Easy, Fleabag, The Good Place: Die neuen Serien im Herbst 2016

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Ich könnte diesen Text mit einer naheliegenden Lüge beginnen, die so ginge: Herbst ist Serienzeit, weil die Tage kürzer werden, die Sonne sich seltener blicken lässt, stattdessen der Regen behaglich an die Fenster klopft und überhaupt nichts dazu einlädt, das Haus zu verlassen, solange das WLAN-Signal stabil ist.

Aber die Wahrheit, zumindest für mich, ist: Spätestens seit Anfang dieses Jahres sind Netflix und Co. Ganzjahresdestinationen. In Wochen und Monaten, in denen die Welt diesseits und jenseits des Internets sächsische und angelsächsische Hassprediger_innen in Hosenanzügen, mörderische Amok- und Terrorattacken, viel zu viele frühe Tode sowie blutrünstige “besorgte Bürger” bietet, sind Serien ein Fluchtpunkt. 30 Minuten Eintauchen in eine Welt, die vielleicht nicht besser ist als unsere, aber wenigstens unterhaltsamer.

Dieses Versprechen halten die drei Serien, die ich euch heute vorstellen und als Serienfutter fürs Gemüt empfehlen möchte, mit Sicherheit.

Gleich die erste Serie auf meiner Liste übertrifft diese Erwartung meiner Meinung sogar noch. Denn „Fleabag“ nimmt seine Zuschauer_innen so gefangen, dass es schwer fällt, überhaupt an die Welt außerhalb des kleinen Londoner Kosmos zu denken, in dem die Protagonistin vögelt, Witze reißt und um ihre Existenz kämpft.

Fleabag

Als ich das erste Mal von der Serie hörte, sah ich das Promo-Bild dazu. Es zeigte eine brünette Frau um die 30 mit verheulten Augen und ich glaubte, das sei uninteressant. Ich dachte, maximal und wahrscheinlich sei die Serie, die ab Juli 2016 in 6 Episoden auf BBC3 ausgestrahlt wurde, eine Art verjüngerte “Bridget Jones”. Erfreulicherweise hätte ich nicht falscher liegen können. Das einzige, das Fleabag und die 20 Jahre ältere Bridget gemeinsam haben, sind der Ort der Handlung – London – sowie eine heterosexuelle, weiße Cis-Frau als Protagonistin. Da hören die Gemeinsamkeiten aber schon auf. Denn wo Bridget Jones Familie bestenfalls etwas aufdringlich war und manchmal etwas gemein, sind Fleabags Begegnungen mit ihren Verwandten (und deren Partner_innen) in etwa so amüsant wie Nahost-Friedensverhandlungen.

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Fleabags Mutter ist tot, ihr Vater schläft mit ihrer Patentante, die aus künstlerischen Zwecken seinen in Gips gegossen Penis ausstellt. Ihre Schwester erträgt Fleabags Sarkasmus nicht und begegnet ihr meist mit eisiger Fassade. Dahinter verbirgt sich ein kleiner Abgrund, in den Fleabag irgendwann selbst gezogen wird. Das wiederum ist das letzte, was sie in ihrer eigenen Situation brauchen kann, denn – wie wir am Ende der ersten Staffel erfahren – sie sitzt selbst in einem größeren Schlamassel, als wir Zuschauer_innen am Anfang ahnen.

Dabei ist Fleabag durchaus nicht die Unschuld, die unter Attacke gerät, weil sie mit 30 noch keinen Mann und kein Kind hat, wie es im Großbritannien der akademischen Mittelschicht gerne gesehen wird. Die Konflikte zwischen ihrem Umfeld und der stets sarkastischen Brünetten, gespielt von Phoebe Waller-Bridge, sind komplizierter. Da sind zum Beispiel Männer, die Fleabag für dümmer halten, als sie ist, aber die sich manchmal doch ihrer berechnenden Kalkulation entziehen. Das bekommen wir in direkt an uns gerichteten Sätzen mit, in denen Fleabag die imaginäre Wand zwischen Publikum und Fiktion durchbricht, was nicht nur im Sarkasmus sehr an Frank Underwood erinnert.

Die Quintessenz der ersten Staffel der Serie ist kein plattes heteronormatives Glücksversprechen aus Beziehung und Familie. Stattdessen werden Alltagssexismus und Body Shaming selbstverständlich in die Handlung verwoben und Fleabag bleibt bis zum Staffelfinale eine alles andere als perfekte, gebrochene Heldin. Ich habe nach der letzten Folge jedenfalls verstanden, warum die Serie mit einer tränenverschmierten Protagonistin wirbt, denn ich habe das erste Mal seit langem auch wieder bei einer Serie geweint.

