Und schließlich fragte sie: „Warum dann Deutschland?“

Foto , CC BY-NC 2.0 , by Andy Cross

Viele in Deutschland halten alltäglichen Antisemitismus für kein Problem mehr – Levi sieht das ein bisschen anders.

Content Warning: Dieser Text enthält Darstellungen antisemitischer Gewalt und Sprache.

Habe ich es schon satt?

Ich stehe nachts frierend am Bahnhof und halte meinen Mantel in der Hand. Er ist voller zähflüssiger, klebriger heißer Schokolade aus dem Becher oder womöglich – und schlimmer noch – aus dem Mund eines Fremden. Ich kralle meine Finger voller Wut in die sauber gebliebenen Mantelteile und denke nur immer wieder: nein, den werde ich jetzt nicht anziehen, auch wenn ich friere. Nein, ich gehe damit nicht durch die Bahnhofshalle oder zur Straßenbahn oder zum Taxi. Nein, ich gehe so beschmiert, so stigmatisiert keinen einzigen Schritt. Mein Stolz pocht von innen gegen meinen Brustkorb und ich merke, dass ich am liebsten weinen würde, doch stattdessen presse ich die Finger tiefer in den Stoff.

So endete ein eigentlich schöner Abend. Zuhause angekommen ärgerte ich mich darüber, dass ich keinen Hut über meiner Kippa getragen hatte, als ich am späten Abend am Kölner Bahnhof gewesen war. So als wäre es meine Schuld gewesen, dass ein Typ seinen Judenhass an meinem Freund und mir ausgelassen hatte. Wir standen nur einen Moment in der Bahnhofshalle, als dieser Typ sich feige angeschlichen und unsere Rücken attackiert hatte. Später dachte ich noch: das hätte auch ein Messer sein können.

Dieses Ereignis war nicht der, sondern lediglich ein Tiefpunkt. Es war nicht das Schlimmste in Sachen Antisemitismus, was mir bislang widerfahren ist. Dieser unrühmliche Preis geht wohl an die Stalkerin, die mich über ein Jahr lang terrorisiert hatte, weil sie davon überzeugt gewesen war, dass ich ein zentrales Element in einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung wäre. Aber das war im vorletzten Jahr.

Ernüchternder Rückblick

Als ich auf dem Weg zur Reinigung war, um meinen Mantel säubern zu lassen, und dies mit einem längeren Spaziergang verband, zog ich eine Bilanz, was die letzten Wochen betraf.

Ich war z.B. darum gebeten worden, einen kurzen Artikel für die Wirtschaftswoche darüber zu schreiben, ob mit den Geflüchteten auch ein neuer Antisemitismus ins Land kommen würde. Auf wenig Platz versuchte ich lediglich darauf hinzuweisen, dass da nichts Neues ankommen wird. Der Judenhass ist schon da – und gegen ihn wird zu wenig unternommen, weil viele Menschen hierzulande glauben, es gäbe ihn gar nicht mehr. Dabei gibt es ihn nicht nur von rechts, links, unter einigen Christ_innen und Muslim_innen, sondern auch in der gesellschaftlichen Mitte, was am gefährlichsten ist.

Denn die Mitte der Gesellschaft und ihre Institutionen wollen bestimmen, was Antisemitismus ist und was nicht. Und viel zu oft wollen sie mir erklären, was das ist, was mir widerfährt. Meistens aber wollen sie mir lediglich erklären, dass das, was mir widerfährt, kein Antisemitismus wäre. Selbst wenn jemand zerbrochenes Glas nach mir wirft und dabei „du Judenschwein“ ruft. Denn vielleicht, so wurde mir nach jenem Ereignis erklärt, hätte der Glas werfende junge Mann ja gar nicht meine Kippa gesehen oder hätte seinen Schmähruf als unter Jugendlichen typische Beleidigung verwendet oder aber ich hätte mich womöglich gar bei der Beleidigung verhört. Nebst derlei Relativismus und Negierung erhält man indes oft auch mehr oder minder hilfreiche Vorschläge – oder gar Kritik („Warum sind Sie denn nicht stehen geblieben und haben den Mann nach seinem Motiv gefragt?“, „Mensch, dem hättest du die Meinung sagen sollen!“).

