Lasst uns doch einfach in Ruhe verhandeln

Foto , CC BY 2.0 , by stephanski

Dies ist ein Beitrag aus unserer Rubrik kleinergast, in der wir alle Gastartikel veröffentlichen. Dieses Mal kommt er von Solveig.

Solveig Hoffmann lebt in Leipzig und arbeitet in den Bereichen Performance, Kulturpädagogik und transmediales Erzählen. Sie liebt es, seltsame Dinge im öffentlichen Raum auszuprobieren und mit völlig fremden Menschen in Kontakt zu kommen. Jetzt gerade erlebt sie allerdings die Elternzeit hat deshalb keinen Feierabend mehr. Als das noch anders war, hat sie öfter kleine Gegenstände gehäkelt, die Kinder gerne haben wollten aber nicht haben durften: etwa ein scharfes Messer, eine Spritze und einen Kackhaufen.


Blog von Solveig @sollylectric

Das Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ war schon eines, als ich noch in den Kindergarten ging – damals für meine Mutter, die über Betreuungszeiten und Ähnliches schimpfte. Was der Staat leistete oder nicht leistete wurde regelmäßig beim Abendbrot besprochen und die Bilanz meistens für mangelhaft befunden.

Das Thema „Arbeitsteilung in der Partnerschaft“ war ebenfalls eines, allerdings wurde es bei uns zu Hause deutlich leiser behandelt. Es ging nicht darum, dass mein Vater mehr oder weniger oder gleich viel Care-Arbeit hätte leisten sollen – zumindest erinnere ich das nicht. Vielmehr schimpfte (auch hier) meine Mutter über die mangelnde allgemeine Anerkennung für die Arbeit, die sie zu Hause leistete. Sie gab die Verantwortung an die Gesellschaft zurück, ein Begriff, der abstrakt blieb und niemanden konkret zur Verantwortung zog. Trotzdem: meine Mutter war mein erstes Rollenmodell und sie schlug sich tapfer. Aber an Aushandlungsprozesse zwischen ihr und meinem Vater, die es sicher gegeben hat, kann ich mich nicht erinnern. Westdeutschland in den 80ern.

Das alles ist nun rund 30 Jahre her, und bis heute scheint es mir, dass sich die Diskussion immer wiederholt – es sollen mehr Kinder geboren werden, die Vereinbarkeit von Kind und Karriere soll gefördert werden, die Politik tut dieses oder jenes, Betriebskindergärten sollen her… Es stimmt, es zeigen tatsächlich alle mit dem Finger aufeinander. Und jetzt auch auf mich.

Jeden Zentimeter verhandeln

Als ich schwanger wurde, fragten Kolleginnen mich als erstes, wie lange ich aussetzen würde. Sechs Monate erschienen vielen machbar . Ich grummelte meistens etwas von „mal auf mich zukommenl lassen“ und fühlte mich hin- und hergerissen zwischen all den neuen Ansprüchen, die auf mich zukamen. Das Thema „Vereinbarkeit“ schien im Wesentlichen zu bedeuten: nicht in die Falle tappen, beruflich abgehängt zu werden, trotzdem bitte möglichst mehrere Kinder bekommen und ganz toll für sie da sein. Und weil das nicht geht: Immer auf die Politik schimpfen.

Nun gibt es meiner Auffassung nach viele gute Gründe auf die Politik zu schimpfen – doch damit ist es eben nicht getan. Wir müssen uns auch miteinander streiten – in den Familien, mit den Partner*innen. Deshalb beginne ich ausnahmsweise mit der privaten Seite des Problems, bevor ich mich mit der gesellschaftlichen Seite befasse.

So also lebe ich: Vater, Mutter, Kind, ich bin derzeit zu Hause, der Vater geht arbeiten, erschreckend klassisch. Alles andere hätten wir uns finanziell nicht leisten können, denn ich bin freie Künstlerin und verdiene sehr wenig. Mein Freund interessiert sich nicht für Feminismus, aber für mich, und nun haben wir also einen kleinen Sohn. Der will einfach nur versorgt werden. Und wir verhandeln. Meine Fresse, wie wir verhandeln. Vielleicht ist das die Aufgabe unserer Generation: Dass wir jeden Zentimeter unseres Zusammenlebens und unserer Rollenverteilung verhandeln müssen. Wir fangen doch gerade erst an, uns zu verstehen!

