Aus Nacht gemacht

, by © Capcom 1990

Ich glaube, ich habe noch nie ein so großes und so schweres Buch bekommen. Als die Ausgabe von „Little Nemo in Slumberland“, die mir der Taschen-Verlag großzügigerweise zur Verfügung stellte, ankam, freute ich mich wie ein Kind. Das über 700-Seiten schwere Buch enthält alle Episoden des von 1905-1913 sowie 1925-1927 erschienenen amerikanischen Comics in Farbe und Originalformat und kam in einem eigenen faltbaren Papp-Koffer, ohne den diese Ausgabe tatsächlich so gut wie unmöglich zu transportieren wäre. Es sollte eigentlich ein recht einfaches Unterfangen werden: eine Rezension über diesen Comic schreiben. Ich hatte allerdings meine Rechnung ohne meine Depression gemacht, der es gar nicht gefällt, wenn ich sie nicht in alle meine Entscheidungsprozesse miteinbeziehe.

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Gewissenhaft und perfektionistisch wie ich bin, stellte ich mir einen Leseplan zusammen. Zuerst lese ich die bei der Ausgabe mitgelieferte Monographie über den Comiczeichner und Illustrator Winsor McCay, um über den geschichtlichen und biographischen Kontext von „Little Nemo“ Bescheid zu wissen; danach lese ich soundsoviele Seiten „Little Nemo“ pro Tag, um dann den Artikel bis zu Tag X fertig zu haben, hübsch mit Bildern und vielen GIFs ausgestattet. Der Bleistift wurde angespitzt, der Kaffee aufgesetzt, das Buch aufgeschlagen. Ich kam 30 Seiten weit.

Es hilft mir, wenn ich von meiner chronischen Depression spreche, von „der Depression“ zu reden, sie zu personifizieren. Die Depression ist ein Dings, das immer da ist und das nur ich sehen kann. Wir sind oft allein. Sie als solche anzusprechen macht es mir einfacher mit ihr umzugehen, auch und vor allem, wenn ich anderen Menschen meine Erfahrungen mitzuteilen versuche. Wir haben uns in den letzten Jahren miteinander arrangiert, wir wissen, welche Macken die andere hat. Zumindest will ich das glauben – aber die Depression hat viele Geheimnisse vor dir.

Little Nemo The Dream Master

Ich blättere im Buch und das riesige Format fängt an mich zu nerven: Es gibt einfach keine bequeme Leseposition – vor allem nicht im Bett, wo ich eigentlich am liebsten und am meisten lese. Stell dich nicht so an, denke ich mir, dafür bekommst du eine außergewöhnlich liebevoll gestaltete und sorgfältig editierte Ausgabe. Aber die schiere Größe des Buches zwingt mich zu einem gewissen Abstand von der Seite, also muss ich mich über die Seiten beugen, um die Details und den Text der Panels sehen zu können, die Winsor McCay nicht nur mit Sprechblasen, sondern zu Beginn auch mit Bildbeschreibungen versehen hatte. Schnell wird es unmöglich den Rassismus und Sexismus zu ignorieren, die unübersehbar in den Darstellungen des Strips stecken. Ich fange an immer schneller umzublättern, den Text nur noch zu überfliegen, um mich stattdessen auf die Illustrationen und Farben zu konzentrieren. Aber es hilft nicht.

Ich zögere die Veröffentlichung des Artikels immer wieder hinaus und nehme ihn irgendwann ganz aus unserem kleinerdrei-Redaktionsplan, nachdem ich ihn immer wieder um Wochen verschoben hatte. Ich konnte auch noch nicht einmal mehr Gründe dafür liefern, nur immer wieder wiederholen: Es geht nicht, der Artikel ist noch nicht fertig. Als würde er irgendwann einfach vom Himmel fallen. Stell dich nicht so an, denke ich, es ist nur ein Text, wie viele Texte hast du bisher schon geschrieben, dieser hier ist doch gar nicht so anders. Ich gucke auf die Ausgabe von „Little Nemo“, die wie ein Klotz in meinem kleinen Zimmer liegt und noch keinen eindeutigen Ort im Raum zugewiesen bekommen hat, und frage mich, ob er wohl in irgendeines meiner Regale passen wird. Aber darüber kann ich mir auch Gedanken machen, wenn der Artikel fertig ist und ich den Klotz nicht mehr brauche, denke ich, und gucke dem blinkendem Cursor im geöffneten Dokument dabei zu, wie er sich nicht bewegt.

