Haare wie meine

Foto , by Derek Torsani

Eigentlich lernen wir das schon als Kinder: Witze übers Aussehen anderer Menschen macht man nicht. Ich scheine da eine Ausnahme zu sein. Zumindest, wenn es um meine Haare geht.

Die platteste und häufigste Frage ist die, ob ich in eine Steckdose gepackt hätte. Auch meine Haare mit etwas zu vergleichen, ist sehr beliebt. Die Top drei: Schaf, Clown, Wischmop. Oder mein Gegenüber macht mit den Händen die Ausdehnung eines Atompilzes nach. Das soll mir mitteilen, dass meine Haare sehr voluminös sind. „Ach was!“, denke ich dann, „Das ist mir selbst ja noch gar nicht aufgefallen!“ Immer wieder bin ich erstaunt, wenn andere Menschen nicht begreifen, dass meine Haare für mich nichts Außergewöhnliches sind und deshalb auch nichts Witziges.

Meine Haare sind kraus und schwarz. Sie sind das buchstäbliche Gegenteil vom westlichen Schönheitsideal blond und glatt. Und deswegen stehen meine Haare genau am anderen Ende der Schönheitshierarchie: Unten.

Das ist vielen Menschen nicht bewusst – wahrscheinlich würden sie sonst nicht solche Witze machen. Vermutlich gehen sie sogar vom Gegenteil aus. Denn die meisten Komplimente, die ich bekomme, drehen sich ebenfalls um meine Haare. Menschen finden sie „cool“, „krass“ oder „megageil“. Viele wollen sie anfassen, selbst völlig Fremde. Viele tun es einfach, ohne mich vorher zu fragen. Das passiert vielen Schwarzen Menschen – nicht ohne Grund gibt es einen Song von Solange namens “Don’t touch my hair”.

Und viele weiße Menschen haben zu mir gesagt: „Ich hätte auch gerne so Haare wie du.“ Bis heute verstehe ich nicht genau, was sie damit meinen. Stellen sie sich dann vor, dass sie statt ihrer glatten, feinen Haare einen schwarzen Afro hätten? Bin ich die einzige, die glaubt, dass das eventuell merkwürdig aussehen würde? Oder ist das eine dezente Art mir zu sagen, dass sie gerne Schwarz wären? Und wenn ja, warum?

Meine Haare sind ein politisches Statement
– ob ich es will oder nicht

Ob Witz oder Kompliment – mir zeigen diese Aussagen zu meinen Haaren eigentlich immer das Gleiche: Die Menschen, die sie machen, haben keine Ahnung, dass meine Haare politisch sind. Weil unsere Gesellschaft voll ist mit strukturellem Rassismus. Es ist für Weiße vielleicht unvorstellbar, aber an vielen Orten, an denen Schwarze Menschen leben, gibt es staatliche Organisationen, Schulen und Unternehmen, die ihnen verbieten, ihre kraus oder in Schwarzen Hairstyles wie Braids oder Dreadlocks zu tragen. Die Begründung: Das sei nachlässig oder eine “Ablenkung”. Bis 2015 war es der US-amerikanischen Behörde TSA erlaubt, Schwarzen Menschen, die ihre Haare natürlich trugen, bei Grenzkontrollen in die Haare zu fassen – aus angeblichen Sicherheitsgründen. Nichts anderes als Rassismus steckte aber in der Praxis, hinter den krausen schwarzen Haaren Schwarzer Menschen mehr Gefahr zu wittern, als unter blonden Dauerwellen oder brünetten Dutts.

Wie es um die Anerkennung von Afrohaaren steht, zeigt sich außerdem offensichtlich in den Drogerien dieser Welt: In einer konventionellen Drogerie sind Produkte für Afrohaare nicht zu finden.

Und in einem Afroshop dominiert das Angebot an falschen Haaren und chemischen Glättungsmitteln, auch als Relaxer bekannt. Natürliche im Sinne krauser, schwarzer Haare, die so wachsen dürfen, wie sie eben wachsen, werden also in der westlichen Mehrheitsgesellschaft ignoriert. Innerhalb der Schwarzen Community – sei es in Amerika, Afrika, Asien oder Europa – werden sie selten akzeptiert. Das ist das Ergebnis jahrhundertelanger Unterdrückung Schwarzer Kultur. In Amerika zum Beispiel wurde es Schwarzen Sklaven verboten, traditionelle Frisuren zu tragen, die oft etwas über Stammeszugehörigkeit und sozialen Status aussagten. Das bedeutete einen immensen Identitätsverlust. Schwarze fingen an ihre Haare am westlichen Schönheitsideal zu orientieren, auch weil sie sich mehr Akzeptanz in der Gesellschaft erhofften. Das zieht sich bis heute.

Beyoncés Blondierung

Das gilt auch für berühmte Schwarze Frauen der Gegenwart. Beyoncé, Michelle Obama, Oprah Winfrey oder Rihanna. Potenzielle Idole, vor allem für Schwarze Frauen und Mädchen. Keine von ihnen trägt ihre Haare üblicherweise natürlich. Sie sind geglättet, gefärbt, unter Perücken versteckt oder mit Extensions versehen. Das ist kein Zufall.

