Manchmal bleibt bloß Ratlosigkeit

Foto , CC BY-NC 2.0 , by Lens Envy

In Anbetracht der Dinge, die auf dieser Welt so geschehen, ist es nicht unbedingt erstaunlich, ab und zu mal nicht weiter zu wissen. Es fällt dieser Tage genau genommen sehr, sehr leicht, ratlos zu sein und am liebsten den Kopf in den Sand stecken zu wollen.

Als ich die Idee zu diesem Text hatte, war ich wütend. Und Wut kann mitunter ganz schön förderlich sein, wenn man in irgendeiner Form aktivistisch unterwegs ist. Mit wohldosierter Wut im Bauch lassen sich beispielsweise ganz exzellent Texte tippen, Diskussionen führen und Trolle blockieren. Wütend zu sein bedeutet Energie zu haben.

Zwischen der Idee und der Zeit zum Schreiben ist nun aber einiges passiert. Gina-Lisa Lohfink. Stanford. Orlando. Ich stieß auf diese Studie über Rechtsextremismus und Rassismus in Deutschland. Und während für meinen Geschmack eindeutig zu viele schwarz-rot-goldene Fahnen im Wind wehen, dreschen gewaltbereite Hooligans im EM-Land munter aufeinander ein.

Versteht mich nicht falsch: es ist nicht so, als wäre all das vor ein paar Wochen noch kein Thema gewesen. Wir wissen etwa nicht erst seit dem Fall Gina-Lisa, dass das deutsche Sexualstrafrecht in der momentanen Version völlig unzureichend ist. Tödliche Homo- und Transfeindlichkeit gibt es nicht erst seit diesem Monat. Und ein Rassismusproblem haben wir in Deutschland auch nicht erst seit AfD und Pegida. All das ist nicht neu, im Grunde genommen stellt all das nicht einmal eine Verschlechterung der Zustände dar – sondern schlicht einen Zustand.

Der Zustand ist das Problem

Wir leben in einer patriarchalen, hetero- und cissexistischen, rassistischen Gesellschaft. Das. Ist. Ein. Fakt. Das ist der Ist-Zustand, und von dem entfernen wir uns gefühlt bloß alle paar Jahrzehnte und höchstens in Babyschritten in eine bessere Richtung (und meist geht’s kurz darauf wieder in Riesenschritten zurück). Trotzdem – oder gerade deswegen – machen wir weiter, kämpfen wir weiter. Gegen Rassismus, gegen Homo- und Transfeindlichkeit, gegen Misogynie, gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt, gegen Islamhass. Immer in der Hoffnung, dass mehr und mehr Menschen merken: Oh, eindeutig, da stimmt doch etwas nicht in dieser Welt.

 

Eigentlich ist also völlig klar, was zu tun ist. Und trotzdem bin ich manchmal vielmehr ratlos als wütend. Dann frage ich mich – weitermachen, weiterkämpfen, das klingt ja in der Theorie nach der einzig logischen Konsequenz, aber um Himmels Willen: wie?

Wir brauchen neue Strategien

Denn was bringt der tausendste Blogtext, wenn ihn bloß Menschen lesen, die sowieso schon für gewisse Themen sensibilisiert sind? Was bringt der wildeste Austausch unter Gleichgesinnten? Was bringen Verhandlungen mit Personen, die längst derselben Meinung sind wie man selbst? Was bringen Diskussionen, selbst solche mit genügend Reibung, wenn sie in feministischen Filterblasen stecken bleiben?

Was bringen Diskussionen außerhalb solcher Blasen, die zu 98 Prozent aus Häme und Hass bestehen, aus Drohungen und Beleidigungen? Was bringen Argumente, wenn sie bloß für Anteile einer Ideologie gehalten werden?

Neulich habe ich ein Video der letzten »Demo für alle« gesehen, die Rede eines Vertreters der Jungen Alternativen. Ein Politikstudent Mitte zwanzig, der sich fünfeinhalb Minuten voller Inbrunst über den »Gender-Wahn« aufregt. Der seine Sätze wutschnaubend mit »Meine Damen und Herren!« beginnt und mit einer Menge Ausrufezeichen beendet.

Die Grüne Jugend hat sich gegen den Party-Patriotismus im Rahmen der Fußball-Europameisterschaft ausgesprochen. »Es kann kein Sommermärchen geben, wenn brennende Geflüchtetenunterkünfte die abscheuliche, deutsche Realität darstellen«. Die Reaktionen: blanker Hohn, Hass- und Drohnachrichten. Ein riesiger Shitstorm. Dabei ist es doch auch absolut nichts Neues, dass ebenjener Party-Patriotismus nationalistische sowie rassistische Tendenzen nährt.

