Von Sternen und Unterstrichen

Foto , CC BY 2.0 , by woolgenie

Ich liebe Worte. Ich liebe Sprache. Und Schreiben. Herrje, ich liebe sogar Kommasetzung. Was mir dementsprechend weniger am Herzen liegt, ist die großflächige Zerstörung der Sprache.

Wer sich außer mir kürzlich dagegen eingesetzt hat: ein Berliner Student. Er wurde dafür sogar von den Leser_innen der Sprachzeitschrift Deutsche Sprachwelt als ›Sprachwahrer des Jahres‹ ausgezeichnet. Weil die Sprache ja bekanntermaßen vom Aussterben bedroht ist und er mit der permanenten Zitation klassischer Gedichte dagegen ankämpft? Weit gefehlt. Er weigerte sich einfach bloß, in Hausarbeiten geschlechtergerechte Sprache zu verwenden (also beispielsweise Unterstriche oder Sternchen zu schreiben, um nicht nur Männer anzusprechen, so dass in einem Text dann etwa  Berliner*innen statt Berliner steht).

Als seine Uni ihm aufgrund dieser Verweigerung schlechtere Noten verpassen wollte, konnte er sich erfolgreich gegen sie durchsetzen. Und ja, noch mal, dafür hat er einen Preis bekommen. Im Jahr 2016, kein Scheiß! Was wohl auf seiner Urkunde stand? »Lieber sprachwahrender Student, herzlichen Glückwunsch, dank dir haben wir gerade nochmal so die Kurve gekriegt, um ein Haar wären in wissenschaftlichen Arbeiten tatsächlich Menschen aller Geschlechter angesprochen worden und das geht ja wohl mal gar nicht klar!«

Wenigstens hat mich die Geschichte dazu motiviert, einen Text zu diesem Thema zu schreiben, obwohl ich die Diskussionen mit ›Sprachbewahrer_innen‹ und dergleichen schon ziemlich anstrengend finde. Reden wir also nicht um den heißen Brei herum: Es geht hier um gegenderte Sprache und warum sie von Bedeutung ist.

Punkt 1: Es ist kein ›unwichtiges Detail‹

Und Ende der Diskussion! Es ist weder nichtig noch übertrieben, im geschriebenen und gesprochenen Wort geschlechtergerecht zu sein, und es ist auch nicht das Sahnehäubchen on top all der anderen, viel größeren Probleme, die ›wir‹ doch bitteschön zuerst anpacken sollten. Ganz einfach deshalb, weil Sprache ja auch kein überflüssiges Zusatz-Feature ist, ohne das unser Leben auch prima funktionieren würde. Kommunikation, Verständigung und damit Sprache sind sogar überlebenswichtig. Außerdem formt Sprache unser Denken und die Art, wie wir die Welt betrachten. Man muss weder Sprachwissenschaftler_in noch Psycholog_in sein, um das nachvollziehen zu können. Wenn ich beispielsweise meinen fast 4-jährigen, mit Playmobil spielenden Neffen frage, ob er denn auch schon mal einen echten Polizisten getroffen hat, dann stellt er sich einen Polizisten vor. Einen männlichen Polizisten. Logisch! Die Möglichkeit, dass es sich genauso gut um eine Polizistin handeln könnte, blendet mein Neffe in diesem Moment schlichtweg aus. Nicht bewusst oder böswillig, aber immerhin: er blendet sie aus.

Sprache hilft uns bei der Orientierung in dieser Welt und dabei sind bestimmte Wörter mit bestimmten Bildern oder Vorstellungen verknüpft. Sprache, die nichts mit der Vorstellungswelt der Menschen macht, die sie benutzen, gibt es nicht. Und umgekehrt: In unserem Sprechen drückt sich unsere Vorstellungswelt aus, mit all ihren Möglichkeiten und Grenzen.  Es ist fast unmöglich, Sprache ganz neutral zu begegnen.

Das gilt übrigens auch für andere Themen. Kürzlich las ich einen interessanten Artikel über die Sprachwahl und deren Bedeutung in der »Flüchtlingskrise«. Oder in der Geflüchteten-Debatte? Auch wenn wir glauben, dass bestimmte Worte die gleiche Bedeutung haben, rufen sie in unseren Köpfen völlig unterschiedliche Wirkungen hervor. Und damit beeinflusst Sprache unsere Wahrnehmung, formt so das Denken und – zu guter Letzt – die Welt.

Deswegen sind Sprache und das geschlechtergerechte Formulieren keine unwichtigen Details. Es ist nicht kleinkariert oder überempfindlich, Wert auf gegenderte Sprache zu legen. Sie könnte sogar eine Voraussetzung sein, um die ›wirklich großen Dinge‹ zu verändern.

Punkt 2: Gleich nochmal, Sprache und Denken
sind sehr schwer trennbar

»Schön und gut«, könnte man jetzt sagen, »womöglich ist die Menschheit da einfach noch nicht so weit wie ich – denn ich meine immer alle und fühle mich auch grundsätzlich angesprochen! Wenn ich ›Studenten‹ sage, dann ist doch völlig logisch, dass da alle Geschlechter mit einbezogen sind. War ja schließlich immer so! Also ist das Denken doch wohl ausreichend geformt, oder nicht, da muss man schon sehr doof sein und sehr kleinlich, um das nicht zu verstehen.«

An dieser Stelle ist es sinnvoll, sich ein paar Gedanken dazu zu machen, wie Welt, Sprache und Gesellschaft sich in den letzten Jahrhunderten so entwickelt haben. Und das generische Maskulinum (das bedeutet, stellvertretend für alle Geschlechter nur das männliche anzusprechen) ist eben gerade nicht das generische Neutrum (also geschlechtslos), das sich an alle richtet. So war das auch nie gedacht. Es ist eine aus patriarchalen Strukturen heraus entwickelte Ausdrucksweise. Wozu Männer und Frauen mit einbeziehen, wenn Frauen beispielsweise aufgrund des fehlenden Wahlrechts sowieso aus dem gesellschaftlichen und politischen Leben ausgeschlossen sind? Was diesen Ausschluss angeht, hat sich seit dem 18. Jahrhundert aber schon etwas getan, es wäre also schlicht an der Zeit, die Sprache anzupassen und die Gleichstellung damit noch weiter voranzutreiben. Fortschritt ist doch eine gute Sache. Ansonsten dürfen an dieser Stelle gern auch Laptops und Router aus dem Fenster geworfen werden.

