House of Cards

Foto , Fair use , by Netflix

Vor ein paar Jahren hatte ich gerade die letzte Staffel The West Wing aufgesogen (vielleicht sollte ich auch eher sagen „intravenös gespritzt“) und war dringend auf der Suche nach Ersatz. Politdrama, aber schnell. Beim Durchforsten des BBC iPlayer fiel mir „House of Cards“ auf, das am Ende der Ära Thatcher spielt. Ich war natürlich sofort hin und weg.

Und zu Recht. Iain Richardson spielt den manipulativen parlamentarischen Geschäftsführer Francis Urquhart – ein Titel, der in seiner deutschen Version nur etwa ein Zehntel so gut zu ihm passt wie der englische: „Chief Whip“. Nicht umsonst wird er von seinen Kollegen hinter vorgehaltener Hand nur bei seinen Initialen genannt.

Mit Hilfe einer jungen Journalistin spinnt F.U. im Laufe der drei Staffeln mit jeweils nur vier Folgen ein Netz aus Intrigen, das ihn schlussendlich (Spoiler!) zum Premierminister werden lässt. Auf dem Weg dorthin pflastert die eine oder andere Leiche seinen Weg. Sprichwörtlich wie buchstäblich. Die Romanvorlage von Michael Dobbs wird in der BBC-Trilogie in gerade mal knapp zehn Stunden sehr dicht nacherzählt. Dobbs ist selbst seit Mitte der Siebziger für die Tories tätig und sitzt mittlerweile im House of Lords. Ein gewisser Realitätsbezug lässt sich also unterstellen.

Zentrale Motive in „House of Cards“ sind Macht, Korruption und Sex; Frauenrollen sind rar. Einzig die junge Journalistin und Urquharts Frau sind mir als starke und intelligente Charaktere im Gedächtnis geblieben, aber auch sie werden von Urquhart ultimativ ausgenutzt und dominiert. Ungewöhnlich und sehr eigen sind die Momente, in denen Francis Urquhart die vierte Wand durchbricht, indem er kurz aus der Handlung heraustritt und dem Publikum seine Pläne in direkter Ansprache erklärt. Iain Richardson spielt dabei so abgeklärt und kaltschnäuzig, dass ich von der Figur gleichsam fasziniert und angeekelt war. Auf jeden Fall habe ich mir – auch ob der englischen Kürze der Serie – die drei Staffeln damals mehr oder weniger am Stück reingezogen. Eine klare Empfehlung also, wenn man so etwas mag.

Seit kurzem gibt es die Polit-Serie nun auch in einer US-Adaption. Francis Urquhart heißt dort der Einfachheit halber „Underwood“ und ist ein demokratischer Congressman. Auch sonst nimmt sich Dobbs, der hier wieder mit dabei ist, einige Freiheiten im Umgang mit dem eigenen Material heraus, aber die Essenz der englischen Serie (und wohl auch der Romanreihe) scheint an vielen Stellen trotzdem durch. Auch weil mit Kevin Spacey wieder ein sehr starker Schauspieler die Hauptfigur spielt. Der trägt gerade in den ersten Folgen durchaus die ganze Handlung auf seinen Schultern und sorgt dafür, dass Mensch wieder „einschaltet“. Mit David Fincher („Fight Club“, „The Social Network“) ist als Regisseur zudem weitere Hollywood-Prominenz mit an Bord.

In einem Interview mit Dobbs las ich, die neue Serie wäre „much darker“ – ich bin allerdings nicht sicher, ob ich das so unterschreiben würde. Das Original ist ja durchaus, zumindest was die Figur des Francis angeht, schon sehr dunkel und vor allem bitterböse. „Much darker“ ist auf jeden Fall die Farbgebung und Cinematographie (Finchers Einfluss?), dies ist aber meiner Meinung nach auch einer der modernen, schon etwas klischeehaften gestalterischen Standards in High-End-Serienproduktion. Gleiches gilt für die Sexszenen, die noch sehr viel ausführlicher dargestellt werden, als dass die BBC konnte (und vielleicht auch wollte). Vermutlich hat die Produktion auch einfach viel mehr Zeit zu füllen, weil die Erzählung wesentlich langsamer vor sich geht als in der BBC Serie. In 13 Folgen wird hier in einer Staffel nicht mal die komplette Handlung der vier Folgen des Originals geschafft. Aber alles bleibt noch in erträglichem Maße, weit unter dem Niveau etwa von „Game of Thrones“. Netflix hat es wohl nicht ganz so auf Nacktheit angelegt wie HBO…

Ja, richtig gehört: Netflix. Wer sich in der amerikanischen Senderlandschaft etwas auskennt wird wissen: Fernsehsender ist das jetzt aber keiner. House of Cards in seiner Neufassung ist auch deswegen bemerkenswert, weil hier zum ersten Mal mit sehr hohem Budget eine Fernsehserie ohne Fernsehen im eigentlichen Sinne produziert wird. Der (Online-)Verleihanbieter Netflix hat da mal ordentlich Geld in die Hand genommen und HBO, AMC und Showtime ein Schnippchen geschlagen. Nun ist die TV-Situation in Amerika mit den genannten Pay-TV Sendern sicher nicht mit hierzulande zu vergleichen. Und auch ein Schritt hin zu einem neuen Pay-Anbieter wie Netflix ist für sich genommen bestimmt noch keine Revolution. Dass neue „Sender“ nun aber über das Internet und Apps senden und nicht mehr über die althergebrachten TV-Kabelnetze, das ist aber durchaus etwas Neues. Insofern wird es spannend zu sehen sein, ob sich dieses Experiment für Netflix trägt. Auch, weil durchaus neue Wege bestritten werden. So stellte Netflix zum Beispiel sofort alle Folgen der ersten Staffel gleichzeitig online. Wer Lust hatte, konnte also einfach durchgucken.

