Fleischeslust
Eigentlich wollte ich mal einen richtigen Rant schreiben. Und zwar über Fleisch-Feierei. Fotos von Essen, das kennen wir zur Genüge im Social Web. Ich persönlich finde Menschen, die sich über Essensfotos aufregen, etwas kleinlich und albern: Stellt halt eure Filter besser ein und was ist daran eigentlich der Aufreger, wenn jemand eben sein Essen fotografieren möchte? Anders geht es mir manchmal bei diesen “Mmmmmh, Bacon!!!!1!”-Tweets, den Fotos und Erwähnungen von Double- und Triple-Burgern, Steaks und anderen saftig triefenden Fleischlichkeiten in Pfannen, auf Grills und Tellern. Da verdrehe ich in Gedanken die Augen und denke mir: Leute, also bitte. Wir wissen doch nun wirklich langsam, dass übermäßiger Fleischkonsum nicht unproblematisch ist. Und ihr betreibt hier auch noch die krasse Verherrlichung und zeigt allen, dass ihr nicht zu diesen spaßbefreiten Vernunftesser_innen gehört und suhlt euch dazu in eurer tierischen Freude. Tolle Wurst.
Aber Halt: das hier sollte ja nur eigentlich ein Rant werden. Wird aber keiner, kein richtiger jedenfalls. Denn, beim Drüber-Nachdenken über diese Fleischeslust kam ich ins Grübeln: genaugenommen esse ich auch immer noch Fleisch, ab und zu. Selten zwar, aber dennoch. Trotz fast dreijährigem Versuch, dies soweit wie möglich und immer mal wieder über Wochen auf Null zu reduzieren, ist es mir nie ganz gelungen. Die Wahrheit ist: ich finde Fleisch wirklich unglaublich lecker. Ich habe immer die vegetarisch oder gar vegan lebenden Menschen beneidet/bewundert (oder mich manchmal auch gewundert), die einfach sagen können: es schmeckt mir halt nicht so. Ich brauche es nicht. Eigentlich finde ich es eklig. Und ich meine jetzt erstmal aus einem rein geschmacklich-genießenden Blickwinkel, keinem moralischen-ethischen (der natürlich genauso Berechtigung hat). Aber zu diesen Leuten gehöre ich nicht. Vermutlich fand ich deshalb auch das an dieser Stelle unvermeidliche Buch “Tiere Essen” von Jonathan Safran Foer so ansprechend: denn er gab selbst zu, gerne Fleisch zu essen (bzw. gegessen zu haben). Dass ihm der Abschied davon nicht leicht fiel. Und er blickte nicht nur auf die Greuel der Fleischindustrie, sondern auch auf die soziale Bedeutung des Essens. Er hat mich wahnsinnig überzeugt. Eigentlich. Fast.
Statt also, wie ursprünglich gedacht einen Rant zu schreiben über die sich selbst feiernden Fleischvertilger, versuche ich mich an einer Spurensuche zur Frage: Warum essen wir Fleisch? Warum fällt es uns (bzw. mir) eigentlich so schwer, auf Fleisch zu verzichten? Denn, ich zumindest habe mich schon viel mit dem Thema Lebensmittel- und Fleischindustrie beschäftigt, und selbst wer dies nicht absichtlich getan hat, konnte vermutlich nicht umhin in den letzten Jahren ein paar Fakten aufzuschnappen. Darüber, was für eine ökologische Katastrophe die Riesenställe sind. Über Gülleseen, die ins Trinkwasser suppen. Die Mengen an verabreichten Antibiotika – selbst an gesunde Tiere – damit sie die Massenhaltung überhaupt überleben können. Die daraus resultierende Gefahr von Resistenzen. Die Wassermassen, die zur Fleischerzeugung benötigt werden. Das Weideland, dass nicht für Menschen- sondern für Tierfutter verwendet wird. Für das viel zu viele Wälder weichen müssen. Die völlig überzüchteten Mutanten-Hühnchen, die so schnell wachsen, dass ihre Beinchen brechen. Die geschredderten Hähnchen-Küken, die abgeschnittenen Ringelschwänze, die völlige Unmöglichkeit art-typischer sozialer Verhaltensweisen. Die Liste lässt sich noch mit vielen unschönen bis grauslichen Details fortsetzen, mit größtenteils wenig erbaulichen Folgen für Mensch- und Tiergesundheit. Und es wird immer mehr – Deutschland zum Beispiel ist gerade auf dem Weg, einer der größten Fleischexporteure der Welt zu werden.
