Ein Plädoyer fürs Sommerloch

Foto , © , by Svenja Gräfen

Wisst ihr noch, früher? Das Sommerloch? Lange Pause in der Politik, lange Ferien in der Schule und in sonstigen Institutionen. Gefühlt waren alle im Urlaub – wenn nicht auf Pauschalreise, dann doch mindestens im heimischen Garten oder Park. Und es passierte: Nichts. Wochenlang. Oder zumindest so wenig, dass man sich in sämtlichen Redaktionen mit Sommerloch-Sensationsmeldungen über Wasser halten musste.

Irgendwo brach ja dann glücklicherweise immer ein Krokodil aus, das man auf spektakuläre Art wieder einzufangen hatte. Oder es tauchten Bären an Orten auf, wo sie eigentlich nicht hingehörten. In zig Dörfern und Kleinstädten gab es immer ausreichend Katzen von Bäumen zu retten. Oder es wurden Tierbabys geboren. Oh, oder ein beliebiges Mitglied einer beliebigen royalen und/oder Celebrity-Familie feierte groß Geburtstag. Irgendetwas musste man ja berichten, irgendetwas musste in der Zeitung stehen – das Lokalblatt in meinem Herkunftsort habe ich aber als in den Sommermonaten besonders dünn in Erinnerung.

Das Sommerloch steht für Leichtigkeit

Diese Erinnerung mag ein bisschen naiv und verklärt klingen – selbstverständlich war auch damals, zu Sommerloch-Zeiten, nicht alles in Butter, ich hatte vieles noch nicht so auf dem Schirm wie heute und vielleicht war ich, wenn die Nachrichten liefen, auch schlicht zu sehr mit Baden oder Eis essen beschäftigt. Es war möglich, allem aus dem Weg zu gehen, was über Sommerloch-Sensationsmeldungen hinausging.

Aber jetzt: passiert ständig etwas, passiert ständig zu viel. Ich habe letzten Monat schon über die Ratlosigkeit geschrieben, die ich in Anbetracht all der Dinge, die gerade so auf dieser Welt geschehen, manchmal empfinde. Und es fällt mir im Vergleich zu den Sommerloch-Zeiten um einiges schwerer, mich davon zu lösen. Es ist beinah unmöglich, den Nachrichten aus dem Weg zu gehen, den Eilmeldungen, den Push-Notifications, den Twitter-Streits, den üblen Facebook-Kommentaren. Klar kann ich diesen Informationsfluss theoretisch selbst regeln: Ich muss nicht dreimal täglich Facebook checken, nicht unterwegs auf Twitter lesen, ich kann die Eilmeldungs-Mitteilungen auch ausschalten. Hier geht’s aber nicht um digitalen Detox. Das Problem ist nämlich mein Wissen um all das – um die Schlagzeilen, die Probleme, die Prozesse, die Strukturen, die Entwicklungen, die Kommentare – selbst, wenn ich nicht online bin. Ich weiß: es gibt kein Sommerloch, genauso wenig wie einen Sommer. Alles fühlt sich vielmehr an wie ein extrem lästiger, langer April, in dem man sich über die Massen an Negativschlagzeilen wundert.


Alles zehrt. Ich habe in den letzten Wochen kaum ein Gespräch geführt, das nicht zumindest in Ansätzen aus Unsicherheit, Krisen, Angst oder Müdigkeit bestand. Vielleicht liegt’s tatsächlich am Wetter? Als wäre irgendetwas Größeres aus dem Gleichgewicht geraten. All das ist nicht zu lösen mit ein bisschen Offline-Zeit, ein bisschen Urlaub, ein bisschen weniger Social Media und dafür mal wieder ein Buch lesen. Da lässt sich so vieles nicht ignorieren, nicht vertagen, nicht wegschieben. Allein die jedoch theoretisch vorhandene Möglichkeit des Wegschiebens aufgrund diverser Privilegien macht mich fertig.

Wir bräuchten alle einen Sommer, wir bräuchten allesamt ein Sommerloch. Eins mit Krokodilen und Bären und Katzen auf Bäumen, deren Rettung man später in der Lokalzeitung nachlesen kann. So ein Sommerloch, in dem die Haut abends nach Sonnenbad riecht und die Luft nach gemähter Wiese, heißem Asphalt und Grillkohle.

Einfach mal einen Moment: durchatmen, entspannen, Eistee trinken, Wassermelone naschen. So etwas sagen wie “Puh, ohne Ventilator ist das ja fast unerträglich!” oder “Mensch, war das Freibad heute wieder voll.” Sich tatsächlich mal wieder was zu erzählen und nicht bloß die Nachrichten zu diskutieren. Die Zeit verstreichen lassen, ohne Eilmeldungen und Benachrichtigungen aufploppen zu sehen.

Das persönliche Sommerloch als rebellischer Akt

Ich weiß, es wird kein Revival des Sommerlochs geben. Es scheitert schon allein an der Abwesenheit von Sommer. Es scheitert am permanenten Nachrichtenstrom, es scheitert am Zustand dieser Welt.

Aber womöglich ist es inmitten von Online-Hass, Terroranschlägen, rassistischer Gewalt und Hetze auch schon ein emanzipatorischer, ein rebellischer Akt, sich kurz mal auszuklinken und zu sagen: Nö, ganz ehrlich, jetzt nicht, give me a fucking break, ich mach mal kurz Sommerloch, zumindest für mich.

Klar schüttelt man die Fähigkeit des Loslassens nicht einfach so aus dem Ärmel, sondern muss sie sich erarbeiten (hier gelten wahrscheinlich die üblichen Tipps: rausgehen, Zeit mit Herzmenschen verbringen, lecker essen, mal wieder einen Abstecher in die Natur wagen, in den Bauch atmen, einfach mal nichts tun, das Handy weglegen, vor allen Dingen: viel, viel Geduld haben).

Aber diese Erarbeitung sollte möglichst alltäglich werden. Loslassen können ist genauso wichtig wie sich einzumischen, zu diskutieren, zu protestieren und permanent zu hinterfragen. Loslassen bedingt sogar, wieder anpacken zu können.

Wir brauchen Pausen, und wir müssen sie uns nehmen. Es steht uns zu, eine beliebige Zeitspanne bloß dazusitzen und an der Sonnenmilch zu schnuppern. Wir müssen Nachrichten nicht sofort beantworten und uns nicht in jede Diskussion einmischen, nicht stets sofort reagieren, nicht alles sofort verarbeiten, wir müssen nicht immer alles wissen.

Aber Sommerlöcher! Sommerlöcher sollten wir kreieren, und wenn sie noch so winzig sind. Selbst wenn sie bloß aus einem putzigen Katzen-GIF bestehen oder aus den Fotos vom letzten Urlaub, aus ein bisschen Red Hot Chili Peppers-Hören, aus Herumsitzen oder -liegen, aus einem Offlinetag oder aus dem Geruch von Grillkohle.

Sie sind nötig, sie sind wichtig, sie sind machtvoll.