Ich bin nur dick

Foto , CC by 2.0 , by Purple Sherbet Photography

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er wieder von Andrea.

Andrea Meyer ist Spieleautorin und arbeitet im Umweltbereich. Sie lebt mit ihrer Frau und den beiden gemeinsamen Kindern in Berlin.

@andreacmeyer

[Triggerwarnung: Bewertung von Körpern]

Ich bin dick. Sehr dick, geht mensch nach BMI und ähnlichen „Normwerten“. Das ist mir und meiner Umwelt durchaus bewusst. Dadurch, dass meine Frau schwanger war, bekam dieses Dicksein jedoch plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Denn kaum erzählte ich, dass wir ein Kind bekommen, senkte sich der Blick meines Gegenübers in 99% der Fälle spontan auf die Höhe meines Bauchnabels, um zu ergründen, wann es denn wohl soweit ist. Und je mehr ich betont hatte, wie nahe die Geburt bevor steht, um so größer war die Verwirrung, denn ich hatte nunmal keinen Babybauch.

“Du hast aber eine große Hose”

Meine Antwort „Nein, nein, ich bin nur dick, meine Frau ist schwanger.“ machte es selten besser. Denn ich hatte mein Gegenüber nicht nur bei dem „ungebührlichen“ Blick ertappt, sondern auch noch gleich den nächsten Fettnapf hingestellt, hatten sie doch meistens wahrscheinlich genau das gedacht: „Boah, ist die dick.“ Oder, wie es Monate später ein größeres Kind in der KiTa unseres Sohnes ausdrückte: „Du hast aber eine große Hose!“ Das Kind war zufrieden, als ich erklärte, das sei ja auch gut so, denn ich hätte ja dicke Beine, und wenn meine Hose nicht groß wäre, wäre das ja schon blöd. Doch ich schweife ab.

Immerhin freute sich meine Frau, wenn wir gemeinsam von der Schwangerschaft erzählten und ich für schwanger gehalten wurde. Das war dann aber doch relativ fix vorbei, sobald sie den typischen Schwangerschaftsbauch aufwies, der nun mal deutlich anders aussieht als ein „Nur-dick-Bauch“.

War das Missverständnis aufgeklärt, oder hatte ich von vornherein klar gemacht, dass meine Frau schwanger ist, freuten sich die meisten mit uns. Die nächste Frage war in der überwiegenden Zahl der Fälle die nach dem „Wie“ oder, etwas gehobener, die nach dem Vater des Kindes. Zwei christliche Kollegen äußerten sich ob der vermeintlichen Abwesenheit des Vaters besorgt und waren sichtlich erleichtert, als ich mitteilte, dass unser Kind seinen biologischen Vater kennen werde. Trotzdem sei das ja schon schwierig, so ohne Vater… ?!

In der konkreten Situation war ich zunächst sprachlos, später wurde ich dann zunehmend wütend, denn hier – wie auch in vielen anderen Situationen – wurde deutlich, dass viele Menschen glauben, Kinder bräuchten eher bestimmte Geschlechtsrollen in ihrem Leben als liebende und fürsorgliche Menschen. Und nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich freue mich über JEDE Familie, in denen Kinder von solchen Menschen aufgezogen werden – ganz gleich, welches Geschlecht und welche sexuelle Identität diese haben. Schön wäre aber, wenn alle diese Menschen unabhängig davon wahr genommen würden.

Meine Rolle kommt nicht vor

Meine Rolle als werdende Co-Mutter spielte in diesen Gesprächen jedoch in den seltensten Fällen eine Rolle. Kaum jemand fragte mich, wie es mir damit ging, dass meine Frau schwanger ist. Ob ich mich freue, ob ich Sorgen habe, wie es überhaupt ist, wenn die Partnerin schwanger ist. Sei es, dass das den Menschen gar nicht in den Kopf kam, sei es, dass sie dafür keine Worte fanden. Kürzlich unterhielt ich mich mit einem Mann, der ein Kind anerkannt hat, das seine Frau bei einem Seitensprung gezeugt hatte – letztlich faktisch das, was ich geplant getan habe. Doch während er immer eine gewisse Eifersucht mit sich herumträgt, nicht der biologische Vater des Kindes zu sein, spielt für mich dieser Gedanke gar keine Rolle, denn ich hätte es ja gar nicht sein können. Sicherlich spielt hier auch eine Rolle, dass ich weiß, dass unser Kind nicht in einem Seitensprung gezeugt wurde. Ich bin also nicht um den vermeintlich orgiastischen Sex bei der Zeugung betrogen worden. Disclosure: Ich habe tatsächlich keine Ahnung, ob ich in diesem Fall eifersüchtig wäre, aber das ist eine andere Baustelle.