Auch mein Freund hat sein Rollenmodell, seinen Vater: Ein Mann, der nicht bei der Geburt seines Sohns dabei war, der keine Elternzeit hatte, für den es normal war, dass Frauen Vollzeit arbeiten und zudem Kind und Haushalt übernehmen. Ostdeutschland in den 80ern: Das ist die Welt, in die mein Freund hineingeboren wurde.

Egal, ob ostdeutsche oder westdeutsche 80er Jahre Kindheit: Verhandlungsprozesse zwischen unseren Eltern haben wir beide persönlich nicht erlebt. Das wollen wir anders machen. Also sprechen wir miteinander. Wir hören, was der oder die jeweils andere sagt. Und verstehen. Verschiedene Dinge.

Er sagt: Ich bin mir nicht so sicher, ob ich bei der Geburt dabei sein will.

Er meint die Angst davor, was da von ihm erwartet würde, dass er irgendwie assistieren solle. Doch ich höre: Er lässt mich da allein!

Wir haben es geklärt.

Ich sage: Ich will, dass du die ersten 8 Wochen mit mir zu Hause bleibst!

Ich meinte meine Angst, mit der neuen Situation nicht fertig zu werden. Mein Freund dachte: Das schaffen doch alle. Und er hat Angst, dass sein Arbeitgeber ihm dann das Urlaubsgeld streicht, das können wir gut gebrauchen.

Eine harte und langwierige Diskussion.

Wir haben es geklärt.

Die Partnerschaftsmonate stehen an.

Er: Ja, ich gehe in Teilzeit.

Ich: Prima.

Eine Woche später:

Ich: Was denkst du, wie lässt sich das genau gestalten?

Er: Na ich geh auf 30 Stunden runter!

Ich: 30 Stunden?!

Wir haben auch das geklärt.

Die Kommunikation ist schwierig, weil sich unsere verschiedenen Erfahrungen mit existentiellen Ängsten zu diffusen Aussagen mischen, die aufgedröselt werden wollen, bevor wir entscheiden können. Freunde haben mich gefragt, wie wir das konstruktiv lösen. Die Wahrheit ist, dass es sich meistens überhaupt nicht konstruktiv anfühlt.

Eine Liste und zwei, die sie abarbeiten

Da war der für mich sehr untypische Tobsuchtsanfall in der Schwangerschaft, als ich befürchtete, mit der Haushaltsarbeit ganz allein zu bleiben. So wütend hatte ich selten gebrüllt, entsprechende Aufmerksamkeit konnte ich erzielen. Das war keine Strategie, das war der pure Zorn. Noch monatelang hing danach ein Zettel in unserem Wohnzimmer, auf dem per Strichliste dokumentiert wurde, wer welche Aufgaben im Haushalt erledigte. Ohne Vorgaben – es wurde die Liste des schlechten Gewissens. Interessanterweise auch für den einen oder anderen Freund, der sie bei uns las um dann umgehend seiner Partnerin mitzuteilen, dass er dagegen sei, das auch bei sich einzuführen. Meine Freundinnen mit und ohne Kinder fanden die Idee hingegen überwiegend gut: „Das brauchen wir auch mal!“ Irgendwie sind wir aber die einzigen mit dem „unlustigen Zettel“ geblieben.

Nach der Geburt änderte sich die Liste: Wir schrieben nicht mehr auf, wer was im Haushalt machte, sondern was wir mal wieder für uns tun wollten. Mein Freund wollte einen Ausflug machen, mal wieder ins Kino gehen. Ich wollte ungestört essen. Recht verschiedene Ansprüche. Sie standen unkommentiert nebeneinander und wurden nach und nach erfüllt.

Soweit die Strategien. Oftmals finden die Verhandlungen aber anders statt: Türen knallen, wegen Kleinigkeiten rumschreien, nicht miteinander reden, mit Absicht irgendwas tun oder unterlassen – das ganze Konfliktrepertoire aus dem Kindergarten kommt hier zum Einsatz. Es wäre unehrlich, das nicht zuzugeben. Wir sind kein Gleichberechtigungs-Mediations-Projekt, sondern Menschen, die keine Lust haben, das Bad zu putzen.