Auf meinen Artikel reagierten einige Kommentator_innen mit Unverständnis, Wut und/oder Verschwörungstheorien. Antisemitismus? Der wäre doch seit ‘45 vorbei! Kenne man nur noch aus den Geschichtsbüchern. Außerdem wären die Jüd_innen immer selbst an ihm schuld gewesen! Die anstößigsten Leugnungen meiner Aussagen bestätigten sie lediglich. Da waren sie wieder, die Leute, die mir erklären wollten, dass es gar kein Problem gäbe. Und falls doch, wäre es meine eigene Schuld.

Ein Herr recherchierte sogar, bei wem genau ich angestellt bin, um meine Chefin in einer E-Mail anstößigen Inhalts (man wird nicht jeden Tag als „Feind der Menschheit“ bezeichnet) mit der dringenden Bitte zu belästigen, mir seinen frechen Unfug weiterzuleiten. Er erbettelte eine Reaktion, die ich ihm natürlich verweigerte.

Tags nach den Anschlägen in Paris fragte mich nahe einer Kaserne ein Herr vom Militär dann in schroffem Ton, ob mir eigentlich bewusst sei, dass ich als Jude schon ein ziemliches Sicherheitsrisiko für die Stadt und die Menschen darin wäre. Hatte er mir nun Mitverantwortung zuschieben oder mir einfach nur ein schlechtes Gewissen machen wollen?

Und was war mit der Frau, die hinter mir am Getränkeautomat im Düsseldorfer Bahnhof, als ich nur einen Moment zu lang nach den richtigen Münzen in meinem Portemonnaie gesucht hatte, wütend grummelte: „Die Juden glauben wohl, die können sich wieder was erlauben!“? Wieder etwas erlauben? Wieder? Was bitte sollen wir uns in der Vergangenheit „erlaubt“ haben? Und warum wollte sie mir das halblaut mitteilen?

Warum wollten sie mir unbedingt ihre Meinung geigen und mir den Tag vermiesen?

Und dann stockte ich…

Ich hatte vor kurzem bei einem Filmprojekt mitgemacht, das Antisemitismusaufklärung an Schulen zum Ziel hat, bei dem ich gefragt wurde, weshalb ich eigentlich trotz meiner zuvor lang und breit geschilderten Erfahrungen mit Antisemitismus in Deutschland bleiben würde. Die Interviewerin fragte vielmehr elliptisch: „Warum dann Deutschland?“. Ich schaute in ihr Gesicht, dann in die Kamera und wusste nicht recht zu antworten. Denn nach einer Stunde voller Anekdoten von Judenhass aus meinen letzten Jahren schien diese Frage gar nicht mehr leicht zu beantworten. Und ehrlich gesagt habe ich sogar die Antwort vergessen, die ich improvisiert hatte.

Vielleicht hätte ich antworten sollen, dass ich schlichtweg zu stur bin. Es gibt einfache und schwierige Lösungen, richtige und falsche. Meine Kippa abzusetzen oder darüber einen Hut zu tragen, ist eine einfache Lösung, aber nicht die richtige. Das Land zu verlassen darf auch nicht die Lösung sein. Ich bin nicht die Ursache des Problems; womöglich kann ich selbst wenig zu seiner Lösung beitragen.

Ich war nicht schuld daran, dass ein widerlicher Judenhasser mit heißem Kakao Mantel, Jacke, Rucksack und Tasche beschmierte. Das war allein die Schuld von diesem Antisemit. Trotzdem werde ich in Zukunft wachsamer sein und häufiger inkognito, unfrei unterwegs sein müssen, gerade auch dann, wenn andere um mich herum sind. Ich hatte es immer als sicherer empfunden, wenn ich mit anderen Menschen unterwegs gewesen war, aber ich denke, das ist eine Illusion. Es trifft sie dann einfach mit und das finde ich unerträglich.

Chanukka kann auch nachdenklich machen

Gestern feierte ich mit einer Freundin und zwei kleinen Kindern, auf die sie aufpasste, die zweite Nacht von Chanukka, dem achttägigen jüdischen Lichterfest, in einem Kölner Hotel. Dazu zündete ich mit den Kids die Kerzen der Chanukkia, dem neunarmigen Leuchter, an. Im Grunde feiert man in dieser Zeit Trotz und Sturheit im besten Sinne, ein Durchhalten und Nicht-Aufgeben-Wollen. Konkret geht es um die Makkabäer_innen, eine jüdische Gruppe, die damals in der Antike die Besatzung durch die hellenistischen Seleukid_innen beendeten, was ein herzlich unwahrscheinlicher Sieg gewesen war, weshalb er in der jüdischen Tradition seit alters her als g’ttliches Wunder begriffen wird. Angetrieben wurde der unerschütterliche Wille der jüdischen Aufständischen, ihr Trotz von dem Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit.