Zum Glück kannten wir auch schon während unserer ersten Schwangerschaft Lesbenpaare mit Kindern, so dass ich mir dort insbesondere bei den Co-Müttern etwas Rat und Unterstützung holen konnte. Auch einige männliche Freunde waren hilfreich, die gerade selbst Vater geworden waren und ihre Erfahrungen mit mir teilten.

Dennoch blieb und bleibt es dabei, dass unsere Familienkonstruktion Neudefinitionen von Rollen erfordert – für uns selbst, aber auch für die Gesellschaft, in der wir leben. Die Vorschusslorbeeren für den Vater waren in Relation zu seiner gemeinsam vereinbarten Rolle immens. Jedes Engagement von ihm wurde und wird gesellschaftlich extrem hoch bewertet – egal wie gering es ist. Und das ist kein Vorwurf an ihn. Vielmehr ist mir erst während der ersten Schwangerschaft, aber insbesondere nach der Geburt klar geworden, wie hoch die Vaterrolle gesellschaftlich bewertet wird. Das ist in erster Linie ein Problem für die Frauen, deren männliche Partner sich nicht oder nur kaum engagieren. Das ist aber auch ein Problem für Väter, die sich tatsächlich engagieren wollen, denn wenn „ein bisschen“ Engagement fürs anerkannte Vatersein ausreicht, dann fallen sie mit mehr Interesse an der Kindererziehung „aus der Rolle“.

Tippfehler

Dass ich eine engagierte Co-Mutter sein wollte, brachte auch in Bezug auf meine Beruf Veränderungen mit sich. An meinem Arbeitsplatz – ich arbeite im öffentlichen Dienst als Referentin – und gegenüber meinem Arbeitgeber bin ich „out“, seit ich denken kann, d.h., alle die mit mir zusammen arbeiten, wissen um meine sexuelle Identität und auch um meine Lebenssituation. Als meine Frau und ich uns verpartnerten, gratulierte uns der Behördenleiter schriftlich. Ich fand das völlig normal, bis mich kurz darauf der für das Thema zuständige Referatsleiter ansprach und fragte, ob ich denn ein Gratulationsschreiben erhalten habe. Ich sagte überrascht: „Na klar, das haben Sie doch verfasst!”, im Wissen, dass in Behörden die Arbeitsebene Schreiben für die Leitung verfasst. Er sagte, ja, das habe er, und er sei ja froh, dass ich es bekommen hätte. Ich schaute ihn fragend an und er sagte, es habe in seinem Referat schon Diskussionen gegeben, ob man dem Behördenleiter die Gratulation vorschlagen solle, denn das sei ja schon was anderes – als die heterosexuelle Eheschließung, meinte er. Ich war perplex, reagierte aber zum Glück doch schlagfertig: Ja, das sei was anderes, weil wir nur die gleichen Pflichten hätten, nicht aber die gleichen Rechte.

Auf seine anschließende Frage, ob ich denn in der Behörde diskriminiert werde, musste ich lachen. Denn direkt diskriminiert werde ich nicht. Allerdings spielt meine “Andersartigkeit” offensichtlich eine große Rolle, wenn es darum geht, meine Eignung zum Beispiel für Führungspositionen zu beurteilen. So sagte mir ein Mitglied einer Bewerbungskommission, mein (dreiteiliger) Anzug habe sehr gut, aber nicht sehr weiblich ausgesehen. Ein anderes Mal erfuhr ich, ich hätte „zu vorlaut“ gewirkt (ergänze: für eine Frau). Ich bin davon überzeugt, dass alle Menschen – auch ich – bestimmte Bilder dazu im Kopf haben, wie Frauen und Männer sein und vor allem – aussehen – sollen. Und dass ich dem gängigen Bild der potenziell erfolgreichen Führungsperson in einer Behörde eben nicht entspreche. Neben meiner nicht verheimlichten Homosexualität kommt bei mir natürlich auch noch mein Dicksein dazu, von dem häufig (unterbewusst) geschlossen wird, ich müsse ungesund, faul und nicht leistungsfähig bzw. häufiger krank sein.