The Good Place

Solche großen Emotionen hat die zweite meiner Serienempfehlungen für den Herbst und bei mir noch nicht geweckt, aber sie hat mich bisher so sehr unterhalten, dass ich sie euch auch empfehlen möchte. Wenn nur deswegen, weil auch „The Good Place“ das großartige Wagnis einer im Grunde eher unsympathischen Protagonistin eingeht.

“Veronica Mars”-Fans werden die großartige Kristen Bell wiedererkennen. Sie spielt die Hauptrolle Eleanor Shellstrop, eine Frau, die nach dem Tod im Paradies landet. Das wird nicht von Gott geleitet, sondern von Ted Danson verwaltet: Er spielt Michael, den stets aus dem Ei gepellten, meist gut gelaunten, weißhaarigen Architekten der Version des Lebens nach dem Tod, in das Eleanor katapultiert wird. Der Haken an der Sache ist, dass Michael oder irgendjemand anderem ein schrecklicher Fehler unterlaufen ist: Denn Eleanor ist kein guter Mensch. Eleanor hat zu Lebzeiten einem Umweltaktivisten ihren Coffee-to-Go-Becher vor die Füße geschmissen, ihre Freunde hintergangen und Omas am Telefon überflüssige Medikamente verkauft. Kurzum: Eleanor ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was Michael für sein Paradies wollte. Das bekommt irgendwann auch das Paradies mit. Was Eleanor dazu zwingt, sich posthum zu läutern, wenn sie nicht in die Hölle will.

Was jetzt eher bieder klingt, wird durch die Handschrift des Erfinders und Autoren der Serie Michael Schur, der bis 2015 die großartige Comedy “Parks and Recreation” schrieb und zuvor maßgeblich an der US-Version von “The Office” beteiligt war, zu einem großen Vergnügen. Eleanor spielt herzerfrischend gewissenlos und die ganze Serie hat eine bunte Kaugummi-Ästhetik, die einen schnell in den Bann zieht. Mich erinnert die Serie an “The Truman Show” und “Pleasantville” und ich hoffe, sie legt in Sachen Boshaftigkeit noch ein bisschen zu.

Easy

Die letzte Serie auf meinem Empfehlungszettel für euch ist vor ein paar Tagen auf Netflix erschienen. In “Easy” geht es um das, was oft alles andere als einfach ist: Liebe. Wohltuend fand ich dabei, dass die acht Episoden zumindest ein bisschen weniger heteronormativ und weiß besetzt sind als “Fleabag” und “The Good Place”.

Zu empfehlen ist “Easy” außerdem, weil sich die Kapitel jeweils unterschiedlichen Stadien und Formen der Liebe widmet – von einer jungen Frau, die als “vegane Cinderella” zu Gunsten ihrer Liebsten auf Fleisch verzichten will, aber an der Peperoni-Pizza scheitert, über die Brüder, die einander über geschäftliche Pläne erst annähern und dann fast entzweien, bis hin zu Ehepaaren, die gegen Eifersucht und mangelnder Lust aufeinander kämpfen.

Gemeinsam haben die Episoden, dass sie alle in Chicago und innerhalb eines größeren Freundes- und Bekanntenkreis spielen. Hinter “Easy” steht der Independent-Regisseur Joe Swanberg, der den Stil der Text-Improvisation aus seinen Filmen in die Netflix-Serie transportiert hat.

“Easy” macht Freude, weil es intelligente Geschichten erzählt, die jeweils pro Episode wie ein Kurzfilm auch für sich stehen könnten, aber auf eine Art miteinander verwoben sind. Visuelle Highlights wie Orlando Bloom in roter Unterhose sorgen für einen gewissen Schauwert, der für mich am Ende aber nicht den größten Reiz der Serie ausmachte. “Easy” berührt, weil es Beziehungen so zeigt, wie sie sind: als ein manchmal scheiterndes, fragiles Ergebnis großer Verhandlungsleistungen zwischen Menschen.

  • Susanne Opel

    Möchte nur kurz einwerfen, dass The Good Place doch gar nicht sooo weiß ist, immerhin sind drei der Hauptfiguren nichtweiß.