Außerdem: Das ist kein Problem des persönlichen Geschmacks. Nur weil sich eine Person womöglich selbst vom generischen Maskulinum angesprochen fühlt, gilt das längst nicht für alle anderen Menschen. Mit haufenweise Studien zu dem Thema muss ich nicht erst anfangen, oder?

Punkt 3: Es zementiert keine ›künstliche Lücke‹ zwischen den Geschlechtern

Wir sind nicht alle Männer. Und wir sind auch nicht alle Frauen. Überraschung! Es gibt einen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Wenn wir behaupten, dies wäre nicht so, schieben wir bloß das Problem beiseite, dass Männer, Frauen und Menschen, die sich nicht dem binären System zuordnen, schlicht nicht gleichgestellt sind. Und bevor die Furcht vor der Gleichmacherei herausposaunt wird: Wer hat je von ›Gleichmacherei‹ gesprochen? Es soll überhaupt niemand ›gleichgemacht‹ werden, es sollte bloß jede_r dieselben Chancen erhalten.

Es geht auch nicht darum, dass »ich als Frau ja wohl keine Extrawurst brauche, weil ich doch genauso gute Arbeit leiste wie ein Mann« – sondern darum, dass genau deswegen der Mann nicht das Maß der Dinge und die maskuline Form nicht die alles beschreibende sein sollte.

Punkt 4: Es verschandelt keineswegs ›unsere schöne Sprache‹

Sprache ist nicht starr, sondern flexibel und stetig im Wandel. Das ist schön, weil wir so Begriffe wie ›googeln‹ ganz selbstverständlich in unseren alltäglichen Sprachgebrauch aufnehmen können. »Aber all diese Unter_striche und Stern*chen«, könnte man wehklagen, »die sind doch total verwirrend und unlesbar!« Nun. Es ist durchaus hilfreich, für sich selbst eine Schreibweise – also Sternchen oder Unterstrich – festzulegen. Texte werden dadurch keineswegs unlesbar.

Der Rest ist Gewöhnungssache. Mein Lieblingsvergleich: das iOS-Update. Da weint man auch immer erst dem alten Design hinterher und kann sich drei Stunden später schon nicht mehr daran erinnern.

Ich finde auch zum Beispiel Fußnoten nicht sonderlich hübsch – aber ich sehe ein, dass sie sehr sinnvoll sein können. Es kommt ja auch immer auf die Textart an. In literarischen Texten benutze ich nur ungern den Gender Gap (also den Unter_strich) – da bemühe ich mich aber anderweitig um eine Sprache, die niemanden ausschließt. Ein weiterer Vorteil des Gebrauchs der gendergerechten Sprache: er sensibilisiert.

Zwischenlösungen wie das Binnen-I, die feminine Form in Klammern – Student(in) –  oder das Ausweichen auf englische Bezeichnungen halte ich im Übrigen nicht für außerordentlich gute Ideen. Ich meine: wenn man schon anfängt, dann richtig, oder? Unterstriche oder Sterne ermöglichen eben, nicht bloß Männer und Frauen anzusprechen, sondern gleichzeitig auch all die Menschen, die sich nicht dem binären System zuordnen. Ansonsten sind ja auch alle so gern pragmatisch.

Oh, und noch was: Wer sich nach einer Ewigkeit generischem Maskulinum ernsthaft darüber aufregt, dass bei einem Wort wie ›Genoss_in‹ die männliche Form vernachlässigt würde, dem_der empfehle ich wärmstens einen entspannenden Waldspaziergang. Selbiges gilt für all die Witzbolde, die in ihrem Ärger über die vermeintliche Sprachzerstörung anfangen, Begriffe zu gendern, die gar nicht gegendert werden müssen. Stichwort Salzstreuerin. LOL. Das ist wirklich mal innovativ.

Punkt 5: Keine faulen Ausreden!

Eigentlich ist die ganze Nummer ungeheuer einfach und ungeheuer schön: Hier, bitte sehr, da hast du die Möglichkeit, mit einem Mal alle Menschen und Geschlechter anzusprechen, es ist sehr simpel, du musst nur einen Unterstrich einfügen oder ein Sternchen, die Umgewöhnung geht fix, die Aussprache ist kein Problem (kurzes Päuschen dort, wo sich der Unterstrich_Stern befindet) – also nichts wie los, auf dass diese Welt eine bessere wird! Ach, und die Energie, die du vielleicht darauf aufwenden wolltest, dich aufzuregen – investiere die doch einfach schon mal in die Umgewöhnung!

Es ist nicht kompliziert und es ist auch nicht zu aufwendig. Es ist nicht übertrieben und es zerstört auch nicht die Sprache. Das sind allesamt bloß faule Ausreden.

Und eigentlich ist es eben so: entweder legt man Wert darauf, auch Frauen und nichtbinäre Personen anzusprechen und mitzumeinen – oder man tut es halt nicht.

Aber das sollte man dann wenigstens auch zugeben.