Scheitern – ein unfreiwilliger Selbstversuch

Foto , CC BY-ND 2.0 , by quietlyurban.com

Als ich Anne mailte, dass ich in meiner kleinerkolumne gerne über das Scheitern und den Umgang mit Rückschlägen berichten möchte, hatte ich ein klares Konzept im Kopf und hätte den Text in wenigen Stunden runterschreiben können. Das war vor zwei Monaten. Der Text ist jetzt schon fünf Tage überfällig, ich habe mein Konzept für Bullshit erklärt und auf Laptop, Handy und Tablet sind drei grundsätzlich verschiedene Versionen eines Textes. Ich schwöre: Mein Konzept bestand nicht darin, an diesem Text zu scheitern, auch wenn es danach aussieht.

Vorneweg: die Binsenweisheiten

Scheitern gehört zum Leben dazu. Sofern man nicht auf einem Regenbogen gen Pott Gold durch das Leben surft, wird man vermutlich das eine oder andere Mal auf die Fresse fliegen – mal mit etwas mehr, mal mit etwas weniger gravierenden Konsequenzen. Mit Unterstützung von Freund*innen und Familienmitgliedern lassen sich einige Rückschläge gut verkraften. Je nachdem, wie resilient eine Person ist, könnte sie beim Umgang mit Misserfolgen eventuell psychotherapeutische Begleitung gut gebrauchen. Generell schadet es nicht, eine*n Ansprechpartner*in zu haben, wenn es mal grad nicht so rund läuft.

Was genau unter „Scheitern“ oder „Rückschlägen“ zu verstehen ist, ist übrigens ziemlich individuell. Laut Duden scheitert man, wenn ein angestrebtes Ziel nicht erreicht wird. Dazu gehören die waghalsigen Ambitionen der Perfektionist*innen ebenso wie eine „mach ich’s heut nicht, mach ich’s morgen“-Einstellung, die aber letztlich nie zur Umsetzung der Pläne führt. Scheitern und Gelingen, Erfolg und Misserfolg sind in vielerlei Hinsicht Wahrnehmungssache und diese ist naturgemäß sehr subjektiv. Allerdings gibt es in vielen Bereichen – insbesondere, wenn es um Bildung, Beruf und alles, was Prestige bringt, geht – einen enormen gesellschaftlichen Druck.

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Just fuck me up

Als Reaktion auf diesen Druck fanden 2012 in Mexiko die ersten FuckUp-Nights statt, die es mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum gibt. Unternehmer*innen erzählen davon, wie sie zunächst gescheitert sind, und machen ihren Kolleg*innen Mut. In Köln beispielsweise treten jedoch nicht nur Speaker*innen aus der Wirtschaft auf, sondern auch aus anderen Bereichen, sodass deutlicher wird, dass ein größeres, gesamtgesellschaftliches Problem angesprochen werden soll: Scheitern ist hierzulande ein Makel, ein persönlicher Fehler. Statt Rückschläge als Chancen wahrzunehmen, werden sie als Charakterschwächen begriffen.

An dieser Stelle müsste eine Grundsatzdiskussion eingeschoben werden. Warum ist die Gesellschaft™ so versessen auf Erfolg und definiert Menschen darüber? Wieso wird Erfolg in bestimmten Parametern („mein Haus, mein Boot, mein Auto“) gemessen? Warum wird Misserfolg mit so wenig Erbarmen begegnet? Weshalb scheint der Wert eines Menschen von seinem Erfolg abzuhängen und sinkt dramatisch, sobald auch nur der Verdacht des Scheiterns im Raum steht? Welche Auswirkungen hat das und wie können wir den Fokus von „Erfolg um jeden Preis“ auf Menschen verschieben? Ja, diese Grundsatzdiskussionen haben einen Hippie-Unterton, aber das muss sein.

