Vier Wochen einsame Insel – Von Rehhasen und Schokolade (2/4)

Foto , CC BY-NC-SA 2.0 , by Anika Lindtner

War das eben ein Hase, der über die Straße gerannt ist? Ich kneife die Augen zusammen und versuche, die S-Kurven ordentlich zu fahren, immer links auszuweichen, wenn ein anderes Auto kommt und gleichzeitig nach lebensmüden Tieren Ausschau zu halten. Gar nicht so einfach bei der tiefschwarzen Dunkelheit, die uns umgibt.

Wir sind auf dem Weg zu unserem Cottage.

Schlaglochslalom auf Umwegen

Nach drei Stunden Zugfahrt und einer Stunde Fähre sind wir vorhin bei der Autovermietung auf der Insel angekommen und haben unser Auto in Empfang genommen. Es ist farblich eher silber-hell-matsch-braun, statt wie versprochen golden und hat Kurbel(!)fenster, aber sieht robust aus. Der Vermieter gibt uns eine Karte und erklärt, dass auf unserem letzten Streckenabschnitt sehr viele Rehe unterwegs seien. Erst letzte Monat hätte eine Deutsche mit unserem Wagen eines angefahren. “We have around 3.5 thousand people here and about 7 thousand deer” erklärt er uns. Deswegen müsse man Rehunfälle auch nicht melden. Katzen auch nicht, aber Hunde und Schafe. Gruselig finde ich das und halte die Augen extra weit offen beim Fahren. Besonders für Katzen.

Wir sind jetzt eineinhalb Stunden in der Dunkelheit unterwegs. Laut Google Maps sollten wir schon lange angekommmen sein. Und tatsächlich, wir haben uns verfahren. Also wieder zurück, der engen Straße folgen, die sich um Hügel und Klippen windet wie ein Wurm und auch schon mal fehlende Teile aufweist. Es gab in den letzten Tagen starken Regen, der alle Schlaglöcher mit Wasser gefüllt hat. Die haben sich dann erst als knöcheltiefe Krater entpuppt, als wir sie durchfahren und unsere Zähne aufeinander schlagen lassen. Irgendwann haben wir die in der Dunkelheit kaum sichtbare Abzweigung entdeckt, hinter der sich ein Kiesweg zu unserem Cottage verbirgt. “You’ve made it! The worst part of the journey is now behind you!” begrüßt uns Caroline, die den Bio-Hof mitsamt Ferien-Cottages führt. Wie recht sie hat. Ich habe vor lauter Anstrengung fiese Kopfschmerzen bekommen und will nur noch ins Bett.

Hungry Eyes und Harry-Potter-Fantasien

Am nächsten Morgen ziehe ich die Vorhänge auf und schaue direkt aufs Meer, das hinter grünen Wiesen leise rauscht. Am Horizont breiten sich bunte Berge und Klippen aus und ganz in der Ferne kann man umliegende Inseln ausmachen. Die Sonne scheint. Ich musste lachen, so absurd großartig ist diese Aussicht. Ich kann mich einfach nicht satt sehen. Hungry eyes!

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Unser Häuschen ist auch gemütlich, mit dicken Bettdecken, Sofas, einem Wintergarten mit Leseecke und natürlich der Kaminofen als Herzstück des Wohnzimmers. Alles ist so toll, dass es einfach überwältigend ist und trotzdem oder vielleicht genau deshalb hatte ich am ersten Tag so schlechte Laune, dass ich alleine wandern gehen musste, um mich abzureagieren. Es war mir alles zu viel, der Umschwung, die Erwartung, das plötzliche Loslassen, keine Internetverbindung mehr -geschweige denn irgendein Handyempfang-, was mich mehr genervt hat, als ich dachte (was mich wiederum nervt).