Die längste Zeit meines Lebens wusste ich überhaupt nicht, dass „Little Nemo“ eigentlich mal ein Comic-Strip war, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in verschiedenen New Yorker Tageszeitungen erschien. Jede Folge ist gleich aufgebaut: Jeden Abend, wenn Nemo schläft, erlebt er surreale Traumabenteuer in Slumberland oder auf dem Weg dorthin. Oft kippen die von Winsor McCay sehr detailliert ausgearbeiteten und komplex illustrierten Episoden irgendwann ins Alptraumhafte. Das ist dann meist der Augenblick, in dem Nemo aufwacht und nach seinen Eltern schreit.

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Ich kannte Nemo jedoch durch das 1990 von Capcom entwickelte und auf dem NES erschienene Videospiel „Little Nemo – The Dream Master“: ein Jump’n’Run, dessen 8-bit-Pixel ihre ganz eigene surreale Ästhetik schufen – anders, aber doch analog zu McCoys Comic. Die immer gleich strukturierten Episoden wurden beibehalten, jedoch entspricht ein Traum jetzt einem Level. In diesen muss Nemo eine bestimmte Anzahl an versteckten Schlüssel finden, um zum nächsten Level zu gelangen. Bewaffnet ist Nemo nicht, er kann Gegner lediglich mit Bonbons bewerfen: kleinere werden dadurch betäubt, größere schlafen nach mehreren Bonbons ein und Nemo kann in ihre Körper schlüpfen, wodurch er sich ihre jeweiligen Fähigkeiten und ihre Stärken zunutze machen kann. Lediglich im letzten Alptraum-Level hat er einen magischen Stab zur Verfügung, mit dem er Geschosse abfeuern kann.


Trotz seiner auf den ersten Blick kindlich wirkenden Gestaltung ist „Little Nemo – The Dream Master“ bis heute einer der schwierigsten Platformer, die ich je gespielt habe. Es gab keine Speicherfunktion und ohne Hilfe bin ich nie weiter als bis zum dritten Level gekommen, überhaupt hatten meine Brüder und ich es nur ein einziges Mal bis ins letzte Level geschafft. Zum ersten Mal allein und komplett durchspielen konnte ich es erst auf meinem Emulator – und das nur, weil ich mich damit durch einen Cheat unverwundbar machen konnte. Wie wundervoll, dass es mittlerweile das Internet gibt!

Ich habe Nemo oft darum beneidet wie er jede Nacht auf sein Bett zulief, hinein sprang und sofort einschlief, um eine neue Nacht erkunden zu können. Stattdessen atomisiert meine Depression regelmäßig jeden mühsam antrainierten Schlafrhythmus und setzt ihn falschrum wieder zusammen. Schlafstörungen begleiten mich schon ein Leben lang, trotzdem ist mein Bett wie für viele Depressive ein sehr spezieller Ort und oft das letzte sichere Boot, auch wenn die Depression immer wieder an den Bettpfosten nagt.

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Ständig fällt mir auf, wie sehr wir beim Sprechen über Depression auf Metaphern, Symbole und sprachliche Bilder angewiesen sind: Es ist wie hinter einer Wand aus Milchglas oder trübem, sehr dickem Eis zu sein und das Leben und die Welt nur betrachten, aber nicht wirklich an ihr teilhaben zu können, sagen viele. Oder wie in Gelee oder Watte gefangen zu sein. Welchen Aggregatzustand Depressive wohl bevorzugen, wenn sie damit ihre Depression beschreiben müssen?

