beim Schaukeln. Und ich muss spielen. Aber nicht mit dem Kind. Sondern „gute Mutter“, für die anderen Erwachsenen. Und das würde ich gern lieber nicht.

Das Problem ist nur: alle anderen machen es. „Gute Eltern“-Spielen ist mehr als einfach nur aufzupassen, dass es sich und andere nicht verletzt. Es bedeutet, zu zeigen, dass einem oder einer ein regelkonformes und respektvolles Verhalten des Kindes wichtig ist. Das klingt zum Beispiel so:

Wirf nicht mit den Förmchen, hinter dir könnte ein anderes Kind sein, da musst du aufpassen! (andere Kinder sind nicht in Wurfnähe)

Schmeiß nicht mit dem Sand! (ebenso)

Nicht den Sand essen!

Nicht den Sand rausschaufeln, sonst ist da bald kein Sand mehr im Sandkasten! (es ist ausreichend Sand da, auf allen Seiten)

Du weißt doch, dass du beim Rutschen auf dem Popo sitzen sollst!

Lass den Ball liegen, der gehört dir nicht!

Mein Favourit:
Kind A spielt mit einer einsam rumliegenden Schaufel. Kind B kommt, greift sie und sagt „Meins“.
Die Eltern von Kind B sagen: Du muss auch mal teilen lernen. Gib A die Schaufel!
Die Eltern von Kind A sagen: Das ist die Schaufel von B. Gib sie bitte wieder zurück!

Ich finde es besonders spannend, das Elternverhalten zu beobachten, wenn Kinder miteinander agieren. (Würde es mich nicht so ermüden.) Die anderen Eltern achten nämlich sehr darauf, dass ihre Kinder anderen Kindern nicht weh tun, vor allem kleineren nicht, ihre Kinder nett und vorsichtig sind, dass ihre Kinder teilen. Im Prinzip supi Werte, kein Ding. Aber alle Eltern, die ich bei diesem Konfliktklassiker beobachtet habe, schlugen sich nicht auf die Seite ihres Kindes. Auch ich nicht. Bei all diesen Ermahnungen geht es nämlich gar nicht so sehr um die Kinder, sondern um die Eltern. Um ihre Höflichkeitsperformance füreinander.

Eigentlich würde ich mich ja am Liebsten raushalten und die Kinder das in einem epischen Schaufelduell unter sich ausmachen lassen. Bis eine_r heult, meinetwegen. Aber ich will gegenüber den anderen Eltern nicht als acht- und verantwortungslos erscheinen. Ich will, dass sie wissen, dass ich die Grenzen ihres Kindes anerkenne, und ich will, dass sie sehen, dass mir wichtig ist, dass mein Kind lernt, die Grenzen von anderen zu achten. Ich weiß, dass ich beobachtet werde, so wie ich andere beobachte. Und das ist alles ganz schön anstrengend.

Viel lieber würde ich strickend am Rand sitzen, ab und zu auf meinem Smartphone scrollen, während das Kind sein Ding macht, mit anderen Kindern, und mal trösten, wenn nötig. Und mir vor allem nicht so einen Kopf machen, was für Köpfe wir Erwachsenen uns machen.

Wenn ihr mit Kindern auf Spielplätze geht – wie sieht eure Spielplatzrealität aus?
Findet ihr andere Erwachsene auch so anstrengend?

  • jan

    Ja, Spielplatzbesuche hatte ich mir früher auch irgendwie entspannter vorgestellt. Hier ist das Kind grad zwei geworden, und das ist halt echt stress pur, weil das Kind motorisch noch nicht so super stark ist, aber immer die höchsten Leitern und Rutschen erklimmen muss. Erst hab ich dann versucht, das sanft zu verbieten, indem ich richtung ungefährlicherer Alternativen drängte, aber das ging null. Jetzt muss ich halt immer dahinter stehen, schauen dass der mutige Zwerg nicht von der hohen Leiter fällt und ansonsten warten.
    Was das „Sozialverhalten“ mit andern Kindern gemeinsam betrifft, verfolge ich aber auch eher eine nicht-interventionistische Position. Wenn das kleine tatsächlich mal 10 Minuten ungefährlich im Sandkasten spielt, hol ich immer mein Buch raus und versuch nur noch, aus dem Blickwinkel mitzubekommen, ob es den Sandkasten richtung gefährlicherer Geräte verlässt. Auf den Innenstadt-Spielplätzen hier scheint mir das aber auch eher die Regel zu sein, das „höfliche Eltern“-Spiel beobachte ich auch öfter, gebe mir aber ein wenig Mühe, möglichst höflich nicht daran teil zu nehmen. Da hilft das Buch dann, hinter dem man so tun kann, als würde man zufällig grad die kleine Sünde des bösen Nachwuchses einfach nur nicht mitbekommen.

  • Pamela
  • Kia

    Danke für den Text!
    Das ein oder andere finde ich bei mir wieder und bin froh, dass es nicht nur mein eigenes Gefühl ist, dass das (mein Verhalten) irgendwie dämlich ist – das Verhalten des Kindes wächst, im Austausch besonders und oftmals besonders laut. Wieso sollte mir (!) das vor anderen Eltern unangenehm sein. Und vielleicht, vielleicht hat es nicht nur mit erwachsenen Floskeln zu tun, sondern auch mit dem Wettbewerb „wessen Kind benimmt sich besser“. Was ja noch viel furchtbarer ist.
    Jan’s Kommentar möchte ich zustimmen. Bewusst an den Rand setzen und sich deutlich nicht beteiligen kann gegen vieles davon helfen. Aber manchmal, wenn ich einen mutigen und etwas trotzigen Tag habe, setze ich mich nah an das Geschehen heran und sehe mir an, was für einen Mist mein Kind tut und wie es damit klarkommt, dass seine Umwelt dementsprechend reagiert. Eltern, die mich dann verwirrt bis entsetzt anstarren, bekommen ein freundliches Lächeln.

