Bin ich zu politisch?

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Kann jemand „zu politisch“ sein?

Ich habe zu Hause noch die New York Times vom Tag nach dem Wahlsieg von Barack Obama liegen, dem 05.11.2008. Seine Wahl war zwar in den USA passiert, aber allein zu sehen, dass in einem Land wie den USA der Präsident auch mal nicht weiß sein konnte, hat mich sehr geprägt. Es braucht immer wieder solche Vorbilder, die uns einfach Mut machen. Klar, nicht alles an seiner Politik war super, aber im Herbst 2008 war sein Wahlsieg für mich ein Schlüsselerlebnis. Und sicher, er ist ein Mann, nichtsdestotrotz war er ein Vorbild für mich und für viele andere Menschen in meiner Generation.

„Hab doch mal Spaß“

Ein Freund hat mir mal gesagt, dass ich zu viel Zeit für Politik aufbringe, dass ich zu wenig Dinge tue, die „Spaß“ machen. Wenn ich mir angucke, wie viele meiner Stunden ich im Januar dafür aufbringen werde, um (Partei-)Politik zu machen,ist sie wohl neben meiner Lohnarbeit das, worin ich die meiste Zeit investiere.

Wenn ich auf das letzte Jahr zurückblicke, habe ich wohl so viel Zeit auf politischen Veranstaltungen verbracht wie noch nie zuvor. Ich war aber im letzten Jahr auch auf mehr Konzerten als jemals davor.

Und Überraschung: mir macht politische Arbeit Spaß!

Politik ist trotzdem mehr als ein Hobby für mich.

Ich will…

… patriarchale Strukturen aufbrechen.

… dass Kinder sehen können, dass man nicht alt, weiß und männlich sein muss um unsere Gesellschaft zu beeinflussen

…Mut machen, damit zukünftige Generationen von vielfältig besetzten Parlamenten vertreten werden und das für sie ganz selbstverständlich ist. Ein Faktor, von dem wir gerade heute wieder weiter entfernt sind, als wir es schon mal waren.

Darin sehe ich auch meine eigene Verantwortung: ich kann schließlich nicht nach Veränderungen rufen – nach mehr Frauen, mehr jungen Menschen in der Politik – aber dann selbst nicht politisch aktiv sein und diese Veränderungen auch tatsächlich umsetzen.

„Be the change you want to see“

Es ist immer wieder ein Kampf und ich habe oft genug keine Lust mehr, aber ich mache trotzdem weiter, denn wenn nicht wir selbst diese Veränderungen herbeiführen, wird es mit Sicherheit niemand anderes für uns tun.
Es geht um the bigger picture. Das mag für einige befremdlich klingen, aber wenn ich sehe wie Gabriele Andretta 1998 als junge Mutter in den Landtag in Niedersachsen eingezogen ist und für eine Kita gekämpft hat und 2018, also 20 Jahre später, diese Kita endlich eröffnet wird, erkenne ich, wie langsam die Mühlen den Politik mahlen. Wenn wir also einen gesellschaftlichen Wandel wollen müssen wir JETZT damit anfangen.

Ich will nicht nochmal fünfzig Jahre warten müssen, bis endlich Frauen gleichberechtigt in den Parlamenten vertreten sind. Ich will nicht, dass weiter mehrheitlich Männer darüber entscheiden was ich mit meinem Körper machen darf und was nicht, zum Beispiel, wenn es um die Gesetzgebung zur Abtreibung geht. Ich habe es satt, dass auf politischen Veranstaltungen Podien nur mit Männern besetzt werden, weil man angeblich “keine kompetente Frau gefunden hat“.

Ich werde nicht einfach daneben stehen und Rückschritte zulassen. Ich werde mich jeder Diskussion stellen und mich einmischen. Braucht es nicht gerade uns, diejenigen, die nicht aufhören wenn es mal nicht ganz einfach ist? Diejenigen, die weitermachen, auch wenn es scheint, als wäre die ganze Welt gegen uns?

Ich glaube: ja.

Meine fünf Gründe

Das hier sind auf jeden Fall meine fünf Gründe weshalb ich glaube, dass wir mehr Frauen in der Politik brauchen und dass diese Frauen Entscheiderinnen sein sollten.

  1. In Deutschland dürfen Frauen seit 100 Jahren wählen, trotzdem haben wir 2017 einen Bundestag mit einem Frauenanteil von 31 % gewählt .
  2. Im Jahr 2016 hatten wir an den Hochschulen bei den Studierenden einen Frauenanteil von 50,5 %. Die Mär von: „Es gibt keine qualifizierten Frauen“ besteht aber immer weiter.
  3. Immer wenn irgendwo eine Frau kandidiert, zeigt sie anderen Frauen und Mädchen, dass es möglich ist ein solches Amt zu bekleiden. Es braucht Vorbilder!
  4. Wenn Frauen an den Entscheidungsprozessen beteiligt sind, werden sie für mehr geschlechtsspezifische Fragen eintreten: Frauengesundheit, reproduktive Rechte, Kinderbetreuung und Wirtschaft (Ja, das ist auch ein Frauenthema!).
  5. Politik wird von Menschen gemacht und im Idealfall sollte sie auch für Menschen gemacht werden. Wenn aber überwiegend alte, weiße, Männer Entscheidungsträger sind, ist die eigentliche Vielfalt unserer Gesellschaft nicht gegeben und findet sich entsprechend nicht in politischen Entscheidungen wieder.

Ich habe keine Ahnung, ob ich mal einen Weg in der Politik gehe, der auch nur im Ansatz dem von Barack Obama ähnelt – aber seien wir mal ehrlich, das ist wohl eher unwahrscheinlich. Aber trotzdem kämpfe ich weiter, an meinen Baustellen und in meinen Kapazitäten. Ich bin der Wandel, den ich in der Welt sehen will. Und das macht mir – auch wenn´s nicht immer danach aussieht – Spaß.

 

  • Sabrina Nell

    Mein Eindruck ist, dass ganz viele Menschen Politik als etwas ansehen, das mit ihnen gar nicht so viel zu tun hat. Das ihr Leben nur berührt, wenn sie alle vier Jahre mal ein Kreuzchen zur Bundestagswahl machen sollen (!, nicht etwa dürfen). Dass Politik alle Aspekte des täglichen Lebens beeinflusst, scheint vielen gar nicht so bewusst zu sein.

    Daher: Yay für deine politische Arbeit!

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