Wir wissen so vieles, doch bei Fleisch werden wir offenbar schwach. Woran liegt das? Die Zahl der Vegetarier_innen, obwohl angestiegen in den letzten Jahren, macht immer noch nur um die 10% der Bevölkerung aus. Viele sagen, sie könnten das halt einfach nicht mit dem Fleischverzicht. Doch das ist mir etwas zu simpel. Es klingt doch verdächtigt oft nach: “Ich will das nicht.” (“…und ich will es auch nicht versuchen oder darüber nachdenken und nun geh weg und lass mich in Ruhe meinen Burger essen”).
Andere sagen – so wie ich – dass sie es eigentlich versuchen. Oder zumindest darauf achten, was sie kaufen und wieviel. Aber das “gute Fleisch” ist oft eine Mär. Es sind immer noch nur wenige Siegel und Produktionsstätten, die so etwas wie “artgerechtes”, also möglichst leid-freies und umweltschonendes Fleisch garantieren können. Bei allem anderen, auch wenn es nicht vom Discounter sondern vom Metzger kommt und “irgendwie gut” aussieht, brauchen wir uns da nicht viel einreden. Daher geht das mit dem “guten Fleisch” oft schon deshalb nicht, weil es außerhalb von Städten mit hoher Bio-Verbreitung wie Berlin nicht überall zu kriegen und für die meisten auch einfach zu teuer ist. Obwohl viele Menschen sich das sicher vornehmen, findet der Ab-und-Zu-Fleischkonsum der Bemühten vermutlich doch oft unter anderen Bedingungen statt. So wie der Döner neulich nachts (“Ich war so betrunken”) oder die Schinkensemmel am Bahnhof (“Ich war so in Eile”) oder die Datteln im Speckmanteln auf der Party (“Die standen da und ich musste…!!”). Viele Situationen, wo wir natürlich nicht wissen, wo das Fleisch herkommt, und wo es uns egal ist oder eben egal sein muss.
Tradition, Sozialisation und Geschmack
Warum wir Fleisch essen: ein nicht unerheblicher Grund dafür ist sicher, dass wir es eben so gewöhnt sind. Die traditionellen Gerichte der “deutschen Küche” von Nord nach Süd, Ost nach West sind Fleischgerichte. Natürlich waren und sind dies “Festgerichte”, die früher an Sonn- und Feiertagen auf den Tisch kamen – unter der Woche gab es noch in der Kindheit unserer Eltern und Großeltern sicher viele fleischlose Tage. In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich dies stark gewandelt. Dass Lebensmittel erschwinglicher wurden war natürlich erstmal ein Segen. Und so haben wir uns alle an unsere regelmäßigen Fleischmahlzeiten und unsere Frühstückssalami gewöhnt. Bis wir dann ziemlich verwöhnt waren. Und die Gerichte so wie die Weihnachtsgans unser familiäres Bindemittel wurden, unser Heimatgefühl, unser Ritual. Und selbst wenn das mit dem familiären Frieden an Weihnachten dann mal wieder nicht so klappt: wenigstens war die Gans schön knusprig.
Wie ich schon sagte: ich finde Fleisch furchtbar lecker. Es kombiniert Geschmackskomponenten, die eine sehr schnelle und einfache Bedürfnisbefriedigung bieten: salzig, fettig, herzhaft. Hinzu kommt die Konsistenz: saftig oder knusprig und kau-ig (wenn es ein Fachwort für die Befriedigung des Zubeissens gibt, ich wäre interessiert). Aber, mit Jonathan Safran Foer gefragt: Was rechtfertigt unser Genuss? Ich finde das eine berechtige Frage – fürchte aber, viele werden sich insgeheim oder auch recht laut denken: Mein Genuss rechtfertigt ziemlich viel. Essens-Genuss ist eine nicht zu unterschätzende Angelegenheit, weil sie weitaus mehr befriedigt als nur blankes Hungergefühl. Und hier ist ein Knackpunkt: Durch unsere Küche und selbst die vielen internationalen Einflüsse, die aber doch meist irgendwie “eingedeutscht” (und d. h. oft: aufgefleischt) werden, kennen wir immer noch zu wenige wohlschmeckende vegetarische Alternativen. Es fehlt an Fantasie, an Angeboten, an Gewohnheit. An durchschnittlichen Bahnhöfen etwa packt mich regelmäßig die Ratlosigkeit – das Käsebaguette mit extradick fettiger Remoulade und labbrigem Salat oder doch das Ciabatta mit den erschrocken bleichen Tomaten und dem angegilbten Mozzarella? Damit hat es sich meistens mit den vegetarischen Möglichkeiten (von veganen ganz zu schweigen), und ich kaue lustlos eine trockene Brezel runter. Dabei gibt es so viele leckere Dinge, mit denen sich etwa fleischlos ein Sandwich belegen lässt. Fleischlose Küche ist für viele mit dem Vorurteil behaftet, schrecklich gesund und spaßlos salat-, sprossen- und grünzeug-lastig zu sein. Dabei kann es in Wahrheit alles mögliche sein. Fettig, salzig, knusprig, süß, würzig (und auch grün und gesund – wenn gewollt). In jedem Fall: vielseitig. Nur ist dieses Wissen leider noch nicht recht angekommen bei den Snack-Ketten, den Bahn-Bistros und Gaststätten hierzulande. Ein bißchen Kreativität und Inspiration würde oft schon reichen, um statt den Käsespätzlen noch einige weitere vegetarische Alternativen auf die Karte zu nehmen. Natürlich ist das alles schon besser als vor fünf, zehn, fünfzehn Jahren – aber ich spreche auch aus einer großstädtischen Perspektive heraus, und die ist beileibe nicht die Norm. Dass eine Mahlzeit ohne Fleisch keine richtige ist, ist immer noch ein Gefühl, dessen sich viele nicht erwehren können.