Als die besagte Freundin von mir gestern schließlich die Kinder ins Bett brachte, beschaute ich lang die Kerzen in der Chanukkia. Ich dachte daran, wie Xavier Naidoo beinahe für Deutschland beim Eurovision Song Contest im nächsten Jahr angetreten wäre, obwohl er neben homofeindlichem Liedgut auch ein Lied fabriziert hatte, in dem der klassische antisemitische Rothschild-Topos benutzt worden war, nur um kurz nach der zurückgezogenen Ankündigung ein neues Lied zu veröffentlichen, in dem Naidoo frech relativierend zur Schau stellte, dass er offensichtlich keine Ahnung von der Shoah hat (Sie lasen die freundliche Interpretation des Liedes, das keine Verlinkung verdient).

Was wird sein?

Mein Blick glitt irgendwann über die leuchtenden Kerzen hinweg zum Hotelfenster, zum Himmel. Es war unlängst dunkel, kein Stern war zu sehen. Schwarz war es da draußen. Was soll werden, fragte ich mich. Wie sicher wird es sein, jüdisch zu sein? Und wie frei?

Ob koscherer Supermarkt und Bataclan in Paris oder Jüdisches Museum in Belgien – jüdische Einrichtungen und Menschen werden auch in den kommenden Jahren ein besonders beliebtes Ziel von Islamist_innen sein. Wird man mir trotzdem auch im nächsten Jahr erklären, dass es keinen Antisemitismus mehr gibt? Schon gar nicht hier in Deutschland?

Angela Merkel sagte, dass sie bei den hierher kommenden Geflüchteten keinen Antisemitismus dulden werde. Ist es meine eigene Erfahrung, dass ich Antisemitismus überdurchschnittlich oft von Menschen – vor allem von jungen Männern – mit arabischem Migrationshintergrund abbekomme? Leider ja. Aber diese Personen sind gewiss zu einem großen Teil schon hier geboren und auf jeden Fall aufgewachsen. Wo war da das eingeforderte unbedingte Nein zum Antisemitismus, das derlei Taten hätte verhindern müssen? Wo wirkt das Nein zum Antisemitismus von Rechtsextremen effektiv in einem Klima, in dem die AfD tatsächlich zweistellig in der Sonntagsumfrage angesetzt wird? „Warum dann Deutschland?“, hatte sie gefragt.

Habe ich auch Angst vor den Geflüchteten, weil sie vor allem aus Syrien kommen, wo es staatlich, medial und religiös verbreiteten Antisemitismus gibt? Nein. Aber ich habe Angst davor, dass man auch sie, wie so viele Gruppen vor ihnen, an den Rand der Gesellschaft schiebt. In die schmuddeligen Stadtteile, die schlechten Schulen, in die Arbeitslosigkeit und Tristesse, in die perspektivischen Hinterhöfe. Denn dann ändert sich bei denen, in deren Köpfen Judenhass kultiviert wurde, nichts und bei denen, die noch frei davon sind, wird er womöglich gesät – und wachsen. Vielleicht ist man hierzulande dieses Mal ganz besonders bemüht, zu integrieren, zu inkludieren, auszubilden, aufzuklären. Oder aber man hofft womöglich darauf, dass möglichst viele wieder gehen werden.

Oder es wird besser

Ich blicke wieder die Chanukkia mit ihren Kerzen an und denke: vielleicht geht es ja gut. Mit dem Judentum hier im Land. Vielleicht hören Menschen in Zukunft weniger ungläubig zu, wenn man ihnen erzählt, was dir widerfährt, nur weil du jüdisch bist. Womöglich werden Institutionen – Polizei, Justiz, aber auch Universitäten, Schulen, Medien – dann sensibler in Bezug auf Antisemitismus. Und vielleicht fühlt man sich dann bald nicht mehr so allein im Regen stehen gelassen, wenn ein Judenhasser einen beschimpft, mit heißer Schokolade beschmiert, mit Glas bewirft oder weitaus Schlimmeres macht.

Eigentlich war es herzlich unwahrscheinlich gewesen, dass die Makkabäer_innen damals ihre Freiheit zurück erlangen würden. Sie hätten annehmen müssen, dass alles nur immer schlimmer werden würde und sie gezwungen wären, ihr Zuhause und ihr Judentum aufzugeben. Aber es ging gut. Das mag ein Wunder gewesen sein. Doch gewiss war es auch ein hartes Stück Arbeit.

Aus Trotz.