Doch zurück zu den beruflichen Veränderungen. An meiner Arbeitsstätte gibt es neben dem Eltern-Kind-Zimmer und einem Familienservice, der Notbetreuung organisiert, auch die Möglichkeit, einen Telearbeitsplatz zu beantragen. Letzteres tat ich, „um meine Frau bei der Kindererziehung zu unterstützen”. Nachfragen erwartete ich eigentlich keine, denn die Personalbearbeiter_innen wussten ja schon Bescheid darüber, wie ich lebe, und auch durch meine damalige Personalratsarbeit war ich so bekannt wie ein „bunter Hund“.

Doch weit gefehlt. Einige Wochen nach Antragsstellung klingelte mein Telefon und der arme Bürosachbearbeiter, der die Telearbeitsanträge sichten musste, sagte zu mir: „Ja, Frau Meyer, Sie haben ja einen Telearbeitsplatz beantragt.“ Ich: „Ja?“ Er: „Aber hier steht ja: ‚ um meine Frau bei der Kindererziehung zu unterstützen'“. Ich „Ja!“. Er: „Dat is doch en Tippfehler!“ Nach tiefem Durchatmen antwortete ich: „Nein, ich lebe in einer eingetragenen Partnerschaft.“ Er: „Aber dann ham’se doch, dann sind’se doch …“ Ich: „Ja?“ Er: „Aber dann ham’se doch, dann sind’se doch …“ Ich: „Ja?“ Er: „Aber dann ham’se doch, dann sind’se doch … Mutterschutz!“ Ich: „Nein, nein, meine Frau bekommt das Kind.“ Er, hörbar um Fassung ringend: „Ja, aber, aber … “ Ich: „Ja?“ Er: „Aber, aber, Kindergeld!“ Ich: „Wie, Kindergeld?“.

Er rettete sich aus der Affäre, indem er sagte, dass die Kommission, die die Telearbeitsplätze verteilte – es gibt nur eine begrenzte Zahl – vermutlich noch Rückfragen hätte. Denen konnte ich zuvorkommen, indem ich die Vorsitzenden der Kommission direkt anrief. Dabei löste sich auch auf, was das Ganze mit Kindergeld zu tun haben könnte: Wenn bei meinem Arbeitgeber zwei Mitarbeiter_innen wegen des gleichen Kindes einen Telearbeitsplatz beantragen, soll der_diejenige ihn bekommen, der_die das Kindergeld bezieht. Dass meine Frau in meiner Behörde arbeitet, war mir bis zu dem Zeitpunkt allerdings noch gar nicht klar gewesen.

“Wir haben hier viele verschiedene Kinder”

2012, als meine Frau das erste Mal schwanger war, suchte frau in Berlin bereits während der Schwangerschaft einen KiTa-Platz. Zumindest, wenn sie wie wir nach dem Ende des Elterngeldbezugs, d.h. spätestens nach 14 Monaten, wieder arbeiten gehen wollte.

Wir riefen also eine Reihe von KiTas und Tagesmüttern und -vätern in der näheren Umgebung an. Von „Gehen Sie doch nach Marzahn, da gibt es Plätze!“ (wir wohnen in Kreuzberg, d.h. ca 15 km entfernt) über „Rufen Sie bitte immer dienstags zwischen 9.15 und 9.30 Uhr an, wenn Sie auf der Warteliste bleiben wollen“ (okay, ich übertreibe) bis zu „Das entscheiden wir erst im [MONAT], rufen Sie dann nochmal an” war alles dabei. In den KiTas, die wir schließlich anschauen durften, war die Reaktion auf unsere Familienform sehr unterschiedlich. Das Positive vorweg: Komisch fand es keine_r, das hätte mich aber in Kreuzberg auch eher überrascht. Wie sie denn damit umgehen, wenn unsere Kinder gefragt werden, warum ihr Papa nicht bei ihnen lebt, wollte ich wissen. Oder wenn gefragt wird, warum denn ich bei ihrer (leiblichen) Mutter lebe.