Das Unternehmen true fruits Smoothies, das im vergangenen Jahr bereits für seine sexistischen und lookistischen Kampagnen in der Kritik stand, setzte vorige Woche auf Rassismus als Werbestrategie. In den Kommentaren zu einem herbe rassistischen Posting auf der Facebookseite wird darauf hingewiesen – und true fruits, ein Unternehmen mit fast 500.000 Facebook-Fans, beleidigt daraufhin eine Kritikerin öffentlich aufs Übelste und das nicht ohne den inflationären Gebrauch ableistischer Sprache. In einem ‘erklärenden’ Statement schrieb true fruits später, man sei sich des Rassismus ja schon bewusst gewesen, aber halt nur im Kopf (häh?), deshalb habe man das einfach ausprobieren wollen – all das, selbstredend, nicht ohne den parallelen Gebrauch rassistischer Ausdrücke.

Von all den Menschen, die Hass-Nachrichten schreiben und sich auf ekelerregendste Art über gegenderte Texte oder über Fußball-Kommentatorinnen aufregen einmal abgesehen.

Es ist doch sowieso schon scheiße!

Wir kämpfen nicht nur gegen den untragbaren Ist-Zustand, der ohnehin schon patriarchal, sexistisch und rassistisch ist. Wir kämpfen auch noch gegen Menschen und Positionen, die sich aktiv für die stetige Reproduktion dieses Zustands starkmachen.

Obwohl doch sowieso schon alles scheiße ist! Es muss nichts mehr aktiv für das Patriarchat oder für rassistische und sexistische Strukturen getan werden; all das ist ja längst vorhanden.

Sehr, sehr vereinfacht befinden wir uns also in einer furchtbar chaotischen Wohnung, die dringend aufgeräumt werden muss. Aber natürlich helfen da nicht alle mit. Einige stehen im Weg herum und ziehen kritisch die Augenbrauen hoch. Aufräumen? Pfft. Haben wir gar nicht nötig. Und als wäre das nicht schon genug, sind da tatsächlich noch ein paar andere, die nicht nur nicht aufräumen, sondern die Lage aktiv und bewusst verschlimmern. Und zwar nicht, weil sie etwa nicht checken, dass da überall Dreck ist – sondern weil sie diesen Dreck sogar ganz großartig finden. Als hätte man nicht schon genug zu tun.

Ideologie versus Menschenverstand

Und diejenigen erreichen wir nicht. Nicht mehr, noch nicht, auf jeden Fall: nicht. Wie auch? Die haben ihre »Lügenpresse«-Argumentation, die sprechen von »Gender-Ideologie« und der »feministischen Weltverschwörung«. Die benutzen das Wort »Gutmensch« als Beleidigung. Und das ist überhaupt das Schlimme: Es gibt ein »Die« und ein »wir«. Es gibt Fronten. Es gibt die Seite des Menschenverstands – und die der Ideologie.

Das gilt für beide Seiten. Ein_e beliebige_r Demonstrant_in der »Demo für alle« wird sich selbst auf der Seite des Menschenverstandes einordnen und etwa mich, zum Beispiel, bei den »Gender-Ideologen«. Deswegen würde er_sie sich nie im Leben von mir überzeugen lassen. Und befände ich mich im Gespräch mit einem_einer Nationalsozialist_in, es wäre ihm_ihr ja ebenso unter keinen Umständen möglich, mich davon zu überzeugen, ab sofort auch Neonazi zu sein. Hätte ich eine Diskussion mit einer homofeindlichen Person, es gäbe keine Argumente, die mich meine Position nochmal gründlich überdenken lassen würden. Völlig klar. Weil? Logik und Verstand.

Für den_die »Demo für alle«-Gänger_in, den_die Nationalsozialist_in und die homofeindliche Person sieht es aber ganz genauso aus. Sie haben für sich bereits alles eingeordnet, sie verstehen ihre Positionen als logisch, als die einzig richtigen, sie würden sich niemals von der Gegenseite, von der »Ideologie« überzeugen lassen.

Share your Ratlosigkeit

Und ich weiß nicht, wie man daran etwas ändern kann. Ich habe keine schlauen Ideen, keine übernatürlichen Debattierfähigkeiten, keine Lösungsvorschläge. Manchmal kann ich aus verschiedenen Gründen nichts sagen, schreiben oder beitragen. Manchmal kann ich mich nicht einmal mehr auf die Kombination aus Wut und Energie verlassen, manchmal bleibt eben tatsächlich bloß Ratlosigkeit.

Das klingt nun alles weder sonderlich optimistisch noch in irgendeiner Form kämpferisch, es macht nichts besser – und es macht erst recht keinen Mut.

Aber mal nicht weiter zu wissen, sich rat- und hoffnungslos zu fühlen, traurig oder mehr als wohldosiert wütend zu sein, das ist erst einmal auch schlicht und ergreifend: Okay.

Es ist okay, nicht immer die perfekte Strategie parat zu haben, nicht jedes Problem lösen zu können und nicht jede Diskussion für sich zu entscheiden. Es ist okay, nicht jede Diskussion führen zu wollen, nicht jeden Tag voller Energie die Nachrichten zu lesen, es ist okay, erschöpft zu sein.

