Shalalalala, Erotica! (3) – Das Foto danach

Foto , CC BY-NC-ND 4.0 , by Lena Reinhard

Eigentlich hatte ich gedacht, ich könnte an dieser Stelle mal wieder etwas Lustiges schreiben, zum Beispiel darüber, wie ich letztens aus Versehen in eine Reißzwecke gelegt wurde oder warum ich seit der letzten Folge dieser Kolumne ständig nach Käsekuchenrezepten gefragt werde.

Aber dann las ich im Internet, dass Menschen nach dem Sex Selfies machen und sie bei Instagram hochladen. Zu zweit, zu dritt, alleine, wichtig ist nur, dass unter dem Bild der Hashtag #aftersex oder #aftersexselfie steht. Das ist wichtig, damit klar ist, dass das nicht irgendein Selfie ist, sondern gerade ein sexuelles Erlebnis hinter den darauf Abgebildeten liegt. Nun freue ich mich ja erstmal grundsätzlich für alle Menschen, die konsensuellen Sex haben, erst recht solchen, den sie dann mit einem Bild verewigen und mit allen anderen Interessierten da draußen teilen möchten. Eine Freude ist das!

Natürlich gibt es jetzt auch kritische oder gar empörte Stimmen, die bemängeln, das habe doch gar niemand so genau wissen wollen und man müsse sich ja wohl nicht derart vom Intimleben anderer belästigen lassen.

Ich sehe das ja ein bisschen anders.

Ganz besonders freut mich für diese Menschen, dass sie ihre Smartphones nach dem Sex einfach verwenden können, um gemütlich ein Foto zu machen, danach vielleicht noch ein bisschen in Ruhe gemeinsam herumzusitzen oder zu -liegen, derweil das Foto irgendwo hochzuladen, und dann einen Kaffee zu trinken oder einzuschlafen. Das ist doch schön.

Und vor allem ist es viel schöner als das Smartphone nach dem Sex zum Beispiel dafür zu nutzen, erstmal zu schauen oder herumzutelefonieren, wo sich in der Nähe eine Ärzt_innenpraxis oder eine Klinik befindet, wie die Öffnungszeiten sind, zu hoffen, dass überhaupt etwas geöffnet hat und wie man dort am besten hinkommt. Noch viel schöner auch ist es als dann, wenn endlich ein_e Ärzt_in oder ein Krankenhaus gefunden ist, erst einmal da hinzukommen, zu warten, zu warten, zu warten, womöglich noch einen Schwangerschaftstest, auf jeden Fall aber eine Einheit intimster Fragen, dazu vielleicht noch ein paar vorwurfsvolle Blicke und die obligatorische Untersuchung auf dem gynäkologischen Stuhl hinter sich bringen zu müssen, um schließlich mahnende Worte und ENDLICH ein Rezept zu erhalten und sich final womöglich noch eine Apotheke suchen zu müssen, die überhaupt geöffnet hat, um dann endlich, endlich Geld ausgeben und Smarties eine Pille schlucken zu dürfen.

Auch aufgefallen ist mir, dass neben natürlich ganz vielen Quatschfotos unter den #aftersexselfie-Bildern nicht nur Frauen und Männer, sondern auch Frauen mit Frauen und Männer mit Männern zu sehen sind. Besonders gut finde ich, dass diese Menschen einfach Bilder von sich hochladen und es öffentlich machen können, dass sie da eben Sex miteinander hatten. Denn wenn man dann nachschaut oder nachliest, wie es nochmal genau um die Rechte von LGBTI* weltweit so bestellt ist (Intersexuelle fehlen in der Grafik leider), dann geht genau das eben nicht so einfach für alle Menschen, und für viel zu viele von ihnen ist allein die Idee von einem #aftersexselfie meilenweit von ihrer täglichen Realität entfernt:

(Bild: Wikimedia Commons)

Legende: homosexuality laws | Wikipedia

(Screenshot: Wikipedia | File: World Homosexuality Laws)

Und wenn Sie sich das dann angeschaut haben, empfehle ich allen, die sich eben über ein paar Bilder aufgeregt haben, ihre Wut doch in Produktivität umzuwandeln und herauszufinden, wie sie in ihrer Umgebung beispielsweise Aktivist_innen für LGBTI*-Rechte unterstützen können.

Denn das sind so verdammt viele Privilegien, die viele von uns hier haben. Und es gibt so viel zu tun, gerade für all diejenigen unter uns, die derart privilegiert sind. Statt in der Ecke im Konservatives Feuilleton Man-Style auf dem hohen Privilegienross herumzusitzen und zu schmollen, ist doch jetzt erst recht eine wirklich gute Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, was sich so alles tun lässt für Menschen, die weniger privilegiert sind. Welche Initiativen, Gruppen, Menschen wir unterstützen wollen und können. Und dann damit anzufangen.

