Keep your politics out of my Heimat!

Foto , by Chris Greenhow

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Alena.

Alena Dausacker hat Medienwissenschaft und Germanistik in Bochum studiert. Sie schreibt Kurzes auf Twitter und Längeres auf ihrem Blog.


Blog von Alena @geistesgift

Ein Heimatministerium also.

Man weiß gar nicht, wo anzufangen.

Vielleicht das Offensichtliche vorweg: Heimat ist kein unproblematischer Begriff. Dafür schleppt er zu viel historischen Ballast mit sich herum. Ob er überhaupt noch zu retten ist, bleibt fraglich, aber ich will mal optimistisch sein. Auch wenn ein Bundesheimatministerium der Absolution des Heimatbegriffes ungefähr so zuträglich ist, wie der saubere deutsche Diesel unseren Klimazielen.

Das Schöne und gleichzeitig Schwierige am Heimatbegriff ist, dass er subjektiv ist und für hundert unterschiedliche Menschen hundert unterschiedliche Dinge bedeuten kann. Gemeinsam ist diesen Auslegungen lediglich eine diffuse Assoziationswolke von Zugehörigkeit, Geborgenheit und Sehnsucht, ein schwer fassbares Wohlgefühl, das bei manchen beim Anblick eines Alpenpanoramas einsetzt und bei mir eben auf der Rückfahrt ins Ruhrgebiet, so ungefähr ab Düsseldorf Hauptbahnhof.

Es gab mal eine Zeit, da war genau definiert, was Heimat war: Vor der Gründung der Weimarer Republik war es ein juristischer Begriff. Heimat war die Gemeinde, die einen Menschen im Verarmungsfall versorgte. Dort hatte er das Heimatrecht, was im Grunde ein Aufenthaltsrecht mit Anspruch auf Sozialleistungen war. Was hier wie die Vorstufe zur Staatsbürgerschaft klingt, wurde allerdings bereits nach zwei bis drei Jahren Aufenthalt automatisch erteilt und war daher sehr viel nüchterner und weniger exklusiv, als es im ersten Moment scheint.

Dass das Heimatrecht schon nach vergleichsweise kurzer Zeit vergeben wurde, war eine Reaktion auf die Industrialisierung. Die Städte gierten nach immer neuen Arbeiter_innen, die meist vom Land kamen und integriert werden mussten. Allerdings hat gerade diese Bewegung vom Land in die Stadt den Heimatbegriff nachhaltig geprägt: In den engen schmutzigen Industriezentren sehnten sich die Menschen nach ihrer alten Heimat: Der unberührten Natur, dem einfachen Leben und dem sozialen Zusammenhalt auf dem Land. Dieses Bild von Heimat besteht bis heute. Vor allem im Heimatfilm nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Heimat zum Kitsch. Nostalgisch, volkstümlich, naturverbunden – und im Grunde harmlos.

Diese Harmlosigkeit des Heimatkitschs war entscheidend, denn damit bot sich der Bevölkerung ein positiver Identifikationsrahmen, ein „deutscher“ Sehnsuchtsraum, der losgelöst war von den Narrativen, mit denen die Nazis Heimat zum Kampfbegriff gemacht haben. Nicht „Einheit, Stärke und glorreiche Historie“ standen im Mittelpunkt, sondern Beschaulichkeit, Nähe und Tradition.

Heimat ist ein Trugbild

Heimat, das ist im Grunde Identität, die an einen Ort gebunden wird und als solche eine so grundsätzliche Kategorie der Identifikation, dass sie selbst schwere Krisen überlebt. Und genauso wie Identität selbst, ist Heimat ein abgrenzender Begriff. Unsere Identität ist, wie wir uns von anderen Menschen unterscheiden. Nicht nur in großen “Wir”- und “Die”-Gruppen, sondern auch in alltäglichen Situationen. Diese Grenzziehungen, die Identitätskategorien immer schon eingeschrieben ist, machen gemeinsam mit der Sehnsucht, die in Heimat immer mitschwingt, Heimat zu einem Konstrukt, das anfällig für Verlustängste und trügerische defensive Einstellungen ist.

Der nostalgische Schmerz, den man gegenüber einer Heimat spürt, muss ja heißen, dass sie irgendwie nicht mehr so ist wie früher und wiederhergestellt werden muss. Dass das Heimweh einfach zur Heimat gehört, ist schwer zu begreifen.

Gerade weil ihr die Nostalgie bereits eingeschrieben ist, behält Heimat ihre Wirkmacht sogar wenn sie verloren ist.