„Wir haben hier viele verschiedene Kinder“ war meine Lieblings-Antwort, sie kam auch gleich ein paar mal. Ich finde das einerseits eine elegante Art, sich aus der Affäre zu ziehen. Andererseits regt es mich auf, weil es der Sachfrage ausweicht. Es erinnert mich an die Worte meiner Mutter, als ich sie ein paar Jahre nach meinem Coming-Out fragte, ob sie ihren befreundeten Nachbar_innen denn erzählt hätte, dass ich lesbisch bin. „Ach nee“, sagte sie, „die wollen das doch gar nicht wissen.“

Wenn dem so wäre, würden unsere Kinder bestimmt auch nicht gefragt, warum ihre Familie “anders” ist. Und die Eltern der anderen Kinder würden sich das in deren Gegenwart bestimmt auch nicht fragen. Ich weiß nur, dass die Tatsache, dass ich als Kind „da nicht so hinschauen“ sollte, wenn ein Mensch im Rollstuhl vorbeifuhr, mich ganz besonders neugierig gemacht hat.

Eine KiTa-Leitung berichtete ehrlich erstaunt, sie hätten ja schon mal ein Kind aus einer Regenbogenfamilie gehabt, und die Mütter hätten auch gleich beim ersten Elternabend erzählt, dass sie lesbisch sind. Dabei sei das doch gar nicht nötig gewesen. Ich konnte ihr dann erklären, warum es nötig war und ist. Und dass wir, und deshalb auch unsere Kinder, täglich aufs Neue ein Coming-Out haben, weil eben Heterosexualität immer dann angenommen wird, wenn nichts anderes besprochen wird.

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil

Das betrifft natürlich auch und – als „Brutstätte“ der Heterosexualität – ganz besonders das Krankenhaus. Wir hatten uns verschiedene Krankenhäuser angeschaut, wobei mir in besonderer Erinnerung der Informationsabend in einem katholischen Krankenhaus geblieben ist. In dem Saal mit rund 100 Personen lief vor der eigentlichen Veranstaltung, in der diverse Mitarbeiter_innen erzählten, wie schön es bei ihnen ist, ein Film über das Stillen. Vor der Leinwand stand still ein vielleicht dreijähriger Junge und starrte verzückt auf die entblößte Mutterbrust, bevor seine Mutter ihn etwas peinlich berührt zu sich holte. Zuvor waren alle Paare damit begrüßt worden, dass der schwangeren Frau „alles Gute“ gewünscht wurde und der Mann einen Packen Broschüren in die Hand gedrückt bekam mit den Worten: „Das lesen Sie Ihrer Frau dann mal vor.“ Als wir an der Reihe waren, schaute die Ordensschwester zwischen meiner Frau und mir hin und her und sagte dann mit etwas Verzögerung: „Und bei Ihnen lesen dann wohl Sie?“

Am Ende landeten wir in einem sehr renommierten (anderen) Krankenhaus, in dem im Kreißsaal alle wussten, dass ich die Lebenspartnerin meiner Frau und künftige Co-Mutter des Babys sein würde. Tatsächlich wurden wir auch “normal” behandelt, und der Moment, als unser Sohn meiner Frau nach einem Kaiserschnitt auf die Brust gelegt wurde, war wohl das Bewegendste, was mir je passiert ist.
Doch als ich keine Stunde danach mit einer OP-Schwester und dem Minuten alten Baby zurück zum Kreißsaal ging, fragte sie mich: “Wie haben Sie denn das gemacht!?”

Dieser Beitrag ist der 2. Teil einer Reihe über Andreas Erfahrungen als lesbische Co-Mutter in Berlin.

Weitere Teile sind:
Auftakt: Irgendwie anders – A Rage
1. Die unbefleckte Empfängnis

  • spicollidriver

    Übrigens würde ich nicht davon ausgehen, daß das Annehmen von Heterosexualität bereits „heteronormativ“ ist. Denn faktisch ist Heterosexualität verbreiteter als Homo- oder Bisexualität (ähnlich wie es bspw. angesichts der tatsächlich existenten Zahlen naheliegend ist, anzunehmen, daß das Gegenüber biologisch männlich oder weiblich und nicht intersexuell ist).

    „Normativ“ wird es meines Wissens/Erachtens doch erst durch den Umkehrschluß, daß Menschen in bestimmte Verhaltensformen hinein passen müssen.

  • Susann Faber

    Vielen Dank für den Einblick. Meine Frau und ich haben ähnliches erlebt. Viele Grüße Susann