FRAUEN STIMMEN GEWINNEN – Warum ich über das Mitmachen schreibe

Foto , CC BY-NC 2.0 , by carnagenyc

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Laura.

Laura schreibt für FRAUEN STIMMEN GEWINNEN – Ein Blog zur Bundestagswahl 2017 vom Autonomen Frauenzentrum Potsdam in Kooperation mit dem Frauenpolitischen Rat des Landes Brandenburg. Das Projekt ist finanziell gefördert von der Brandenburgischen Landeszentrale für Politische Bildung (Vielen Dank!). Jennifer hat für diesen Text die GIFs ausgewählt, ihn editiert und betreut die Social Media Accounts des Projekts.


Blog von FRAUEN STIMMEN GEWINNEN Facebook-Seite @frauenstimmen

Im Sommer 2013 bekam meine Freundin Emese ihren deutschen Pass. Emese ist aus Ungarn, aber ihre Oma hatte ihr praktischerweise die deutsche Staatsbürgerschaft vererbt. Jetzt hatte sie endlich allen Papierkram erledigt und unter anderem das Wahlrecht bei der gerade anstehenden Bundestagswahl erworben. Als ich sie fragte, ob sie es denn auch nutzen würde, sagte sie etwas kleinlaut, dass sie sich mit deutscher Politik ja gar nicht auskenne.

Ich dachte mir: “Das lässt sich ändern!” Spontan organisierte unser ganzer Freundeskreis einen politischen Salon. Jede Woche las jemand dafür ein Wahlprogramm und stellte es dann den anderen vor. Vorkenntnisse waren nicht erforderlich; alle Fragen waren erlaubt. Am Ende des Abends wurden – wie beim Eiskunstlaufen – A- und B-Note verteilt für Inhalt und Stil. Jaja, ich weiß wie das klingt, aber ich schwöre hoch und heilig, dass es großen Spaß gemacht hat! Wir haben auch sehr viel Wein getrunken.

Kurz vor der Wahl stellten wir alle fest, dass wir noch nie eine so gut informierte Wahlentscheidung getroffen hatten. Mir wurde klar, wie sehr ich mein Kreuz in der Vergangenheit nach Gefühl gesetzt und ich mich unbewusst am Wahlverhalten meiner Eltern orientiert hatte. Aber dieses Mal war ich top informiert. Der Wahltag war strahlend sonnig und ich platzte fast vor Genugtuung. “Guckt mal alle her, wie gut ich hier meine demokratische Pflicht erfülle!” Ein tolles Gefühl!

Süchtig nach Demokratie

Und es macht süchtig. Ein Jahr später war Landtagswahl in Brandenburg und ich unterstützte sie als Wahlhelferin. Ich hatte mich vorher oft gefragt, warum so viele Leute nicht wählen gehen. Ich hatte irgendwie immer unterstellt, dass sie etwas anderes wichtiger fänden und dachte vorwurfsvoll: “Wie könnt ihr nur! Das dauert fünf Minuten. Könnt ihr euch nicht alle paar Jahre mal fünf Minuten Zeit nehmen für die Demokratie? Das wahrhaftig freie Wahlrecht ist so ein wertvolles Gut und in meinem Teil des Landes ist es sogar noch jünger als ich. Wie können wir alle schon vergessen haben, wie schlimm es ohne war?”


Der Tag im Wahlbüro war erhellend. Die Begegnung mit den Wählenden gab mir interessanterweise ein besseres Gefühl für diejenigen, die nicht da waren. Mir leuchtete langsam ein, dass ganz viele Menschen Politik nicht als etwas begreifen, das irgendetwas mit ihnen zu tun hat. Jetzt verstand ich auch den Satz, den ich schon so oft von Bekannten hörte: “Ich interessiere mich nicht für Politik.”

Diejenigen, die diesen Satz sagen, interessieren sich aber sehr wohl dafür, wieviele Urlaubstage sie haben, ob das Kind einen Kita-Platz kriegt und wieviel der Anwohnerparkausweis kostet. Sie interessieren sich auch dafür, wo die nächste Klassenfahrt hingeht, oder ob es beim Stadtteilfest auch einen Stand mit veganem Essen gibt. Aber Politik sind für sie diese langweiligen Pressekonferenzen mit den immer gleichen, grauen Gesichtern.

