“Warum denn so ernst?”

Foto , CC BY-SA 2.0 , by cogdogblog

Manche Menschen haben einfach keinen Humor! Oder?

Neulich im Netz, im Fernseher, auf dem Werbeplakat. Ein großer Musikhandel lässt auf seinem Plakat einen Musiker ein Klavier genauso “bespielen” wie den nackten Unterkörper einer Frau. Einige hielten das für pfiffig, andere wiesen auf Sexismus hin. Zwei Jung-TV-Entertainer machen es sich zur Mutprobe, eine Messe-Mitarbeiterin zu begrapschen. Comedy? Viele waren da anderer Meinung. Oder ein neueres Beispiel: Vor kurzem wurde eine TV-Show angekündigt mit infam klingenden Konzept: “Who wants to f*ck my girlfriend” will UlmenTV wissen und wird dafür Freundinnen im Attraktivitätskontest (etwa im Bordell) gegeneinander antreten lassen, immer begleitet von Ulmens Fake-Charakter mit Vollidiot-Appeal, “Uwe Wöllner”. Satire? Schwer zu sagen. Lustig? Da hab ich starke Zweifel. Mehr dazu später.

Worauf sich Menschen, die Kritik an Beispielen wie den oben genannten – und unzähligen mehr – in jedem Fall einstellen sollten, ist ein unvermeidlicher Vorwurf: Keinen Spaß zu verstehen. Es nicht kapiert zu haben. Einfach nur humorlos zu sein.

Gewiss: Humor ist ein schwieriges Thema. Glauben wir Kalendersprüchen, lässt sich darüber ähnlich wie beim so genannten Geschmack streiten oder auch nicht. Alles Geschmackssache also? Nicht ganz. Was als lustig gilt oder gelten darf, was guten Humor ausmacht und was schlechten, das sind Fragen von philosophischen Ausmaßen. Deutlich weniger kompliziert erscheint demgegenüber der Vorwurf der Humorlosigkeit und dessen Parameter: wer unterstellt sie wem und in welchen Zusammenhängen?

Oft genug ist dies ein Versuch, kritische Argumente zu entkräften und zu negieren. Denn: wer humorlos ist, hat ja offenbar mangels “Rezeptoren” schlicht den Witz nicht verstanden. Es ist insofern ein perfider Vorwurf. Sämtliche Witzkritik wird damit zur Erklärungskrücke von angeblich biologisch-humoristisch Minderbemittelten degradiert. Da der Vorwurf oft so pauschal, so abbügelnd ist, erscheint er eigentlich nicht als starkes Argument, kaum ernstzunehmen. Sollte Mensch meinen. Aber an den humorlos Gescholtenen klebt nun nicht nur der Verdacht, sauertöpfisch und spaßbefreit, sondern auch einfältig und nicht in der Lage zu sein, die feinen Zwischentöne des diskutierten Humorgegenstands zu erfassen. Machtvolle Zuschreibungen, die kleben wie Pech.

In manchen Fällen mag dies zutreffen. Trotzdem hat der Vorwurf bei feministischer Kritik mittlerweile schon die Qualität eines Running Gag (haha), der gerne herangezogen wird, wenn diese Kritik unbequem, ungenehm oder sonstwie dem Witzvergnügen (oder der Macht über den Diskurs) abträglich ist. Unterschiedliche Meinungen zu einem Humorthema wären kein grundsätzliches Problem. Eine Meinung wird aber mit der Humorlosigkeitskeule gar nicht erst anerkannt. Die attestierte Unfähigkeit zum Witzverständnis hat den Doppeleffekt, der Kritik zugleich die Berechtigung abzusprechen und sich mit ihr nicht auseinandersetzen zu müssen.

Denn die Kritik, die sich diesen Vorwurf meist gefallen lassen muss, rührt oft an Grundfesten, die das ganze Witzgebilde zusammenfallen lassen. Sexismen, Vorurteile, Diskriminierungen. Wer sich die Mühe macht, die Argumentationen nachzuvollziehen, dem könnte der unreflektierte Spaß vergehen.

Blicken wir nun noch mal auf die oben genannte TV-Show mit dem geschmackvollen Titel: Im Vorab-Marketing (und nur darauf beziehe ich mich) für “Who wants to…” wird das Vorführen sexistischer Situationen als Teaser instrumentalisiert, um schon im Vorfeld maximale Aufmerksamkeit für die Show zu generieren. Mögliche (und in meinen Augen berechtigte) Kritik an der Show-Ankündigung wird als einkalkuliertes Marketing durch den Kakao gezogen, wie etwa ein Videostatement des angeblichen Produzenten verdeutlicht (dieses könnt ihr auf der Tele5-Seite bewundern). Dabei spielt er nicht nur seine Betroffenheit über die durch den Sexismus der Show “verletzten Gefühle” vor, sondern präsentiert sich natürlich auch selbst als unecht: ist ja alles nur inszeniert. Ein Doppelspiel sozusagen. Aber macht das den Sexismus unecht? Nein. Er ist die reale Bezugsgrösse, die instrumentalisiert wird, um im Zuge des Marketing gleich noch die Sexismus-Kritik mit zu verballhornen und zu entkräften.