  • m.j.

    Ich bin so ein schlechtes Elternteil das sich nicht einmischt.hat schon zu fiesen blicken geführt. is mir egal.mein Kind muss nicht immer teilen und ich will das es seine Konflikte selber löst. und tatsächlich können die meisten kids das selber ganz toll,wenn nich die eigenen Eltern ihnen in den rücken fallen würden. achja Spielplätze. Bücher könnte ich schreiben.

    • Pamela

      was sollen die kinder daraus lernen? dass der stärkere gewinnt. find ich scheiße: weil mein kind in diesen situationen meistens der schwächere ist.

      • M.J.

        Mein Kind rennt nicht über den Spielplatz und nimmt anderen Kindern Dinge weg. Und sitze auch nicht im Hintergrund und rufe: „Setz dich durch!“ Da würde ich überhaupt nicht draufkommen. Aber ich überlasse dem Kind die Entscheidung ob es z.B. ein Spielzeug abgeben will oder eben nicht. Und ich werde es nicht beeinflußen etwas anderes zu tun, nur um anderen Eltern entgegen zu kommen. Ich hab geschrieben das Kinder Konflikte allein bewältigen können und ich meinte nicht mit Gewalt, sondern durch aushandeln, lösungen finden etc.. Außerdem will ich das Kind nicht mit „Erziehungsarbeit“ zu irgendwas bringen, sondern lebe vor und bin da, wenn es meine Unterstützung braucht.

  • Miss

    Auch immer auf Spielplätzen zu beobachten: Diese Eltern fangen auch immer an besonders deutlich und besonders pädagogisch mit ihrem Kind zu reden, wenn sie sich beobachtet fühlen.

  • Giliell

    Die gute Nachricht: es wird besser. Hier sind die Kinder mittlerweile 5 und 7 und auch die Kleine kann die Klingel bedienen. Damit dürfen die alleine raus.
    Ich gestehe aber, ich mache Gebrauch von der hiesigen Sozialstruktur: Eine Siedlung gebaut um den Spielplatz, mit Kindergarten in den die meisten Kinder irgendwann gehen. Sollte also ernsthaft etwas passieren sind immer genug Erwachsene da, die wissen, wo sie mich finden.
    Dadurch sind die meisten Konflikte, die ich erlebe zwischen meinen eigenen Kindern. Nur einmal musste ich tatsächlich eine andere Mutter kontaktieren, nachdem ihr 3 Jahre älterer Sohn meine Kleine geprügelt und die Spielsachen meiner Großen kaputt gemacht hat.

  • Frau Zeitlos

    Ich sitze definitiv auch eher am Rand und lasse die Kinder einfach spielen und toben. Ich helfe auch nicht auf Sachen rauf: Wo man nicht allein rauf kommt, ist man halt noch zu klein für (das planen Spielplatzdesigner auch bewusst ein, las ich mal).
    Kürzlich wurde mein anderthalb jähriger Sohn vom einem größeren Kind böse geschubst. Ich tröstete ihn und sagte, er muss sich das nicht gefallen lassen. (Von mir aus auch: Schaufelduell. Mein Sohn spricht noch nicht und kann schlecht sagen “Schubs mich nicht, das tut weh“ oder ähnlich ausgefeilte Diskussionsbeiträge leisten. Er darf sich ruhig im Rahmen seiner Möglichkeiten wehren). Leider war die andere Mutter da beleidigt und zog mit ihrem Kind ab.

  • Mama notes

    Auch ich möchte DIr zurufen: Es wird besser. Der Übereifer der erzieherisch tätig werdenden Eltern lät genauso nach, wie der eigene Drang, den anderen Eltern „beweisen“ zu wollen, dass man selbst keine achtlose Rabenmutter mit Handy ist, der ihre Kinder völlig egal sind. Irgendwann fiel das von mir ab und ich lasse meine Kinder auch an der Rutsche von außen baumeln, auch drei fremde Elternteile schon aufspringen…. Ich hab auch schon mal laut „STOP! Mein Kind kann das allein, bitte tun sie nichts“ gerufen. Sogar schon öfters… Je älter die Kinder der Eltern werden, desto eher erhält man verständnisvoll-freundliches Nicken von ihnen für solche Aktionen. Es wird…. :)

  • http://www.kiddothekid.com kiddo.the.kid

    Was mich ja ungemein ermüdet, sind die total engagierten und begeisterten Eltern, die ständig jubelnd unter dem Klettergerüst stehen (oder noch schlimmer, darauf), und dann mit Glitzer im Timbre Sätze rufen wie „Ganz, ganz toll Johan, wirklich total klasse, wie Du da über die Hängebrücke balancierst, woohoo!“. Und dabei auf uns ab springen, zumindest mental.

    Dann fühle ich mich immer kurz schlecht, weil ich mit dem Kiddo auf dem Spielplatz nur spreche, wenn es sein muss, und mich ansonsten darauf beschränke, es so gut wie möglich von gefährlichen Dingen abzuhalten (das allerdings oft, denn das Kiddo ist erst 15 Monate jung).

    Das Anfeuern liegt mir nicht im Blut, wie es scheint. Und ich habe auch schon Spielplätze verlassen, weil sich dort zu viele Anfeuer-Eltern clusterten. Ich kann das einfach nicht ertragen, so leid es mir tut.