Die Ausgangslage ist ziemlich scheiße (nothing new), dazu passieren ständig noch mehr furchtbare Dinge (nothing new), und all das prasselt permanent auf uns ein (ebenfalls nothing new). Es ist doch völlig logisch, dass wir vieles erst einmal einigermaßen vernünftig verarbeiten und dass wir uns ausreichend Zeit für Self Care nehmen müssen. Es ist völlig logisch, dass wir auch mal sagen: Nö, ich hab keinen Lösungsvorschlag, ich sehe keinen Weg, ich habe weder Energie noch Optimismus zu bieten.

Ich denke, dass es wichtig ist, auch diese Ratlosigkeit, diese negativ empfundenen Erfahrungen zu teilen. Sich auszutauschen über Ängste, überdimensionale Wut, Enttäuschungen, Trauer – das gilt im privaten wie auch im aktivistischen Bereich. Genauso, wie man als Freund_in nicht immer stark sein muss, muss man das als Aktivist_in, als Feminist_in, als Ehrenamtliche_r.  

Das Wichtige ist, dass wir darüber reden. Dass wir miteinander kommunizieren, dass wir uns vernetzen, zusammenfinden, dass wir Banden bilden und empathisch sind. Dass wir aufeinander aufpassen, uns gegenseitig aufbauen und dass wir füreinander einstehen. Nur so können wir gemeinsam wieder wütend und aktiv werden, können wir Kampfgeist und Optimismus wiederfinden, können wir Energie tanken. Indem wir unsere Ratlosigkeit teilen, brechen wir sie auf. Dieses Teilen, dieser Austausch, dieses Miteinander ist von großer Bedeutung, denn so wissen wir: da sind Menschen, denen geht’s wie mir, und genau deswegen lohnt es sich, weiter zu kämpfen.

Und das ist der Unterschied zwischen Ratlosigkeit und Kapitulation. Wir kapitulieren nicht, wir machen weiter. Wir geben nicht auf, wir halten bloß manchmal kurz inne. Und das ist nicht nur okay, sondern vermutlich sogar ziemlich wichtig.

 

  • Susanne

    Liebe Svenja, ich bin Feministin, leidenschaftlich, seit über 40 Jahren (und damals habe ich meinen Mut manchmal noch sehr viel mehr zusammennehmen müssen als heute, um meinen Standpunkt zu vertreten), ich bin glücklich, dass auch heute noch junge Frauen die traurige Realität sehen und wie du kämpfen, vor allem, weil gerade die jungen Mädchen und Frauen in meiner unmittelbaren Umwelt oft nur noch nachsichtiges Unverständnis für mich als Relikt einer grauen Vorzeit aufbringen – aber: Die True-Fruits-Werbung finde ich einfach köstlich und könnte mich regelmäßig kringelig lachen darüber. Ich empfinde diesen Stil in keiner Weise als -istisch, auch nicht, wenn ich in mich hineinhorche und meine ganze Empfindsamkeit aktiviere. Ich habe auch die Links in deinem Text gelesen und kann die Beiträge nicht nachvollziehen. Trotzdem bin ich Feministin und Anti-Rassistin und bleibe das bis zum letzten Atemzug. (Und noch eine Kleinigkeit, die auch für besagte Links gilt: „Sich bewusst werden“ steht mit dem Genitiv, nicht mit dem Dativ. Für Berufsschreiber ist das wichtig, sonst spreche ich solche Dinge nicht an.)

    • Svenja Gräfen

      Danke für den Kommentar. So gehen Meinungen auseinander – an den True Fruits-Kampagnen kann ich nichts ‚Köstliches‘ entdecken. Völlig wurscht, wie’s gemeint ist – es reproduziert -istische Stereotype und so etwas finde ich als Feministin und Antirassistin einfach inakzeptabel.

      • Susanne

        Liebe Svenja,

        danke, dass du geantwortet hast. Ich empfinde meine Ansicht in dieser Sache selbst als unangebracht, mir selbst und meiner Überzeugung gegenüber, und weiß nicht genau, woher sie kommt. Vielleicht ist es ein Ausbruchsversuch aus dem ewigen Kämpfen oder eine Reaktion auf meine Frustration, ich weiß es wirklich nicht, aber ich fand die Sachen irgendwie gelungen. Ich möchte dir nur noch schnell sagen, dass ich im Grunde vollkommen deiner Ansicht bin und froh, dass es auch heute noch kämpferische Feministinnen wie dich gibt – in meinem Umfeld (! Ich möchte nicht verallgemeinern und spreche wirklich nur für mein eigenes kleines Umfeld!) finde ich sie bei den jungen Frauen nämlich so gut wie gar nicht mehr, für sie ist das alles von vorgestern, langweilig und überflüssig – und wenn wir dann reden, bin ich am Schluss oft auch nur noch ratlos und hiflos. Oder manchmal könnte ich auch platzen vor Wut, wenn ich als Fossil belächelt werde, als sei Feminismus heute nicht mehr nötig. Vielleicht haben wir ja, was den Feminismus betrifft, so wenig (für mein Gefühl so wenig) Fortschritte gemacht, weil wir oft nicht konsequent genug waren – du hast also völlig Recht.

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