Erst wenn man sie hinter sich gelassen hat, nervt sie nicht mehr mit ihren realen Unzulänglichkeiten und man kann sich in Frieden selbst belügen, wie schön es da doch war. Sie überdauert in Erinnerungen, Kultur und dem Zurücksehnen nach ihr. Beinahe wirkt es, als erstarke sie mit ihrem Verlust. Die Heimat, die das Objekt dieser innigen Sehnsucht ist, ist oft ein Hirngespinst. In der Erinnerung und Erzählung wird Heimat überhöht. Sie existiert nur für den süßen Moment der Rückkehr, um sich dann im Alltag nüchtern betrachtet als gar nicht ganz so unfehlbar zu entpuppen – es sei denn, man scheut keine Mühe, um alle negativen Aspekte schönzureden, auszublenden und aggressiv zu vertuschen.

Dieses defensive Potenzial haben die Nazis mobilisiert und damit den ab- und ausgrenzenden Charakter von Heimat ins Rampenlicht gerückt.

Gepaart mit der Propaganda über das Wesen – sprich, die Identität der Deutschen – wurde Heimat unter Hitler zu Zunder, mit dem sich immer neue Aggressionen entfachen ließ. Das ist der faulige Beigeschmack, den der Heimatbegriff auch heute noch hat, insbesondere, wenn er die politische Bühne betritt.

Heimat ist mehr als ein Anschluss an das ICE-Netz

Um aus soziologischer Sicht überhaupt zu einer Heimat zu werden, muss ein Ort einiges hergeben, denn nicht jeder Wohnort findet automatisch Eingang in unsere Identität. Er muss Möglichkeiten zum sozialen Anschluss bereitstellen, eine langfristige Perspektive bieten und er muss einen ganz eigenen Charakter haben, mit dem sich Menschen anfreunden und identifizieren können. Hat ein Ort keinen Charakter, verliert er seine Bedeutung für die Identitätsbildung. Besonders gut darin sind Großstädte: Wenn jemand sagt „Ich bin Hamburger_in“ oder „Ich bin Kölner_in“ verbinden wir damit automatisch bestimmte Wesenszüge.

Aber ich käme zum Beispiel nie auf die Idee, das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, als Kürzel für Aspekte meines Charakters zu benutzen. Nicht nur, weil 1000-Seelen-Dörfer sich keiner überregionalen Bekanntheit erfreuen, sondern weil es eines dieser beliebigen Straßendörfer ist, die man nur an ihren Kirchtürmen auseinander halten kann. Ich kann jedoch sagen, dass ich Schwäbin bin und andere Leute würden daraus ableiten, dass ich sparsam und fleißig bin und danach strebe, irgendwann ein Eigenheim zu bauen. Der Wahrheitsgehalt dieser Annahmen sei mal dahingestellt, aber es ist ein Charakter beziehungsweise eine Identität, mit dem ich spielen und auf den ich verweisen kann.

Wichtig dabei ist: Es ist dann meine Identität, wenn ich sie mir selbst zu eigen mache und die damit einhergehenden Vorurteile mit einem Augenzwinkern akzeptieren kann. Es genügt nicht, dass mir diese Eigenschaften nur von außen zugeschrieben werden, um mich selbst damit zu identifizieren. Dieser regionale Charakter ist Dreh- und Angelpunkt von Heimatgefühlen. Nun haben wir in Deutschland die Situation, dass sich unser Staat über weit mehr als eine Region erstreckt. Die Aspekte, die Orte zur Heimat machen, lassen sich nicht mit guter Verkehrsanbindung und einem Breitbandanschluss herstellen.

Zwar ist Infrastruktur wichtig – ohne sie bietet ein Ort keine Perspektive und wenn Menschen ihre basalen Bedürfnisse nicht befriedigen können, werden sie weiterziehen – aber ein gut angeschlossener Wohnraum hat noch keinen Charakter und bietet keine Identität. Heimat entsteht aus dem Zusammenwirken sozialer, kultureller, ökonomischer und geografischer Faktoren. Und die Zusammensetzungen dieser Faktoren sind zahllos.

Was will ein Heimatministerium leisten? Ich bezweifle stark, dass die Idee ist, jede einzelne Kommune in Deutschland auf ihre Heimatfaktoren zu untersuchen und daraus Handlungsbedarfe abzuleiten. Den ländlichen Raum stärken? Schön und gut, aber das ignoriert die abermillionen Menschen, die ihre Heimat in den Städten haben.