Die berühmteste von allen, Beyoncé, hat große Erfolge ihrer Karriere als Blondine gefeiert. Und wahrscheinlich haben sich die wenigsten Nicht-Schwarzen Menschen jemals darüber Gedanken gemacht, dass das nicht ihre echten Haare sind. Doch noch wichtiger ist zu verstehen, dass Beyoncé mit natürlichen Afrohaaren nie einer der mächtigsten Frauen im Musikgeschäft geworden wäre. Sie würde bis heute ohne ihre europäisch aussehenden Haare nicht als so schön, so sexy, so nett, so mainstream wahrgenommen werden. Von vielen weißen Menschen nicht, aber – und das ist die Tragik an der Sache – vor allem von vielen Schwarzen Menschen auch nicht.

Lange war mir die Tiefe dieser Problematik nicht bewusst. Das ist vor allen Dingen meiner Mutter zu verdanken.

Eine Frau mit dunkler Haut, die in meiner Kindheit und Jugend ihre Haare in Braids oder als Afro trug und heute lange Dreadlocks bis zu den Hüften hat. Dank ihr habe ich nicht daran gezweifelt, dass Afrohaare schön sind.

Das änderte sich kurzzeitig, als ich mit 16 für ein Jahr auf eine High School in Philadelphia ging. Hier war ich nicht mehr „die Schwarze“, sondern „die Deutsche“.

Doch eine Sache wurde schnell klar: Trotz vieler Schwarzer Mitschüler_innen waren meine Haare dort nicht weniger ungewöhnlich als in Deutschland. Die meisten Schwarzen Mädchen trugen ihre Haare geglättet. Oder zumindest im Zopf oder strengem Dutt. Alles andere galt als alternativ, nerdig oder ungepflegt. „Warum sind deine Haare so lockig? Benutzt du keinen Relaxer?“, fragte mich eine Schwarze Friseurin in Philadelphia. Wenn ich meine Locken offen trug, nannten mich viele “mutig” oder “stark”, weil ich mich über Schönheitskonventionen hinwegsetzte – dabei wusste ich zu dem Zeitpunkt ja noch nicht einmal, dass es sie gab.

Ich fing also auch an, meine Haare immer öfter zu glätten, denn ich wollte diese Art von Aufmerksamkeit nicht.

Zaghafte Zeichen des Wandels

Meine Highschool-Erfahrung in Philadelphia ist mittlerweile 12 Jahre her. Seither hat sich vieles getan. In den 2000ern begann mit dem Natural Hair Movement in den USA eine Bewegung Schwarzer Frauen, die sich für den Wandel des Schönheitsideals zu Gunsten natürlicher Haare Schwarzer auf der ganzen Welt engagiert, unter anderem mit Styling-Tipps auf Blogs und Social Media.

Der Comedian Chris Rock thematisierte die Stigmata um natürliche Afrohaare in seiner Doku „Good Hair“. Das Schwarze Model Tyra Banks trat 2009 in ihrer Fernsehshow ohne falsches Haar auf – damals eine kleine Revolution. Heute zeigen Schwarze Stars wie Brandy oder Gabrielle Union auf ihren Instagram-Accounts, wie sie mit natürlichen Haaren aussehen. Auch Beyoncé verkündet, dass sie ihre Tochter Blue Ivy am liebsten mit natürlichem Haar mag.

Außerdem befassen sich zahlreiche Künstler_innen und Journalist_innen mit dem Thema. Langsam finden sich auch im Afroshop mehr und mehr Produkte, auf denen draufsteht for Natural Hair – und in vereinzelnden Filialen von Rossmann und dm finden sich mittlerweile Produkte speziell für Afrohaare. Für immer mehr Schwarze sind glatte oder anderweitig behandelte Haare nicht mehr Schönheitsdiktat, sondern eine Alternative unter vielen.

Trotzdem ist der Kampf, sich von Schönheitsidealen zu lösen, für die man nicht gemacht ist, noch lange nicht vorbei. Auch wenn man immer öfter Schwarze Models mit Locken sieht, scheint es immer noch eine unsichtbare Grenze zu geben: Die Schwarzen Models, Sänger_innen und Schauspieler_innen, die ihre Haare natürlich tragen, sind meist immer noch eher hellhäutig und haben große, weich fallende Korkenzieherlocken. Es gilt immer noch: Je krauser, je weiter weg vom weißen Schönheitsideal, desto weniger Akzeptanz gibt es. Desto weniger wird es als schön wahrgenommen.

Noch ist Afrohaar nicht von seinem Stigma befreit.

Ich merke es auch bei mir persönlich. Zum Beispiel bei Vorstellungsgesprächen. Da trage ich meine Haare lieber nicht offen – das könnte ja unseriös wirken.

