Für einen hebräischen Regenbogen: Keshet

, by Malte Schmidt

Da stand nun die junge Paikea, hielt tapfer ihre selbst geschriebene, kluge Rede, während ihr Tränen über die Wangen liefen und sie ihr Schluchzen kaum mehr zu unterdrücken wusste, da im Publikum ihr störrischer Großvater fehlte, welchem sie ihre Worte gewidmet hatte.

Paikea und ihre Familie sind Maori in „Whale Rider“, einem meiner Lieblingsfilme. Die Geschichte handelt davon, wie ein Stamm der Maori in einem kleinen neuseeländischen Dorf mit der Fortführung seiner Tradition, seiner kulturellen Identität ringt. Paikea wird in die Familie geboren, die die Oberhäupter des Stammes seit Generationen hervor gebracht hatte. Der jeweils männliche Erstgeborene erhält den ehrwürdigen Namen Paikea, der an den mythischen Urahn des Stammes erinnern soll. Doch Paikeas Zwillingsbruder stirbt zusammen mit der Mutter bei der Geburt. Der Vater, der bald diesem Trauma, aber auch der Tradition entfliehen wird, nennt die überlebende Tochter also, auch zum Trotz, nach dem männlichen Urahn – zum Entsetzen des Großvaters.

Paikea wächst bei ihren Großeltern auf und wird fortan von ihrem Großvater, den sie über alles liebt und verehrt, in dem Glauben erzogen, ihr Geschlecht und ihr Überleben wären ein Fehler gewesen. Ihr Zwillingsbruder hätte weiterleben müssen, um dem Stamm ein neues Oberhaupt zu geben und die Kette der Tradition nicht abreißen zu lassen, damit die so stark dezimierte und über Generationen unterdrückte Maori-Kultur nicht noch weiter erodiert. Ein Mädchen als künftiges Oberhaupt, als Bewahrerin der Tradition? Für Paikeas Großvater unvorstellbar.

Doch am Ende der Geschichte, nach vielen Unsicherheiten, nach Schmerz und Enttäuschung erweist sich eben jenes junge Mädchen Paikea als das am besten geeignete Oberhaupt, das der Stamm je kennen lernen sollte. Denn so unwahrscheinlich, so unmöglich es allen, vor allem ihrem Großvater, erschienen war, so ist es ausgerechnet Paikea, die dieselben nahezu mystischen Fähigkeiten an den Tag legt, die seit ihrem sagenumwobenen Urahn verloren geglaubt waren.

Von Paikea Trost erfahren

Ich habe diesen Film viele, viele Male gesehen. Ich habe ihn etwa dann geschaut, wenn ich besonders enttäuscht oder traurig war, weil ich damit gerungen habe, meinen Platz – und zwar in der jüdischen Gemeinschaft – zu finden. Ich sah ihn, als ich mich in einer Gemeinde nicht so einbringen konnte, wie ich es gern wollte. Ich sah ihn oft, wenn ich mich angesichts des Antisemitismus in Deutschland fragte, ob man hier als Jude überhaupt seinen Platz finden kann oder sollte. Ich sah ihn, wenn mir andere Jüdinnen und Juden erzählten, warum sie sich in ihrer Gemeinde nicht wohl und willkommen fühlen, und ich darüber sehr traurig wurde.

Ich sah ihn aber auch, ich glaube sogar zweimal innerhalb einer Woche, als mich der Vorstand einer jüdischen Gemeinde als neuen Religionslehrer einstellen wollte und seinen Willen dann doch revidierte, als er erfuhr, dass ich schwul bin.

Ich wurde aussortiert für etwas, das mir angeboren und das irrelevant ist für meine Befähigung, meinem kleinen, großen jüdischen Volk, das auch mit dem Erhalt seiner Tradition und seiner kulturellen Identität ringt, zu helfen. Ich durfte nicht helfen als der, der ich bin.

Fahrlässig verschenktes Potential

Ich kenne jüdische Religionslehrer_innen, Kantoren, sogar Rabbiner, die homosexuell sind, und nur deshalb in ihren orthodox geführten Einheitsgemeinden arbeiten können, weil sie ungeoutet bleiben. (Dass und warum Frauen in den Einheitsgemeinden nicht als Kantorin oder Rabbinerin tätig sein können, ist wiederum ein Thema, das eines eigenen Beitrags bedarf.)

Und ich habe über die Jahre viel zu viele Jüdinnen und Juden kennen gelernt, die nicht Teil einer jüdischen Gemeinde sind, weil sie schwul, lesbisch, bisexuell, transidentisch oder anderweitig nicht heteronormativ sind. Die deshalb keinen Platz für sich in der jüdischen Gemeinschaft sehen. Die nicht immer wieder Paikea zusehen, wie sie mit sich, ihrem Großvater, ihrem Stamm ringt und leidet, aber nicht aufgibt, bis sie endlich erfolgreich helfen kann und so doch noch ihren Platz findet.