Das Private bleibt politisch

Zur Politik: Die möchte gern erreichen, dass Menschen mehr Kinder bekommen, am besten gebildete Menschen mit gebildeten Kindern. Überspitzt ausgedrückt fühle ich mich da als Akademikerin schon als umworbene Eizellenträgerin, die nun bitte endlich (mit über 30 Jahren!) den Spagat auf sich nimmt, Kind und Karriere miteinander zu vereinbaren. Ich sehe das nicht ein. Schließlich bin ich es, die dann mit Schlafmangel, weinendem Kind und trotzdem noch unterbezahlt-weil-weiblich den ganzen Stress abkriegt. Wenn ich das auf mich nehme, dann doch deshalb, weil ich mir diesen kleinen Menschen ehrlich gewünscht habe. Die Vorstellung eine lebenslange Beziehung zu meinem Kind einzugehen gefällt mir. Der Gedanke an die Rentenkasse bleibt dagegen recht abstrakt.

Natürlich finde ich es gut, dass es überhaupt Unterstützung wie das Elterngeld gibt, die mir hilft, meine Vorstellung zu verwirklichen. Aber die Rechnung, dass man Menschen finanzielle Sicherheit gibt und diese sich dann vermehren und dem System in der Zukunft nützen, die hinterlässt bei mir ein Unbehagen. Mein Sohn ist natürlich auch ein Wirtschaftsfaktor, aber das ist doch nicht der Sinn und Grund seiner Existenz. Die Bedürfnisse einer Wirtschaft, die Geburten mit Blick auf kommendes Humankapital „will“, die Elternzeit als Ausfallzeit wahrnimmt und Teilzeit als minderwertig (als ob eine Stunde mehr oder weniger Minuten haben könnte), die muss und will ich nicht oder nur bedingt versorgen. Denn dass es so schwierig ist, mit Kindern in dieser Gesellschaft zu leben, das liegt vor allem an eben diesem wirtschaftlichen System das uns vielleicht ein Elterngeld finanziert, aber jede Menge Zeit für persönliche Unterstützung aus dem Umfeld stiehlt. Eigentlich wünsche ich meinem Sohn, dass er letzteres eben auch erleben kann.

Deshalb plädiere ich familienpolitisch für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dann könnte mein Freund endlich länger zu Hause bleiben, ohne dass wir aus unserer Wohnung ausziehen müssten. Zu Hause neue Erfahrungen machen. Und die dann wieder an unseren Sohn weitergeben.

Bis dahin bleibt uns ganz persönlich noch die letzte und umfassendste Strategie im Umgang mit Stress: Humor. Zu diesem Zweck zitieren wir mehrmals täglich die Konfliktlösungsstrategie aus den (ansonsten gar nicht schlechten) Elternbriefen des Kinderschutzbundes:

„Als du neulich abgewaschen hast, konnte ich super auf dem Sofa entspannen. Wann machst du das mal wieder?“

Das rettet die Beziehung. Versprochen.

  • Janina

    Deine Situation kann ich persönlich sehr gut nachempfinden, diese Gedanken habe ich auch. Mal wirklich die Ängste auszusprechen und zu sehen, wie das dann vom Partner interpretiert wird, finde ich gut. Man macht sich oft tatsächlich erstaunlich wenig Gedanken darüber was diese Ängste, diese Dinge, die Verhandlungsprozesse, eigentlich aussagen und bedeuten sollen. Danke für den Artikel!

    • van der Hoffmann

      Ich kenne kein Paar, bei dem es nicht rund ums Kinderkriegen auch mal ordentlich geknallt hätte… Aber darüber redet niemand gern. Jetzt, wo ich mich getraut habe: Danke für den Zuspruch, das tut gut!

  • Laura

    Mir fehlt in dem Artikel die Information, wie die Klärungen in den angesprochenen Situationen ausgesehen haben.

    Grundsätzlich bin sehr für eine 50:50 Teilung aller Rollen und sehe dazu auch Verhandlungen als extrem wichtig an. Wobei die wichtigsten Punkte m.E. VOR der Schwangerschaft paktiert sein sollten!!! Ist das Kind einmal da, ist man in einer viel schlechteren Verhandlungsposition.