Um E-mails zu lesen, Nachrichten zu schreiben oder Fotos auf Instagram hochzuladen, muss man in die Bibliothek, die zur Farm gehört. Ich hatte sie mir insgeheim ein bisschen wie den Gemeinschaftsraum aus den Harry-Potter-Büchern vorgestellt: groß, dunkel, mit samtigem Teppich und großen Polstersesseln, vielleicht sogar ein Feuerchen. Ich hätte nicht weiter weg liegen können, denn die Bibliothek ist ein kleiner Raum in dem ein paar Bücher stehen, einige Spiele, ein Fetznetztelefon und Gefriertruhen mit Biofleisch von der Farm. An der Wand hängt neben dem Wetterbericht das Passwort fürs Wlan. Darunter: “We have limited data volume so please No TV, No Games, No Videos, No Films, No YouTube!”. Na toll. Zum längeren Arbeiten für M. oder Serien-Nachladen für mich müssen wir also 50 Minuten in die größte Stadt der Insel, Tobermory, fahren und ein Café mit Wlan finden. Die Heizung in unserer “Bibliothek” funktioniert nicht, daher sitzt man dort drinnen mit voller Montour: Windjacke, Flies, Mütze und Schal. Tschüss, Harry-Potter-Fantasie, hallo ungemütliches Landleben.

Entspann dich gefälligst!

Grummelig bin ich am ersten Tag mit meiner schlechten Laune am Rockzipfel weitergewandert – die Wiesen hinunter zu den Klippen gestapft und war genervt von all den Gedanken, die ich mir machte. Ich hab mich irgendwie selbst beobachtet – mehr als sonst – und darauf gewartet, dass alles auf einmal von mir abfällt. Stattdessen musste ich mit Gedanken kämpfen, die um Beziehung, Zukunft und Arbeit kreisen, und hab mir Sorgen um alles gemacht. Sorgen, dass ich den Urlaub (der längste, den ich je hatte) nicht ordentlich nutze, um mich von einem Jahr harter Arbeit zu entspannen. Sorgen, weil ich nicht, wie ich es mir immer vorgestellt hatte, sofort in den Zustand absoluter Glückseligkeit und Entspannung verfallen bin, als wir endlich angekommen sind beim Häuschen. Den Schalter auf Urlaub umlegen. Aber nada. Du denkst immer noch an Twitterfavs und unbeantwortete Emails, wirft mir meine schlechte Laune vor. Entspann dich gefälligst! Du musst die Zeit effizient nutzen, die du hast, sonst war alles umsonst. Oder kannst du am Ende gar nicht richtig Urlaub machen? Hast du das verlernt?

Ich bin dann einfach weitergegangen, an den Klippen entlang, hab die Möwen beim Fischfang beobachtet, und die Wellen, die gegen die schwarzen Klippen schlugen. Die Wolken tanzen am Himmel miteinander Walzer und das Gras wippt im Wind. Plötzlich entdecke ich dann einen Hasen weit entfernt, der eher aussah wie ein Reh mit langen Ohren und flachen Füßen und ein Rebhuhn flatterte aufgeregt vor mir davon. Ich muss das erste Mal fast lächeln. Beim Rückweg, der steil aufwärts führt – beim Runtergehen kommt einem das natürlich überhaupt nicht so steil vor – kam ich ordentlich ins Keuchen kam und am Ende stand ich verschwitzt und mit hochrotem Gesicht wieder vor dem Cottage. Da hatte sich die schlechte Laune erstmals in ein Eckchen verkrochen, wo ich sie ignorieren konnte, M. auch wieder nett anlächeln und von meinen Sorgen erzählen. “Drei, vier Tage braucht es im Urlaub schon, bin man gemerkt hat, dass man nichts mehr muss. Zwei Wochen, bis man vergessen hat, was es war” sagt M. weise.

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Mit Wärmflasche und Schokolade

Am dritten Tag geht es mir und meiner schlechten Laune viel besser. Nur machen die monatlichen Unterleibsschmerzen leider keinen Urlaub. Sie finden mich auch auf einer abgelegenen Insel im Westen Schottlands. Also liege ich auch hier flach, mit Wärmflasche auf dem Bauch. Ich schaue vom Sofa nach draußen: Die Sonne ist wieder hinter den Regenwolken hervorgekrabbelt und taucht alles in goldenes Licht. Ich kann es kaum erwarten, wieder meine Gummistiefel anzuziehen und raus raus raus!

M. bringt mir einen Tee ans Sofa, Schokolade und krault mir durch die Haare. Eigentlich ganz o.k. so ein Tag Bettruhe denk ich mir und beiße ein großes Stück Schokolade ab. Draußen schippert ein Fischerboot vorbei und zwei Schafe grasen vor unserem Fenster, der Wasserboiler brummt leise, das Feuerchen knuspert sich durchs Holz und ich kuschele mich in meine Kissen. Huch! Und da ist sie plötzlich. Unerwarteterweise, auf leisen Sohlen kam sie angeschlichen und ist zu mir aufs Sofa gehüpft. Die Entspannung.

