Heldinnen der Bewegung – Wie saudische Aktivistinnen für ein Ende des Autofahrverbots sorgten (Teil 3)

Foto , by Priscilla Du Preez

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Miriam.

Miriam ist Islamwissenschaftlerin und arbeitet derzeit für eine grüne Bundestagsabgeordnete in Berlin. In einer insgesamt vierteiligen Serie schreibt sie auf kleinerdrei über die Aufhebung des saudi-arabischen Fahrverbots für Frauen und die vielfältigen Hintergründe dafür. Im 3. Teil geht es nun um die #women2drive-Bewegung, einige ihrer Heldinnen und Beispiele, wie Aktivist*innen sich über Popkultur mit dem Fahrverbot auseinandergesetzt haben.


@_noujoum

Im September 2017 wurde das Ende des Fahrverbots für Frauen in Saudi Arabien verkündet. Dass diese Reform nicht über Nacht kam, habe ich hier umrissen. Außerdem waren nicht alle davon begeistert, dass Frauen bald Auto fahren dürfen – darunter sogar einige der saudischen Frauen selbst. Heute geht es aber um die saudischen Frauen, die sich seit Jahren vehement für das Ende des Fahrverbots eingesetzt haben und ihren Aktivismus sowohl auf die Straße als auch in das Internet getragen haben.

Am bemerkenswertesten finde ich es, dass saudische Aktivistinnen trotz harter Repressionen niemals aufgegeben haben, für ihr Recht Auto fahren zu können, zu kämpfen. Deswegen finde ich es wichtig, die Namen und die Geschichten dieser Frauen zu kennen. Auf dem Blog saudiwoman findet ihr zum Beispiel eine gute Übersicht.

WOMEN2DRIVE_logo-1

#Women2drive: She has the right to drive, CC-BY-SA

Der saudische Aktivismus der #Women2Drive Bewegung gegen das Fahrverbot geht 27 Jahre zurück. 1990 organisierten 47 saudische Frauen einen Autokorso in der Hauptstadt Riad, um gegen das Fahrverbot zu protestieren. Diese Frauen wurden verhaftet, ihnen wurden die Pässe abgenommen, ihre Namen wurden veröffentlicht und die meisten von ihnen verloren ihre Jobs und wurden gesellschaftlich geächtet. Die Aktionsform „Einfach ins Auto setzen, Video von sich selbst beim Fahren drehen und auf YouTube stellen, festnehmen lassen und dadurch Öffentlichkeit schaffen“ ist aber seitdem bei saudischen Frauen trotz allem sehr beliebt gewesen. So wurde 2008 Wajeha Al Huwaider mit einem Video bekannt, das sie von sich selbst beim Fahren gedreht hatte.

2011 brachte Manal al-Sharif die #Women2Drive Kampagne so richtig in Schwung. Sie ist heute die wohl bekannteste saudische Aktivistin gegen das Fahrverbot.

Von ihr stammt der Satz „Der Regen beginnt mit einem einzigen Tropfen.“

Auch sie filmte sich selbst beim Fahren, schob eine groß angelegte Social-Media-Kampagne an, sorgte für Öffentlichkeit und wurde in der Folge verhaftet. Daraufhin filmten sich zahlreiche weitere Frauen bei immer weiteren Aktionen beim Fahren und veröffentlichten die Videos. Die saudische Regierung kam kaum noch mit den Verhaftungen hinterher. 2011 nahmen insgesamt ca. 100 Frauen an solchen Aktionen teil.


Manal al-Sharifs Kommentar an dem Tag,
als das Ende des Fahrverbots verkündet wurde

Im Herbst 2013 erreichte die Debatte über das Fahrverbot und die Protestfahrten einen neuen Höhenpunkt. Bereits im Vorfeld kündigten Frauen Aktionen an, woraufhin das saudische Innenministerium mit harten Konsequenzen bei Verstößen gegen das Fahrverbot drohte.

Trotz dieser Drohungen setzten sich erneut zahlreiche saudische Frauen hinters Steuer und posteten die Videos davon online. Eine der Anführerinnen bei den Protesten 2013 war Eman Al Nafjan, die sich auch auf Twitter seit Jahren gegen das Fahrverbot engagiert.

Das Fahrverbot in der Popkultur

Aus dem Herbst 2013 stammt auch der YouTube-Hit „No Woman no Drive“ von Hisham Fageeh und Alaa Wardi, die den Bob Marley Song „No Woman No Cry“ A Capella neu vertonten und mit einem eigenen Text versahen, der das Fahrverbot kritisch aufs Korn nahm.