In gewisser Weise hat Ulmen-TV damit den Humorlosigkeits-Vorwurf in Marketingform gegossen: wer sich berechtigterweise über die Inszenierung einer TV-Sendung aufregt, der jedes Mittel recht ist, damit Menschen sich über sie aufregen, bekommt ihn gratis dazu.

  • http://twitter.com/allesevolution Christian Schmidt

    Ich finde in vielen Bereichen eine gewisde Lockerheit sehr angebracht. Nicht jede Bemerkung muss gleich in eine Theorie hegemonialer Männlichkeit eingeordnet werden und nicht jeder Hinweis auf Unterschiede der Geschlechter ist eine Verfestigung der Geschlechterrollen.

    • Helga

      Für mehr Lockerheit! Nicht jeder Kommentar muss einen Text auf Kritik an Sexismus reduzieren, wenn dieser ein System aufzeigt, das auch bei Rassismus, Behindertenfeindlichkeit, Transphobie und weitere Diskriminierungen angewendet wird. “Humorlos” sind nämlich auch die, die über “Transenwitze” oder rassistische Figuren aus Minstrel Shows nicht lachen können oder wollen.

      • http://twitter.com/allesevolution Christian Schmidt

        auch in den Bereichen kann man es übertreiben. für dich gibt es in diesen Bereichen also keinen Spielraum für Humor?

    • Auto_focus

      Ist die Forderung nach “mehr Lockerheit” nicht irgendwie “sei nicht so humorlos” in anderer Worten? Ansonsten: was Helga sagt.

  • Auto_focus

    Nein, du?

  • laprintemps

    Einiges möchte ich sagen:

    1. Die Vorstellung, dass Humor immerin der Abwertung von etwas steht finde ich reichlich primitiv. Ich lache gerne und viel, aber lieber über die Absurdität der menschlichen Existenz, als über Menschen, die irgendwie anders sind.
    2. Humor – im Besonderen Satire – ist auch ein Kampf gegen Obrigkeit, gegen Unterdrückung. Wendet sich Humor jetzt gegen die Unterdrückten ist es nur ein Herrschaftsinstrument und kann nicht mehr Satire sein, denn
    3. Humor ist das Durchbrechen des Bestehenden, einen Kontrast zu ziehen und gleichzeitig die Kritik am Bestehenden.

    Jeden, der mir mit Locketheit und Musst du mal Spässken verstehen kommt, den bezeichne ich nur noch als primitiv, denn mein Humor ist mehr als nur

    • @janl

      Hier geht es doch nicht darum, dass Humor scheiße wäre, wo kämen wir denn da hin?

      Der Punkt ist doch, dass die Unterstellung der Humorlosigkeit eines Intellektuellen Mundkorbs gleichkommt und dass sich sogar das im gezeigten Beispiel ins Marketing geschlagen hat. Damit wird jede Form von gerechtfertigter Kritik mit einem Schlag unterbunden.

      • http://www.annewizorek.de/ Anne Wizorek

        Ich glaube Julias Punkt ist weniger Humor an sich anzuprangern, sondern dass dieser halt immer noch viel zu oft genutzt wird, um sich über Ausgegrenzte und Schwache lustig zu machen – also denen noch mal eins auf den Deckel zu geben, weil’s ja so schön einfach ist. Dabei kann Humor hier im Gegenteil sogar helfen, um 1. die Betroffenen mit ihren Problemen sichtbar zu machen und 2. ihnen aber auch die Macht verleihen, den Witz zu definieren.

        Keine Ahnung, ob das jetzt zu verschwurbelt formuliert ist, aber mein aktuelles Lieblingsbeispiel für jemanden, der das schafft, ist ja immer noch W. Kamau Bell :) http://youtu.be/5ZsdsySa68Q

  • Jens Hoffmann

    Der Vorwurf der Humorlosigkeit ist kein sachliches Argument, sondern dient dem Totschlag. Gibt es keine sachlichen Argumente für die Richtigkeit einer Position, dann ist sie falsch. Wer keine richtigen Argumente für seine Position aufzubringen vermag, der disqualifiziert sich für den Diskurs. Falsches wird auch durch Humor nicht richtig. Schlechter Geschmack auch nicht.

  • http://www.annewizorek.de/ Anne Wizorek

    Für mich ist der Kernpunkt deines Artikels genau dieser: Indem Humorlosigkeit als hässliches Label verteilt wird, schiebt die kritisierte Seite die Arschkarte komplett von sich, muss sich mit der Kritik nicht mehr beschäftigen und kann sich auch noch in der vermeintlichen Coolness sonnen, den Witz ja kapiert zu haben.