Mut zur Verletzlichkeit

Bei meiner Recherche stieß ich auch auf Brené Brown, deren Name mir schon von ihrem sehr sehenswerten TED-Talk zu Verletzlichkeit bekannt war. Brown bezeichnet sich selbst als „Forscherin-Geschichtenerzählerin“: Sie forschte ursprünglich zu Scham und sammelte dafür tausende Geschichten, was sie zu den Phänomenen Verletzlichkeit und „wholehearted living“ führte. Letztes Jahr veröffentlichte sie Rising Strong, in dem sie sich mit Nebeneffekten von Verletzlichkeit beschäftigte: scheitern und nicht aufgeben. Oder in ihren Worten: „Fall. Get up. Try again“.

Ein Ergebnis ihrer Arbeit nimmt sie schon in der Einleitung vorweg. Die Menschen, die Brown ihre Geschichten des Scheiterns erzählt haben, haben eins gemeinsam: „They recognize the power of emotion and are not afraid to lean into the discomfort.“ (“Sie erkennen die Macht von Gefühlen an und haben keine Angst, sich an das Unbehagen anzulehnen.”) Vielleicht ist ja das der Schlüssel zum Glück: Schöner scheitern, wenn man sich klar macht, dass Verletzlichkeit in Ordnung ist und sogar neue Möglichkeiten eröffnet.

Let’s talk about failure, baby

Scheitern ist ein zweischneidiges Schwert. Wir als Gesellschaft sollten uns dringend darüber unterhalten, warum wir weiterhin so viel Wert auf Leistung legen und Fehlschläge einzelnen Personen ankreiden, statt einen konstruktiveren Ansatz zu wählen. Unsere heißgeliebte Teflonpfanne war schließlich auch ein Unfall, der aus den meisten Küchen kaum noch wegzudenken ist. Auf individueller Ebene spiegelt der Umgang mit Rückschlägen oft die gesellschaftliche Haltung zu Scheitern wider. Wichtig ist, dass wir dringend eine Kultur des Scheiterns etablieren sollten, in der Rückschläge kein Tabu sind, sondern ein Gesprächsthema, das nicht mit Scham behaftet ist. Wie das aussehen könnte, zeigte Johannes Haushofer: Er veröffentlichte einen „CV of Failures“, um zu zeigen, dass missglückte Unterfangen oftmals unsichtbar bleiben, wodurch der Eindruck entsteht, das Gegenüber sei perfekt. Bei einem*einer selbst kann das zu einem Gefühl von Isolation und Unzulänglichkeit führen.

Ach ja: Mein Konzept war eigentlich, zu erzählen, dass Scheitern zum Leben dazugehört und man den Lerneffekt, der im Idealfall irgendwie enthalten ist, als Erfolg verbuchen sollte. Ich wollte motivieren. Zwei Monate, eine Sinnkrise, vier verpasste Deadlines, unzählige schlaflose Nächte, endlos viel Stress und einen kaputten Router später weiß ich: Bullshit. Scheitern ist Scheitern und das kann man auch uncool finden, ohne es krampfhaft ins Positive drehen zu wollen.

  • UH

    So sehr ich mit Deiner Botschaft übereinstimme, die Du im letzten Satz auf den Punkt bringst, glaube ich trotzdem, dass wir in unserer Kultur eine höhere Toleranz gegenüber dem Scheitern brauchen.
    Und noch ein Hinweis sei erlaubt: „to lean into something“ heißt nicht, sich daran anlehnen, sondern sich dagegen stemmen. Die Botschaft ist also eine andere!

  • Pinguinlöwe

    Wenn die Angst vor dem Scheitern zu groß wird, ist es zu leicht einfach aufzugeben, schließlich lässt sich so jede Schmach verhindern. Eine Kultur in der das Scheitern ok ist und ebenso das Zugeben von Fehlern halte ich für erstrebenswert.

    Denn ob wir das nun wollen oder nicht: Menschen scheitern überall; im Alltag, im Sport, in der Politik, in Beziehungen und sogar beim Laufen lernen. Das ist sehr natürlich.

    Eine Gesellschaft in der alle nur wie die Geier darauf warten, das jemand strauchelt schafft ein Klima voller Angst und zerstörter Träume.

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