Frauen am Steuer: Demografischer Wandel, eine Frauenquote und königliche Reformen in Saudi-Arabien (Teil 2)

Foto , by Jakub David

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Miriam.

Miriam ist Islamwissenschaftlerin und arbeitet derzeit für eine grüne Bundestagsabgeordnete in Berlin. In einer insgesamt vierteiligen Serie schreibt sie auf kleinerdrei über die Aufhebung des saudi-arabischen Fahrverbots für Frauen und die vielfältigen Hintergründe dafür.


@_noujoum

Am 26. September 2017 hat der saudische König Salman das Ende des Fahrverbots für Frauen in Saudi-Arabien verkündet. Im ersten Teil dieser Reihe habe ich aufgeschrieben, dass auch schon vorher immer wieder Frauen trotz Verbot im Königreich Auto gefahren sind und habe erklärt, was die wirtschaftlichen Hintergründe dieses Kurswechsels waren. Heute geht es um den gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem die Aufhebung des Fahrverbots betrachtet werden muss.

Die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen in Saudi-Arabien war längst überfällig und alle im Land haben das seit langem gespürt. Das Interessante daran ist, dass diese Reform sowohl das Ergebnis von Aktivismus aus der Bevölkerung, als auch von Bestrebungen aus der Regierung ist.

Ein Großteil der Reformen der vergangenen 20 Jahre geht auf den 2015 verstorbenen König Abdullah zurück, der 2005 den Thron bestiegen hat, aber de facto bereits seit 1995 die Staatsgeschäfte geführt hat. Ihm ist es zu verdanken, dass Frauen inzwischen Personalausweise haben und diese selbst beantragen können, dass sie in vielen Branchen auf dem Arbeitsmarkt tätig sein können und dass Frauen im Dezember 2015 das erste Mal sowohl passiv als auch aktiv an den saudischen Kommunalwahlen teilnehmen konnten.

Abdullah befand sich Zeit seines Lebens in dem Dilemma, dass er eigentlich progressiver war als ein Großteil der Bevölkerung, über die er geherrscht hat und dass er alle Reformen gegen die religiösen Eliten durchsetzen musste. Reformen brauchen Zeit, das gilt vor allem in Saudi-Arabien. Abdullah hat immer versucht, Veränderungen so schnell wie möglich umzusetzen, ohne damit die Bevölkerung zu sehr zu überfordern, gesellschaftliche Spaltungen zwischen liberalen und konservativen Kräften zu sehr zu befördern und die Stabilität des Herrscherhauses in Gefahr zu bringen.

Es heißt, dass es ihn oft betrübt hat, dass er Reformen nicht schneller umsetzen konnte. Bei einer Audienz soll Abdullah mal zu einer jungen Frau, die ihn nach der Aufhebung des Fahrverbots gefragt hat, gesagt haben: „Ich werde es nicht mehr erleben, dass Frauen in Saudi-Arabien Auto fahren, aber es wird noch zu Deinen Lebzeiten passieren.“ Damit sollte er Recht behalten. Zu dem Zeitpunkt, wo er das gesagt haben soll, war er übrigens schon fast 90 Jahre alt. Dieser Satz von ihm ist unter liberalen Saudis oft zitiert worden, wenn sie sich gegenseitig Mut zusprechen wollten.

Eine Frauenquote im Schura-Rat

Zu den wichtigsten Reformen von Abdullah gehört der Erlass vom Januar 2013, mit dem 30 Frauen zu Mitgliedern des Schura-Rates ernannt wurden. Der Schura-Rat ist das den König beratende Gremium, es kann Gesetze vorschlagen, aber nicht selbst beschließen, schließlich ist Saudi-Arabien eine absolute Monarchie. Mitglieder des Schura-Rates werden vom König ernannt. Abdullah erklärte 2013 in seinem königlichen Dekret außerdem, dass in jeder Wahlperiode mindestens ein Fünftel der Sitze des Schura-Rates an Frauen gehen muss (yay, Frauenquote!). Damit ist der gesetzte Frauenanteil des Schura-Rates genauso groß wie der Frauenanteil der Bundestagsfraktionen von Union und FDP und doppelt so groß wie der Frauenanteil der AfD, entsprechend den Ergebnissen der Bundestagswahl 2017.

