„Ich habe es bis hierhin geschafft. Das war so nicht vorgesehen.“ – Ein Interview mit Eddie Izzard

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Ob die Frage „Cake or death?“ oder die Feststellung „This tray is wet!“ (aus der Kantine des Todessterns): Es gibt kaum eine_n Comedian dessen_deren Material ich im Alltag so oft zitiere wie Eddie Izzard. Insofern könnt ihr euch mein Fangirling vorstellen als plötzlich die Möglichkeit aufkam, ihn für kleinerdrei zu interviewen!

Am 14. Juli ist nämlich im Ullstein-Verlag seine Autobiografie „Believe Me: Mein Leben zwischen Liebe, Tod und Jazzhühnern“ auf Deutsch erschienen und der selbst bezeichnete action transvestite war dafür wieder mit ein paar Live-Terminen in Deutschland unterwegs.

Gemeinsam sprachen wir natürlich über das Buch, sein darin beschriebenes Coming Out als trans*, seinen Aktivismus und wie er was Politik angeht „in Zeiten wie diesen (TM)“ eigentlich hoffnungsvoll bleibt (oder auch nicht).

kleinerdrei: Was den kreativen Prozess angeht, gab es da einen Unterschied für dich zwischen dem Schreiben eines Buchs und zum Beispiel der Produktion einer Show?

Eddie Izzard: Ja, ich würde sogar sagen, dass das ein großer Unterschied ist. Bei den Shows mache ich ja etwas, das ich „verbale Bildhauerei“ nenne. Ich probiere da immer wieder aufs Neue viel aus, improvisiere, stelle fest, ob etwas funktioniert oder nicht. Es fängt also mit einer kleinen Idee an und da entwickle ich dann etwas draus. Da geht es also um pure Kreativität die sich auf etwas bezieht, das vorher nicht so existierte.

Jetzt ging es darum, über eine Geschichte zu schreiben, die es vorher schon gab – mein Leben halt. Das erste Kapitel über den Tod meiner Mutter schrieb ich selbst, auch um das zu verarbeiten. Alle anderen Kapitel habe ich diktiert. Laura Zigman hat mich dazu interviewt und schrieb dann das Buch.

kleinerdrei: Was ich ja im Vergleich zu anderen autobiografischen Werken auch sehr spannend finde ist, dass du nicht so erzählst als wäre alles in Stein gemeißelt, sondern auch zugibst, dass du Ereignisse vielleicht ganz anders oder abgewandelt erinnerst…

Eddie Izzard: Ich mag das auch sehr. Die Form des Buchs, also die Abfolge der Kapitel, das kommt von Laura und vom Verlag. Aber ich habe dann teilweise überlegt „Okay, da ist dieses Bild in meinem Kopf, aber war ich überhaupt dort, erinnere ich mich da richtig?“ Ich mag die generelle Vorstellung Erlebnisse aufzuschreiben, aber ich finde das Ganze auch sehr schwer – die Disziplin die es braucht, sich überhaupt dafür hinzusetzen…

kleinerdrei: Autobiografisches Schreiben ist ja im Grunde auch Archäologie für das eigene Leben. Man buddelt Sachen wieder aus, erinnert sich dran… Hast du während des Buchs auch Sachen ausgegraben, die dich vielleicht auch selbst überraschten?

Eddie Izzard: Eher nicht. Aber in der „Believe“-Doku, da gab es diesen Moment. Da hatte ich ja diese Offenbarung, dass ich all das was ich tue auch mache, um meine Mutter wieder zurück zu bekommen. Da brach wohl mein Unterbewusstsein durch, was sehr ungewöhnlich war. Normalerweise analysiere ich etwas und spreche erst dann über meine Erkenntnis. Aber hier war was in mir drin und kam an dem Punkt zum Vorschein und mir wurde klar: „Oh, deswegen mache ich das!“



Trailer zum Dokumentarfilm „Believe“

kleinerdrei: Im Buch sprichst du ja auch zum ersten Mal ausführlicher über dein Leben als trans* Person und den Unterschied wie damals – als du dein Coming Out hattest – über trans* Personen geredet wurde, im Vergleich zu wie diese Diskussion heute aussieht. Wo siehst du denn hier die größten Fortschritte?

Eddie Izzard: Ich habe das Gefühl da hat sich was geändert, wenn auch eher erst seit kurzem. Serien wie „Transparent“ kriegen Golden Globes, Caitlyn Jenner macht ihr Ding – wobei ihre politische Einstellung nicht so meine ist… Die Sichtbarkeit ist allein in den letzten zwei Jahren eine andere geworden. Mein Coming Out war vor 32 Jahren. Ich hatte einfach so ein Bauchgefühl das tun zu müssen, die Wahrheit über mich zu zeigen und das so klar wie möglich auszudrücken, wobei ich auch weiter versuche noch besser darin zu werden. Im Vordergrund steht meine Arbeit, was meine Sexualität und Identität angeht, sehe ich diese eher im Hintergrund. Ich sage immer: „Wenn LGBT als langweilig empfunden wird, dann haben wir’s geschafft.“

kleinerdrei: Welche Geschichten die von trans* Personen über ihr Leben erzählt werden, würdest du denn gerne mal auf der großen Leinwand sehen oder in einem Buch lesen?

