Herbstliebe

Foto , CC BY 2.0 , by Joel Olives

Bevor ihr diesen Beitrag lest, solltet ihr in einem neuen Tab noisli.com öffnen und dort “Regen”, “Wind” und “raschelnde Blätter” einstellen.

I love you but I’ve chosen Herbst

Herbst. Matschige Blätter, bleigrauer Himmel, kalter Niesel. Wie kann man nur Herbst mögen! Herbst bedeutet, bald ist Winter, und der Sommer ist vorbei. Und der Frühling noch weit. Solche Wehklagen höre ich oft von meinen Freund_innen. Was soll ich sagen: I hear ya! Sommer ist schön, Winter grau. Aber ich kann es nicht ändern. Mein Herbst Herz schlägt für den Herbst. Es gibt immer einen Tag, Ende August vielleicht oder irgendwann im September, wenn auf einmal so ein bestimmter Hauch in der Luft ist, und ich nichts anderes denken kann als… “ENDLICH!”. Endlich wieder Herbstsonne, die alles viel schärfer und gleichzeitig sanfter erscheinen lässt. Endlich wieder regelmäßig bewölkter Himmel, der mich versteht wie ein alter Freund. Endlich kommt wieder ein bisschen mehr Morbidität ins Stadtbild mit welken Blättern und Pfützen und Straßenlaternen, die in der feuchten Luft verschwiemelte Lichtkugeln bilden. Schöne kühle Luft. Strumpfhosen. Schnürschuhe. Mäntel. HEISSE GETRÄNKE.

leaves

Blame Hollywood

In meiner Kindheit bedeutete Herbst: Kastanienmännchen, Buntpapier-Drachen am Klassenzimmerfenster, Maronen sammeln und daheim frisch schälen, wenn die innere Haut noch ganz gummiartig ist und sich leicht abpulen lässt. Sehr gemütlich, sehr deutsch. Aber in Wahrheit gab es damals auch schon Sehnsüchte in eine ganz andere Richtung. Jahrzehnte bevor der Einzelhandel beschloss, dass Deutschland jetzt auch eine Halloween-Tradition hat, träumten meine Schwester und ich von ausgehöhlten Kürbissen und gruseligen Kostümen, während im Kino die “Addams Family” lief und wir auf unserem ersten eigenen Fernseher US-Serien verschlangen. Wir überredeten meine Mutter, eine Halloween-Party feiern zu dürfen, und mussten am Ende die Kürbis-Deko selbst aus orangenem Tonkarton ausschneiden (pädagogisch wertvoll), denn es gab einfach nichts entsprechendes zu kaufen. Heute ist die US-amerikanische Tradition schon ein relativ fester Bestandteil des allgemeinen Herbstbildes – zumindest, wenn man sich viel im Internet aufhält, wo spätestens ab dem 1. Oktober 🎃👻💀 überall sind.

october

halloween

Überhaupt hat die Popkultur in den letzten Dekaden viel für das #teamherbst getan. In Hogwarts ist gefühlt 50% des Jahres Herbst (was auch daran liegen könnte, dass dies in Schottland tatsächlich der Fall ist). In Stars Hollow, der Heimat der Gilmore Girls, wird man das Gefühl nicht los, in jeder 2. Folge ist das beschauliche Städtchen mit Kürbissen und Heuballen dekoriert. Und traditioneller: Schauermärchen, Feen, Elfen, Mittelerde – das passt alles am besten in Ohrensessel vor nebligen Fenstern an heissem Tee, auch wenn in Wahrheit die wenigsten einen Ohrensessel besitzen. Man merkt daran schon, der Herbst ist nicht auf eine Jahreszeit beschränkt.

hogwarts

Auf in den Herbst! Äh, nach Hogwarts.

