Das Ende eines Hollywood-Klischees

Foto , CC BY 2.0 , by rubygoes

In den letzten Monaten bin ich beruflich ein paar Mal nach Paris gereist. Dabei habe ich etwas extrem Schockierendes feststellen müssen. Meine Feststellung hat mich mehr überrascht als das Ende der ersten Staffel von „House of Cards“. Sie hat mich unruhiger gemacht als Café au lait mit einem extra Schuß Espresso. Sobald ich in Paris bin, denke ich darüber nach, unfähig, einfach nur in einem Café zu sitzen wie alle anderen.

Ich spreche von der verblüffenden Tatsache, dass die Menschen in Paris nett sind.

Sie sind höflich und „Kann-ich-Ihnen-helfen?“-hilfsbereit. Wenn ich sie auf Englisch anspreche, macht es ihnen nichts aus. Sie verhalten sich, als wollten sie sagen: „Wenn du kein Französisch sprichst – kein Problem! Wie kann ich dir helfen?“

Das kam mir vor ein paar Monaten ziemlich entgegen, als mich ein aufdringlicher Typ an der Bahnstation des Flughafens Roissy verfolgte. Er hatte mich auf dem Bahnsteig angesprochen, kurz nachdem ich ausgestiegen war und den Weg zu meinem Terminal suchte. Ich versuchte, ihn zu ignorieren, obwohl er mir folgte und immer weiter auf mich einredete. Ich war weder interessiert an seinen Komplimenten, noch daran, was er sonst über meine Körperteile zu sagen hatte, aber er folgte mir immer weiter. Ich lief immer schneller und war den Tränen nahe, als ich endlich in zwei Mitarbeiter_innen der französischen Bahn lief. Sie verstanden nicht nur mein unzusammenhängendes englisches Gebrabbel, sie beruhigten mich, begleiteten mich zu meinem Terminal und hielten den Typen hinter mir auf Abstand – alles in einer selbstverständlichen Mischung aus Französisch (zu ihm) und Englisch (zu mir). Das, was ich mir manches Mal in Berlin oder Hamburg wünschen würde, war in Paris Selbstverständlichkeit.

Pariser_innen sind freundlich zu Tourist_innen? Einladend und gastfreundlich? Herzlich und nett?

Hollywood mal wieder

Ich weiß, das muss man erstmal sacken lassen, widerspricht es doch allem, was uns eine der größten Quellen unseres popkulturellen Gedächtnisses – Hollywood – über Pariser_innen oder Französ_innen generell erzählt. Erinnert ihr euch an Michel Gerard aus den „Gilmore Girls“? Er ist genau das, was die Leute erwarten, wenn sie das erste Mal nach Paris kommen: Ein hochnäsiger Hotel-Rezeptionist mit Akzent, der Anrufe ignoriert und seine Hilfe verweigert.


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Michel steht stellvertretend für den „French Jerk“ („Französischer Fiesling“), ein beliebtes Motiv US-amerikanischer Filme und Serien. Der „French Jerk“ ist ein in einer Gruppe von Nicht-Französ_innen auftauchender Franzose, unfreundlich und mitunter hinterlistig. Er lächelt nicht, raucht viel und behandelt jeden von oben herab. Vom James Bond bis zur “Oceans Twelve”– Clique haben viele Hollywood-Held_innen ihre eigenen schlechten Erfahrungen mit dem „French Jerk“ gemacht. Ich mutmaße, dass die Entstehung dieser Figur auf den Erfahrungen von US-Amerikaner_innen beruht, die Paris besuchten und keine Pommes frites mit Leitungswasser zu jeder Mahlzeit bekamen. Der Kern des „French Jerks“ wird von Frank Martin in „Transporter 2“ perfekt zusammengefasst: „Er ist kein Freund. Er ist Franzose.“

Hunterttausende Google Ergebnisse können nicht irren?

Dass Pariser_innen nett sind, widerspricht anscheinend so sehr unserer Intuition, dass die Google-Suche nach „Pariser_innen unfriendly“ 340.000 Treffer liefert.

Es gibt sogar einen Thread bei „Yahoo Answers“, der sich allein dieser Frage widmet, die eine Frau nach einem Besuch in Paris an die Stadt hatte:


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Kurz: Wenn Pariser_innen freundlich sind, ist das ein (willkommener) Widerspruch zu weit verbreiteten stereotypen Vorstellungen der Popkultur. Aber die französische Freundlichkeit widerspricht auch den persönlichen Erfahrungen, die ich machen durfte.