Fleisch, Geld und Status
Ich hatte es oben schon angesprochen: Fleisch essen, und auch welches Fleisch, ist natürlich auch eine Geldfrage. Essenszubereitung, die Auseinandersetzung mit vegetarischen Alternativen und Möglichkeiten: Wer hat dafür Zeit? Wer hat das soziale Umfeld, das sich das Monde Diplomatique-Sonderheft zur Welternährung kauft und neugierig den Spitzkohl aus der grünen Kiste angelt? Wenn der Alltag stressig ist und jeder Cent dreimal ausgegeben, erwarte ich von niemandem mehr Energie und Fantasie als für eine Salami-Fertigpizza vonnöten ist – die im Vergleich zur “Spinaci” auch nach etwas schmeckt. Ein spottbilliges Hähnchenschnitzel ist schnell in der Pfanne und verlässlich. Dass vielleicht vegetarische Alternativen gesünder und wömöglich günstiger wären, ist ein Wissen, das oft in Zusammenhang mit sozialer Schicht, mit Bildung und Wohlstand steht. Es von weniger Privilegierten einzufordern, für die es vielleicht aus Zeit und Geldgründen oder auch Tristesse keine Perspektive ist, finde ich vermessen. Und, um zum Einstieg zurückzukehren: wenn jemand ein Foto von einem edlen und hübsch garnierten Fleischgericht postet, bin ich ja in Wahrheit viel milder gestimmt. Schnell legt uns da die Doppelmoral nahe, was okayer kulinarisch wertvoller Fleischgenuss ist und was schlechter Billig-Fleischgenuss, auch ohne vorgezeigte Tierschutz-Label und Demeter-Siegel.
Statt moralischem Zeigefinger sollte ein Ziel genussvolle und erschwingliche fleischlose Alternativen für alle sein. Vielleicht, indem wir immer die besten Sandwiches nachkaufen, bis es mehr davon gibt. Indem wir die guten Orte weiterempfehlen. Die mit dem fleischlosen Essen, das erstmal nicht ausschließlich gesund oder kalorienarm sein muss, sondern erschwinglich, lecker und befriedigend. Damit es das irgendwann mal überall gibt.
Aber halt! Heißt es jetzt nicht immer wieder, dass gerade der Fleischverzehr in Entwicklungs- und Schwellenländern am rasantesten ansteigt? Dass da ein riesiger Fleischhunger wächst, weil Fleisch Wohlstand bedeutet und Statussymbol? Die hauen jetzt also rein und wir sollen verzichten? Nun, um ehrlich zu sein: durchaus. Nicht, dass der ansteigende Fleischkonsum eine gute Entwicklung wäre, mit all seinen ökologischen Folgen – aber eine verständliche allemal (Gründe: siehe oben). Zudem wird in Industrieländer immer noch gut das Doppelte pro Kopf vertilgt. Wir haben also noch deutlich Luft nach unten, bevor wir uns hier ungerecht behandelt fühlen müssen gegenüber den Entwicklungsländern (LOL).