Flucht ins Autumland

Halloween, Harry Potter, GIFs mit Tieren, die aus buntem Laub schauen. Das ist ja alles sehr schön. Aber mein Herbstgefühl hat auch eine persönlichere Seite. Euch kann ich es ja sagen: Sommer stresst mich meistens. Natürlich freue ich mich über die ersten warmen Tage, Sommerkleider tragen, in lauen Nächten ewig draussen sitzen, mit Freund_innen Dinge grillen und den Sonntag verdösen. Doch Sommer kann mir auch richtig zusetzen. Der Sommer will zu viel von mir. Er ist anstrengend. Er will, dass ich mir Zeit für ihn nehme. Ihn richtig geniesse! Und macht doch nur, dass ich mich ungenügend und unglücklich fühle. Der Herbst ist nicht nur ruhiger, er lässt mich auch in Ruhe. Der Herbst lässt mich sein. Viele Menschen kriegen Winterdepression und das ist sehr schlimm und wünsche ich niemand. Aber die seasonal affective disorder lauert für mich im Sommer. Dann wünsche ich mir nichts sehnlicher als einen freundlichen, grauen Himmel, der mich zudeckt. Oder ein krachendes Gewitter, nach dem es nicht wieder warm wird.

An einem dieser düsteren Momente an einem Augustsonntag vor zwei Jahren, ich hatte meinen absoluten Sommer-Sättigungspunkt erreicht und war insgesamt ein kleines Häuflein Elend, landete ich – natürlich – im Internet. Und machte auf tumblr die Entdeckung, dass ich nicht auf den Herbst zu warten brauchte: der Herbst war längst auf tumblr, in seiner idealisiertesten Neu-England-Version. Pinterest-Herbst. Autumnland. Ungebremst leidenschaftliche Herbst-Enthusiast_innen pinnen und tumblern dort Bilder und GIFs ohne Zahl. Rot-gelbe Herbstwälder. Einsame laubbedeckte Straßen und Parkbänke. Verandatreppen mit Kürbissen dekoriert. Straßenlaternen im Nebel. Hände in Strickstulpen, die eine dampfende Tasse Kaffee halten. Füße in Schnürschuhen und Strickstulpen. Überall Strick. Strickdecken, auf denen aufgeschlagene Bücher liegen. Lodernde Kamine, vor denen Strickdecken liegen. Mit einer Tasse dampfendem Kaffee daneben. Pumpkin Spice pie. Pumpkin Spice cookies. Dampfender Kaffee mit Sahne und Pumpkin Spice… well, you get the picture.

Es ist kitschig, es ist repetitiv, es ist an vielen Stellen ziemlich US-amerikanisch geprägt. Weiß-Ostküsten-US-amerikanisch, um genau zu sein. Ein guilty pleasure vielleicht. Wenn ich genug von allem habe, egal zu welcher Jahreszeit, verschwinde ich manchmal ins Autumnland. Dann re-blogge ich eine dampfende Kaffeetasse vor buntem Laub oder einen Haufen Kürbisse oder eine neblige Waldlichtung, und denke für einen Moment an nichts weiter.

Eine Straße durch einen Herbstwald.

(CC BY-ND 2.0)

Und der Späti leuchtet uns heim

Sicher hat sich meine Liebe zum Herbst auch durch das Leben im Berlin noch mal intensiviert. Nachdem der Berliner Sommer jedes Jahr mit einer Heftigkeit begangen wird, als könnte es dieses Mal aber wirklich der letzte sein (Schnell noch mal an den See! Aufs Boot! An den Grill! Aufs Open Air! Auf Drogen!), macht sich die im Herbst einkehrende Ruhe hier besonders deutlich bemerkbar. Tourist_innen gibt es dann zum Beispiel immer noch genug, aber anders als die Sommertouris zerschmeissen die Herbsttouris deutlich weniger Bierflaschen, tragen dafür praktische Outdoorjacken und fragen höflich nach dem Weg. Zugegeben ist der Berliner Winter (und nicht nur der) nach hinten raus deutlich zu lang und zu dunkel, aber dafür überbieten sich die Bars und Spätis mit stimmungsvoller Illumination und bunten Lichterketten. Heimelig leuchtende Bröckelputz-Oasen in der zunehmenden Finsternis. In der herbstlichen Dämmerung kommt dann ein ganz anderes Berlin wieder zutage, und beim abendlichen Fahrradfahren nach hause fällt mir auf, wie sehr ich es vermisst habe.

Falls ihr dem Herbst partout nichts abgewinnen könnt: Ihr seid damit gewiss nicht allein. Nicht jede_r hat ein Herz aus bemoostem Naturstein, so wie ich. Vielleicht können wir den dampfenden Kaffee ja an einem (verregneten?) Sommertag zusammen geniessen!

15668094425_88c6a57890_z

(CC BY-ND 2.0)