Mein erste Reise nach Paris liegt inzwischen 15 Jahre zurück. Ich war ein Teenie und ich erinnere mich, wie ich versuchte mit dem bisschen Französisch, das ich in der Schule gelernt hatte, Métro-Tickets oder Briefmarken zu kaufen. Meistens endete das damit, dass ich so über die Grammatik und Wörter stolperte, dass ich panisch auf Englisch umschaltete. Was dann auch immer exakt der Moment war, wo die Person, mit der ich redete, mit den Schultern zuckte, einen leeren Gesichtsausdruck bekam und darauf bestand weiterhin auf Französisch zu reden. In den eher positiven Momenten versuchte ich das als Ermutigung und Motivation zu sehen: Ich suchte weiter nach den richtigen Worten, ging in meinem Kopf durch die Konjugation der Verben und versuchte Wörter korrekt auszusprechen, deren Bedeutung ich mehr oder weniger erriet. Wäre ich Optimistin, würde ich es heute als Lernkurve bezeichnen und wären wir in einer US-Serie und nicht in meinem Leben, hätten es inmitten einer dieser schweißtreibenden Stammeleien einen Klick gegeben  – und ich hätte danach perfekt Französisch gesprochen.

Der Klick kam aber nie.

Stattdessen hieß es für mich immer weiter stammeln und immer weiter rot werden. Auf der Klassenfahrt 50 statt wie ursprünglich gewollt nur 5 Briefmarken kaufen (Verflucht seid ihr, französische Zahlen!) oder aus Versehen frittierte Leber bestellen und am liebsten ausspucken wollen – das war das tiefe Tal der Lernkurve, deren Gipfel ich nie erreichen sollte. Als Teenie verdammte ich diese Situationen und ich kam mir definitiv nicht gut genug für diese wunderbare Stadt vor.

Bis heute spreche ich Französisch viel schlechter als Italienisch, obwohl ich beides fast gleich lang in der Schule gelernt habe.

Eine Zeit lang schob ich alles auf meine Französischlehrerin, die trotz ihres französischen Namens weder in der Lage dazu war, mich zum Französisch lernen zu motivieren, noch einfach eine französisch.exe-Datei in meinem Hirn zu installieren – das hätte ich so großartig gefunden.

Ich schob mein Problem auf die Leute, die so schnell sprachen, dass ich meine wenigen Vokabeln kaum verstehen konnte.

Ich schob es auf mich selbst und darauf, dass ich nicht das richtige Verständnis hatte, um diese mysteriöse Sprache lernen zu können.

Das vorläufige Ende meiner französischen Sprachkarriere war die erste Zigarette in meinem Leben, eine „Camel Ice“, die ich zwischen meinen Klassenkamerad_innen auf einem der Pariser Plätze paffte. Das endete so glücklich wie meine Versuche, Französisch zu sprechen. Ich kotzte mitten auf den Platz, direkt unter den missbilligenden Augen der Pariser_innen.

With a little help from my friends

Heute ist das alles anders. Zugegeben, ich übergebe mich nicht mehr so häufig in den Pariser Straßen wie damals als Teenie. Vielleicht hat die Freundlichkeit, die mir mittlerweile entgegen gebracht wird, also etwas damit zu tun, dass ich Mentholzigaretten aufgab. Aber ich glaube auch, dass es mit einer neuen Generation von Pariser_innen zu tun hat, die nicht mehr daran interessiert ist, das Klischee des „French Jerk“ aufrecht zu erhalten. Stattdessen scheinen sie die Offenheit, die sie vielleicht selbst bei Reisen erlebt haben, weitergeben zu wollen. Daran musste ich denken, als meine letzte Hotel-Rezeptionistin nicht mehr aufhörte über Berlin zu reden, als sie hörte, dass ich dort eine Wohnung habe. Wie schön Berlin doch sei und wie – wait for it – freundlich die Menschen dort doch seien. Ich muss nicht erst Berliner Taxifahrer erwähnen, um euch daran zu erinnern, dass „freundlich“ kein Attribut ist, mit denen die meisten die Menschen in Berlin beschreiben würden. Für die meisten Deutschen gelten wir als unfreundlich und leicht vulgär. Ich war also sehr überrascht über ihre Einschätzung.

