Category is… RuPaul’s Drag Race!

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Als ich klein war, sah ich einst nachts sehr spät im Wohnzimmer meiner Großmutter in irgendeinem dritten Fernsehprogramm eine Bühnenshow einer charismatischen und weltklugen, eloquenten und kecken Dame, die ein Amalgam aus Marlene Dietrich, Hildegard Knef und einer jungen, vorlauten Barbra Streisand zu sein schien. Ihr Name war Mary. Und während ihr Gesang und ihr Stand-up, deren Anspielungen und Doppeldeutigkeiten ich als unschuldiges Kind gewiss nicht wahrnahm, meine Großmutter mal zum Schmunzeln, mal zum Lachen brachten, war ich einfach fasziniert von der interessanten, irgendwie doch mysteriösen Ausstrahlung dieser Frau.

Am Ende der Show sang die so anmutig erscheinende Mary „So leb dein Leben“, eine deutsche Version von „I did it my way“. Während sie sang und dabei jeden Vers des Liedes wirklich zu meinen schien, schminkte sie sich langsam ab, nahm ihr Haar ab und entschlüpfte schließlich ihrem Kleid. Mary war ein Mann. Der Travestie-Künstler Georg Preuße. Und ein sehr junger kleiner Mann saß wiederum mit offenem Mund vor dem Fernseher, als hätte er der Enthüllung eines Zaubertricks beigewohnt, und sagte zu seiner Großmutter verblüfft und so, als wollte er eine Bestätigung für das, was gerade geschehen war: „Das war ja gar keine Frau.“ Meine Oma lachte.

Und dann kam Hurricane Bianca

Etliche Jahre später, wir schreiben das Jahr 2014, erzählte mir mein Freund von einer amerikanischen Drag Queen namens Bianca del Rio, die er entweder durch seine Liebe für Joan Rivers, deren Talkgast sie einmal war, oder durch einen guten Freund entdeckt hatte (wir erinnern uns nicht mehr). Bianca del Rio hatte zu jener Zeit gerade erst die sechste Staffel von RuPaul’s Drag Race gewonnen. Nachdem mein Freund und ich einige großartige Stand-up-Nummern von ihr auf YouTube gesehen hatten, beschlossen wir, es einmal mit dem Drag Race zu versuchen. Und natürlich begannen wir mit Biancas Staffel.

 

Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich nie ein großer Freund von Reality-Formaten aller Art gewesen bin; von albern dramatischen Reality Competition Shows, die sich viel zu ernst nehmen, erst recht nicht. Doch RuPaul’s Drag Race stellte sich als ganz anders heraus. Die Teilnehmer gehen mit der Show, ihrem Gastgeber Drag-Legende RuPaul und ihren Mitbewerbern recht ironisch um und erfrischend viele von ihnen verkünden offen, dass sie bei der Sendung vor allem wegen des zu gewinnenden Geldbetrags von zuletzt immerhin $100.000 mitmachen.

Worum geht es eigentlich?

In der Show (die nota bene vor zwei Jahren ob ihrer – nun revidierten – Wortwahl bezüglich Transgender zeitweise in der Kritik stand) treten je nach Staffel zwischen neun und vierzehn Drag Queens gegeneinander in diversen Wettbewerben an. Nebst der obligatorischen, meist auf Improvisationskünste ausgelegten mini challenge, müssen in den main challenges von Folge zu Folge die Merkmale unter Beweis gestellt werden, die RuPaul von Amerikas bester Drag Queen des Jahres erwartet: charisma, uniqueness, nerve, and talent. So erlebt man als Zuschauer Stand-up, Tanz- und Gesangseinlagen, Imitationen berühmter Persönlichkeiten, Schauspiel und so weiter. Dazu kommt stets ein Motto für den Gang über den Laufsteg, zu welchem die Drag Queens ein entsprechendes Outfit (samt Makeup und Perücke) zurechtlegen oder frisch zuschneidern. Der Gewinner der main challenge erhält einen mehr oder minder wertvollen Wochenpreis eines Sponsors, während der schwächste Teilnehmer der Woche durch ein finales lip-sync for your life ausgesiebt und nach Hause geschickt wird.

Soweit so gut. Aber warum sollte man das schauen?

Die main challenges sind natürlich unterschiedlich unterhaltsam. Das von Staffel zu Staffel wiederkehrende Snatch Game ist hier besonders empfehlenswert: die Parodie einer Game Show, bei der die Teilnehmer allerlei Berühmtheiten imitieren. Ich finde auch stets das Schneidern der mitunter amüsanten oder waghalsigen Kostüme sehr interessant. Das Kreieren (und Überakzentuieren) von Weiblichkeit gerade durch das Auftragen von Makeup prozesshaft beobachten zu können, ist ebenfalls spannend.