Nur eine Sache gibt es, die ich bei diesen Bildern gar nicht gut finde. Trotz aller Freude für diejenigen, die Sex hatten und das in ihren #aftersexselfies festhalten: es bleiben doch ganz schön viele Menschen außen vor. Menschen, die derzeit oder schon länger keine Partner_innen finden. Menschen, die derzeit keinen oder noch nie Sex hatten, aber gerne hätten. Menschen mit Behinderungen, die mit Vorurteilen gegenüber ihrer Sexualität zu kämpfen haben. Und eben Menschen, die ihre Sexualität aufgrund von Repressionen nicht offen leben können. Es hilft nicht viel, an all diese Menschen zu denken, die gerne zumindest einmal Grund für ein #aftersexselfie hätten (ob sie dann das Foto machen würden, ist ja dann eh noch etwas anderes). Was bleibt, ist ein schales Gefühl, die Gewissheit, dass da wieder so viele Menschen unsichtbar sind. Und dass da noch so wahnsinnig viel zu tun ist.

Das alles ging mir so durch den Kopf, als ich gestern bei mir um die Ecke am See entlang lief. Es war ein lauer Abend, die untergehende Sonne schien gerade noch so durchs Gebüsch und glitzerte auf dem Wasser. Und dann dachte ich mir noch: Leute, es ist Frühling. Und wir sollten etwas machen. Lasst uns Aktivismus machen, die Dinge besser machen als die hundert Generationen vor uns, etwas dagegen machen, dass alles so bleibt wie es ist. Lasst uns Lärm machen, uns aufmachen, uns Mühe und Arbeit machen. Und alle unter euch, die sich schon seit womöglich sehr langer (oder auch kurzer) Zeit für andere aufreiben, sie unterstützen und helfen, wo sie können: macht erst recht, und zwar genau so. Und vor allem: macht weiter.

Ich weiß, ich weiß, das klingt nach Blümchenromantik und Schönwettergeschreibsel. Aktivismus kennt keine Jahres- und Öffnungszeiten, und an Veränderung arbeiten passiert nicht nur im Frühling. Und das ist alles verdammt anstrengend, und allen Menschen, die sich für andere und deren Rechte engagieren, gebührt zu jeder Jahres-, Tages- und Nachtzeit unser größter Respekt und unsere Unterstützung.

Ich bin für Serotonin, für blauen Himmel und für Grün an den Bäumen. Und vor allem bin ich dafür, Dinge auszusprechen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, die ganz viele Menschen auch längst tun, die aber noch viel mehr Unterstützer_innen gebrauchen können.

In diesem Sinne: lasst uns (weiter)machen.

  • abrapalabra

    Eigentlich ganz spannender Bogen, den du spannst. Interessant ist zu überlegen, wenn man sich das mal von einer anderen Position anschaut, dass nicht nur spannend wird, welche Gruppierungen vom #aftersexselfie ausgegrenzt sind, –>

    (ich finde da kann man auch ein gehörige Portion Selbstdarstellungs(zwang/drang/motivation) reininterpretieren, wesentlich mehr als die Message: habt alle mehr Sex, egal mit wem und wie ihr und der/die andere ausseht, hauptsache Sex – zumindest war das für mich nach den ersten 100Bildern deines Links so – die Signalwirkung dünnt sich da zunehmend aus)

    <– sondern, dass über deinen Bogen der ausgegrenzten Menschen, die vom Mainstream abweichende sexuelle Identitäten und Orientierungen haben, vielmehr diese Menschen auch wieder Teil einer anderen Oberkategorie sein können. Rechtliche und soziale Ausgrenzung ob der sexuellen Identität/Neigung mal beiseite geschoben, welchen anderen Kategorien können diese Menschen angehören? Bildungsgrad? Sozialstatus? Können sie vielleicht nicht ihre Sexualität durch ein restriktives System offen leben, können sie aber nicht genauso in der Sozialstruktur zu den Gewinnern gehören und von der Unterdrückung anderer Personengruppen profitieren und zwar ein Bewußtsein für ihre Lage aber nicht für die derjenigen Menschen, die von ihnen unterdrückt werden? Und obacht, mich hat nicht der Konservative Feuilleton Man sich einverleibt — mich beschäftigt viel mehr die Frage inwiefern Arbeit von und für benachteiligte Gruppierungen auch mal mehr oder weniger Mainstream und mal mehr oder weniger tatsächlich in der Realität Einzug hält und ob Gruppierungen dann auch, wenns um die eigenen Gruppeninteressen geht, nicht zwangsläufig über alles solidarisch mit anderen, auch unterdrückten Gruppen sind.