Aber neben diesen netten Dingen, die die Pariser_innen über Berlin zu sagen haben, ist der Wille sprachlich flexibel zu sein für mich der wichtigste Teil einer Pariser Freundlichkeit – einfach, weil es mir persönlich am meisten hilft. Er hilft mir beim Bestellen in Restaurants, wenn ich nicht weiß, in welche Richtung ich gehen soll und er hilft mir, wenn wiederum ich einem Franzosen helfen will, der vor einer Tür steht und sich nicht sicher ist, ob dahinter auch das Büro ist, das er eigentlich sucht. In der Lage zu sein, zwischen Französisch und Englisch zu wechseln und generell einfach freundlich zu Unbekannten zu sein, ist einfach nur sehr, sehr nett.

Natürlich gibt es auch eine andere Seite.

Meine Perspektive auf die Pariser Freundlichkeit ist die einer Deutschen, die zu Besuch in der Stadt ist, Mittel hat, sich fortzubewegen und keine körperlichen Einschränkungen. Anzunehmen, dass meine Erfahrung universell ist, kann ich mir nicht anmaßen.

Aber selbst, wenn ich bei dem Ausschnitt der Realität bleibe, der mich betrifft, gibt es einen Haken: Könnten die Pariser_innen, die problemlos zwischen Englisch und Französisch wechseln, mich dazu verleiten für immer faul und unwissend zu bleiben und niemals Französisch sprechen und verstehen zu können?

Ihre sprachliche Flexibilität trägt außerdem unzweifelhaft zu einer Welt bei, in der Unterschiede zwischen Städten verschwimmen, weil uns Bequemlichkeit immer wichtiger wird, auch wenn wir reisen. Keine Lust eine Karte zu lesen, die du nicht verstehst? Geh zu McDonald’s und zeige auf eines der Bilder. Oder in meinem Fall: Recherchiere nach Restaurants mit einer englischen Karte, weil du nie wieder aus Versehen frittierte Leber bestellen willst.

Überrasch mich (nicht)

Vor ein paar Tagen war ich in einem Restaurant im Herzen von Paris, wo der Kellner perfektes britisches Englisch sprach, die Mädchen neben mir in amerikanischem Englisch miteinander redeten und mich eine Frau auf Englisch mit einem polnischen Akzent fragte, welches Restaurant ich ihr und ihrem Mann für ein romantisches Abendessen empfehlen würde. Ich begriff, dass diese Situation mit denselben Menschen und denselben Sätzen auch überall anders hätte passieren können: Berlin, Brooklyn, Paris – diese Erfahrung hätte ich an all diesen Orten machen können. Selbst die Einrichtung des Restaurants spiegelte dies wider: eine rustikale Kombination aus dunkelblauen Wänden, Holztüren und zerbrechlicher Glas-Deko. Es war gut, aber irgendwie universell gut: Es gab nichts spezifisch Französisches an dieser Erfahrung. Und das war ein bisschen schade.

Es gibt eine dünne Grenze zwischen dieser erlebten Flexibilität der Sprachen, die herzlich und gastfreundlich wirkt, und dem Gefühl, dass man gar nicht mehr wirklich verreist, weil sich die Städte in den USA und Europa immer ähnlicher werden.

Letztendlich kommt es, glaube ich, auf Folgendes an: Eine Sprache zu lernen braucht Zeit – genauso wie das Selbstvertrauen zu entwickeln, um sie in der Öffentlichkeit zu sprechen. Auch Fehler zu machen braucht Zeit und Geduld – vor allem von den Menschen, mit denen man spricht. Ich will daher nicht, dass diese Freundlichkeit für mich nur zu einem Instrument wird, um mich aus Situationen zu winden, in denen ich eigentlich Französisch sprechen sollte oder Orte zu besuchen, die eigentlich außerhalb meiner gewohnten Umgebung liegen. Trotzdem bin ich dankbar für die Leute, die so viel Geduld mit mir haben. Und genau das sind jene freundliche Pariser_innen.

Zum Schluss noch eine Sache für alle, die sich Sorgen um die Pariser Identität oder den zukünftigen Mangel an Rollen für „French Jerks“ in Hollywood-Produktionen machen: Ich sage nicht, dass es keine unfreundlichen Pariser_innen mehr gibt. Ich habe erst kürzlich eine sehr unangenehme Catcalling-Erfahrung an der Place Vendôme gemacht. Als ich an einer roten Ampel wartete, kamen zwei Franzosen auf mich zu und fragten mich, ob ich nicht daran interessiert wäre mit ihnen auf ihr Hotelzimmer zu kommen. Andererseits: Vielleicht haben die jungen Männer auch einfach nur gedacht, sie wären freundlich. Ah bon.

Dieser Text erschien ursprünglich (von einer sehr guten Übersetzerin übersetzt) auf Französisch auf Slate France.