Egal, wie ich es drehe und wende: Ich kann mir keine Zuständigkeit dieses Ministeriums ausmalen, das nicht an den Bedürfnissen vieler, vieler Menschen vorbei heimattümelt.

Die Länder und Kommunen sind regionaler aufgestellt und könnten vielleicht tatsächlich lokalen Charakter bewahren oder fördern – oder sogar umprägen wenn nötig – aber der Bund?

Dein Dahoam ist höchstens mein Urlaubsziel

Niemand kann ganz Deutschland als Raum wahrnehmen. Niemand war überall und ich bezweifle, dass sich jemand an den Alpen genauso heimisch fühlt wie am Wattenmeer. Das wird ja bereits in den Bundesländern schwer. Da können die stoischen Ostwestfalen schon nichts mit der Rheinländischen Frohnatur anfangen.

Man kann das alles schön finden, aber Schönheitsempfinden führt nicht automatisch zu Heimatgefühlen. Das ist ein Punkt, an dem ich mich manchmal frage, ob die Marketingabteilung von Bayern das versteht. Ich finde die bay­e­rischen Berge ganz entzückend, aber wenn mir dann jemand mit „Dahoam is Dahoam“ ankommt, stellen sich mir die Nackenhaare auf.

Ich meine, ich hab meine Freude an Tautologien, aber in diesem Fall ist sie nicht mal wahr. Ich habe eigene Heimaten, vielen Dank auch, und dein Dahoam ist halt höchstens mein Urlaubsziel und das auch nur, wenn ich nichts mehr an der Nordsee gefunden habe. Was aber nicht heißt, dass eure Berge nicht schön sind. Es sind ganz prima Berge. Wirklich.

Kann ein Nationalstaat eine überregionale Heimat sein? Vielleicht, wenn er sich selbst einen Charakter aufprägt, einen positiven Identifikationsrahmen und eine zukunftssichere Perspektive bietet. Hier sind wir jedoch schon wieder ganz nahe an der Erfindung – und es ist eine Erfindung – einer „deutschen Volksseele“ und das hat letztes Mal schon zu verheerenden Ergebnissen geführt.

Wenn ein Staat sich als charakterprägend positionieren will, muss er vereinheitlichen und bei Vereinheitlichung geraten immer Menschen unter die Räder, die nicht diesem Einheitsbrei entsprechen, sei es nun wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer Sexualität oder auch „nur“ ihrer politischen Ausrichtung.

Überhaupt finde ich es erstaunlich, dass sich auf einmal Leute über eine gesamtdeutsche Heimat freuen, wo doch sonst Generalisierungen böse und quasi schon Rassismus sind, wenn Deutsche z. B. Almans oder Kartoffeln genannt werden – obwohl es genau dasselbe impliziert: Dass es in irgendeiner Form eine benennbare gesamtdeutsche Kultur gibt.

Heimat politisch prägen zu wollen, ist im besten Fall schwierig, im schlimmsten Fall ausgrenzend, diskriminierend und faschistisch. Versucht man, diesem Vorhaben einen positiven Dreh zu geben, landet man schnell bei gesellschaftlichem Zusammenhalt. Das ist ein gutes Ziel. Niemand, der sich nicht aktiv als Bösewicht aus einem James Bond-Film sieht, hat etwas gegen gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Aber Solidarität entsteht nicht magisch, indem man etwas „Heimat“ nennt und mit Glitzer und Brezeln bewirft. Sozialer Zusammenhalt entsteht aus sozialer Sicherheit, indem man Konkurrenz zwischen den Menschen ausmerzt und alle so absichert, dass sie anderen ihre Sicherheiten nicht missgönnen.

Die Chancen darauf hat sich die Politik mit dem stetigen Aushöhlen des Sozialstaats jedoch selbst verbaut. Wer Zusammenhalt herstellen möchte, sollte damit anfangen, ohnehin mittellose Menschen nicht mit Sanktionen zu bedrohen und Sozialhilfeempfänger_innen nicht das Bild des „Schmarotzers“ anzuhängen, nur weil sie darauf angewiesen sind, dass der Staat seine Pflicht tut.

Die personale Besetzung des Heimatministeriums sowie seine Angliederung an das Innenministerium machen wenig Hoffnung, dass seine Aufgaben irgendetwas mit Zusammenhalt und Geborgenheit zu tun haben wird. Die Zuständigkeiten des Innenministeriums lassen eher auf irgendwas mit Zuwanderungskontrolle und Grenzschutz schließen und das hat nichts mit Heimat zu tun.

Heimat sagt nicht: „Bitte weitergehen!“ Heimat fragt: „Willst du nicht bleiben?“