Es bricht mir das Herz, dass so viele liebenswürdige, kluge, talentierte, hilfsbereite LGBTQI-Jüdinnen und -Juden nur mangelhaft oder gar nicht von den Einheitsgemeinden angesprochen und so wie sie sind akzeptiert, respektiert, inkludiert und in ihren Fähigkeiten gefördert werden.

Die jüdische Gemeinschaft ist klein und muss zusammenhalten. Und sie kann sich Homo- und auch Transfeindlichkeit nicht leisten. Jede und jeder, die oder den die Gemeinden durch Ablehnung verlieren, ist eine Person, die unseren Fortbestand noch fragiler macht. Das ist nicht einmal dramatisierend. Selbst in mittelgroßen jüdischen Gemeinden in Deutschland mit etwa 500 bis 800 Mitgliedern werden G’ttesdienst und Gemeindeleben oft nur von wenigen Dutzend (oder sogar weniger) Personen aktiv getragen und gestaltet.

Nobody gets left behind

Es ist nun an der Zeit, dass eine Organisation in diesem Land Fuß fasst, die den Gemeinden, ihren Mitgliedern und potentiellen Mitgliedern hilft, eine Willkommenskultur für schwule, lesbische, bisexuelle, queere, trans- und intersexuelle Jüdinnen und Juden zu schaffen. U.a. in den USA und Großbritannien gibt es eine solche Organisation, die exzellente Arbeit leistet. Sie heißt Keshet (hebräisch für Regenbogen), wurde 1996 in Boston gegründet und gründet ihre Arbeit (ein kurzes Video dazu hier) seither auf sechs Pfeilern:

 

  1. Gemeindemitarbeiter_innen und -verantwortliche wie Rabbiner_innen, Kantor_innen, Lehrer_innen, Erzieher_innen, Jugendleiter_innen und weitere Interessierte in Sachen LGBTQI-Inklusion auszubilden
  2. Safe Spaces für jüdische LGBTQI-Jugendliche zu schaffen
  3. Gemeindeaktivitäten von Kulturveranstaltungen über das gemeinsame Lernen religiöser Texte bis hin zu Schabbatfeiern usw. anzubieten, damit LGBTQI-Jüdinnen und -Juden eine erste, erneute oder stärkere Bindung zu ihrer religiösen und kulturellen Identität finden
  4. Familien von LGBTQI-Jüdinnen und -Juden zu unterstützen
  5. Informations- und Erbauungsmaterialien über resp. für LGBTQI-Gemeindemitglieder zu erstellen und anzubieten
  6. sich für LGBTQI-Rechte auch über die Grenzen der jüdischen Gemeinde hinaus einzusetzen

Ein hebräischer Regenbogen auch über Deutschland

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist zwar ungleich kleiner als jene in den USA und schlechter etabliert und organisiert als jene in Großbritannien, doch das hinderte eine Vielzahl anderer amerikanischer oder israelischer Organisationen bislang zum Glück nicht daran, in Deutschland Fuß zu fassen. Die Notwendigkeit für Keshet ist hierzulande auf jeden Fall gegeben. Sie ist überfällig.

Ich habe bereits erste Gespräche mit engagierten Vertreter_innen von Keshet US und Keshet UK und mit ein paar Dutzend deutschen LGBTQI-Jüdinnen und -Juden sowie heterosexuellen jüdischen Unterstützer_innen führen können. Das Interesse ist groß und vielfältig und darf gern in den kommenden Wochen und Monaten genährt und gemehrt werden. Wer den Weg hin zur Gründung von Keshet Deutschland begleiten und unterstützen möchte, kann sich gern mit mir in Verbindung setzen. Dazu muss man nicht selbst LGBTQI sein; es reicht vollkommen, wenn man die Ziele von Keshet in den jüdischen Gemeinden unterstützen möchte, damit sich jeder wohler und willkommener fühlen kann – in seiner Gemeinde, in seiner Familie und in seiner Haut.

Von Paikea lernen

„Whale Rider“ endet damit, wie Paikea feierlich zum neuen Oberhaupt ihres Stammes gemacht wird, indem sie zusammen mit ihrem Großvater und einigen Stammesmitgliedern in einem für den Anlass extra angefertigten Waka, einem Maori-Kanu, über das Meer fährt. Dabei leitet Paikea die paddelnden Frauen und Männern mit einem traditionellen Gesang an, zuversichtlich und beherzt gen Zukunft zu steuern, wissend, dass sie als Gemeinschaft die Zeiten bestehen würden, wenn sie nur alle einander akzeptierten wie sie sind und stets füreinander da sein würden.

Das ist doch eine großartige, erstrebenswerte Erkenntnis! Und ich hoffe und wünsche, dass für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland schon bald Keshet etwas zu einer solchen Erkenntnis – und Zuversicht – beitragen wird.