Manneskraft und so
An der oben zitierten Statistik zum Anteil der vegetarisch essenden Menschen in Deutschland fehlte übrigens noch ein Detail: Es wird davon ausgegangen, dass es weitaus mehr Vegetarierinnen als Vegetarier gibt (nicht mehr ganz aktuelle Zahlen aus dem Jahr 2001 sagen: 13% Frauen, 3% Männer). Fleisch zu essen mag für viele Männer nicht nur eine Frage von Geschmack oder Tradition sein, sondern auch – bewusst oder nicht – immer noch mit einem bestimmten Bild von Männlichkeit zusammenhängen. Die Werbebilder, in denen Männer die blutigen Steaks auf den Grill hauen, wirken meist wie überzeichnete Klischees. Doch trotz sexistisch-dümmlichen Herrenwitzen wie dem Schnitzel-und-Blowjob-Tag, in denen die Verbindung einer stereotypen “Männlichkeit” und Fleischverzehr mittlerweile gipfelt, hängen viele noch an ihr. Jüngstes und eindrückliches Beispiel ist die Kochzeitschrift “Beef”, über deren Cover ich mich regelmäßig aufregen oder beömmeln kann. “Beef” setzt auf den in den letzten Jahren gestiegenen Trend zum Selbst-und-edel-Kochen und versucht sich dabei an einer pseudoreformierten Form des Mannes mit Männlichkeitsbedürfnis, der zwar kocht, aber in der Statussymbol-Mercedes-Variante des Kochens, mit Nobelgrill, High-Tech-Ofen und Kobe-Rind (fairerweise sollte ich anmerken: ein von mir verspotteter Bekannter versicherte, dass die Rezepte darin durchaus spannend sind). Dass dabei Fleisch im Mittelpunkt stehen muss und folglich Mann (kochend oder nicht!) und Fleisch untrennbar verbunden sind, daran lässt der Titel jedenfalls keinen Zweifel. Die mit verbissener Üppigkeit aufgehäuften Fleischberge auf dem Magazin-Cover machen jedoch manchmal einen leicht verzweifelten Eindruck. Vielleicht sehen sie die Felle bereits davonschwimmen? Fleisch zu essen, um einem steinzeitlich anmutenden Geschlechterstereotyp gerecht zu werden, erscheint mir jedenfalls eine denkbar schlechte Motivation.
Das Problem mit der Rettung der Welt
Müssen wir denn nun eigentlich alle vegetarisch leben? Nun, weder diese Erwartung noch diese Hoffnung habe zumindest ich nicht. Mit der Rettung der Welt ist das ja so eine Sache. Ebenso wie wir jeden Tag essen müssen, sehen und hören wir in der Regel alle Nase lang Dinge, die uns alarmieren könnten. Dinge, für die wir uns einsetzen müssten. Verhaltensweisen, die wir anpassen sollten. Müll, den wir trennen sollten. Energie, die wir sparen sollten. Und irgendwann nagt da diese Frage: rette ich damit jetzt gerade wirklich die Welt? Macht dieses Schnitzel den Unterschied, diese Bratwurst? Wurst und Fleisch sind im Supermarktregal ohnehin schon so weit entfernt von ihrem Ursprung, dass ich sie kaum mit den Greuel in Verbindung bringe, die das Schwein dafür erleiden musste. Gleichzeitig erscheint der Ruf nach der Verantwortung der Verbraucher_innen allzu oft wie ein Vorwand der Politik, eben keine Politik zu machen und bloß die Lobbyverbände nicht zu verprellen. Dass das politische Leitbild des “mündigen Verbrauchers”, der nur ausreichend informiert werden muss, um die in jeder Hinsicht vernünftige Konsumentscheidung zu treffen, so nicht existiert, zeigt sich gerade bei Ernährungsfragen sehr deutlich. Viele der ökologischen/Tierschutz-Probleme der Fleischindustrie müssen eben doch auf politischer Ebene angegangen werden.
Um die lange geschweifte Klammer nun wieder zu schließen: ab und zu Fleisch essen ist also schon verständlich, darüber zu twittern, es zu fotografieren und zu feiern aber nicht? Sounds like Doppelmoral to me. Angesichts der harten Fakten aber reflektionsfreie “Fleisch = geil!!” Nachrichten in die Welt zu blasen, wird mir wohl auch weiterhin sauer aufstoßen. Vielleicht konnte ich ja ein paar Anregungen liefern, darüber nachzudenken, was wir essen (und fotografieren) und warum. Unser Fleischhunger richtet blindwütige Zerstörung und Grausamkeiten an. Doch selbst wenn wir die ökologisch-moralische Argumente nachvollziehen können, wir bringen sie offenbar nur schwer in Zusammenhang mit dem, was auf unseren Tellern liegt. Unser Handeln scheinen sie oft nicht ausreichend zu beeinflussen (und ich beneide die, für die das schon außer Frage steht). Und deshalb sollten wir vielleicht auch mal mehr über andere Dinge reden, die fürs Essen, für unser leibliches Wohl ganz entscheidend sind: Über Geschmack und Zutaten und Rezepte. Über Genuss! Und darüber, wie der auch ohne Fleisch geht. Verdammt gut nämlich.
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