    Natürlich kann nicht jedes Thema damit enden, dass es immer welche gibt, denen es schlechter geht und so macht auch dein wachsender "Weltschmerz"-pathos im Text für mich total Sinn, manchmal stößt es mir aber sauer auf, dass wir nicht für alle >weltschmerzen<
    Und das alles nur aus "praktischen" Gründen.

  • http://www.1337core.de/ Alex

    Die Fotos mit der rechten Hand drauf, finde ich am Besten! ;)

  • susanna14

    Es ist schön, dass es manchen Menschen gut geht, und sie nehmen denen, denen es nicht so gut geht, nichts weg. Ich gehöre selbst zu den „Ausgegrenzten“, aber ich freue mich für die Leute, die da Photos machen. Ob ich mir die Photos ansehen werde, weiß ich aber noch nicht. Es gibt auch für mich viele schöne Aktivitäten in meinem Leben, auch wenn Sexualität zur Zeit nicht dazu gehört, und so interessant ist es dann doch nicht für mich, anderen bei etwas zuzusehen, woran ich zur Zeit nicht teilhabe.

  • HumanMind

    Im Moment wäre es weit drängender, eine Mega-Friedensdemo auf die Beine zu stellen, anstatt Selfies nach dem Sex zu problematisieren (das machen vermutlich eh nur ein paar Exhibitionist_innen und Angeber_innen). Was da in der Ukraine abgeht, ist brandgefährlich! Dagegen sind all diese Themen Schönwetterprobleme…

    • http://schoenaberselten.com/ Miel

      Ich würde keines (!) der im Text genannten Probleme als „Schönwetterprobleme“ bezeichnen. Beispielsweise und insbesondere die Verfolgung von LGBTI und Ausgrenzung viel zu vieler Menschen sind so massive, existenzielle Probleme, und für deren Verharmlosung mit „Schönwetterproblemen“, dafür fehlt mir gerade das passende Vokabular.

  • Helfie

    Also Selfies zu schiessen schränkt nun wirklich keine anderen Menschen ein. Da muss man doch mal einen Punkt machen.

    • http://schoenaberselten.com/ Miel

      Selfies schießen schränkt niemanden ein. Das ist ganz richtig, und etwas anderes hat hier auch niemand behauptet. Die Diskussionen hier drehen sich vor allem um Sichtbarkeit, Sichtbarmachung und die Einschränkungen, denen Menschen aus den verschiedensten Gründen unterworfen sind.

      P.S.: Ich finde ja, man muss häufiger mal ein Komma machen.

  • Pingback: kleinerdrei | gender. equality. blogging.()

  • spicollidriver

    „Nur eine Sache gibt es, die ich bei diesen Bildern gar nicht gut finde.
    Trotz aller Freude für diejenigen, die Sex hatten und das in ihren
    #aftersexselfies festhalten: es bleiben doch ganz schön viele Menschen
    außen vor. Menschen, die derzeit oder schon länger keine Partner_innen
    finden. Menschen, die derzeit keinen oder noch nie Sex hatten, aber
    gerne hätten. Menschen mit Behinderungen, die mit Vorurteilen gegenüber ihrer Sexualität zu kämpfen haben.“

    Im Idealfall machen besagte Leute einfach trotzdem aftersexselfies: denn es käme wohl niemand auf die Idee zu behaupten, daß bspw. Sex mit sich selbst überhaupt „kein Sex“ wäre, oder?

    • http://schoenaberselten.com/ Miel

      Ja, klar. Im Text steht ja auch, dass es Bilder von Menschen alleine gibt. Genau deshalb kritisiert der Text ja nicht das Ideal, sondern die aktuelle Situation bzw. das Bild, das diese Fotos in ihrer Gesamtheit liefern. Und es bleibt weiterhin so, dass manche Menschen aufgrund sozialer / persönlicher Einschränkungen so oder so nicht in der Lage sind, einfach Fotos, die sexuelle Aktivitäten implizieren, irgendwo im Internet hochzuladen.

      Hinzu kommt obendrein, dass auch Selbstbefriedigung aus verschiedenen Gründen nicht für alle Menschen eine Option sein muss – sei es nun, weil sie dem schlicht nichts abgewinnen können, das nicht wollen, gerne Partner_innen hätten oder aus psychischen oder physischen Gründen nicht dazu in der Lage sind.