 

Vor allem aber geht es um die wundervollen Charaktere der Teilnehmer und ihre Interaktion untereinander. Viele von ihnen verdienen schon seit Jahr und Tag mit Stand-up in Drag ihren Lebensunterhalt und sind entsprechend witzig. Andere wiederum sind unfreiwillig komisch oder humoristische Naturtalente. Die vielen kleineren und größeren Streitigkeiten unter den Drag Queens sind ebenso unterhaltsam wie die Lästereien unter- und übereinander. Und man darf gewarnt sein (oder sich besonders freuen), dass fast keine Drag Queen ein Blatt vor den Mund nimmt. Tatsächlich erstaunt und amüsiert es mich bei dieser Show immer wieder aufs Neue, wie kreativ ausfallend Menschen sein können!

 

Doch egal wie frech, albern oder absurd die Teilnehmer auch erscheinen mögen, die meisten von ihnen erscheinen äußerst sympathisch. Zum einen liegt das daran, dass Zwistigkeiten ironisch gebrochen oder an ihrem Ende eine Versöhnung steht. Zum anderen erfahren wir von Kindheit, Schulzeit und Familienverhältnissen der jeweiligen Drag Queens nicht aus gestellten Einspielern, sondern lediglich aus sporadischen Erzählungen der Teilnehmer selbst. Während einige wenige von unterstützenden Familien berichten können, erzählen die meisten eher von tragischen Outings, abgebrochenen Kontakten zu Verwandten, von grausamem Mobbing in der Schule, von Traditionen, mit denen sie brechen, von Orten, die sie verlassen mussten. Auffallend viele Teilnehmer erzählen von Drogensucht, manche gar von Gefängnisaufenthalten oder Selbstmordversuchen. Man sollte daraus nun keinerlei statistischen Rückschlüsse ziehen.

Indes konnte ich aus den geschilderten Erfahrungen der (quasi) neun bisherigen Staffeln sehr wohl zwei andere Schlüsse ziehen. Einerseits ist neben den ohnehin tragischen Geschichten von Homophobie in den eigenen Familien schockierend, wie oft die Teilnehmer berichten, dass ihre Travestie auf ganz besonderen Hass und oft auf Ablehnung selbst bei denjenigen Familien stößt, die immerhin die Homosexualität ihrer Söhne, Brüder oder Enkel akzeptieren. Andererseits fällt auf, wie häufig die Travestie benannt wird als Möglichkeit des Rückzugs in eine andere, sichere Welt oder als Möglichkeit, um ein selbstbewussteres Alter Ego aufzubauen, das sogar ein Publikum hat, welches nicht nur toleriert, sondern sogar applaudiert.

Die Sendung trägt also nebst Humor, Gossip und Ästhetik auch einige berührende Momente mit sich.

The time has come for us to go Berlin and have some fun!

Mein Freund und ich hatten alle verfügbaren Staffeln in Windeseile durchgeschaut und sehen derzeit die aktuelle Staffel Woche für Woche zusammen mit einer guten Freundin von mir (die – und hier schließt sich ein Kreis – bereits hier Erwähnung gefunden hat) sowie mit gutem koscheren Weißwein und allerlei Süßigkeiten.   

 

Am letzten Wochenende wiederum waren wir dann sogar in Berlin, weil ein halbes Dutzend früherer Teilnehmer (zur Hälfte ehemalige Gewinner vom Drag Race) gemeinsam mit Michelle Visage, einem ständigen Jury-Mitglied der Show (und insgeheimer Star des Abends), auf Europatournee Halt in der deutschen Hauptstadt machte, um nicht nur zu singen, zu tanzen und ein weiteres grandioses Snatch Game aufzuführen, sondern auch, um auf die Geschichte und die Formen von Drag zu verweisen.

 

Ich hätte mich gern mit der einen oder anderen Drag Queen von RuPaul’s Drag Race nach der Show unterhalten. Auch, weil mich eine von ihnen – Jinkx Monsoon – sehr an Mary, die erste Drag Queen, die ich damals als Kind sah, erinnert. Doch die Queens zogen dann doch direkt ins Berghain ab. Und wir? Wir saßen noch eine ganze Weile im Innenhof des Admiralspalasts und ließen uns amüsiert über die einzelnen Auftritte während der Show aus, but no tea no shade.