Meine Depression fühlt sich hingegen an wie ein Abgrund, der zwischen mir und meinen Mitmenschen verläuft: Meist ist er nur sehr schmal und man kann ihn mit einem Schritt überwinden, aber er ist sehr, sehr tief und immer da. Und wehe, sollte ich das vergessen oder auch nur einmal stolpern! Manchmal ist sie aber auch wie ein großer, schwarzer Ozean, auf dem ich dann mit meinem Bett wieder ans Ufer finden muss. Meist fühlt sie sich aber einfach nur an wie ein großer, schwerer Klotz, der auf mir liegt, obwohl er dort eigentlich gar nicht hingehört, und ich wünsche mir, dass wie bei Nemo ein Luftschiff an meinem Fenster erscheint, mich mitnimmt, und den Klotz zurücklässt.

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Nach Monaten des Verdrängens und Zögerns mache ich einen neuen Anlauf und will endlich diesen Artikel schreiben. Stell dich doch nicht so an, denke ich, du weißt doch eigentlich schon ganz genau, was du schreiben willst, du musst es einfach nur noch aufschreiben! Und dann öffne ich das bis auf die Überschrift leere Dokument und wie in so vielen Nächten zuvor blinkt der Cursor erbarmungslos, aber Worte kommen aus ihm nicht. Blink, blink, blink. Vielleicht ist es auch einfach nur eine gute, alte Schreibblockade? Hatte ich aber eigentlich noch nie und so habe ich mal wieder den Verdacht, dass die Depression mal wieder hinter allem steckt. Viele denken, dass es irgendwie beim Schreiben hilft, depressiv zu sein. Die Wahrheit ist: Wenn ich depressiv bin, ist an Schreiben nicht zu denken. Die Depression saugt den Worten ihre Bedeutung ab, die Sprache implodiert zu ihrem semantischen Nullpunkt. Zurück bleiben leere Schalen, die wie Wörter aussehen, aber nichts tragen können; dunkle Materie, Hintergrundrauschen, fein geschichtete Nacht. Statt zu schreiben, suche ich nach pixeligen GIFs und twittere sie – ihre perfekten kleinen Endlosschleifen beruhigen mich, wenn ich sie in meiner Timeline sehe.

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Ich müsste diesen Text ja gar nicht schreiben, aber ich will es unbedingt. Vielleicht muss ich die Depression mit magischen Bonbons bewerfen, bis ich in sie schlüpfen und sie kontrollieren kann. Oder vielleicht muss ich nur ein bisschen tricksen: der Depression schmeicheln, sie nun auch offiziell zum Thema des Textes machen, den sie seit Monaten erfolgreich verhindert. Statt der Rezension könnte ich einen Artikel über das wie und warum des Nichtzustandekommens eines Artikels schreiben. Es scheint mir immer mehr passend, dass mir das alles mit einem Artikel über „Little Nemo“ passiert; schließlich sind Nemo, die Depression und ich alle aus Nacht gemacht. Schwarz und klebrig hält sie uns zusammen, ob uns das passt oder nicht. Ich begreife: Wenn die Depression dich im Griff hat, kannst du sie vielleicht nicht durch das Schreiben loswerden – aber du kannst schreiben, damit sie dich später nicht mehr so leicht schnappt.

Ja, der Text sei morgen fertig, versichere ich. Schreib doch einfach, was du willst, denke ich, während ich warte, dass es Abend wird. Heute ist die kürzeste Nacht des Jahres, wäre es da nicht fast ironisch, wenn ich diesen Text ausgerechnet heute fertig kriege? Denke ich, öffne das Dokument, und fange an zu schreiben.

  • Jen

    „Die Depression saugt den Worten ihre Bedeutung ab, die Sprache implodiert zu ihrem semantischen Nullpunkt. Zurück bleiben leere Schalen, die wie Wörter aussehen, aber nichts tragen können; dunkle Materie, Hintergrundrauschen, fein geschichtete Nacht. “

    Das spricht mir aus der Seele. Vielen Dank für diesen Text! <3

  • someone

    Ja. <3