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was vorher geschah:

Vier Wochen einsame Insel – Gummistiefel statt Bikini  (1/4)

Weiterlesen:
Vier Wochen einsame Insel – Delfintattoos und Bauchtiere (3/4)
Vier Wochen einsame Insel – Zwischen Küsschen und Kriegsfuß (4/4)

8 Antworten zu “Vier Wochen einsame Insel – Von Rehhasen und Schokolade (2/4)”

  1. Giliell sagt:

    Vielleicht war es ja auch einfach ein Jackalope?
    Hach, ich bin ja ein bischen neidisch. Aber den Grummel am Urlaubsanfang kenn ich. Mittlerweile find ich es aber OK dem Liebsten dann einfach mal abends zu sagen: lass mich bitte in Ruhe, rede nicht mit mir, ich muss einfach mal halbwegs alleine sein.

    • langziehohr sagt:

      haha ja ein jackalope könnte es auch gewesen sein <3 schön zu hören, dass du den grummel auch kennst.

  2. Matthias sagt:

    Grossartig! Ich war nach dem ersten „Vier Wochen einsame Insel“-Beitrag schon ganz gespannt, wie diese Ferien anfangen. Kein Handyempfang ist wirklich hart, dabei hat’s auf der Insel doch so tolle Ingress-Portale!

    • langziehohr sagt:

      <3
      ah wow, das mit den portalen wusste ich gar nicht. muss ich gleich mal schauen. aber ja, ohne empfang wird das wohl nix mit meinem provider.

  3. Gast sagt:

    Ich finde es immer wieder unterhaltsam, wie seltsam Stadtmenschen reagieren, wenn sie plötzlich in eine Gegend kommen, die eben nicht den Stadtkomfort hat, den sie gewohnt sind. Dass der Bäcker und der Supermarkt nur per Auto erreichbar sind. Dass WLan Luxus und die Bandbreite, soweit vorhanden, begrenzt ist.
    Vielleicht ist dann die Beobachtung der Menschen, die in solchen Regionen eben nicht nur zur Entspannung Urlaub machen sondern dort leben, eine andere. Dass deren Fähigkeiten deutlich über Landei hinaus gehen.
    Ich hab auf dem ländlichsten Land und mitten in der Großstadt gelebt. Bei beiden Menschengruppen (Stadt und Land) habe ich erfahren, wie wenig sie die Fähigkeiten der anderen Gruppen anerkannt haben, in ihren Bereichen ein schönes Leben zu führen. Wobei die Arroganz der Städter deutlich überwog.

    Ich bin gespannt, ob die weiteren Folgen auch mal mehrere Tage Sturm beinhalten, in denen so ein Cottage plötzlich sehr eng werden kann.

    • langziehohr sagt:

      ja das ist tatsächlich sicher lustig zu lesen, wie so eine stadtgöre aufs land geht. (die ferien hab ich damals immer bei meinen großeltern aufm land verbracht und landkinder und stadtkinder haben sich gegenseitig immer ungläubig gefragt, was sie denn den ganzen tag immer so anstellen zuhause. das stimmt, was du sagst.) ich bin selbst ganz überrascht von mir und bin gespannt, was wetter und menschen hier noch für mich bereit halten. für den großen sturm (den es wohl hier öfter mal so gibt), bei dem man dann drinnen bleiben muss, hab ich schon schokoladenvorräte und bücher gehamstert. mal schauen, wie es so weitergeht :)

  4. www.bingereader.org sagt:

    Habe vor Ewigkeiten eine wunderbare Zeit auf Mull verbracht. Direkt über dem Postoffice in Tobermory in einem B&B mit tollen Gastgebern. Die großes Mitleid mit mir hatten, als ich verzweifelt auf das Auto der Royal Bank auf Scotland wartete und das dann doch nicht mit der Fähre rüberkam und ich absolut kein Geld mehr hatte. Da haben sie mir Geld geliehen für Pub am letzten Abend und Rückfahrt aufs Festland. Einfach so drauf vertraut, dass ich das bestimmt zurückschicke.

    Falls ihr also am Postamt in Tobermory vorbeilauft, bitte einmal hochwinken ;)

    • langziehohr sagt:

      Haha, ja das klingt total nach den tollen Menschen hier. Alle sind soo hilfsbereit, es ist echt wundersam. Winken wird gemacht <3