Wir Menschen leben zum allergrößten Teil in Gemeinschaften. Keine Gemeinschaft kommt drum herum, sich Regeln für das Zusammenleben aufzuerlegen. Wie geben wir uns welche Regeln? Wie gestalten wir unsere Gemeinschaft? Das ist Politik. Und sie berührt alle Bereiche unseres Lebens. Oft gehörte Sätze wie „Politik gehört nicht ins Stadion“ oder “Politik hat beim ESC nichts zu suchen” ergeben keinen Sinn. Politik ist nicht nur Bundestag und Ausschüsse, es ist die Gestaltung der eigenen Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft kann die Schulklasse sein, die Nachbarschaft, die Stadt, oder eben Deutschland. Wenn wir uns einbringen und Dinge tun, die unser Umfeld prägen und verändern, dann ist das Politik!


FRAUEN STIMMEN GEWINNEN

Dieses Einbringen und Mitmachen verlangt uns einiges ab.

“Aber ich kann gerade nicht. Ich hab so viel zu tun auf Arbeit, muss für die nächste Prüfung lernen und mich um das Baby kümmern. Die neue Staffel von ‘Master of None’ guckt sich auch nicht von alleine und überhaupt habe ich keine Lust.”

Meine Mutter würde jetzt sagen: “Dann machst du es ohne Lust.”

Denn hier ist die schlechte Nachricht: In unserem politischen System ist Mitmachen zwingend erforderlich. Da führt kein Weg dran vorbei. Die Demokratie kann auf niemanden von uns verzichten. Ja, es nervt manchmal und ja es ist anstrengend. Ja, wir bewegen uns allzu oft in Systemen die gezielt versuchen uns abzulenken und abzuhalten. Ja, wir müssen zum Teil riesige Widerstände überwinden, um das Recht auf Teilhabe wahrnehmen zu können. Das Leben ist nicht einfach.

Aber jetzt die gute Nachricht: Das Projekt FRAUEN STIMMEN GEWINNEN will dabei helfen, es euch allen ein bisschen einfacher zu machen. Hier lesen wir die Wahlprogramme für die kommende Bundestagswahl und stellen sie euch in verständlichen Worten auf unserem Blog vor. So einfach ist das. Nur den Wein müsst ihr noch selbst bereit stellen. Und wenn die Lektüre euch dazu anregt, die politische Diskussion zu suchen, umso besser!

Und weil Mitmachen eben nicht bei Wahlen beginnt und aufhört, machen wir noch mehr. Jeden Freitag gibt es einen Mitmach-Tipp. Das ist ein ganz konkreter Vorschlag, wie wir uns in der jeweiligen Woche einbringen können. Es gibt immer etwas, was wir tun können, um unsere Gemeinschaft mitzugestalten, auch wenn es nur etwas ganz kleines ist. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Besuch im Landtag? Abstimmen beim Bürgerhaushalt? Oder eine kleine Spende für den Verein, der sich für Geflüchtete engagiert?

Die kleinen guten Taten

In ihrem lesenswerten Essay namens „Political Paralysis“ schrieb die Autorin und Professorin Danusha Veronica Goska dazu:

Sometimes we convince ourselves that the “unnoticed” gestures of “insignificant” people mean nothing. It’s not enough to recycle our soda cans; we must Stop Global Warming Now. Since we can’t Stop Global Warming Now, we may as well not recycle our soda cans. It’s not enough to be our best selves; we have to be Gandhi. And yet when we study the biographies of our heroes, we learn that they spent years in preparation doing tiny, decent things before one historical moment propelled them to center stage.

Manchmal reden wir uns ein, dass die “unbeachteten” Gesten “unwichtiger” Menschen nichts bedeuten würden. Dann reicht es nicht aus, unsere Getränkedosen zu recyclen. Sondern wir müssen den Klimawandel jetzt sofort aufhalten. Weil wir aber den Klimawandel nicht jetzt sofort aufhalten können, können wir das mit dem Recyclen auch gleich sein lassen. Es reicht dann nicht, einfach unser bestes “Ich” zu sein; wir müssen gleich Gandhi sein. Aber wenn wir uns die Biographien unserer Vorbilder anschauen, erfahren wir, dass sie sich jahrelang vorbereitet haben und kleine, gute Taten vollbrachten, bevor ein historischer Moment sie ins Rampenlicht beförderte.

Wir müssen also alle mitlesen, mitdenken, mitmachen. Und wenn die Welt unveränderlich scheint, bleiben uns immer noch die kleinen, guten Taten. Die nächste Klassenfahrt organisieren, zum Beispiel. Oder eben wählen gehen.

  • Vera Spatz

    Ein fantastischer Artikel!
    Empfehlenswert und zwar sehr!