Eddie Izzard: Hm, ich glaube ich würde weniger „Hier ist eine Geschichte über trans* Personen“ sehen wollen, sondern vielmehr eine Geschichte, in der jemand was Spannendes macht und dann ist die Person eben zufällig trans*. Wir sagen ja auch nicht „Hier ist was mit Heteros“, sondern würden dann immer noch fragen, was denn die Geschichte dahinter ist. Das ist für mich das Entscheidende: jemand ist halt trans*, jemand ist halt schwul, jemand ist halt hetero… für mich geht es dann aber vor allem um das was drumherum passiert. Wenn du ein größtmögliches Publikum anziehen willst, was man ja logischerweise [mit so einem Film] möchte, dann sollte man in den Vordergrund rücken, welche Geschichte erzählt wird und Leute so dafür interessieren. Und dann wird eben im Hintergrund klar „Oh, die Person ist zufällig XYZ“.

kleinerdrei: Als ich dich das letzte Mal in Berlin sah, hattest du gerade angefangen „Force Majeure“ auf Deutsch zu performen. Damals sah ich die allererste Vorstellung und dann die letzte und war sehr beeindruckt von der Entwicklung. Ich habe auch sehr großen Respekt davor, weil mir klar wurde, dass wir es nicht gewohnt sind, erwachsene Menschen auf einer großen Bühne in so einer verletzlichen Situation zu sehen. Du machst ja direkt deutlich „Hey, ich lerne das alles gerade erst, ich bin nicht perfekt, das gehört zu diesem Prozess dazu“. Ist das eigentlich Teil dessen was du damit beabsichtigst?

Eddie Izzard: Nein, ich versuche ja eigentlich direkt von Anfang an perfekt zu sein. Was ich aber gut kann, ist Sachen trotz einer möglichen oder tatsächlichen Erniedrigung durchzuziehen, gerade wenn’s darum geht etwas Neues anzufangen. Das hat mir mein Coming Out gebracht, das ist ein Geschenk an mich selbst. Bei allen Sachen, mit denen du irgendwie zu kämpfen hast, kommen auch solche zufälligen Geschenke dabei heraus – auch wenn vielleicht nicht immer gleich erkennbar ist, was sie beinhalten.

Mein Coming Out war aufreibend und schwierig. Es war eine holprige Angelegenheit, wenn du zum Beispiel versuchst einen Stil zu entwickeln, der dich glücklich macht und gleichzeitig musst du damit rechnen von Leuten auf der Straße mindestens komisch angeguckt zu werden. Es war auf jeden Fall mein Anliegen das Thema Transgender weiter in die Gesellschaft zu tragen, was mittlerweile ja auch geklappt hat, finde ich. Natürlich nicht allein meinetwegen, aber ich habe meinen kleinen Anteil dazu geleistet. Ich wollte einfach einen Platz für mich selbst schaffen.

Der Anfang hierzu war hart – wenn Leute zum Beispiel mit dem Finger zeigten und lachten – aber mit der Zeit wurde es leichter und nun kann ich das auf andere Sachen übertragen an denen ich arbeite: Also auch auf meine Show in Französisch, Deutsch, Spanisch und dann kommen noch Arabisch und Russisch dazu. Wenn ich heute Fehler mache, kann ich die mit Selbstvertrauen überspielen oder ich sage halt „Was habe ich da gemacht?“ und wenn alles gut geht, ist das Publikum so drauf, dass es denkt „Ist doch okay, du probierst halt was aus“. Wäre meine Show strikter aufgebaut und ich würde perfekt sein wollen, dann würde das alles in sich zusammenfallen. So ist es eine Mischung aus Selbstvertrauen, Chuzpe und auch mal sorry sagen zu können.

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kleinerdrei: Dein Buch könnte ja auch zusammengefasst werden mit dem Satz „raffinierter Zucker ist schlecht und Gott existiert nicht“. Ich stieß neulich aber auch auf ein Interview in dem du sagst, du bist spiritueller Atheist. Das heißt, du glaubst an die Menschheit. Angesichts des andauernden brennenden Müllhaufens der sich Weltpolitik nennt: Wie kannst du diesen Glauben gerade aufrecht erhalten?

Eddie Izzard: Ich denke, dass man sich diesen Glauben bewahren muss. Ich kann natürlich nicht beweisen, dass es mehr Gutes als Böses in der Welt gibt, aber wir müssen einfach daran glauben, sonst können wir auch jetzt schon aufgeben. Es ist natürlich schwer einzuschätzen, aber ich frage mich, ob es gleichermaßen viele progressive wie regressive Menschen gibt, gerade wenn die rechten extremen Kräfte gerade alles auseinander reißen, Mauern bauen wollen, Hass verbreiten… Ich denke es gibt auch einen großen Teil in der Mitte, der sich zwischen ängstlich und entspannt bewegt und diesen Teil muss man überzeugen.

kleinerdrei: Also würdest du die rechte Seite gar nicht mal ansprechen?