Video von Hisham Fageeh und Alaa Wardi zu „No Woman no Drive“
„Say, I remember when you used to sit, in the family car, but backseat“

Im Dezember 2015 erreichte Loujain Alhathloul schlagartig Berühmtheit, als sie versuchte, mit ihrem Auto von den Arabischen Emiraten aus über die saudische Grenze zu fahren. Daraufhin wurde ihr der Pass abgenommen und sie wurde 73 Tage lang in Haft gehalten. Auch dieser Fall machte international große Schlagzeilen.

Anfang 2016 saß ich mit einer Gruppe von Saudis in einem Café in Dschidda, wo sich die liberale saudische Mittelschicht trifft. Der ehemalige Chefredakteur einer saudischen Tageszeitung sagte zu mir: „Guck mal, da drüben sitzt Loujain Alhathloul, sie sieht 30 Jahre gealtert aus seitdem sie im Gefängnis war“. Da ist mir noch mal besonders deutlich geworden, welchen Preis die Aktivistinnen für ihren Mut und ihren Widerstand bezahlt haben.

Auch künstlerisch haben sich die Saudis nie aufhalten lassen, sich kritisch mit dem Fahrverbot auseinanderzusetzen. Für viele ist das Musikvideo von M.I.A. zu ihrem Song „Bad Girls“ von 2012 quasi die inoffizielle Hymne der #Women2Drive Bewegung (auch wenn M.I.A. Britin ist und keine saudischen Wurzeln hat). In dem Video sieht man übrigens auch einige der typisch saudischen Drifting Stunts, obwohl das Video in Marokko gedreht wurde.


Musikvideo von M.I.A. zu „Bad Girls“

Im Dezember 2016 ging ein anderes Musikvideo mit dem Titel „Majedalesa – Hwages“ viral. Sowohl Bilder als auch Text des Videos sind bissig und ironisch: So sieht man vollverschleierte Frauen auf Rollschuhen laufen und Spielzeugautos und Autoscooter fahren, während Frauen auf Arabisch singen „Männer machen uns verrückt“ und „Wenn Gott uns nur von den Männern befreien würde“.


Video „Majedalesa – Hwages“

2016 entwickelte ein saudischer Prinz das Computerspiel „Saudi Girls Revolution“, in dem saudische Frauen in einer post-apokalyptischen Welt Motorrad fahren und gegen alle möglichen verrückten Feinde kämpfen.

Der Kurzfilm „Fatin Drives Me Crazy“ des saudischen Filmemachers Mohammed Sendi von 2013 zeigt ein frisch verheiratetes saudisches Paar, bei dem sich die junge Ehefrau zu Hause zu Tode langweilt, sich kurz entschlossen als Mann verkleidet und mit dem Auto ihres Mannes eine Spritztour zum Supermarkt macht.

Kurzfilm „Fatin Drives Me Crazy“

Die saudische Filmemacherin Ahd Kamel arbeitet seit 2014 an einem Kinofilm mit dem Arbeitstitel „My Driver and I“. Sie erzählte mir, dass der Film stark autobiografische Züge tragen wird und von einer jungen Frau und dem besonderen Vertrauensverhältnis handelt, das diese zu dem Fahrer ihrer Familie hat.

Memes, GIFs und Backlash

Nach der Verkündung des Königs, dass das Fahrverbot aufgehoben werden würde, explodierten die saudischen Social-Media-Kanäle. Ein saudischer Regisseur postete zum Beispiel sofort ein Selfie mit seiner Mutter am Steuer eines Autos. Unter dem arabischen Hashtag #KingBacksWomenDrive fluteten saudische Frauen das Internet mit Bildern, Videos, Memes und Gifs.


Allerdings war natürlich wie immer auch der Backlash nicht weit. Unter dem arabischen Hashtag „The women of my house won’t drive“ versammelten sich die konservativen Kräfte, die das Fahrverbot auch weiterhin befürworten. Andere äußerten sich kritisch, weil es ihrer Meinung nach gegen die Scharia verstößt, wenn Frauen Auto fahren.

Der Rat der religiösen Gelehrten, dem höchsten religiösen Gremium im Königreich, widersprach dieser Ansicht aber und verkündete, die Aufhebung des Verbots stünde nicht in Konflikt mit der Scharia.

Im vierten und letzten Teil dieser Serie werde ich mich mit der Frage beschäftigen, wie die Aufhebung des Fahrverbots von verschiedenen Kreisen aufgenommen wurde. Die Bewertungen gehen nämlich zum Teil sehr stark auseinander.

Während die einen die Reform als den Beginn einer zunehmenden Demokratisierung Saudi-Arabien interpretieren, lehnen andere diese Interpretation gänzlich ab und verweisen auf einen verschleierten und manchmal auch orientalisierenden Blick auf die Politik des Königreichs. Zuletzt werfe ich auch einen Blick in die Zukunft des feministischen Aktivismus in Saudi-Arabien.