Leider ist bei aller Zukunft der Gedanke an internationale Märkte wieder nicht zu den Zuständigen durchgedrungen. Im Wesentlichen vermutlich, weil Netflix dort (also zum Beispiel hier bei uns in Deutschland) noch keine eigene Infrastruktur betreibt. So blieb mir als semi-legaler Ausweg also nur mein US-Netflix Account und ein VPN. Weniger Vorsichtige sind da sicher auch schnell mit dem Abstecher zur Piratenbucht. Sky Atlantic strahlt derweil in Deutschland die Serie – wie gewohnt eine Folge pro Woche – seit Anfang Februar aus. Im „Fernsehen“.

The future is already here — it’s just not very evenly distributed.

  • http://twitter.com/frequenzen frequenzen

    Danke für den Text! Eine Polit-Serie, die sich zum intravenösen Spritzen herausragend eignet und die darüber hinaus den Bechdel-Test mit Bravour besteht: Borgen! http://www.arte.tv/de/borgen-staffel-1/4317466.html

    • http://www.annewizorek.de/ Anne Wizorek

      oh ja! von „borgen“ wurde mir auch schon vorgeschwärmt. schade nur, dass es keine originalversion mit untertiteln im tv gibt. :)

      ich möchte an dieser stelle auch noch „state of play“ (auf dt. „mord auf seite eins“ http://de.wikipedia.org/wiki/Mord_auf_Seite_eins) empfehlen. das war ein fantastisches polit-journalismus-drama mit john simm von der bbc. da gab es dann auch eine us-version als kinofilm, die ich allerdings nie gesehen habe und auch nicht möchte, glaube ich. mich freut aber, dass im fall von „house of cards“ offenbar die adaption aus den staaten gelungen ist.

      • Janis

        Die Serie ‚Borgen‘ ist, meiner Meinung nach, auf deutsch wirklich gut umgesetzt…

        • http://www.annewizorek.de/ Anne Wizorek

          mit sicherheit. nur ist es für mich immer nervig, serien in synchronisierter fassung zu gucken, wenn ich die originalsprache kann. dass skandinavische ov mit untertiteln nun hier kein standard sind, ist allerdings auch jammern auf hohem niveau, zugegeben. ;) englische ov wären aber schon eine echte bereicherung, finde ich.

    • die_krabbe

      Ich finde, dass House of Cards eine Mischung aus The West Wing, Borgen und State of Play ist und deshalb muss ich mich der Empfehlung für Borgen unbedingt anschließen. Man hat sowohl die politische Seite und den Journalismus gepaart mit dem Privatleben einiger Protagonisten.

      The West Wing handelt den politischen Teil ab, State of Play den Journalismus und Borgen beides mit eben der privaten Seite. Alle drei Serien sind ganz toll, in dem was sie tun und eine ganz klare Empfehlung, für diejenigen, die etwas schauen möchten, was in eine ähnliche Richtung geht.

      Wer sich den Mund etwas wässrig lesen möchte, kann das auf meiner Seite machen, die ich an dieser Stelle einfach mal schamlos plugge.

      The West Wing: http://hirnrekorder.de/2011/05/west-wing/

      Borgen (Gefährliche Seilschaften): http://hirnrekorder.de/2012/05/borgen-gefahrliche-seilschaften/

      State of Play: http://hirnrekorder.de/2011/12/state-of-play-vs-state-of-play/

  • Yannick

    Immerhin hat Sky mit skygo für seine eigenen Kunden ein Video-on-demand-Portal. Im Gegensatz zu The Newsroom, das zunächst glaube ich nur auf Englisch gesendet wurde, sind die Folgen dort leider dieses mal aber nur auf Deutsch verfügbar.

  • http://twitter.com/hdsjulian Julian Finn

    Wenn wir hier beim Serien-Empfehlen sind: Absolute Power. Mit Stephen Fry. Zwar keine Politik aber PR. Und großartig. (Leider nur 2 Staffeln) (Und der Bechdel-Test wird auch bestanden, irgendwie, wenn ich mich recht erinnere)

  • die_krabbe

    Für einen Artikel mit größerem Focus auf die amerikanische Adaption könnt ihr gerne bei mir weiter lesen. http://hirnrekorder.de/2013/02/house-of-cards/

    Das britische Original muss ich mir aber auch noch ansehen. Der Text macht Lust auf mehr.

  • http://tvaddictfromgermany.wordpress.com/ AntonGorodozki

    Wobei man was den Vertrieb angeht, ja auch fairerweise sagen muss, dass House of Card über all dort zeitgleich online gegangen ist, wo es Netflix eben gibt, also auch in anderen europäischen Ländern. Nur Deutschland gehört leider mal wiederzu denen, die in die Röhre gucken, da es Netflix bis hierher eben noch nicht geschafft hat. Wirklich schade, die Idee des international gleichen Starts finde ich so aus der Seriennerd-Perspektive nämlich wirklich sehr reizvoll.
    Der Tag, an dem sich hier ein vernünftiges Abo-System mit aktueller Ware wie Hulu etabliert, wird jedenfalls für mich ein Festtag.

    Und die Empfehlung für „State of Play“ kann ich nur unterstreichen, die Serie hatte auch gerade was den Journalistenethos angeht richtig viel zu bieten, damit soll es bei „House of Cards“ ja nicht so weit her sein.

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  • Ti_Leo

    Kleine Anmerkung: Meines Wissens ist „House of Cards“ nicht die erste Serie von Netflix. Der Testballon hieß „Lilyhammer“. Ob und wie die sich im Budget unterscheiden, weiß ich leider nicht.

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