Eddie Izzard: Nein, diese Leute sind in ihrer Welt aus Hass, Abspaltung und Negativität verloren. Ich weiß nicht genau was da passiert, ich kann es nicht nachvollziehen. Ich identifiziere mich damit, mit mir selbst zufrieden zu sein und gleichzeitig mutig wie neugierig zu bleiben – statt angsterfüllt und misstrauisch. Ich glaube eine vorsichtige Neugier bringt uns einfach weiter.

Wir müssen diesen Planeten noch in diesem Jahrhundert zum Laufen bringen. Also so, dass alle Menschen eine faire Chance bekommen, um ein gutes Leben zu führen. Das ist das Endziel, also müssen wir uns fragen wie wir dort hinkommen. Was das Wahlverhalten vieler Leute angeht, scheißen da viele gerade leider drauf. Menschliche Wesen verwirren mich einfach immer wieder. Wenn man sich die weltgeschichtliche Entwicklung ansieht, war das immer irgendwie auch abgefuckt.

Wenn du dir die Wikinger anguckst: die tauchten einfach auf, vergewaltigten und plünderten einfach alles. Caesar hat alle umgebracht, die nicht mit ihm einer Meinung waren und trotzdem gilt er heute irgendwie als „interessanter Typ“, bei Napoleon ist es ähnlich… Ich versuche einfach rauszufinden, ob wir uns als menschliche Wesen über die Jahrhunderte weiterentwickelt haben und das scheint nicht wirklich der Fall zu sein.

kleinerdrei: Das finde ich gerade auch als Aktivistin immer wieder sehr frustrierend. All die Aufklärungsarbeit die man leistet und wenn eine Errungenschaft gelingt, wird sie aber auch direkt wieder gegen uns verwendet, statt zu verstehen, dass das nur ein Puzzleteil im Gesamtbild sein kann. Irgendwann kommt man da an den Punkt des „Macht doch euren Mist alleine“. Aber am Ende kehre ich halt doch wieder zu einer hoffnungsvollen Einstellung zurück und mache weiter…

Eddie Izzard: Ja, das Glas ist halb voll oder halb leer. Ich bin der Typ „Das Glas ist zwei drittel voll“. Ich meine, ich habe es bis hierhin geschafft. Das war so nicht vorgesehen, wenn man sich die gesellschaftlichen Regeln der Zeit anschaut, in der ich angefangen habe. Da durftest du nicht „out“ sein, dabei noch eine Karriere haben und obendrein noch Comedy und Schauspielerei machen – und dann noch Marathon laufen und auch noch in die Politik gehen

kleinerdrei: Haben dir denn auch Leute vom Coming Out abgeraten?

Eddie Izzard: Viele waren es nicht, aber einige rieten mir, es meinem Vater nicht zu sagen. Ich merkte halt wie meine Karriere langsam Fahrt aufnahm und wollte es dann auch der Presse möglichst früh mitteilen. Nach meinem ersten Coming Out hatte ich sogar das Bedürfnis, alle Menschen auf der Welt zu meinem Coming Out zu befragen.

*klingelt an einer imaginären Tür und guckt auf einen imaginären Fragebogen* „Dingdong! Hallo wir machen ein Befragung. Es gibt da eine Person die ich kenne – nicht ich, sondern jemand ganz anderes – und die ist trans*, steht auf Frauen, ist also auch irgendwie lesbisch. Sollte die Person diese Information über ihre Sexualität/Identität vorenthalten oder sollte es ein Coming Out geben? Sie soll einfach lügen und nichts sagen? Aha okay, danke…“ *notiert etwas im imaginären Fragebogen*

Ich dachte trotzdem „Ich muss das tun“, ich muss dieses Coming Out durchziehen, ich muss mir das hier erkämpfen, es war einfach der richtige Schritt für mich.

kleinerdrei: Was deine politische Zukunft angeht habe ich gehört, dass du kandidieren willst, um Mitglied des britischen Parlaments zu werden. Wie weit sind diese Pläne denn schon fortgeschritten?

Eddie Izzard: Ich werde in der ersten Wahl nach 2020 antreten.

kleinerdrei: Und was machst du bis dahin?

Eddie Izzard: Ich bin ja seit 2008 als Aktivist unterwegs, das werde ich also bis dahin auch weiter tun. Ansonsten Wahlkampf machen und versuchen positiv zu bleiben und der Labour Party, wo ich ja Mitglied bin, helfen. Viele Menschen wissen ja auch schon wie ich so drauf bin, woran ich glaube und wofür ich kämpfe.

Ich versuche da auch weitgehend einfach ein positives Vorbild zu sein. Den Gedanken anzutreten hatte ich schon länger. Andere Schauspieler wie Arnold Schwarzenegger und Ronald Reagan sind ähnliche Wege gegangen. Oder Al Franken, er ist ein U.S.-Senator und hat auch als Comedian angefangen. Insofern habe ich schon länger überlegt wie es wäre in die Politik zu gehen und dort einen positiven Einfluss auszuüben. Wenn ich eine solche Entscheidung erst mal getroffen habe, dann klemme ich mich auch dahinter.