8 Antworten zu “Haare wie meine”

  1. Ellen sagt:

    Oh Wow.
    Ein riesengroßes Dankeschön!!!
    Dass dieses Thema doch nochmal jemand aufgreift, beinahe unglaublich für mich. Nachdem es jahrelang still darum war und mich zuletzt nur eine einsame Blondine hairsplainte, als sie mir – und anderen weißen Anwesenden – verzückt von ihrer Abschlussarbeit über “so Haare” erzählte, habe ich die Zeit, in denen meine Haare noch Thema waren, fast ein bisschen vermisst.
    Nicht.
    Mein sehnlichster Wunsch als Kind waren glatte Haare. Nachdem meine Teilnahme am sonst für alle so wunderbar stattfinden Ferienlager wiederholt daran gescheitert war, dass ich meine Frisur (zwei Zöpfe!) noch nicht allein hinbekam, sprich – Gottbewahre – evtl. unordentlich ausgesehen und so nicht dem vorgeschriebenen Gottesdienst hätte beiwohnen können, war ich selig, als im Urlaub erstmals ein Haarglätter zur Hand war. Chemisch, versteht sich.
    Die Prozedur war schmerzhaft und das Ergebnis…nun ja. Danach wusste ich, dass ich niemals Haare wie die blonde, ponybefranste Julia haben würde und die Disziplin ab jetzt lautete, so zu WIRKEN, als würde ich ähnlich aussehen – und das alles müsse wie beim Leistungssport elegant und leicht aussehen, auch wenn unendliche Schmerzen, stundenlanger Aufwand und gesundheitsgefährdende Mittel dabei meine ständigen Begleiter wurden. Ich stand grundsätzlich 1-1,5 Std früher auf als alle anderen und achtete peinlich genau darauf, niemandem mit „ungemachtem“ Haar zu begegnen, nichtmal meinem Freund.
    Dabei hatte ich „Glück“: mit genug Anstrengung sah ich tatsächlich aus wie eine lockige Brünette ohne Krause. Besser ging es nicht. Das geglättete Haar, dass wir an so vielen schwarzen Frauen sehen, ist ja auch nicht glatt wie anderes Haar, es sieht nur aus gewisser Entfernung so aus. Die Struktur ist gebrochen, die Textur trotzdem ganz anders als bei Lieschen Müller, nur wissen das die meisten weißen Haarbewunderer gar nicht. Und diese Pflegemittel für Lieschens lockige Haare – hahaha. Ein Witz. Nicht vergleichbar. Genauso die Pflegeprodukte die angeblich für „natürliches Haar“ sind: ich glaube, es hat sich niemand damit beschäftigt, was krause Haare wirklich brauchen, ganz ohne den Gedanken „…damit sie ordentlich aussehen“ im Hinterkopf zu haben. Nichtmal die Schwarzen, die eben auch nur nach weißen Haarstandards leben oder: extra dagegen.
    Nach einem halben Leben Ringen darum, entweder „ordentlich auzusehen“ oder „zu meinem Haar zu stehen“, habe ich aber einen dritten Weg eingeschlagen und mir in jahrelanger Experimentierphase eine Seife gemacht, mit der ich mein Haar wasche, kämme, auswasche – fertig. Keine Drogerieprodukte, nichts. Und endlich haben meine Haare alles, was sie brauchen und ich kann mit meinen „wilden Locken“ (O-Ton weißer Leute) einfach aus dem Haus gehen.
    Glatt sind sie nicht. Angepasst auch nicht. Aber gesund, gepflegt – ordentlich auf ihre Art. Ich bin stolz auf meine Haare!
    Und das merkt man mir wohl auch an: die Bemerkungen sind stark zurückgegangen, das Ungefragt-Anfassen ebenso. Niemand kommt mehr auf die Idee, meine Haare seien irgendwie unpassend – schließlich passen Sie genau so, wie sie sind, zu mir.

    Wenn weiße Leute wüssten, was es bedeutet, nur ihre Haarstandards, aber nicht ihre Haare zu haben…

    Vielleicht hilft der Artikel. Schön wär’s.

  2. aNett sagt:

    Danke für den wunderbaren Text. Du hast alles wunderbar nachvollziehbar erklärt und der Text hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich habe eine andere Hautfarbe als du und andere Haare, die ich mir seit vielen Jahren färbe. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass sich jemand die Haare aus anderen Gründen als aus Freiwilligkeit, aus Lust oder Laune färben könnte. Danke, dass du mein Unwissen endlich beendet hast. Ich wünsche dir, dass du bei JEDER Frisur, die du trägst, einfach nur noch hörst: „Du hast die Haare schön.“ :)

  3. Doro sagt:

    Sehr guter Artikel!

  4. Karin Schroff sagt:

    Danke für diesen Denkanstoss!

  5. Bala Wendelin sagt:

    Welche Produkte bei dm oder dem afroshop kannst du empfehlen?

  6. Lisa E. Germann sagt:

    I love dis text! Und das Titelbild hat ‘ne schöne Atmo. Mehr, mehr, mehr auch über vermeintlich weiblich*mannliche Performance wäre cool.

  7. Ella sagt:

    Alice, dein Haar ist schön, mir gefällt es. Schade, dass es (noch) Mut braucht, natürlich zu sein. Wenn ich eine schwarze Frau mit Perücke sehe, packt mich das Mitleid. Weil ich weiss, sie macht das nicht aus Spieltrieb, sondern aus Unterwerfung unter ein Schönheitsdeal.