Weibliche Mitglieder des Schura-Rates haben seitdem immer wieder die öffentliche Debatte über das Fahrverbot für Frauen vorangetrieben und regelmäßig Vorschläge für seine Aufhebung gemacht.

So zum Beispiel 2013 und zuletzt im Frühjahr 2017.

Die jetzige Aufhebung des Fahrverbots wird dem Kronprinzen Muhammad bin Salman zugeschrieben, dem Sohn des herrschenden Königs Salman. Muhammad bin Salman ist knapp über 30 und gilt als sehr ehrgeizig. Außerdem ist er für die Umsetzung der „Vision 2030“ verantwortlich, einer Reihe von wirtschaftlichen und politischen Reformen, die das Königreich auf die Zeit nach dem Öl vorbereiten sollen. Auch andere Reformen des letzten Jahres, wie die Einführung von Sportunterricht für Mädchen an saudischen Schulen und die Erlaubnis für Frauen, an den Feierlichkeiten in Fußballstadien zum saudischen Nationalfeiertag teilnehmen zu können, werden ihm zugeschrieben.

Aber auch, wenn er modern und liberal rüber kommt, so ist er doch auch die treibende Kraft hinter dem saudischen Krieg im Jemen, mit dem er sich politisch profilieren wollte, und gilt persönlich als arrogant und unbeherrscht. Man kann ihn also nicht uneingeschränkt als den großen Verfechter von Fortschritt, Vernunft und Frauenrechten betrachten. Ich glaube, dass er die aktuellen Reformen nur vorangetrieben hat, weil sie ihm wirtschaftlich und politisch opportun erscheinen.

Doch auch aus der Bevölkerung heraus gab es immer wieder Bestrebungen, auf eine Abschaffung des Fahrverbots hinzuwirken. Immer wieder haben saudische Frauen und Männer Petitionen an den König gestellt und um die Aufhebung des Fahrverbots ersucht. So zum Beispiel 2008 und 2012. Ein Grund für diese Initiativen ist in der Demografie des Landes zu finden.

Demografische Entwicklung in Saudi-Arabien:
Millenials in der Überzahl

Schätzungen zufolge sind 60 bis 75 Prozent der saudischen Bevölkerung jünger als 30 Jahre alt, ganz im Gegensatz zur Altersstruktur in Deutschland.

Viele dieser jungen Saudis haben mithilfe von staatlichen Stipendien ein Studium im Ausland absolviert, zumeist in den USA und in Europa. Sie konsumieren internationale Medien und stehen in regem Austausch mit Menschen anderer Nationalitäten. Wenn sie aus dem Ausland wiederkommen, befremdet es sie, dass Frauen in Saudi-Arabien nicht Auto fahren dürfen.


woman in car

Foto von Sherry Zu


Vor allem für die jungen Frauen, die im Ausland einen Führerschein gemacht haben und dort teilweise jahrelang Auto gefahren sind, war das bisher wie ein Kulturschock, wenn sie nach Hause gekommen sind und in ihrer Mobilität plötzlich wieder so eingeschränkt waren bzw. noch bis 2018 sein werden. Durch das massive Stipendienprogramm hat die Regierung in gewisser Hinsicht also selbst zu diesem unvermeidbaren Clash beigetragen.

Viele Saudis der jungen Generation – vor allem in der gebildeten Mittel- und Oberschicht – sind ziemlich liberal eingestellt und auch, wenn Religion und Traditionen für sie schon immer noch eine wichtige Bedeutung haben, befürworten sie doch Reformen im Land. Unter den jungen Männern finden sich viele, die ihre Frauen, Schwestern, Töchter und anderen weiblichen Angehörigen sowohl bei dem Kampf gegen das Fahrverbot als zum Beispiel auch bei der Teilnahme an der Kommunalwahl 2015 unterstützt haben. Allerdings wurden bisher im Zweifel auch die Männer bestraft, wenn sie ihren Frauen das Autofahren erlaubt oder sie darin bestärkt haben, wie der Fall eines jungen saudischen Paars aus dem Jahr 2014 zeigt.