    Dass diese Ablenkungstaktik gefahren wird, ist ja mittlerweile schon das “Godwin’s Law” in feministischen Debatten.

  • Pingback: Die neue Lust auf Patriarchat « Aus Liebe zur Freiheit

  • dieKadda

    ich hoffe, das Video einbinden klappt :)

    wenn nicht, hier der Link: http://www.youtube.com/watch?v=fRW7DjYxTyk
    lachend feministische Grüße
    Kadda

    • http://www.annewizorek.de/ Anne Wizorek

      Hihihi. Kannte bisher nur die Lyrics dazu, aber mit Ukulele ist das ja noch viiiel charmanter!

    • Auto_focus

      <3 <3 <3

  • http://www.annewizorek.de/ Anne Wizorek
  • Auto_focus

    Weil sie den Sinn von Janoschs Frage in Frage stellt? (was ich btw auch schon tat.)

  • B

    Die Frage ob es lustig ist oder nicht ist oder nicht ist doch eigentlich irrelevant, da sich über Humor eben wirklich nicht streiten lässt. Wichtig ist doch, muss man es tolerieren oder nicht? Da scheinen mir die grapschenden Moderatoren eine Klasse für sich zu sein, da hier unfreiwillig Frauen angegrapscht werden. Das Foto ist einfach geschmacklos, tut aber niemandem weh. Bzw. die Frage ist mit welcher Begründung man es verbieten sollte, ohne sich auf eine Gesellschaft zuzubewegen, in der Frauen sich verschleiern müssen. Die Ulmen-Schau scheint mir am kompliziertesten, weil sie denke ich genau die Leute verarscht die denken sie stehen da drüber und schauen es sich nur an weil sie sehen wollen wie dumm die anderen sind. Auf jeden Fall ist die Teilnahme und das Anschauen freiwillig, also wäre meine Meinung dass auch diese Show zu tolerieren ist.

    • http://rainbowda.sh/ map

      Ich sehe das anders. Reproduktion von Sexismus oder Diskriminierung tut natürlich jemand weh. Und warum du die Diskussion auf Verbote und Toleranz lenkst, verstehe ich nicht recht. Wer unbedingt über Sexismus lachen muss soll das tun. Der Hinweis darauf muss aber toleriert (idealerweise sogar reflektiert) werden, statt mit einem Totschlagargument weggewischt zu werden. Eine Pointe negiert nicht Verletzung.

  • http://twitter.com/mauerunkraut mauerunkraut

    Auf YouTube hat man mit diesem Argument schon länger zu kämpfen. Paradebeispiel ist der Krawall-Vlogger JuliensBlog, der sämtliche Sprüche über Minderheiten und Frauen mit Schwarzem Humor rechtfertigt.
    Das selbe findet im Kleinen und teilweise auch privatem Raum statt, wenn man sich dann unverschämterweise gegen Beleidigungen wehrt, war ja im Grunde alles nur Spaß.
    Die Frage ist, wie geht man damit um? Versucht man seinen Standpunkt zu erklären, findet man leider kein Gehör bzw. fühlen sich in der Regel auch nur die angesprochen, die in die selbe Kerbe schlagen. Ich stelle aber zumindest online einen kleinen Wandel fest. Insbesondere sexistisches Verhalten in den Medien wird immer häufiger angeprangert. Allerdings wird es noch lange brauchen, bis sich dahingehend irgendwas ändert, weil frauenfeindliche Sprüche noch immer zum normalen Umgangston gehören.

    • Auto_focus

      Ein wenig Optimismus, das ist gut! Das will ich gerne teilen. Ja, es wird sicher noch lange brauchen. Aber ich habe auch das Gefühl, dass es online immer mehr Leute gibt, die auf Diskriminierung, Sexismus etc. hinweisen. Leider auch viel Gegenwehr und “Humorlosigkeit-Vorwerfer”… Seufz.

  • Auto_focus

    Ich denke die Diskussion geht jetzt gerade sehr in die Richtung “Was ist lustig?” bzw. Was ist Humor, wo fängt er an etc. Wie ich oben dargestellt habe ist dies allerdings eine sehr schwere Frage, die ich ja auch gar nicht beantworten wollte. Unabhängig davon, ob wir es mit etwas explizit lustig gemeinten oder nicht zu tun haben, erfolgt auf Kritik an Sexismus, Rassismus etc. im medialen Bereich (Werbung, TV-Shows etc.) – und nicht nur da – sehr oft das Totschlagargument der Humorlosigkeit. Und darum, und was dieses Argument bewirkt bzw. bewirken soll, ging es mir in dem Artikel.

  • Auto_focus

    Ich habe gar kein Problem mit dem Wort und es zu benutzen. Es stört mich nur im Kontext des Sendungstitels, weil es quasi schon Teil des sexistischen Konzepts ist. Und ich hatte einfach keine Lust, dass so 1:1 zu wiederholen. Das wäre zu viel Credit…

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