“Warum denn so ernst?”
Manche Menschen haben einfach keinen Humor! Oder?
Neulich im Netz, im Fernseher, auf dem Werbeplakat. Ein großer Musikhandel lässt auf seinem Plakat einen Musiker ein Klavier genauso “bespielen” wie den nackten Unterkörper einer Frau. Einige hielten das für pfiffig, andere wiesen auf Sexismus hin. Zwei Jung-TV-Entertainer machen es sich zur Mutprobe, eine Messe-Mitarbeiterin zu begrapschen. Comedy? Viele waren da anderer Meinung. Oder ein neueres Beispiel: Vor kurzem wurde eine TV-Show angekündigt mit infam klingenden Konzept: “Who wants to f*ck my girlfriend” will UlmenTV wissen und wird dafür Freundinnen im Attraktivitätskontest (etwa im Bordell) gegeneinander antreten lassen, immer begleitet von Ulmens Fake-Charakter mit Vollidiot-Appeal, “Uwe Wöllner”. Satire? Schwer zu sagen. Lustig? Da hab ich starke Zweifel. Mehr dazu später.
Worauf sich Menschen, die Kritik an Beispielen wie den oben genannten – und unzähligen mehr – in jedem Fall einstellen sollten, ist ein unvermeidlicher Vorwurf: Keinen Spaß zu verstehen. Es nicht kapiert zu haben. Einfach nur humorlos zu sein.
Gewiss: Humor ist ein schwieriges Thema. Glauben wir Kalendersprüchen, lässt sich darüber ähnlich wie beim so genannten Geschmack streiten oder auch nicht. Alles Geschmackssache also? Nicht ganz. Was als lustig gilt oder gelten darf, was guten Humor ausmacht und was schlechten, das sind Fragen von philosophischen Ausmaßen. Deutlich weniger kompliziert erscheint demgegenüber der Vorwurf der Humorlosigkeit und dessen Parameter: wer unterstellt sie wem und in welchen Zusammenhängen?
Oft genug ist dies ein Versuch, kritische Argumente zu entkräften und zu negieren. Denn: wer humorlos ist, hat ja offenbar mangels “Rezeptoren” schlicht den Witz nicht verstanden. Es ist insofern ein perfider Vorwurf. Sämtliche Witzkritik wird damit zur Erklärungskrücke von angeblich biologisch-humoristisch Minderbemittelten degradiert. Da der Vorwurf oft so pauschal, so abbügelnd ist, erscheint er eigentlich nicht als starkes Argument, kaum ernstzunehmen. Sollte Mensch meinen. Aber an den humorlos Gescholtenen klebt nun nicht nur der Verdacht, sauertöpfisch und spaßbefreit, sondern auch einfältig und nicht in der Lage zu sein, die feinen Zwischentöne des diskutierten Humorgegenstands zu erfassen. Machtvolle Zuschreibungen, die kleben wie Pech.
In manchen Fällen mag dies zutreffen. Trotzdem hat der Vorwurf bei feministischer Kritik mittlerweile schon die Qualität eines Running Gag (haha), der gerne herangezogen wird, wenn diese Kritik unbequem, ungenehm oder sonstwie dem Witzvergnügen (oder der Macht über den Diskurs) abträglich ist. Unterschiedliche Meinungen zu einem Humorthema wären kein grundsätzliches Problem. Eine Meinung wird aber mit der Humorlosigkeitskeule gar nicht erst anerkannt. Die attestierte Unfähigkeit zum Witzverständnis hat den Doppeleffekt, der Kritik zugleich die Berechtigung abzusprechen und sich mit ihr nicht auseinandersetzen zu müssen.
Denn die Kritik, die sich diesen Vorwurf meist gefallen lassen muss, rührt oft an Grundfesten, die das ganze Witzgebilde zusammenfallen lassen. Sexismen, Vorurteile, Diskriminierungen. Wer sich die Mühe macht, die Argumentationen nachzuvollziehen, dem könnte der unreflektierte Spaß vergehen.
Blicken wir nun noch mal auf die oben genannte TV-Show mit dem geschmackvollen Titel: Im Vorab-Marketing (und nur darauf beziehe ich mich) für “Who wants to…” wird das Vorführen sexistischer Situationen als Teaser instrumentalisiert, um schon im Vorfeld maximale Aufmerksamkeit für die Show zu generieren. Mögliche (und in meinen Augen berechtigte) Kritik an der Show-Ankündigung wird als einkalkuliertes Marketing durch den Kakao gezogen, wie etwa ein Videostatement des angeblichen Produzenten verdeutlicht (dieses könnt ihr auf der Tele5-Seite bewundern). Dabei spielt er nicht nur seine Betroffenheit über die durch den Sexismus der Show “verletzten Gefühle” vor, sondern präsentiert sich natürlich auch selbst als unecht: ist ja alles nur inszeniert. Ein Doppelspiel sozusagen. Aber macht das den Sexismus unecht? Nein. Er ist die reale Bezugsgrösse, die instrumentalisiert wird, um im Zuge des Marketing gleich noch die Sexismus-Kritik mit zu verballhornen und zu entkräften.
In gewisser Weise hat Ulmen-TV damit den Humorlosigkeits-Vorwurf in Marketingform gegossen: wer sich berechtigterweise über die Inszenierung einer TV-Sendung aufregt, der jedes Mittel recht ist, damit Menschen sich über sie aufregen, bekommt ihn gratis dazu.
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