Eine paradoxe, gespaltene Gesellschaft

Eine Umfrage der Jeddah Chamber of Commerce von 2015 unter der Leitung von Dr. Basmah Omair hat ergeben, dass 48 Prozent der Befragten private Fahrdienste in Anspruch nehmen und 50 Prozent sich für eine Aufhebung des Fahrverbotes aussprechen. Gleichzeitig haben aber auch rund die Hälfte der Befragten das Fahrverbot befürwortet, was zeigt, dass die saudische Gesellschaft in dieser Frage tief gespalten ist. In der Umfrage wurde auch getrennt nach Geschlechtern befragt und es zeigte sich, dass etwas mehr als die Hälfte der Frauen das Fahrverbot befürworten, während etwas mehr als die Hälfte der Männer für eine Abschaffung waren.

Das klingt für mich paradox, aber ich versuche es mir so zu erklären: Nicht alle saudischen Frauen haben das Bedürfnis, selbst über die Highways zu brausen, manche finden das Arrangement mit den privaten Fahrern vielleicht bequem und manchen macht die Aussicht, selbst fahren zu müssen, vielleicht auch Angst. Dass es vor allem Männer sind, die keine Lust mehr haben, die Frauen der Familie durch die Gegend zu kutschieren, hat mich wiederum nicht überrascht. Viele Männer können es nicht erwarten, dass die Frauen endlich selber fahren und sie nicht mehr Lebenszeit mit dem enormen logistischen Aufwand verbringen müssen, Frauen von A nach B zu fahren.

Aber selbst unter den liberalen Saudis gibt es sehr viele unterschiedliche Positionen zur Frage des Fahrverbots. Immer wieder habe ich auch mit Saudis gesprochen, die mir gegenüber ausgedrückt haben, dass es sie nervt, wenn ihr Land und ihre Gesellschaft immer nur auf das Fahrverbot reduziert werden, wo es doch noch so viele andere wichtige und drängende Themen gibt.

„Eigentlich ist das mit dem Autofahren egal, darum geht es doch gar nicht, wir sollten uns um dringendere Probleme kümmern“ haben manche zu mir gesagt. Für viele andere liberale Saudis ist das Fahrverbot aber das Symbol schlechthin gewesen:

Solange saudische Frauen nicht Auto fahren können, könne es auch in anderen Bereichen nicht mit Reformen vorangehen.


roads


Die gewundene Straße von Mekka nach Taif in den Bergen von Saudi-Arabien

Foto von kristoffer perlada


In dem ewigen Konflikt zwischen den liberalen und den religiös-konservativen Kräften im Königreich melden sich auch regelmäßig irgendwelche Scheichs und religiösen Gelehrten mit seltsamen Aussagen zum Fahrverbot zu Wort. Da heißt es mal, den Frauen, die Auto fahren wollen, sei es egal, ob sie am Straßenrand vergewaltigt würden, oder das Autofahren würde sich negativ auf Eierstöcke oder Gebärmutter niederschlagen.

Manchmal wird auch behauptet, wenn Frauen Auto fahren, würde es zu mehr Ehebrüchen kommen und Männer würden im Straßenverkehr stärker abgelenkt, wenn auch Frauen fahren. Nur wenige Tage vor der Aufhebung des Fahrverbots fiel der Scheich Saad al-Hijri mit der Behauptung auf, dass ein weibliches Gehirn nur ein Viertel der Größe des männlichen Gehirns habe und Frauen deswegen nicht Auto fahren könnten.

Die einzige einigermaßen ernst zu nehmende religiöse Argumentation geht dahin, dass der Prophet Muhammad gesagt haben soll, dass Frauen nicht ohne männlichen Vormund oder männliche Verwandte reisen sollen. Bemerkenswerterweise gibt es aber auch unter den religiösen Gelehrten welche, die die Aufhebung des Fahrverbots unterstützt und sich für eine Veränderung des Status Quo eingesetzt haben.

“Preventing a woman from driving a car has no religious arguments and Shoura Council must review the issue.”

„Es gibt keine religiösen Argumente, einer Frau das Autofahren zu verbieten und der Schura-Rat muss sich dieser Sache annehmen.“ – Zitat von Scheich Aid al-Qarni

Der Ausgleich zwischen all diesen gegensätzlichen Interessen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen stellt für das saudische Königshaus seit Jahrzehnten einen schwierigen Eiertanz dar.

Im nächsten und 3. Teil dieser Reihe, werde ich die Entwicklung der #women2drive-Bewegung darstellen und einige der Heldinnen der Bewegung sowie Beispiele vorstellen, wie Aktivist*innen sich über Popkultur mit dem Fahrverbot auseinandergesetzt haben.